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Montessori

Lernen in Eigenregie

Lernen kann viel Spaß machen. Wer eine Montessori-Schule besucht, erlebt engagierte Schüler, die intensiv in ihre Arbeit vertieft sind. Sie lernen ohne Sitzordnung und feste Aufgaben. Jeder nach eigenem Plan, als „Baumeister“ seiner Person. „Schule zum Verlieben“ werden vorgestellt.

Montessori: Lernen in Eigenregie Ein Schüler hat sich entschieden, die Zeit zu erforschen © Fabio Principe - stock.adobe.com

Die Montessori-Gesamtschule in Potsdam ist „eine Schule zum Verlieben, aber erst auf den zweiten Blick“, sagt Reinhard Kahl in seinem Video über die Schule, die im Jahr 2007 den Deutschen Schulpreis erhalten hat. Auf den ersten Blick wirkt der langgezogene, rot-bräunliche Schulbau hinter dem Potsdamer Schloss fast trist. Doch in den freundlich gestalteten Schulräumen lernen die Schüler mit Freude, mit Freunden und immer mit allen Sinnen. Eine für so manchen Schulanfänger überraschende Erfahrung, wie ein kurzes Interview mit einem Erstklässler zeigt (ebd., ab Min. 3:41): „Seit diesem Sommer bin ich in die Schule gekommen“, erzählt er. „Was hast du denn vorher gedacht, wie die Schule (...) wahrscheinlich sein wird?“, wird er gefragt. Nach längerem Nachdenken antwortet er: „Blöd.“ „Und wie ist es nun in Wirklichkeit?“ „Schön“, sagt der Junge, ohne von seiner Ausschneidearbeit aufzusehen.

Was also ist das für eine Schule, die Familien dazu bewegt, aus der Hauptstadt Berlin nach Potsdam zu ziehen? Eine Schule, die Juroren des Deutschen Schulpreises ebenso überzeugt wie kleine Schulskeptiker? Diesen Fragen geht der folgende Beitrag nach. 

Reinhard Kahl fängt mit seiner Kamera viele der typischen Besonderheiten einer Montessori-Schule ein. Vor allem eines fällt auf: Immer sind die Kinder vollkommen absorbiert und fokussiert auf das, was sie gerade tun. Sie lernen und arbeiten in den verschiedenen Innen- und Außenräumen der Schule: Im Klassenzimmer laden sie die Montessori-Materialien zum Rechnen, Schreiben und Lesen „zur selbstständigen Auseinandersetzung damit“ ein, wie es im Konzept für die Jahrgangsstufen 1-2-3 auf der Schulwebsite heißt. Diese von den Lehrkräften vorbereiteten Lernarrangements stehen in Augenhöhe der Kinder griffbereit im Regal. Alle Materialien sind jeweils nur einmal vorhanden, sodass sich die Schüler verständigen oder zusammentun müssen. Beim praktischen Umgang mit den Materialien sind drei einfache Prinzipien einzuhalten:

  • „was ich mir genommen habe, stelle ich wieder an seinen Platz zurück,
  • angefangene Arbeiten bringe ich zu Ende und
  • ich arbeite so, dass ich niemanden bei der Arbeit störe.“ (ebd.)

Durch forschendes Lernen die Welt erkunden

Und wie lernen Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren? Sie beobachten die Welt um sich herum, die „Phänomene der belebten und unbelebten Natur“. Bei kompetenter Lernbegleitung und mit einer anregenden Lernumgebung entwickeln sie daraus Fragen, die die Basis für eigenständiges, forschendes Lernen bilden. 

Dabei lernen sie durch konkretes Handeln mit allen Sinnen – ganz in Maria Montessoris Sinne. Im Mathematikunterricht erfahren sie praktische Geometrie „am eigenen Leib“ – ein weiteres Prinzip der Montessori-Pädagogik. Dazu vermessen sie ihre Körperumrisse (Video ab Min. 3:20), und entwickeln dabei ein „Gefühl für Dimensionen, Relationen und Proportionen“ (ebd.). Sie widmen sich auch mit Hingabe physikalischen Experimenten, suchen sich zwei Stunden lang die Materialien für ein Experiment mit Luftballons zusammen oder probieren aus, wie viele Kugeln sie in eine schwimmende Muschelschale legen können, ohne dass diese untergeht. 

Bemerkenswert ist dabei die Aufmerksamkeitsspanne: Die Hingabe hält an und „das Auskühlen der Interessen bleibt aus“, stellt Reinhard Kahl fest, der als Bildungsjournalist und Filmemacher schon viele innovative Schulkonzepte kennengelernt hat.

Jeder findet seinen individuellen Lernplatz

Eigentlich möchte kein normaler Mensch einen Tag lang mit 25 anderen Menschen in einem Raum mit 60 Quadratmetern sitzen: „Das führt zu Konflikten. Unweigerlich!“, sagt Ulrike Kegler, die im Jahr 2007 Schulleiterin an der Montessori-Schule war. Gerade deswegen müssten die Kinder, „die noch einen viel größeren Bewegungsdrang haben“, unbedingt „‘rein- und rausgehen können“.

Raum fürs Lernen schaffen heißt für Ulrike Kegler auch, die sonst mit Möbeln vollgestellten Schulräume „zu entkernen“, wie sie sich ausdrückt. In ihrer Schule können „die Räume immer wieder neu gestaltet werden“, und die Frage, wer wo sitzt, stellt sich überhaupt nicht. Wie das dann in der Praxis aussieht, zeigt das Video auf der Website des Deutschen Schulpreises: Da gibt es zum Beispiel einen Schulraum, in dem nichts steht als ein Tisch mit drei Stühlen und eine Bank mit Tisch. An den Wänden lehnen einige Klappstühle, die bei Bedarf schnell aufgebaut sind. In einem anderen Schulzimmer gibt es nur offene Holzkisten in verschiedenen Größen, auf denen die Kinder um die Lehrerin sitzen. Oder sie nehmen einfach auf dem Teppichboden im Schneidersitz Platz, vor sich die Kiste als „Schulbank“. In den ausgeräumten Zimmern „kommen wir zu ganz anderen Arbeitszusammenhängen“, erzählt Ulrike Kegler im oben verlinkten Schulpreis-Video.  

