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LRS

Frisch ans Wort mit der FRESCH-Methode

Die Freiburger Rechtschreibschule (FRESCH) hilft LRS-Schülern, schrittweise zum richtigen Lesen und Schreiben zu finden. Mit Bewegung und Rhythmik kann der Schüler in seinem persönlichen Tempo lernen und Spaß an der Sprache entwickeln.

LRS: Frisch ans Wort mit der FRESCH-Methode Vom Silbenschwingen zum Silbenlesen — Schritt für Schritt werden die Schüler an das Lesen und Schreiben herangeführt © S.Kobold - Fotolia.com

„Schreib doch mal ein Wort auf, das dir gut gefällt, ein Lieblingswort!“, sagte ich zu dem Kind, das vor mir saß. Aufmunternd hielt ich ihm eine Dose mit bunten Stiften hin. Das Kind brach in Tränen aus. Und die Mutter des Zweiklässlers, die neben ihm saß, sah aus, als wollte sie auch gleich weinen. „Er hat doch eine Rechtschreibschwäche“, sagte sie, „und jetzt will er gar nicht mehr schreiben!“

So geschehen an der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, an der ich als Beratungslehrerin arbeitete. Inzwischen schreibt Marcel wieder, nachdem er mit der FRESCH-Methode den Mut dazu bekam.

Den eigenen Fähigkeiten vertrauen

Die FRESCH-Methode — Freiburger Rechtschreibschule — kann vielen Kindern, Eltern und Lehrern helfen, im weitesten Sinne all denen, die mit Rechtschreibschwierigkeiten zu tun haben. Zum einen spricht FRESCH nicht von Schwäche, denn allein das Wort schwächt den Betroffenen schon. FRESCH spricht von Schwierigkeiten, und die gibt es überall im Leben. Meistens lassen sie sich lösen, wie auch die Rechtschreib- und Leseschwierigkeiten.

Zum anderen ist FRESCH eine Haltung. Was Kindern wie Marcel abhanden gekommen ist, das ist sein Selbstwertgefühl. Mit der FRESCH-Methode vermitteln wir den Schülern Mut, Selbstbewusstsein und Zuversicht in die Fertigkeiten der eigenen Person, die nicht nur aus Rechtschreiben besteht.

Und schließlich arbeitet FRESCH genau da, wo die Schwierigkeiten auftreten: direkt an der Rechtschreibung, am Wort.

Wenn der Automatismus fehlt

Bevor die FRESCH-Methode veröffentlicht wurde, hieß sie die Buschmann-Methode. Heide Buschmann, Schulpsychologin in Waldshut, entwickelte die Methode auf Basis der Sprechsilbe und Bewegung. Sie arbeitete mit großem Erfolg, nicht nur mit den sogenannten LRS-Kindern (Kinder mit Lese- und/oder Rechtschreibschwierigkeiten), sondern sogar mit erwachsenen Analphabeten. Ihr Mitarbeiter bzw. „Schüler“ der ersten Stunde war Günter Renk.

Beide vermittelten in Workshops den regionalen Lehrergruppen diese Methode. Um sie einem größeren Lehrerkreis an alle Kollegien weitergeben zu können, veröffentlichte Hans-Joachim Michel mit einem geschulten Team diese Methode, die er nun FRESCH-Methode nannte.

Kinder mit Lese- und/oder Rechtschreibschwierigkeiten – in der Folge als LRS-Kinder bezeichnet – unterscheiden sich von „guten“ Rechtschreibern darin, dass sie deutlich mehr Fehler machen und eine geringere Merkfähigkeit bei der Richtigschreibung von Wörtern besitzen. Gute Rechtschreiber schreiben automatisch richtig, ohne viel überlegen zu müssen. LRS-Kindern fehlt dieser Automatismus. Heute schreiben sie ein Wort so, morgen schreiben sie es anders. Oder noch deutlicher: Kommt das gleiche Wort im Diktattext mehrfach vor, kann es ganz unterschiedlich geschrieben werden. Bei dieser Schwierigkeit, sich die richtige Schreibweise merken zu können, setzt FRESCH ein.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die theoretische Begründung darstellen (nachzulesen bei: Hans-Joachim Michel (Hrsg.): FRESCH  Freiburger Rechtschreibschule. Grundlagen, Diagnosemöglichkeiten und praktische Übungen zum Thema LRS. Hamburg, 16. Auflage 2016). Ich möchte zeigen, wie in der Praxis mit ihr gearbeitet wird.

