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Lehrer und Eltern als Erziehungspartner

Beim sozial-emotionalen Lernen haben viele Grundschüler Nachholbedarf. Oft verhindern gegenseitige Vorurteile, dass Eltern und Lehrer gemeinsam an solchen Defiziten arbeiten. Das MindMatters-Programm empfiehlt stattdessen, Eltern als Erziehungspartner zu gewinnen.

MindMatters: Lehrer und Eltern als Erziehungspartner Für die Entwicklung der Kinder ist es wichtig, dass Eltern und Lehrer sich als Erziehungspartner verstehen © Leonid - stock.adobe.com

„Eltern empfinden Lehrer oft als achtlos. Lehrer sehen in Eltern manchmal Erziehungsversager“, schrieb Heidemarie Brosche am 12.04.2011 in einem Artikel für die ZEIT. Eine pointierte Beschreibung des ewigen Hickhacks zwischen Elternhaus und Schule. Denn viele Lehrkräfte erleben tatsächlich, dass Kinder im Grundschulalter oft Nachholbedarf im sozial-emotionalen Bereich haben. Aber liegt das tatsächlich daran, dass ihre Eltern „versagt“ haben?

Die Autoren des MindMatters-Moduls „Gemeinsam(es) Lernen mit Gefühl“ ((GLmG) sehen den Grund dafür eher in der „Veränderung der Kindheit“ (GLmG, S.36): 10 Prozent der Kinder seien laut aktuellen Studien nur noch am Vormittag in der Schule mit Gleichaltrigen zusammen. Auch nachmittags gebe es wenig Gelegenheit, sich mit Gleichaltrigen zu treffen oder zu spielen. Und während früher der Erwerb sozialer oder emotionaler Kompetenzen in großen Familien mit vielen Geschwistern oder Freunden in der Nachbarschaft „wie von selbst“ klappte, gibt es dafür immer weniger Möglichkeiten. Oft hätten die Kinder „keine oder wenig Geschwister“, könnten oder dürften nicht draußen spielen und seien oft allein zu Hause vor dem Computer oder dem Fernseher. Auf diese Veränderungen sollte die Schule reagieren „und den Kindern systematische Angebote zum Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen machen“, schreiben die Psychologen des MindMatters-Teams um Prof. Dr. Peter Paulus.

Natürlich bedeutet das nicht, dass sozial-emotionales Lernen allein Sache der Schule sein soll — im Gegenteil: Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Eltern ist nicht nur für den Lernerfolg der Kinder, sondern auch für die Entwicklung einer guten, gesunden Schule unerlässlich. Wie Sie die Eltern bei und mit MindMatters für die gemeinsame Arbeit gewinnen, zeigt der folgende Beitrag.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Wer mit der Erziehungspartnerschaft Ernst machen will, muss sich vielleicht zunächst von eingefahrenen Sichtweisen und Mustern verabschieden. Doch wie kommt man weg „von einer ‚defizitorientierten‘ hin zu einer positiv-wertschätzenden (...) Elternzusammenarbeit“ (GLmG, S. 69)? Eigene negative Erfahrungen der Eltern mit Schule und Lehrern führen oft zu einer „Stressbeziehung“ (ebd.). Sie wird noch dadurch verstärkt, dass Elterngespräche meist aus gegebenem Anlass stattfinden, nämlich dann, wenn es „ein Problem“ mit einem Schüler gibt. Die Psychologen des MindMatters-Teams raten daher, „Gelegenheiten zu schaffen, in denen Eltern gern zur Schule kommen und stolz auf die Leistungen und Erfolge ihrer Kinder sein können“, etwa bei Konzerten oder Aufführungen, gemeinsamen Ausflügen oder Schulfesten mit Familie.

Im MindMatters-Programm geht es nicht etwa um „Elternarbeit“ im Sinne einer „Zuweisung von die Schule unterstützenden Aufgaben“, sondern um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Eltern und Lehrkräfte unterstützen sich wechselseitig „in Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungsbelangen“ (GLmG, S. 68). Den Eltern kommt dabei „eine eigenständige, aktive Rolle“ zu, sie sind Teil der Schulgemeinschaft und partizipieren an der Schulentwicklung.

Damit auch Eltern bildungsferner Schichten oder Mütter und Väter mit Migrationserfahrung teilhaben können, empfiehlt sich eine „differenzierende Elternzusammenarbeit“. Hier könnte es etwa Gesprächsangebote jenseits der „offiziellen“ Elternsprechtage geben, z. B. zwanglos in einem Elterncafé oder Beratungsangebote durch Schulpsychologen oder Sozialarbeiter.

So werden Eltern zu Lernbegleitern

Transparente Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern ist eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche sozial-emotionale Förderung der Kinder und für die Entwicklung eines lernförderlichen Schulklimas.

Ein erster Schritt in diese Richtung könnte es sein, die Eltern über das MindMatters-Programm zu informieren. Auf der MindMatters-Website finden registrierte Nutzer im „Werkzeugkasten“ dazu hilfreiche Materialien, zum Beispiel vorformulierte Elternbriefe, Checklisten und Praxistipps zu allen wesentlichen Fragen: Welche Rolle spielen die Eltern beim sozial-emotionalen Lernen? Was bedeutet Resilienz und wie lässt sie sich fördern? Welche sozial-emotionalen Kernkompetenzen werden mit MindMatters gefördert? Wie können Eltern ihr Kind als Lernbegleiter fördern?

