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Montessori

Jeder Schüler folgt seinem inneren Bauplan

Jedes Kind ist anders, hat Stärken und Schwächen. Jedes Kind will und kann lernen, wenn es Inhalte und Tempo selbst bestimmen kann. Besonders gut geht das in der Freiarbeit nach Montessori – gerade auch bei jahrgangsgemischten Klassen mit Inklusion.

Montessori: Jeder Schüler folgt seinem inneren Bauplan Auch Montessori-Rechenmaterial kann an der Lerntheke eingesetzt werden © Joaquin Corbalan - stock.adobe.com

Was ist Montessori-Pädagogik? Wodurch zeichnet sie sich aus? Warum ist es sinnvoll, diese einzusetzen? Einblicke in das Grundkonzept von Maria Montessori soll hier am Beispiel einer Freiarbeit in einer jahrgangsgemischten Klasse dargestellt werden.

Die Schüler in unseren Klassen haben unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken. Sie sind oft verschieden in ihren Möglichkeiten, ihrem Lern- und Entwicklungstempo sowie durch ihren kulturellen Hintergrund. So ist auch ihr Lern- und Unterstützungsbedarf individuell verschieden. Sollen immer alle gleichzeitig das Gleiche lernen, ist das nicht möglich. Individualisierung und die Bereitstellung differenzierter Lernangebote wie sie in der Montessori-Pädagogik vorgesehen sind, bieten hier eine Lösung um Inklusion oder Jahrgangsmischung zu zulassen. 

Materialien für die verschiedenen Interessen anbieten

In der Freiarbeit wählen die Schüler nach Interessen und Lernvoraussetzungen weitgehend selbst, mit welchem Material und in welcher Arbeitsform sie im eigenen Rhythmus lernen wollen. So werden Kompetenzen gestärkt, Selbstbewusstsein und Persönlichkeit entwickelt. Die Lehrkraft, die die Umgebung nach genauer Beobachtung der Schüler in der Klasse vorbereitet hat, nimmt die Rolle des Helfers ein, erklärt die Materialien, mit denen gearbeitet werden kann, und unterstützt die Eigenaktivität der Kinder. Das didaktische Montessori-Material mit Selbstkontrollsystem aus den Bereichen Mathematik, Deutsch, Kosmische Erziehung, Sinneserziehung und Übungen des praktischen Lebens stehen für die Schülern in Regalen bereit. Die meisten Materialien sind den Schülern bereits durch vorausgegangene Darbietungen/Einführungen bekannt. 

Damit das Kind selbstständig arbeiten kann, bedarf es in der Montessori-Pädagogik einer Einführung in das jeweilige Montessori-Material. Maria Montessori nennt das eine Darbietung geben. Dabei wird das Material zusammen mit dem Schüler zum Arbeitsplatz, z. B. Teppich, getragen und meist nach der besonderen Montessori-Methode in der 3-Stufen-Lektion vorgestellt. Hat das Kind verstanden, übernimmt es die Handlung selbst. Nach der Übung wird das Material aufgeräumt.

Beispiele für Freiarbeitsaktivitäten

Samuel und Paul warten bereits mit dem Markenspiel, einem Montessori-Material zur Mathematik) auf mich: „Du hast uns gestern versprochen, dass du uns eine neue Methode zur Division zeigst!“ – Ich gebe ihnen ein Zeichen, dass ich zu ihnen komme, wenn alle in der Klasse in der Freiarbeit eine Beschäftigung gefunden haben. 

Emilia und Hannah arbeiten bereits auf dem Teppich mit dem großen Multiplikationsbrett. Seit ich ihnen in einer Darbietung erklärte habe, wie man damit arbeitet, sind sie eifrig dabei, Multiplikationsaufgaben damit zu lösen. „Du brauchst uns nicht helfen, wir haben schon zehn Aufgaben richtig gelöst und kontrolliert. Könntest du uns vielleicht noch schwierige Aufgaben geben?“ Ich verweise sie an Samuel und Paul, die in der vergangenen Woche Aufgabenkarten für die Klasse erstellt haben: mit zwei- und dreistelligem Multiplikator mit der Lösung auf der Rückseite. 

Laura dagegen bestimmt die Wortarten in Sprichwörtern und legt die passenden Wortartensymbole zu den Wörtern. Mit einer Kontrolltafel überprüft sie ihre Lösung und korrigiert sie, wenn es nötig ist. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf ihre Arbeit gerichtet – nach Montessori „polarisiert“ –, nichts kann sie ablenken.

