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Projektunterricht

Wie Lehrer und Schüler gemeinsam ein Projekt starten

Als es im Unterricht um den „Wald“ ging, entdeckten die Grundschüler ihr Interesse für das Projektthema „Papier“. Die Lehrkräfte nahmen die Idee auf und konzipierten daraus ein Projekt für 80 Schüler. Ein Beispiel für Projektunterricht, der sich an den Interessen der Schüler orientiert.

Projektunterricht: Wie Lehrer und Schüler gemeinsam ein Projekt starten Das aus einem solchen Baum einmal Papier werden kann, ist für Schüler schon erstaunlich © Oksana Mizina/Shutterstock.com

Wer von Projektarbeit in der Grundschule spricht, sollte zuerst einmal klären, was Projektarbeit ist und welche Gelingensbedingungen beachtet werden müssen. Laut dem Bildungsserver des Landes Berlin-Brandenburg hat Projektarbeit zum Ziel, Leben, Lernen und Arbeiten so zu verknüpfen, dass ein wichtiges und den Interessen der Beteiligten entgegenkommendes Problem gemeinsam bearbeitet und zu einem Ergebnis geführt wird. Hierbei sollen die Schüler lernen, Arbeits- und Lernprozesse zunehmend selbstständig zeitlich wie inhaltlich zu organisieren und zu strukturieren.

Projektunterricht ist keine einzelne Methode, sondern setzt sich aus einer Vielzahl von Methoden zusammen. Wichtigstes Merkmal ist die Verbindung von theoretischer Erkenntnis und praktischem Tun. Im Projektunterricht wird „etwas gemacht“.

Es gibt, eingeteilt nach Herbert Gudjons, 10 Merkmale für den Projektunterricht: Situationsbezug und Lebensweltorientierung, Orientierung an den Interessen der Beteiligten, Selbstorganisation und Selbstverantwortung, gesellschaftliche Praxisrelevanz, zielgerichtete Projektplanung, Produktorientierung, Einbeziehung vieler Sinne, soziales Lernen, Interdisziplinarität und Grenzen. Diese Merkmale sollten, wenn man Projektarbeit im Sinne Deweys durchführen will, eingehalten werden. Was jedoch in der alltäglichen Praxis nicht immer so umsetzbar ist.

Lehrer orientieren sich am Wunschthema der Schüler

Die Projektarbeit, die ich hier vorstelle, ist im ganz klassischen Sinne von den Schülern gekommen. Die Schüler der Jahrgangsstufe 3 hatten im Sachunterricht die Einheit „Wald“ durchgenommen. Schwerpunkte waren dort die Pflanzen- und Tierwelt des Waldes, der Nahrungskreislauf, der Wald als Lebensraum und die Stockwerke des Waldes.

Als am Ende der Einheit noch der Wald als Lieferant für die Menschen vorgestellt wurde, wurden die Schüler hellhörig. Auf einmal war ihr Interesse geweckt und sie waren fasziniert davon, dass Papier aus Bäumen hergestellt wird. Der Wunsch entstand, sich mehr mit dem Thema „Papier“ zu beschäftigen. Doch wie es an vielen Schulen aufgrund der wenigen Zeit und der vollen Curricula passiert, gab es im laufenden Schuljahr keine Zeit mehr.  Die Kinder mussten deshalb ein wenig vertröstet werden. Die Kollegen hatten jedoch im Hinterkopf, dass in zeitlich kurzem Abstand die Europaprojekttage anstanden, an denen wir als Europaschule jährlich teilnehmen. Das vorgegebene Großthema war „Umwelt“. Vorgegeben war ebenfalls der Zeitraum von drei Tagen, an denen gemeinsam gearbeitet werden sollte.

Projektunterricht ermöglicht interdisziplinäres Arbeiten

Die Kolleginnen beschlossen daraufhin, den Wunsch der Kinder zum Anlass zu nehmen und das Thema jahrgangsübergreifend und interdisziplinär aufzugreifen. Jede Kollegin brachte sich mit ihrem speziellen Fachgebiet in die Planung ein. Eigentlich soll die Planung in einem reinen Projektunterricht mit allen Beteiligten stattfinden, dies war jedoch bei der Anzahl von über 80 Kindern leider nicht durchführbar.

Die Kolleginnen brachten ihr Fachwissen aus den Gebieten des Sachunterrichts, Kunstunterrichts und dem Fach Deutsch ein, somit war der Anspruch an die Interdisziplinarität gegeben. Die Kinder bearbeiteten in der Projektzeit die verschiedenen Stationen, die die Kolleginnen vorbereitet hatten.

Eine Gruppe schöpfte Papier, um so den Herstellungsprozess nachvollziehen zu können, eine andere stellte aus Papier Schmuck her. Die nächste Gruppe kümmerte sich um selbst hergestellte Grußkarten.  Eine weitere Gruppe bearbeitete die fachliche Grundlage: Wie wird der Wald bewirtschaftet? Welchen Weg nehmen die gefällten Bäume bis hin zum Papier? Am letzten Morgen gingen die Kinder, die mit ihren Produkten für die Präsentation fertig waren, mit einem Waldpädagogen in den Wald, um dort den „Rohstoff“ Baum näher kennenzulernen und zu erkunden.

Projektarbeit im Rahmen  des Möglichen

Die geforderten Merkmale soziales Lernen, die Einbeziehung vieler Sinne und die Produktorientierung kamen voll zum Tragen. Einzig die Selbstorganisation und die gemeinsame Projektplanung konnten aufgrund der bereits genannten Gründe nicht eingehalten werden.

Auch wenn die vorgestellte Projektarbeit nicht in allen zehn Kriterien der Projektarbeit nach Dewey entsprach, ist eine solche Projektarbeit dem klassischen Unterricht vorzuziehen, denn sie beruht auf dem Interesse und den Wünschen der Kinder, zu einem Thema zu arbeiten, das sie handelnd erfahren können.  

Die Schüler haben in den drei Tagen Projektunterricht mehr über die Herstellung von Papier, den Werkstoff Papier und seine Einsatzmöglichkeiten gelernt, als sie es in einem klassischen, lehrwerkgestützten Unterricht getan hätten. Daher sollten Lehrer immer überprüfen, ob eine Projektarbeit nicht im Rahmen des Möglichen ist. Auch ohne Projekttage oder Projektwoche ist eine kurzfristige Veränderung der Lernstruktur lohnend, wenn das entsprechende Interesse der Lernenden geweckt ist.

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