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Personale Kompetenz

Früh die Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern

Bereits in der Grundschule spielt die Förderung der personalen Kompetenz im Rahmen des kompetenzorientierten Unterrichts eine wichtige Rolle. Dafür sollte der Unterricht so gestaltet sein, dass jeder Schüler von Anbeginn an seine Soft Skills weiterentwickeln kann.

Personale Kompetenz: Früh die Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern Wenn zwei das Gleiche tun, ist es dennoch beim Skateboard-Fahren ein unterschiedlicher Lernprozess © nuzza11 - Fotolia.com

Der Lehrerfortbildungsserver des Landes Baden-Württemberg unterteilt die personale Kompetenz in neun Kategorien, bei der jede für sich schon einen großen Raum für Diskussionen bietet. Auch Gewichtung und Reihenfolge der Kategorien sind sicher je nach Unterrichtsfach, Methode oder Unterrichtsinhalt unterschiedlich zu sehen. 
Die neun Kategorien sind Motivation, Leistungsbereitschaft, Selbstwahrnehmung, Selbsteinschätzung, Selbstvertrauen, Wagen und Verantworten, Teamfähigkeit, Toleranz und Kreativität.

Motivation bezeugen die Lernenden, wenn sie Neugierde zeigen, sich Neuem gegenüber aufgeschlossen verhalten und Freude am Tun erkennen lassen. Dass sie zur Leistung bereit sind, zeigen sie mit Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen. Die Selbstwahrnehmung ist sicherlich ein Faktor, der vor allem im Sportunterricht relevant ist. Kann der Lernende seinen Körper wahrnehmen, kann er sich selbst und seinen Körper akzeptieren? Der Aspekt der Akzeptanz scheint in der Grundschule nicht die Relevanz zu haben wie in der Sekundarstufe, vor allem bei Pubertierenden. 

Teamfähigkeit durch Selbsteinschätzung und Toleranz

Zwei in der Grundschule sehr bedeutsame Aspekte sind jedoch die Selbsteinschätzung und das Selbstvertrauen. Die Lernenden sollen ihr eigenes Tun reflektieren, realistisch einschätzen und entsprechend handeln. Dazu gehört auch, Erfolge und Misserfolge wahrzunehmen und damit umgehen zu können. 

Das Wagen und Verantworten bedeutet, dass Risiken erkannt und bewusst eingeschätzt werden können. Der Lernende soll Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen. 
Eine vom Beginn des ersten Schuljahres zu übende personale Kompetenz ist die Teamfähigkeit. Die Schüler müssen lernen, sich je nach Situation in eine Gruppe einzufügen oder diese anzuführen, je nach Bedarf. Hier kommt auch der nächste Punkt, die Toleranz, zum Tragen. Nur wer andere akzeptiert, ist teamfähig.  

Die Kreativität ist nicht nur in den künstlerisch-musischen Fächern gefragt, vor allem im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich ist die kreative Lösungsfindung von großer Bedeutung (vgl. ebenda). 

Das große Feld der personalen Kompetenzen zeigt schon, dass sie unmöglich immer parallel gefordert sein können. Ebenso wenig können sie in den vier Grundschuljahren bei allen Kindern zur gleichen Zeit gleich entwickelt sein. Hier stellen sich mehrere Fragen: Welche persönlichen Dispositionen führen zu einer positiven Kompetenzerweiterung? Welche Beiträge können der Unterricht und das Unterrichtssetting dazu leisten? Und vor allem: Welche Fächer können welche Aspekte der personalen Kompetenz besonders gut fördern? 

Gleicher Inhalt, aber jeder Schüler lernt etwas anderes

Betrachten wir zunächst die persönlichen Dispositionen, also die Persönlichkeitseigenschaften der Lernenden. Schon die Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Rolf Oerter und Prof. Dr. Leo Montada machten sich Gedanken über den Aspekt der personalen Merkmale als Faktor in individuellen Entwicklungsverläufen (vgl.: Oerter/Montade: Entwicklungspsychologie, Weinheim 1987, S. 53 ff.). Laut Oerter/Montada bestimmen die jeweils gegebenen personalen Merkmale (Motive, Interessen, Kompetenzen, Wissen, Einstellungen usw.) das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat (Selbstbild). Zusammen mit den gemachten Erfahrungen ergibt sich die Basis für die weitere Entwicklung. Daraus ist zu folgern, dass jeder Schüler bei gleichem Lernsetting aufgrund der personalen Merkmale etwas anderes lernt. 