Es gibt keine Sitzordnung, die Schüler bewegen sich frei im Raum, arbeiten im Liegen, Sitzen oder Stehen, ganz wie sie Lust haben. Das heißt auch, dass jeder gefordert ist, „seinen Platz immer wieder neu zu finden“, sagt Ulrike Kegler. Und das entspricht dem pädagogischen Bildungskonzept von Maria Montessori, die „das Kind als Baumeister seiner selbst“ begreift. 

Verantwortung für das eigene Lernen

Damit das Kind sich „in weitgehender Eigenregie“ in Montessoris Sinne selbst konstruieren kann, braucht es ein pädagogisches Umfeld, praktisch ein „Gesamtgefüge“ einer „vorbereiteten Umgebung“, deren drei Bestandteile die Autoren der Website der Montessorisschule Augsburg benennen: „Dieses pädagogische Umfeld umfaßt [sic!] die Einheit von Erzieher/in – Räumlichkeiten – Entwicklungsmaterial.“

Auch in der Montessorischule in Potsdam fungieren die Lehrkräfte in diesem Sinne als Lernbegleiter der Kinder. Wenn die Kinder in den Schulraum kommen, ist die von den Lehrerinnen vorbereitete Lernumgebung schon da. Sie ermöglicht den Schülern den Unterrichtsstoff im doppelten Wortsinn zu begreifen: sowohl haptisch mit greifbaren Materialien, als auch kognitiv. Die Schüler übernehmen Verantwortung. Für ihr eigenes Lernen und für den Schulraum, den sie eigenständig sauber und ordentlich halten. 

Frontalunterricht gibt es nicht, der Unterricht ist offen, und Freiarbeit und Peer-Teaching spielen eine wichtige Rolle. Die Schüler suchen sich selbst einen Mitschüler, mit dem sie gut arbeiten können, oder der ihnen etwas erklären kann.

Jedes Kind wählt selbstbestimmt seine Arbeiten und lernt in seinem eigenen Tempo. „Wir müssen dann individuell drauf einsteigen“, erklärt Lehrerin Ute Terbeck-Müller im Video auf der Website des Deutschen Schulpreises (Link s. o.). Die Pädagogen seien „gelenkt“ von dem, was die Kinder tun und auch davon „wie weit sie in dem Moment so sind“. Diese „Entschleunigung“ entlastet auch die Lehrkräfte, weil sie „nicht getrieben“ sind von einem Lehrplan, dessen Lerninhalte im Verlauf eines Schuljahres abgearbeitet werden müssen. 

Dokumentation und Feedback

Schon die Kinder der beiden jahrgangsgemischten Grundschulgruppen reflektieren und dokumentieren ihre Arbeit in einem Lerntagebuch, dem sogenannten „Brückenbuch“, das auch die Eltern regelmäßig sehen. 

Eine zentrale Aufgabe der Lehrkräfte ist es, „die Arbeiten der Kinder immer wieder auszuwerten und eine Rückmeldung zu geben“, so heißt es im Konzept für die Jahrgangsstufen 1-2-3 (Link Deutscher Schulpreis,  s. o.). Zwei Mal im Jahr setzen sich auch Eltern, Lehrkraft und Schüler zusammen und besprechen, „wie das Kind lernt und welche Fortschritte es macht“. Am Ende des Schuljahres fassen die Lehrer der Grundschule die Lernentwicklung jedes Schülers in einem Bericht zusammen, der dann Teil des Zeugnisses ist.

Eine respektvolle Lernumgebung schaffen

Das ist für Schulleiterin Ulrike Kegler eine obligatorische Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfinden kann. Denn wer befürchtet, ausgelacht zu werden, kann nicht lernen. „Die Schüler dürfen nicht beschämt werden“, sagt sie im eingangs verlinkten Video (ab Min. 1:34). Und das sei „eine wirkliche Innovation, dass Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, sie werden respektiert“. Erst aus einer solchen respektvollen Lernumgebung könnten dann auch kreative Handlungsspielräume erwachsen. Diese Erkenntnis ist für alle Lehrkräfte der Schule wegweisend. Sie stehen „nicht mehr gottgleich vor der Klasse“, sagt Lehrerin Monika Peater in der Preisträgerbroschüre des Deutschen Schulpreises 2007 (S. 20). Sie begreifen sich vielmehr als Moderator der eigenständigen Lernprozesse ihrer Schüler, denen sie assistieren anstatt sie zu kritisieren (ebd.).

Rücksicht aufeinander nehmen, das kennzeichnet besonders auch den Umgang der Schüler untereinander. Sie lernen in jahrgangsübergreifenden Gruppen (1-2-3 und 4-5-6) und unterstützen sich gegenseitig. In der Freiarbeitszeit genauso wie im gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf. Die sogenannten „Dörfer“, schulische Lernorte mit einer bestimmten Ausstattung, beheimaten sowohl Grundschüler als auch Jugendliche. Sie lernen zwar in der Regel getrennt, doch gibt es immer wieder Angebote, die die Kleinen und die Großen zusammenführen. Alle übernehmen Verantwortung, für sich selbst und füreinander, und das bedingt auch das angenehme und entspannte Schulklima, in dem sich alle wohlfühlen und gut lernen können.

Martina Niekrawietz

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