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Lernen mit Lernleitern

Lernen im Ungleichschritt

Schüler, die aus eigenem Antrieb lernen? In einer Klasse mit ganz unterschiedlichem Lernniveau? Ein Traum für die meisten Lehrer. Doch die Methode mit dem komplizierten Namen MultiGradeMultiLevel-Methodology schafft genau das: jeden Schüler auf seinem eigenen Level selbstständig lernen zu lassen.

Lernen mit Lernleitern: Lernen im Ungleichschritt Kinder in einem Klassenzimmer in Indien, die mithilfe von Lernleitern ihren Lernprozess selbst gestalten © Thomas Mueller

Vor über 30 Jahren begann das Rishi Valley Institute for Educational Resources (RIVER) mit dem Aufbau von Schulen, die in den sehr armen Dörfern rund um Rishi Valley im Süden Indiens liegen. Dort kamen Kinder unterschiedlichen Alters und kultureller Herkunft zusammen, die von wenigen Lehrern unterrichtet werden sollten. Wie konnten sie dennoch einen gut strukturierten Lernweg beschreiten? 

Ausgangspunkt der Entwicklung waren Fragen, die auch in Deutschland aktuell sind: Wie kann man zum einen der großen Altersmischung und zum anderen der Leistungsheterogenität der Kinder in einer Schule oder Klasse gerecht werden? Für das indische Land galt Mitte der 80er-Jahre, dass sich meist weder die Kinder, noch die oft nicht alphabetisierte Elternschaft, noch die Lehrer mit Schule identifizierten. Schulen waren in vielen Dörfern nicht vorhanden oder der Unterricht fand nur unregelmäßig statt. Oft auch unter Erzeugung von Angst. Die familiären, religiösen und landwirtschaftlichen Verpflichtungen der Kinder und die angstbesetzte schulische Situation führten dazu, dass viele Kinder keine Schule besuchten oder nach kurzer Zeit abbrachen. 

Aktivitätskarten ersetzen die Schulbücher

Diese Situation brachte RIVER dazu, sich auf der Grundlage bildungsphilosophischer Gedanken Krishnamurtis mit Unterricht zu befassen. In diesen Überlegungen geht es auch darum, dass Schulen nicht auf Konkurrenz und Vergleich angelegt zu sein brauchen. Sie können stattdessen die Einzigartigkeit ihrer Schüler im Klassenverband fördern, um angstfreies Lernen und Leben zu ermöglichen. 

Zunächst entstand unter dem Namen „School in a Box“ eine von Dorf zu Dorf tragbare Tasche mit einem flexibel einsetzbaren Lernset. Aktivitätskarten für individualisiertes Arbeiten ersetzten die Schulbücher, die keinen Zusammenhang zur Lebenssituation der Kinder aufwiesen. Ausgehend davon baute RIVER 16 Schulen auf und entwickelte die MGML-Methodology (Rishi Valley Education Centre: A Multigrade Trainer’s Resource Pack. Background Document I und Document II. Rishi Valley 2003).

Inzwischen gehört RIVER zu den innovativsten internationalen Impulsgebern für die Entwicklung individualisierter Schulen, in denen angstfrei und zugleich erfolgreich gelernt wird. Die Ausstrahlung der MGML-Methodology in zahlreiche Bundesstaaten Indiens erreicht nach dem letzten UNICEF-Bericht derzeit etwa 250.000 Grundschulen und ungefähr zehn Millionen Kinder (Girg, Ralf / Lichtinger, Ulrike / Müller, Thomas: Lernen mit Lernleitern. Unterrichten mit der MultiGradeMultiLevel-Methodology. Immenhausen bei Kassel 2012. Hof, Christiane: Lebenslanges Lernen. Stuttgart 2009, 24). 

Jedes Kind bestimmt seine eigene Lerngeschwindigkeit

Die MGML-Methodology unterwirft die Schüler keinen Gleichheitsanforderungen, sondern bemüht sich, ein individuelles wie gemeinsames Lernen aller Kinder, unabhängig von Alter, Leistungsfähigkeit, Motivation und Begabung zu realisieren. Sie ermöglicht Lehrkräften ein flexibles Begleiten und Fördern und stellt zudem eine gelungene Möglichkeit dar, die Umsetzung einer inklusiven Schule zu realisieren (Unesco: Guidelines for Inclusion: Ensuring Access to Education for All. 2005). Sie ermöglicht das Lernen auf allen Leistungsstufen in Eigengeschwindigkeit und nutzt zugleich die Sozialität des Klassenverbandes. Die Kinder selbst leiten ihre Lernprozesse mithilfe der in der Methode enthaltenen Lernleitern und erfahren dadurch Struktur. 