Nehmen wir hierzu ein Beispiel. Wir haben zwei Kinder in einem dritten Grundschuljahr. Das eine Kind ist ein Einzelkind, welches überbehütet aufwächst, immer mit der Mahnung aufzupassen, dass ihm nichts zustößt. Das andere Kind hat zwei ältere Geschwister. Die beiden sollen in Partnerarbeit das Waveboard fahren erlernen. Was ist zu vermuten? Das Einzelkind steht der Sache skeptisch gegenüber, da man sich sicher verletzten kann und kein Erwachsener ihm bei dem Erlernen dieser neuen Sache hilft. Das jüngste Geschwisterkind freut sich, dass es endlich einmal etwas ohne seine Geschwister ausprobieren kann. Wahrscheinlich lässt das Einzelkind auch zuerst einmal den Partner auf das Sportgerät, um sich dessen Erfolge und Misserfolge anzuschauen und daraus zu lernen. Beide Schüler können am Ende der Stunde Waveboard fahren. 

Je früher der Kompetenzerwerb, desto besser

Welche personalen Kompetenzen sind nun bei unseren beiden Schülern erweitert worden? Unser Einzelkind hat erfahren, dass es durchaus mehr Selbstvertrauen haben kann, als es von zu Hause erzählt bekommt. Es hat seine Teamfähigkeit geschult und etwas gewagt. Unser anderer Schüler hat bei dem einen oder anderen Sturz gelernt, dass die Selbsteinschätzung vielleicht anfangs etwas zu hoch war, dass er seinem ängstlichen Mitschüler gegenüber tolerant sein muss und dass er auch ohne seine Geschwister auf kreative Lösungen eines Problems kommen kann. Beide haben in der Schulstunde dieselbe Tätigkeit ausgeübt, in der gleichen Sozialform im gleichen Lernsetting und trotzdem ist der Kompetenzzuwachs bei beiden völlig unterschiedlich. 

Tragen wir dieser Tatsache wirklich immer Rechnung in unserer Unterrichtsplanung? — Dies mag nur ein Beispiel aus dem Sportunterricht sein. Aber ist es nicht in den anderen Unterrichtsfächern genauso? Trägt der kompetenzorientierte Unterricht dem Rechnung?
Wie muss also kompetenzorientierter Unterricht in der Grundschule aussehen, damit die Lernenden einen Zuwachs in der personalen Kompetenz erreichen können? Die oben beschriebenen Aspekte der personalen Kompetenz sind die neudeutschen Soft Skills, die inzwischen jeder Arbeitsgeber bei Einstellungsgesprächen oder Assessments überprüft. Diese Tatsache ist für den Grundschüler zunächst einmal nicht relevant, jedoch ist unbestritten, dass je früher eine Kompetenz geschult wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass diese sich verfestigt.

Der Lehrerfortbildungsserver des Landes Baden-Württemberg stellt auf seiner Seite zwölf Elemente des kompetenzorientierten Unterrichts vor. Diese sollen Leitfragen und Hilfestellung für den Lehrenden zur Planung und Reflexion von kompetenzorientiertem Unterricht sein. Die zwölf Elemente des kompetenzorientierten Unterrichts sind Schülerorientierung, Problemorientierung, Konstruktion und Instruktion, Selbstorganisation, Differenzierung, Methoden- und Handlungsorientierung, Diagnose, Individualisierung, Prozess- und Zielorientierung, Performanzorientierung, exemplarisches Lernen und Reflexionsorientierung. 

Am Anfang steht die Lernstandsdiagnose

Bei der Schülerorientierung sollte der Lehrer beachten, dass die Methodik und Thematik sich am Vorwissen der Lernenden orientiert. Wichtig ist auch, dass die Lernenden die Problemstellung selbst entdecken. Schon von Beginn an sollte der Lerngegenstand ein Aspekt der Planung sein. Gibt es ein konkretes Beispiel, das sich zum Kompetenzerwerb eignet? Auch der Umfang der didaktischen Reduktion darf nicht außer Acht gelassen werden. 