Die elementare Strategie ist das rhythmisch-silbierende Sprechschreiben. Das bedeutet: der gleichzeitige Ablauf von Bewegung (in Silben), gut artikuliertem Sprechen und Schreiben im individuellen Tempo des Schülers.
FRESCH hat den Grundwortschatz nach vier Strategien eingeteilt, man könnte sagen, in vier Lernschritte vom Leichten zum Schweren.

Schritte begleiten jede Silbe

Wir beginnen mit der Strategie „Silbieren“. Damit können alle lautgetreuen Wörter richtig geschrieben werden, vorausgesetzt, die Kinder beachten eine deutliche Artikulation und halten sich an das synchrone Sprechschreiben in Silben.

Wählen wir zu Beginn des Trainings aus der Fülle der lautgetreuen Wörter (sie machen etwa 50 Prozent des Grundschulwortschatzes aus, weil FRESCH auch Wörter mit Mitlautverdopplung und tz-Wörter und ck-Wörter hinzuzählt) ein möglichst mehrsilbiges Wort aus, um richtig „in Schwung“ zu kommen: Re — gen — man — tel.

Die Kinder sprechen zunächst das Wort gut artikuliert in Silben, wobei sie sich synchron bei jeder Silbe seitwärts in Schreibrichtung bewegen. Der rechte Fuß beginnt mit „Re“, der linke rückt parallel dazu nach, gleichzeitig führt die Schreibhand einen Girlandenbogen aus. So folgt Silbe auf Silbe.Am Tisch kann diese Bewegung verkleinert wiederholt werden, dabei führt die Schreibhand mit dem Finger auf der Platte die Girlandenbögen aus, synchron dazu wird die Silbe gesprochen.

Vom Schwingen zum Schreiben

Nun kommt der Stift dazu: vom rhythmisch melodischen Sprechschwingen geht es zum synchronen Sprechschreiben in Silben, d.h. jede Silbe wird nun in dem Tempo gesprochen, in dem die Schreibhand folgen kann. Es wird immer in Silbeneinheiten geschrieben. Die Pausen zwischen den Silben geben Gelegenheit, i-Punkte und t-Striche zu setzen. Zum Schluss malt das Kind die Girlandenbögen unter das Wort und liest dabei laut mit, um zu prüfen, ob es keinen Buchstaben vergessen hat.

Erst wenn die Kinder sicher in der lautgetreuen Schreibweise mithilfe des Silbierens sind, erst wenn diese Schreibungen automatisiert sind, erst dann gehen wir zur nächsten Strategie über.

Erfolgt die Einführung in die nächste Strategie zu früh, wird das Kind beim Schreiben plötzlich verunsichert und macht deshalb wieder Fehler in der bekannten Silbierungsstrategie. Deshalb appelliere ich immer wieder, nicht zu früh die Wörter aus anderen Strategien dazuzumischen, was ja z. B. in vielen Schulbüchern passiert.

Da sich FRESCH für alle Klassen eignet — also nicht nur für LRS-Kinder — ergibt es Sinn, in der 1. Klasse damit zu beginnen. FRESCH ersetzt nicht die Einführung in die Buchstaben. Sollten Sie mit einer Anlauttabelle arbeiten, ist FRESCH ein unverzichtbarer Begleiter. Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die zu lange „frei nach Gehör“ schrieben, also ohne ein Korrektiv z. B. mit FRESCH, oft sehr mühsam und spät zu automatisierten Richtigschreibern wurden.