Diese Texte eignen sich auch wunderbar als roter Faden bzw. als Handout für einen Elternabend, bei dem die Lehrkraft den Eltern das MindMatters-Programm vorstellt. Mit ein paar praktischen Übungen vermitteln Sie hier ein Bild von der Arbeit mit dem Modul „Gemeinsam(es) Lernen mit Gefühl“. Dabei erleben die Eltern auch gleich, dass die Arbeit mit MindMatters Spaß macht. So wird z. B. eine kurze „Gefühlspantomime“ (GLmG, S. 225) ganz bestimmt für eine lockere Atmosphäre sorgen: Die Eltern laufen kreuz und quer durch den Raum, die Lehrkraft gibt mit einer Handtrommel den Rhythmus vor. Sobald die Trommel aufhört, „erstarren“ alle in ihrer Bewegung und in ihrem Gesichtsausdruck. Dann wird eine Mutter oder ein Vater gebeten, die Gestik und Mimik eines anderen Elternteils genau nachzumachen. Das kann zwei-, dreimal wiederholt werden.

Hausbesuche können Vertrauen schaffen

Wie können Eltern die Kinder zu Hause beim Lernen unterstützen? Wie sieht eine lernförderliche Umgebung aus? Und wie können Eltern ihre Kinder dazu anregen, im Unterricht mitzuarbeiten? Diese Fragen bewegen die meisten Eltern ganz besonders.

Deshalb ist auch eine Erziehungspartnerschaft besonders effektiv, wenn die Schule die Eltern hier mit konkreten Praxistipps und Handlungsanleitungen unterstützt. Dabei ist es wichtig, dass sensibel auf ein symmetrisches Verhältnis zwischen Eltern und Lehrkräften geachtet wird. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Eltern und Lehrkräfte gemeinsam einen Vortrag eines schulexternen Experten besuchen. Überhaupt rät das MindMatters-Team dazu, externe Unterstützung heranzuziehen, zum Beispiel, indem die Schule „Kontakt zu Anbietern erfolgreicher Elterntrainingsprogramme aufnimmt oder gemeinsam mit örtlichen Erziehungsberatungsstellen thematische Elternabende gestaltet“ (GLmG, S. 68).

Auch wenn es für die Lehrkräfte einigen Mehraufwand bedeutet, raten die MindMatters-Experten „zu Beginn der ersten Klassen“ (GLmG, S. 70) zu Hausbesuchen in den Familien. Hier gewinnt der Lehrer einen ersten Eindruck von den Familienverhältnissen seines Schülers, und die Eltern erleben vermutlich einen engagierten Pädagogen, der sich für ihr Kind interessiert und freundlich auf sie zukommt. Eine gute Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit in den kommenden Jahren. Bei dieser Gelegenheit bietet sich besonders auch ein kurzes Gespräch über „ein gesund gestaltetes häusliches Lernumfeld“ mit einem ruhigen Platz für die Hausaufgaben an.

Nachhaltige Elternarbeit mit allen Kollegen

„Effektive Programme zur Förderung der Zusammenarbeit mit den Eltern sind systematisch angelegt und geplant“, wie aktuelle Forschungen zeigen (GLmG, S. 68). Für die Schulpraxis bietet sich dazu eine Vorgehensweise in drei Schritten an: Das Kollegium …

  1. erarbeitet sich eine „gemeinsame und positive Haltung zur Elternzusammenarbeit“.
  2. Es prüft vorhandene Ressourcen und den Ressourcenbedarf
  3. und erarbeitet abschließend ein Gesamtkonzept mit Ergebnissicherung.

Bei der Diskussion im Kollegium sollte es keine Tabus geben: Ängste vor Überforderung, Befürchtungen im Umgang mit schwierigem Elternverhalten oder Problemfamilien dürfen offen ausgesprochen und diskutiert werden. Auch erforderliche Qualifikationen und damit verbundene Fortbildungen sollten abgesprochen, gegebenenfalls geklärt werden, ob und wo externe Unterstützung erforderlich ist.

Fragenkataloge helfen bei jedem Schritt einer systematischen Vorgehensweise — Kopiervorlagen dieser Checklisten stehen registrierten Lehrkräften auf der oben verlinkten MindMatters-Website unter „Werkzeugkasten“ zum freien Download.

Klar, dass eine nachhaltige Elternzusammenarbeit auch „eine ausgewogene Balance zwischen Elternbeteiligung, Selbstverantwortung und Privatraum der Lehrkräfte“ gewährleisten sollte. Das gelingt nur, wenn alle Beteiligten sich auf gemeinsame Regeln verständigen. Auch hierfür bietet das Elternmodul im MindMatters-Programm für die Primarstufe einen Fragenkatalog. Ein nützliches Tool, um unnötige Konflikte in der gemeinsamen Arbeit von Eltern und Lehrkräften von vornherein auszuschließen.

Martina Niekrawietz

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