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Montessori

Pädagogik, die den Bedürfnissen des Kindes folgt

Hilf mir, es selbst zu tun – und das so, wie ich es brauche. Montessori-Pädagogik rückt das Kind in den Mittelpunkt seines eigenen Lernprozesses und stellt dafür eine Lernumgebung bereit, die viele Möglichkeiten der Entfaltung bietet.

Montessori: Pädagogik, die den Bedürfnissen des Kindes folgt Das Kind wählt selbst, mit welchem Material und Fach es sich gerade beschäftigen möchte © volurol - stock.adobe.com

Zunächst ist wichtig, dass wir klären, um was es hier eigentlich gehen soll. Im Begriffsdschungel wird man nämlich recht schnell orientierungslos und weiß gar nicht mehr, über was wir eigentlich reden wollen. Reden wollen wir nämlich über Montessori-Pädagogik und nicht etwa über „Montessori Schulen“, „Montessori Kindergärten" oder sonstige „Montessori Institutionen“. Diese finden natürlich später Erwähnung, sollen hier nichtsdestotrotz nicht zum Hauptdiskurs werden. Fangen wir an. 

Im Endeffekt ist Montessori-Pädagogik kurz zusammengefasst. Und dazu nehmen wir einmal die Perspektive eines Kindes ein: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Klingt zunächst einmal logisch, was Maria Montessori da zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert hat. Ist es aber nicht – zumindest nicht, wenn man den Zeitgeist beachtet. Der Kerngedanke und das Bahnbrechende, was Frau Montessori hier postuliert, ist nämlich, das Kind in den Fokus zu rücken: Es geht um die Bedürfnisse des Kindes, nicht etwa um die Bedürfnisse und die Anforderungen, die eine (damals streng patriarchalische und disziplinierte) Gesellschaft an ein Individuum stellt. Es geht um das Kind. Didaktisch betrachtet haben wir es also mit einer kleinen Revolution zu tun. 

Das Kind als Individuum steht im Zentrum der Pädagogik

Das Lernen wird in der Montessori-Pädagogik, um dieses Themenfeld soll es hier ja gehen, neu definiert. Während die traditionellen und klassischen Herangehensweisen dem Kind Inhalte präsentieren, die es zu lernen, zu wiederholen, zu verinnerlichen und schließlich anzuwenden hat, so legt Montessori Wert auf drei grundlegende Tendenzen, die sie aufgrund jahrelanger Beobachtung empirisch belegt und die im Folgenden kurz angerissen werden sollen: Selbstbestimmung, das Streben nach Unabhängigkeit und spontane Aktivität. 

Jedes Kind ist ein Individuum mit eigenen Gedanken, eigenen Stärken und eigenen Schwächen. Jedes Kind lernt individuell und möchte sich auf seine ganz bestimmte, eigene Art und Weise ausdrücken. Montessori verfolgt dabei einen „holistischen“ Ansatz: Jedes Kind ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele. Somit kann sich jedes Kind auch nur dann „ideal“ entwickeln, wenn eben diese Einheit beachtet wird. 

Naturgemäß entwickeln sich Kinder zu selbstbestimmten Wesen. Sie haben einen inneren Reiz, von ihrer Umwelt unabhängig zu werden, wollen sich von den Erwachsenen loseisen und ihre eigenen Erfahrungen machen. Sie entdecken ihre Grenzen, fallen hin, scheitern, stehen wieder auf und bestehen. Kinder wollen aktiv sein – und zwar dann, wenn sie es selbst möchten. Ihre Reize sind spontan und eben nicht in ein vorgegebenes Raster zu pressen. Solche Reize können mannigfaltig sein. Manchmal führt ein Reiz zur Unkonzentriertheit, manchmal zur Unlust und manchmal zur Verzweiflung. Reize sind individuell und unterschiedlich. Genau wie Kinder. Hier sei bereits der erste Querverweis auf grundlegende Unterschiede zu Institutionen, die auf Grundlage der Montessori-Pädagogik unterrichten, erlaubt. Kinder passen nicht in ein starres, dogmatisch vorgegebenes Schema F, sondern es sind Individuen, die sich eben individuell entwickeln wollen. Und es kann eben sein, dass das 90 Minuten dauert, 3 Stunden oder eben nur 20 Minuten. Aber nicht mehrere Male 45 Minuten hintereinander am Tag. 