Lernleitern sind grafische Strukturinstrumente für Lernprozesse in fachspezifischen offenen Arbeitsphasen. Der Stoff eines Jahres wird fachweise auf Einzelaktivitäten heruntergebrochen und diese wie in einem großen Spielplan dargestellt. Daraus entsteht die Möglichkeit, dass jedes Kind in seiner eigenen Lerngeschwindigkeit den Stoff in Form von Einzelaktivitäten bearbeitet. Die Lernleitern werden je nach Kind und Lerngeschwindigkeit unterschiedlich durchschritten, womit Schüler die „Klasse“ fachweise wechseln — zu genau jenem Zeitpunkt, an dem sie den Lernstoff der jeweiligen Klasse erfüllt haben. 

Lernleitern ermöglichen strukturierten Fortschritt

Der Klassenwechsel erfolgt demnach nicht pauschal und in allen Fächern gleich und auch nicht gebunden an das Kalenderjahr. Die Tages- und Wochenstrukturen finden in rhythmisierten Lernzeiten in Fachblöcken von je zwei Stunden statt. Jede Aufgabe ist auf einer Aktivitätskarte abgebildet und zur Systematisierung durch ein Symbol und eine Nummerierung gekennzeichnet. Somit bieten die Aktivitätskarten den Inhalt an, geben strukturierte Hinweise zur Bearbeitung und sind gleichzeitig Teil systematisierter Lernsequenzen, die per Lernleiter in eine zeitliche und zugleich didaktische Reihenfolge gebracht werden. Alle Aktivitäten bilden auf der Basis gültiger Lehrpläne einen systematisierten Pool an Lernmaterial. 

Die Lehrkräfte werden so von ihrer oft stark prozesssteuernden, „lehrenden“ Aufgabe im herkömmlichen frontalen Unterricht weitestgehend befreit. Durch sogenannte Milestones in Lernsequenzen gegliedert, führen die Lernleitern durch den Materialpool. Milestones sind kleinschrittige Sequenzen innerhalb der Lernleitern. Sie weisen eine didaktische Systematik auf, die als fünfstufige Lernfortschrittsentwicklung konzipiert ist: Aktivitäten zur Einführung, zur Übung und Erprobung, zur Evaluation sowie zur Förderung und Ausweitung. 

Milestones sichern den Lernerfolg

Die Milestones führen  auf diese Weise zu einer qualitativen Absicherung der offenen und gleichzeitig stark strukturierten Lernprozesse. Durch diese Vorgehensweise werden Lernlücken weitgehend verhindert. Ausgehend von Operationen in Mathematik, von lebensorientierten Geschichten und Situationen in „Sprache“ sowie sogenannten „field studies“ im Sachunterricht sind die Milestones nach fachdidaktischen Aspekten konzipiert. 

Grundsätzlich wird ein Milestone von einem Kind erst nach vollständigem Aufbau des Verstehensprozesses abgeschlossen. Dass einzelne Schüler hinter das vermeintlich homogene Lerntempo bzw. den Wissensstand einer Regelschulklasse zurückfallen, wird damit ausgeschlossen. Der Lernerfolg zeigt sich für die Kinder offensichtlich im Voranschreiten auf der Lernleiter, womit sie sich als selbstwirksam erleben. 

Lernen im Ungleichschritt

Die Lehrkräfte dokumentieren den Kenntnisstand und die Lernentwicklung der Kinder, woraus Dynamiken, Sprünge oder Verlangsamungen ablesbar werden. Zudem können sich die Schüler durch die selbst geführte Dokumentation in ihrem Fortschritt wahrnehmen. Auch die Eltern erhalten so aus beiden Perspektiven ein realistisches Bild über die Entwicklung ihres Kindes. Das individuelle und gemeinsame Lernen mit Partnern, Gruppen oder in der Gemeinschaft aller Schüler ist dabei in situations- und inhaltsspezifischen Variationen so in der Lernleiter angelegt, dass die Schüler sich gegenseitig unterstützen, aber auch notwendige Hilfe durch die Lehrkraft erhalten. In den Schulen von RIVER werden vier Gruppierungen gebildet: 