Die Strategie des Silbierens kann Thema des gesamten 1. Schuljahres sein. Das heißt nicht, dass diese Kinder Defizite im Richtigschreiben haben, weil die Parallelklasse schon „Merkwörter“ schreiben kann. (50 Prozent des Grundwortschatzes) Es ist kein Problem, die nächste(n) Strategie(n) erst im 2. Schuljahr einzuführen.

Natürlich gibt es Kinder, die schon sehr früh im Schuljahr das silbierende Schreiben beherrschen. Durch differenzierenden Unterricht (entsprechende Materialien zu FRESCH liegen vor) können diese Kinder sich selbstverständlich schon früher mit der zweiten Strategie auseinandersetzen.

Wörter verlängern

Die zweite Strategie besteht aus dem „Weiterschwingen“ oder dem „Verlängern“  der Wörter. Der Name beschreibt schon die Tätigkeit: Die Kinder sollen ein Wort verlängern, um selbstständig zu überprüfen, ob ein Wort am Ende …

  • einen doppelten Mitlaut (auch ck und tz) hat oder ob es mit
  • hartem oder weichen Auslaut geschrieben wird: Schif oder Schiff? — schnel oder schnell? — Stok oder Stock? Wiz oder Witz? — brent oder brennt? — Walt oder Wald? — Berk oder Berg? — runt oder rund? Re oder Reh? ...

Mit dem „Zauberwort“ viele (viel) können die Kinder alle kritischen Wörter verlängern: viele Schif — fe  /  viel run —  der  /  viele bren — nen / viele Stöc —  ke ... Nun zeigt sich, ob die Kinder das Silbieren beherrschen. Treten hier noch Fehler auf (z. B. Schi — fe), dann muss das Kind noch weiter in der ersten Strategie üben.

Übrigens: Wenn wir Stöc — ke schwingen und schreiben, bezieht sich das aufs Basislernen. Die Trennungsregel (Stö — cke) ist ein Sonderfall der Rechtschreibung und belastet nur unnötig unsere Kinder mit geringer Merkfähigkeit.

Wörter ableiten

Die dritte Strategie beschäftigt sich mit dem „Ableiten“. Es betrifft in erster Linie die ä- und äu-Wörter, die ich ableite, indem ich sie auf das Stammwort zurückführe:
Bäder kommt von Bad  /  Träume kommt von Traum / häufig kommt von Haufen …
Einige starke Verben lassen sich nicht durch Verlängern klären, auch sie werden abgeleitet: konnte kommt von können / rannte kommt von rennen usw.

Da sich Bär und Käse nicht ableiten lassen, folgt als letzte Strategie das Merken.
LRS-Kinder fällt — wie anfangs erwähnt — das Merken besonders schwer. Hier helfen vielfältige Übungen, Spiele, die in FRESCH-Materialien vorgestellt sind. Dennoch sollten wir in der Grundschule nur die wichtigsten Merkwörter trainieren und ggf. diese erst in der 4. Klasse bei Lernzielkontrollen einbeziehen.

Merkwörter für die Schatzkiste

Schon im 1. Schuljahr kommen wir ohne Merkwörter nicht aus: Advent, Christbaum, Weihnachten, Jahreszeit, März, Mai, Käfer, Fuchs, Bär …Diese Merkwörter können als Plakat den Kindern immer vor Augen hängen oder sie können spielerisch in einer Merkwörter-Schatzkiste gesammelt und mündlich eingesetzt werden. Es ist kontraproduktiv, sie in Lernzielkontrollen einzusetzen, da sie nicht der Silbierungsstrategie entsprechen.

FRESCH ordnet die Merkwörter nach ihren Merkmalen wie folgt:

  • Wörter mit V,v : Verein, viel, Vater, Kurve, Klavier ...
  • Wörter mit -h: fahren, Zahn, zählen, Stuhl ...
  • Wörter mit aa, ee, oo: Haar, Moos, Boot, Meer ...
  • Wörter mit ß: Fuß, Straße, groß ...
  • Wörter mit langem i ohne ie: Maschine, Tiger, wir, Kabine ...
  • kleine schwierige Wörter: ob, als wenn, nimmt, oft ...
  • Wörter mit ähnlich klingenden Lauten: Käse, Bär, Hai, Büchse, Keks, tagsüber ...

