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Die Leseambulanz — so lernen LRS-Schüler leichter lesen

Wenn Schülern das Lesenlernen schwer fällt, kann die Marburger Leseambulanz mit verschiedenen Methoden und Bausteinen helfen. Durch die Silbenmethode, Lautgebärden und Silbenschwingen unterstützt sie den Prozess des Lesenlernens.

LRS: Die Leseambulanz — so lernen LRS-Schüler leichter lesen Schritt für Schritt werden die Kinder ans Lesen herangeführt. Gemeinsames Lesen hilft dabei © Robert Kneschke - Fotolia.com

„Können wir heute wieder Geheimsprache sprechen?“, fragt Kevin seine Deutschlehrerin. Er hat bereits die Lautgebärden zu den Buchstaben m, r, s und den Vokalen verinnerlicht und kann mithilfe der Lautgebärdensprache Silben zusammenhängend lesen und schreiben. Das war nicht immer so. Früher hat Kevin die Texte in der Fibel lieber schnell auswendig gelernt statt sie tatsächlich zu lesen. Bis seiner Lehrerin in der 2. Klasse auffiel, dass er nicht nur unzureichend lesen, sondern dadurch auch nur mangelhaft schreiben konnte. Mit der Marburger Leseambulanz lernt er nun, Silben zu schwingen und zu schreiten. Das macht ihm Spaß.

Die verschiedenen Unterrichtsbausteine der Leseambulanz sollen Schülern auch helfen, die Lust am Lesenlernen wieder zu entdecken, denn oftmals haben die Schüler ihre anfängliche Motivation zum Lesen und Schreiben schon verloren und geeignete Förderung im Unterricht ist schwierig.

Wie die Marburger Leseambulanz arbeitet

Die Marburger Leseambulanz ist ursprünglich als Zusatzförderung zum Deutschunterricht in Kleingruppen gedacht. Nach einer Diagnostik der Klasse zu Anfang des 2. Schuljahres werden die leseschwachen Schüler in einer Kleingruppe von fünf bis sechs Kindern in fünf Wochenstunden mit speziellem Material der Leseambulanz gefördert. Elternmitarbeit ist hier nicht nur erwünscht, sondern nach Anleitung an einem Elternabend auch gefordert. Die Lehrkräfte werden zu Inhalt und Material ausgebildet, danach findet der Kurs jeweils über 15 Wochen statt. Die Erfolge sind deutlich sichtbar.

Da diese speziellen Bedingungen in den wenigsten Schulen über einen längeren Zeitraum geschaffen werden können, ist es sinnvoll, die positiven Erfahrungen und Methoden dieser Ambulanz schon in den Leseunterricht ab Klasse 1 einzubinden.

Schritt für Schritt lesen lernen

Grundlage ist das Material des Kieler Leseaufbaus, der in 14 Stufen vom Leichten zum Schweren führt. Die Buchstabenformen sind hier begrenzt, sie werden in Druckschrift in große Linien geschrieben. Lange und kurze Vokale werden sukzessiv eingeführt, ebenso wie die Dehnbarkeit der Konsonanten. Schüler mit Leseproblemen erlesen Wörter buchstabenweise oder durch Wortbilderkennung, für LRS-Kinder ist keine Segmentierung und Wortuntergliederung möglich. Daher arbeitet der Kieler-Leseaufbau oberhalb der Buchstabenebene und unterhalb der Wortebene mit Sprechsilben und zunächst lautgetreuen Wörtern. Erfahrungsgemäß schreiben und lesen Schüler 60—70 Prozent der Wörter mithilfe der Sprechsilbe richtig.

Wie Lehrer LRS-Schüler erkennen können

Um Schüler mit Lese- und Schreibproblemen frühzeitig zu erkennen, wird die diagnostische Bilderliste eingesetzt. Hier sollen Schüler zu Bildern das Wort aufschreiben. Anhand der Fehlertypen lässt sich der Förderbedarf ermitteln. Gewertet werden sowohl die Gesamtzahl an Fehlern als auch die verschiedenen Fehlertypen. Schüler, die bereits Anfang Klasse 2 lautgetreu schreiben und lesen und nur orthographisch nicht korrekte Schreibungen aufweisen, haben eine gute Basis im Lesen erworben. Zudem gibt es die Fehler in der Wahrnehmungstrennschärfe, das heißt, die Verwechslung von ähnlichen Lauten und Buchstaben wie b/d, d/t, p/k oder auch o/u, ü/ie etc. Diese Fehlerquelle ist in der Regel auch gut zu beheben, ggf. durch einen Hörtest.

Am gravierendsten ist die Skelettschreibweise, wenn Schüler Wörter nicht richtig durchgliedern und beispielsweise für Hase nur HS schreiben. Beim Fehlertyp Wahrnehmungsdurchgliederung kommt es auf das Ausmaß an fehlenden Buchstaben oder zuviel geschriebenen Buchstaben an und ob das Wort noch lesbar ist. Anhand dieser einfachen Diagnostik lässt sich in der Regel bereits zielsicher der Leistungsstand im Leseprozess festmachen und Fördermaßnahmen passgenau ansetzen.