Bei der Unterrichtsorganisation ist es für den Lehrer wichtig zu bedenken, dass schüleraktivierende Unterrichtsformen im Vordergrund stehen müssen. Können sich die Schüler ihre Lernprozesse selbst organisieren? Um allen Lernenden gerecht zu werden, muss das Lernen so gestaltet werden, dass eine Binnendifferenzierung möglich ist. Sind die zu erreichenden Kompetenzniveaus vorab geklärt und liegen die Arbeitsaufträge in verschiedenen Lernniveaus vor?

Zum Ablauf des kompetenzorientierten Unterrichts gehört, dass die gewählten Methoden sowohl den Erwerb von Fachkompetenzen als auch von sozialen Kompetenzen und personalen Kompetenzen unterstützen. Hier ist zu berücksichtigen, dass verschiedene Lernwege angeboten werden und dass der Lernende zeitliche und inhaltliche Freiräume in seinem Lernprozess hat. 

Eine Bedingung für das Gelingen ist die Diagnose, die in Form einer differenzierten Kompetenzüberprüfung stattfinden muss. Optimal auch als Lernstandsdiagnose zu Beginn der Einheit. Wichtig ist zu überprüfen, dass die zu erreichenden Kompetenzen durch Wiederholung gefestigt werden, dazu ist es notwendig vom Ziel aus zu planen. 

Der Lernende muss die Möglichkeit haben, seine erworbenen Kompetenzen zu zeigen. Das setzt voraus, dass der Lernprozess in ein auswertbares Lernprodukt mündet. Eine der wichtigsten Leitfragen jedoch ist die Frage danach, ob der Lernprozess reflektiert und der Kompetenzerwerb kritisch überprüft wird. Unerlässlich ist hierbei eine individuelle Rückmeldung des Lernprozesses.

Die zwölf Elemente des kompetenzorientierten Unterrichts

Welche der zwölf Elemente des kompetenzorientierten Unterrichts fördern jedoch den Zuwachs der personalen Kompetenz? Betrachten wir die Elemente einmal genauer. Für die Selbstorganisation des Lernprozesses ist es notwendig, dass der Lernende sich selbst einschätzen kann, er muss motiviert sein und Selbstvertrauen haben. Um die — im gut geplanten Unterricht enthaltenen — Freiräume nutzen zu können, muss der Lernende teamfähig und leistungsbereit sein und etwas wagen wollen. Je nach Unterrichtsfach kommt noch die Lösungskreativität ins Spiel. Bei der Performanz- und Reflexionsorientierung sind ebenfalls personale Kompetenzen gefordert. Der Lernende muss das Selbstvertrauen haben, sein Lernergebnis zu präsentieren. Unabdingbar bei der Reflexion im kompetenzorientierten Unterricht ist die Selbsteinschätzung und die Toleranz, sich das Feedback anderer anzuhören und anzunehmen. 

Also ist festzustellen, dass viele Elemente des kompetenzorientierten Unterrichts geradezu auf die Erweiterung der personalen Kompetenzen angewiesen sind oder, anders herum gesehen, diese in besonderer Weise befördern. Natürlich wird auch hier jeder Schüler nach Disposition und Vorerfahrung andere Kompetenzen erweitern oder festigen. Es ist jedoch unbestritten, dass eine Kompetenzerweiterung für alle Lernenden stattfindet. 

Jedes Fach leistet einen wichtigen Beitrag

Bleibt die Frage, ob es Unterschiede in den verschiedenen Fächern in der Grundschule gibt. Die gibt es unbestreitbar. Sicherlich ist der Sportunterricht elementar für das Erlernen der Teamfähigkeit und damit für eine der wichtigsten personalen Kompetenzen. Im Mathematikunterricht und im entdeckenden Sachunterricht ist besonders die Kreativität bei Problemlösungen von großer Bedeutung. Im Deutschunterricht und im Sachunterricht kommen bei Buchvorstellungen oder Präsentationen die Selbsteinschätzung und Toleranz, die Meinung anderer anzunehmen, zum Tragen. Die Beispiele hier könnten endlos weitergeführt werden, welche Fächer für welchen Aspekt der personalen Kompetenz federführend sein könnten. 

Es ist jedoch egal, in welchem Unterrichtsfach welche personale Kompetenz am einfachsten zu fördern ist. Wichtig ist, dass jedes Unterrichtsfach in einem kompetenzorientierten Unterricht seinen Beitrag zur Erweiterung aller Kompetenzen leisten kann und muss.

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