Lernen ermöglichen durch vorbereitete Umgebung für sensible Phasen

Und eben dieses Prinzip wird in der Montessori Pädagogik inkorporiert. Ein wichtiger Grundsatz ist, den Kindern sogenannte „sensible Phasen“ zu ermöglichen. In diesen Phasen sind Kinder – laut Montessori – besonders aufnahmefähig und können Fähigkeiten und Inhalte leichter erwerben. Der Rückschluss ist wichtig: Sind diese Phasen vorüber, so ist auch die Lern- und Aufnahmefähigkeit massiv eingeschränkt und das Kind kann nur noch mit stark erhöhtem Aufwand aufnehmen. Dies führt unter Umständen zu einer Lernangst oder zu Blockaden, die es nach dem Montessori-Prinzip eben unter allen Umständen zu vermeiden gilt. 

Wie muss ich mir das denn nun in der Realität vorstellen? Auch Maria Montessori war klar, dass Kinder nicht einfach draußen im Garten unterm Baume lernen (wobei es auch dort die Möglichkeit gibt). Vielmehr muss Kindern eine sogenannte „vorbereitete Umgebung“ geschaffen werden (und die könnte auch unter einem Baum sein). Damit ist konkret gemeint, dass Kinder Lernumgebungen brauchen, die individuell auf sie zugeschnitten sind. Das heißt nicht, dass Kinder Paläste benötigen oder bei einer Lerngruppe aus 20 Kindern 20 verschiedene Häuser gebraucht werden. Es soll vielmehr bedeuten, dass Kinder sich auch auf kleinem Raum frei entfalten dürfen (siehe Selbstbestimmung). 

Ihnen wird eine Auswahl an zu erwerbenden Fähigkeiten und Inhalten geboten, aus denen sie frei wählen dürfen. Sie können ihrem Streben nach Unabhängigkeit nachkommen und sich selbst entfalten. So dürfen sie z. B. ihre Lernumgebung selbstständig gestalten. Dies kann sich in Form von Arbeitsplatzgestaltung oder aber auch in Form von individueller Entfaltung darstellen. Jeder weiß, dass der Arbeitsplatz etwas ist, an dem man sich wohlfühlen sollte. Und nicht jedes Kind fühlt sich an seinem kargen Platz, der genauso aussieht wie die anderen 30 Plätze, wohl. Dieses Prinzip wird auch in Nicht-Montessori-Institutionen angewendet – immer spätestens dann, wenn man sich an die Klassenraumverschönerung macht. Kinder können so ihrem Arbeitsplatz z. B. eigene Bilder, Poster oder sonstige individuelle Noten verleihen, um sich wohler zu fühlen und, nach Montessori-Intension, effizienter und effektiver lernen. 

Lerninhalte selbstständig einteilen

Ebenso gehört zur individuellen Entfaltung auch das selbstständige Einteilen von Lerninhalten. Dies soll z. B. bedeuten, dass der Lehrer nicht „einfach“ (bemerkt sei hier, dass die Gänsefüßchen mit Absicht gesetzt sind: „einfach“ dient hier lediglich der Veranschaulichung) ihren Lernstoff in den verschiedenen Fächern abspulen, sondern dass Kinder sich selbst überlegen dürfen, was sie gerade lernen wollen. Vielleicht hat Kind A um 11 Uhr morgens eher Lust auf Mathe, Kind B aber möchte lieber Englisch lernen. Montessori-Pädagogik verfolgt den Ansatz, dass Kinder in den Fokus des Lernens geraten und nicht das „Abklappern“ des Lernstoffes. Und dieser, dies sei nebenbei bemerkt, soll nicht in den Hintergrund rücken, sondern auch Montessori-Institutionen haben Curricula, die die Lerninhalte eines Schuljahres abdecken und darstellen. 

Abschließend sei nun der Kommentar erlaubt, dass jeder für sich entscheiden muss, ob er mit dieser Art pädagogischen Handelns zurechtkommt. Unbestritten ist, dass Maria Montessoris empirische Beobachtungen auch heute noch Geltung haben und viele ihrer Rückschlüsse nicht von der Hand zu weisen sind. Ob und wie man diese Erkenntnisse in die Didaktik und in das aktive Schulleben einbaut, bleibt eine offene Diskussion, in der es verschiedene – jeweils nachvollziehbare – Standpunkte gibt. D’accord gehen kann man aber wohl in dem Punkt, dass die Neuerungen, die durch diesen Ansatz ihren Weg in die Erziehung junger Menschen gefunden haben, bahnbrechend und revolutionär waren und auch heute noch ihre Aktualität verteidigen können. Das Kind soll zum „Bildner“ seiner eigenen Persönlichkeit werden und es ist eben nicht der Lehrer oder der Erzieher, der diese Aufgabe übernimmt. Vielleicht nimmt man diese letzte Erkenntnis mit und versucht hin und wieder, sie in seinen Lehralltag einzubauen.

Tim Heidemann

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