Die Leseambulanz beginnt mit Lautgebärden

Alle Bausteine der Leseambulanz sind neben der Einzelförderung Deutsch auch in den Erstleseunterricht im 1. Schuljahr einzubinden und daher flexibel zu handhaben.

Hier gibt es zunächst die Lautgebärden, die sich in der sonderpädagogischen Leseförderung schon lange bewährt haben und konsequentes Unterrichtsprinzip sind. Jeder Buchstabe wird mit einer Bewegung eines Handzeichens verknüpft. Beim „M“ beispielsweise werden die drei mittleren Finger der Hand an den Mund gelegt, während der Laut gesprochen wird, beim „A“ werden gespreizter Daumen und Zeigefinger an den Mund gelegt, während der Laut gesprochen wird. Das Handzeichen unterstützt entweder die Mundstellung oder den Laut und hilft den Schülern bei der Speicherung und Zuordnung von Laut und Buchstaben durch die Bewegung. Um die Lautgebärden mit der Sprechsilbe zu vereinbaren, werden im nächsten Schritt die Buchstaben einer Silbe zusammenhängend gebärdet, bevor eine Pause folgt. Viele Schüler verinnerlichen so besser das Zusammenschleifen von Buchstaben im Leseprozess.

Der Silbenteppich verknüpft Buchstaben

Der Silbenteppich, eine Tabelle mit Konsonanten in der linken Spalte und Vokalen in der oberen Reihe, die im Inneren der Tabelle zu Silben verknüpft werden (zum Beispiel: links m, oben a, e, i, o, u wird zu ma, me, mi, mo, mu) dient u. a. der Verbesserung des Lautgebärdenlesens und der Lautsynthese. Die Silben, die auch verknüpft werden können, bereiten auf das gegliederte Lesen von Wörtern vor. Je größer die Silbenvielfalt im Plan ist, desto mehr Wörter können gefunden und verknüpft werden wie anfänglich beispielsweise La – ma zu Lama etc.

Ein Pilot hilft beim Sprechschreiben

Eine weitere ganzheitliche Unterstützung der Wortgliederung in Silben bietet das Silben schwingen und Silben schreiten. Hier wird das rhythmische Sprechen von Wörtern mit der Technik des Silbenschwingens mit einem Tuch in der Hand und parallel das Schreiten in eine Richtung je Silbe kombiniert und kann auf das Schreiben von Wörtern übertragen werden. Beim Wort Tomate wird hier beispielsweise die Silbengliederung geübt durch To — ma — te (bei dem Sprechen jeder Silbe ein Tuch in der Schreibhand nach rechts schwingen und einen Schritt nach rechts gehen, hier also drei Mal schwingen mit drei Schritten).

Das Silbenschwingen wird übertragen auf das Schreiben beim Sprechschreiben von Wörtern. Bei der sogenannten Pilotsprache steuert der Pilot (= Mund) das Flugzeug (= Hand) und die Schüler sprechen synchron beim Schreiben die Silben mit. Hier ist darauf zu achten, dass die Schüler nur so schnell schreiben wie sie sprechen und umgekehrt.

Silbenboote transportieren ganze Wörter

Bei den Silbenbooten werden ganze Wörter vor dem Erlesen in Silbenboote gesetzt. Unter jedes Wort wird zunächst unter jede Silbe ein Halbkreis gesetzt, das sogenannte Silbenboot, in dem die Silben sitzen. Zur Unterstützung des silbenunterteilten Lesens können die Silben auch alternativ mit zwei Farben markiert werden. In der Erstleseliteratur finden sich hier bereits silbenfarbig markierte Bücher zur Unterstützung. Damit Schüler die Wörter nicht erraten, können hier Leseflusswörter hilfreich sein, Quatschwörter aus Silben zusammengesetzt, die die Schüler in Silben unterteilt erlesen sollen, wie beispielsweise „maleritosimafau“.

Von der Geheimsprache zum flüssigen Lesen

Aus den Bausteinen entsteht eine Schrittfolge beim Umgang mit Lese- und Schreibübungen zum Wortmaterial wie folgt:

  1. Erlesen des Wortes mit Geheimsprache (Lautgebärden)
  2. Sprechschwingen des Wortes (mit Tuch in der Hand, auf große Hand- und Fußbewegungen achten!)
  3. Auswendiges Aufschreiben des Wortes (wichtig ist es, dass das Kind die Silbe laut mitspricht, die es schreibt (= Pilotsprache)
  4. Kontrolle des geschriebenen Wortes mit Lautgebärden („Habe ich alle Buchstaben?“)
  5. Unterschwingen mit Silbenbooten zur Kontrolle beim Erlesen des Wortes („Habe ich alle Silben?“)

Durch diese Unterstützung mit den Elementen der Leseambulanz können Schüler sowohl während des Erstleseprozesses als auch bei auftretenden Schwächen beim Lesenlernen unterstützt werden. Mit den Methoden der Marburger Leseambulanz haben schon viele Schüler erfolgreich das Zusammenschleifen von Silben zum Wort sowie flüssigeres und sinnerfassendes Lesen gelernt.

Marion Keil

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