Leon hat sich heute das positive Schlangenspiel aus dem Regal geholt. Er möchte den Zehnerübergang üben und tauscht bunte Perlenstangen, die aneinandergereiht eine Schlange ergeben, mit Zehnerstangen. Dabei muss er immer wieder zum Zehner ergänzen. Ella hilft ihm dabei, sie ist Spezialistin. 

Noah strahlt: Er arbeitet mit den Bruchkreisen. Endlich hat er das richtige „Futter“. Er kann schon einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben mit gleichnamigen Brüchen mit diesem Material sicher lösen. Schnell hat er das Prinzip durchschaut und bearbeitet nun auch schon Aufgaben mit ungleichnamigen Brüchen. Er übt, damit er als Tutor den Schülern in der 5. Klasse das Vorgehen zeigen kann. 

 

Maria Montessori Maria wurde 1870 in Italien geboren. Sie war eine italienische Ärztin, Reformpädagogin und Philosophin. Durch ihre Arbeit mit Kindern an einer psychiatrischen Klinik in Rom motiviert, entwickelte sie Lernmaterialien zum „Be-greifen“ und die besondere pädagogische Methode, die auf verschiedenen von ihr entdeckten Grundprinzipien basiert. Sie gründete Kinderhäuser und Schulen auf der ganzen Welt und bildete Lehrer aus.

Leitgedanken ihrer Pädagogik sind: Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. „Ich kann und will es selbst tun. Hab aber auch Geduld, meine Wege zu begreifen …greife nicht ein. Ich werde üben. Ich werde meine Fehler, die ich mache erkennen. Das Material zeigt sie mir selbst“ (Montessori Maria, Kinder lernen schöpferisch, Herder, Freiburg, 9. Auflage 1994, S. 26)

Henry und Luis legen den Jahreskreis mit den römischen und germanischen Monatsnamen aus.

Die Lehrkraft als Beobachterin und Lernbegleiterin

Da alle Schüler beschäftigt sind, habe ich Zeit für Samuel und Paul. Ich zeige ihnen das Dividieren durch Aufteilen mit dem Markenspiel und frage sie im Anschluss, ob sie ein „Rezept“ zur Vorgehensweise entwerfen wollen. So eine Art Anleitungskarte mit eigenen Worten. Sie sind einverstanden und wollen damit sogar als Multiplikatoren andere Schüler in der Freiarbeit anleiten. 

Ich freue mich darüber, wie die Schüler die Themen mit den Materialien „be-greifen“: durch Tragen, Ertasten, Anfassen, Spüren, Sehen, Sprechen und Hören. Die verbleibende Zeit, in der ich nicht mit einzelnen Schülern arbeite, nutze ich für Beobachtungen, in denen ich besondere Interessen während sensibler Phasen der Schüler, ihre Stärken und Schwächen herausfinden kann. Diese Beobachtungen sind Grundlage für die weitere Planung meines Unterrichts, für individuelle Rückmeldungen und die Vorbereitung der Umgebung für kommende Inhaltsangebote.

Kind ist Baumeister seiner selbst

In altersgemischten Klassen sehen die Jüngeren, was sie noch alles von den Älteren lernen können, umgekehrt können die Älteren deutlich eigene Fortschritte gegenüber den Jüngeren erkennen. Leistungsunterschiede werden viel eher akzeptiert, weil jedes Kind sich irgendwann sowohl in der Rolle des Helfers, als auch in der des Hilfesuchenden befindet. Dadurch werden eigenen Schwächen erkannt und angenommen, aber vor allem Toleranz und Achtung der Persönlichkeit anderer geschult.

„Nach Maria Montessori besitzt das Kind einen „inneren Bauplan“, nach dem es sich entwickelt. Das Kind ist Baumeister seines eigenen Ichs. Dieser bei jedem Kind individuelle „Plan“ legt fest, in welcher sensiblen Phase es sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet. Gibt man dem Kind durch die vorbereitete Umgebung und die freie Wahl der Arbeit die Möglichkeit, so kann es aus einem inneren Antrieb heraus in seinem Tempo lernen und arbeiten.“ … Durch die Wissensaneignung formt es seine Persönlichkeit. Das Kind ist Baumeister seines eigenen Ichs.“ (Sauer Ingrid / Christine Strecker: Montessori-Pädagogik leicht umgesetzt., Augsburg 2019, S.19)

Ingrid Sauer

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