Zu FRESCH gehören ferner die „Stolperwörter“, die für einzelne Kinder z. B. im Anlaut Schwierigkeiten bereiten: Kras oder Gras, plass oder blass …
Die wichtigsten Regeln gehören natürlich auch dazu: ich spreche scht/schp, ich schreibe st/sp / Regeln der Großschreibung / Wortbausteine und oder zusammengesetzte Nomen oder Adjektive wie Knallfrosch, hellblau, in denen auch die Strategien zum Wirken kommen.

Lernzielkontrollen mit geübtem Wortschatz

Schüler wollen wissen, was sie schon können, und Lehrer wollen wissen, was ihre Schüler schon können. Um eine Win-win-Situation herzustellen — unsere Haltung ist, „ins Gelingen verliebt zu sein und nicht ins Scheitern (Ernst Bloch) — sollten wir in Lernzielkontrollen nur den Wortschatz aus der erlernten Strategie überprüfen.

In den meisten Bildungsplänen werden keine Diktate erwähnt. Die Kinder sollen befähigt werden, einen Text zu überarbeiten. Und das geht nicht nur durch Diktate. Diktate sind allerdings praktisch. Man könnte folgendermaßen vorgehen: Im Unterricht werden mit einem Wortschatz zum Wochenthema immer wieder kleine Texte gelesen, abgeschrieben oder von den Kindern verfasst. Aus diesem „vorgeübten“ Material kann man einen Diktattext mit Wörtern aus den bereits bekannten Strategien erstellen. Unvermeidbare Merkwörter sollten an die Tafel geschrieben werden. Diesen Diktattext nicht zum Üben mit nach Hause geben, das macht alle unglücklich. Der Text wird ja auch keine unerwarteten Schwierigkeiten bieten.

Nach dem Diktat Hefte einsammeln, korrigieren, indem man nur die Anzahl der Fehler darunterschreibt. Am nächsten Tag Hefte austeilen und die ganze Stunde zur Überarbeitung des Textes zur Verfügung stellen, mit allen Hilfen: FRESCH-Strategien, Poster, Wörterbuch, individuelles Fehlerheft. Ohne Stress, im eigenen Tempo kann jedes Kind seinen Text überarbeiten und auf Fehlersuche gehen. Hefte wieder einsammeln und nun nach der noch verbliebenen Fehlerzahl benoten.

Beim Üben den Spaß nicht vergessen

Vergessen wir bei allem Üben nicht das Spielen mit Sprache und Bewegung und auch nicht das lustige, entspannte, motivierte und vielleicht nicht ganz korrekte Schreiben:

  • Man kann den Kindern Texte vorgeben mit vertauschten Silben, die sie richtig schreiben sollen: Ne mei /  Ma o /  te  möch  /  mir  /  mer im  / ne ei  /  De freu  / chen ma (Meine Oma möchte mir immer eine Freude machen.).
  • Welcher Buchstabe ist zu viel? Lasse ihn weg: Marmelande  / Regentbogen / Sofrankissen /  Schimmelplilze / Kinoknarte / Kapfelbaum ...
  • Ein Buchstabe ist falsch. Du kannst ihn immer mit „g“ ersetzen: Morten / Masen / Sorfe / möfen / Liete / Wanen / Krawen ...
  • Geheimschriften, die es zu entziffern gilt, Unsinnwörter, die man „übersetzen“ kann: schmögeln / Harpfe / Knolch ...

Rechtschreiben ist nicht alles im Leben. Vergessen wir mit unseren Kindern nicht den Spaß an Sprache und entdecken wir noch viele Talente, nicht nur in unseren LRS-Kindern.

Bettina Rinderle

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