  1. von Lehrern geleitete Gruppe, vor allem bei Einführungen in Themen 
  2. teilweise lehrergeleitet, auch Übungsbegleitung 
  3. durch Helfer in der Gruppe geleitet 
  4. völlig selbstständig arbeitend, nur das Material und das Kind leiten den Prozess 

Alle Gruppen sind altersübergreifend konzipiert. Ihre Zusammensetzung wechselt mit den Aktivitäten, die über die Symbole der Materialien angezeigt werden. In den Gruppierungen ergeben sich durch die Alters- und Kompetenzunterschiede Helfersysteme, die die fachspezifischen Arbeitsphasen zusätzlich stärken. Das Zeitmaß für die Methode ist die individuelle Lernzeit, die jedes Kind benötigt. Die Güte einer Schule, die nach der MGML-Methodology arbeitet, besteht darin, dass das Lernen nicht im Gleichschritt, sondern im Ungleichschritt stattfinden kann.

Lernen und Leben — mit Freude zum Erfolg

Wie müssen Lernmaterialien aussehen, damit Kinder mit ihnen lernen wollen? Die Antwort darauf folgt der Überzeugung, dass Lernen immer eigenverantwortlich stattfindet und deshalb von der lernenden Person abhängig ist. „The Child is in the Driver’s Seat“, so RIVER, soll umfassende Gültigkeit für das Lernen in der Schule haben. Für ihre Lernaktivitäten sind RIVER vier Güteanforderungen wichtig:

  • Small. Klein bedeutet, dass den Kindern Materialien angeboten werden, die sie in zeitlich überschaubare eigenaktive Prozesse entlassen. Sie entwickeln dabei das Gefühl, dass sie die Aufgabe im Blick haben und in der Lage sind, sie in einem akzeptablen Zeitraum lösen zu können. 
  • Manageable. Kleine Aufgaben sind in der Regel machbare Aufgaben, wobei hier ein weiterer Aspekte zum Tragen kommt: Es geht darum, dass die Kinder an Aufgaben arbeiten, die sie — je nach Vorgabe — allein oder mit einem Partner oder der Lehrkraft lösen können. Daher ist die Aufgabenstellung so formuliert, dass den Schülern klar ist, was sie tun müssen, ohne sie mit Komplexität zu überfordern. Durch die vielen kleinen, bewältigbaren Aufgaben kann sich in den Kindern das Gefühl festigen, das Leben in  überschaubaren Einheiten, Schritt für Schritt bewältigen zu können (vgl. Girg / Lichtinger / Müller 2012, 46). 
  • Joyful. Geradezu radikal wirkt auch die Forderung, dass das Lernen freudvoll sein soll. Dies widerspricht dem über die Jahrhunderte hinweg in Europa tradierten Paradigma, dass Lernen Anstrengung bedeutet, mühsam ist und deshalb kaum Freude machen kann oder darf. Lernt ein Kind mit Freude, so die Neurowissenschaften (Kaltwasser, Vera: Persönlichkeit und Präsenz. Über die Achtsamkeit im Lehrerberuf. Weinheim, Basel 2010, 30), entwickelt es dabei eine positive emotionale Erinnerung, die sich sowohl auf das Wissen als auch auf die Lerngelegenheit und den Lernvorgang als solchen auswirken kann. 
  • Meaningful. Steht die Lernaktivität im unmittelbaren Lebenszusammenhang des Kindes, kann sie zur Sinnstiftung beitragen. Idealerweise kommen die Lerninhalte deshalb aus dem direkten Umfeld des Kindes und orientieren sich an seinen Interessen sowie regionalen Kontexten. Je stärker Schülern die Erfahrung gewährt wird, dass sie im schulischen Lernen ihr Leben selbst gestalten, desto intensiver werden sie im Prozess bleiben und von einer Lernerfahrung zur nächsten gehen. 

Das bis heute sehr lebendige Beispiel der MGML-Methodology aus Indien enthält zahlreiche Anregungen auf verschiedenen Ebenen, um eine gute Schule zu schaffen und täglich neu mit allen Beteiligten zu gestalten. Dort, wo strukturierende Rahmungen in die Freiheit führen und Achtsamkeit die Begegnung mit Kindern und Erwachsenen leitet, verändern sich Lernatmosphären und Lernen, wird Schule gut.

Thomas Müller

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