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Sozialkompetenz

Vom Streit zur konstruktiven Lösung

Im Streitfall konstruktiv und konfliktfähig sein zu können, ist eine wichtige Kompetenz. Sie kann durch Vorübungen und Rollenspiele trainiert werden. Das Verständnis der Gefühle und Beweggründe der Mitschüler spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Kenntnis von effektiven Streitlösungen.

Sozialkompetenz: Vom Streit zur konstruktiven Lösung Die Schüler müssen lernen, dass körperliche Auseinandersetzungen selten einen Konflikt beenden können © mizina - Fotolia.com

„Aber ich habe ihn nur ganz leicht geschubst“, protestiert Kevin. „Gar nicht wahr, du hast mich richtig umgehauen!“, widerspricht Luca. Was für den einen Schüler „nur“ ein Spaß war, nimmt ein anderer Schüler schnell als körperlichen Angriff wahr. Da das individuelle Empfinden zu Streits unterschiedlich ist, müssen hier Absprachen getroffen werden, sodass die Schüler sich gegenseitig besser einschätzen und mehr Rücksicht aufeinander nehmen können. Neben einem handgreiflichen Streit gibt es die verbale Gewalt. Um die Unterschiede und die Grenzen für Schüler und Lehrer abzustecken, bietet sich hier die Streitpyramide an. 

Streitpyramide als Gewaltbarometer

Dazu sollen die Schüler der Klasse verschiedene Wortkarten in eine Pyramide einsortieren. Wortkarten, die in der Spitze der Pyramide liegen, symbolisieren einen niedrigeren Grad an Gewalt, Wörter am Fuß der Pyramide einen höheren Gewaltanteil. Wörter wie „auslachen, anschreien, petzen, hauen, ohrfeigen, bedrohen, treten, beschimpfen, ärgern, lästern, auslachen, antippen, bespucken“ etc. werden nun von den Schülern einsortiert und sicher entstehen schnell Unstimmigkeiten. Im Gespräch wird geklärt, warum für einige Schüler beispielsweise „auslachen und lästern“ schlimmer ist als für andere, warum verbale Aktionen wie „anschreien und beschimpfen“ ebenso heftig sein können wie die körperlichen Aktionen „treten und ohrfeigen“. 

Im Anschluss thematisiert der Lehrer die unterschiedlichen Empfindungen der Schüler und macht die Kinder der Klasse auf diese Weise sensibel für die Individualität jedes einzelnen. Den Schülern wird klar, dass sie bereits ungewollt eine Streitsituation herbeiführen können und daher sensibler auf die Signale des Gegenübers achten müssen. Die „Stopp“-Hand und das laute Aussprechen von „Stopp“ können hierbei unterstützen.

Was mich wütend macht

Weiterhin ist es für Absprachen in der Klasse wichtig zu wissen, welche Gründe es für Wut und Ärger gibt. Eine Mindmap zum Beispiel klärt die Schüler der Klasse über ihre Motive auf. Genannt wird hier in der Regel: sich ausgeschlossen fühlen, nicht mitmachen dürfen, eifersüchtig sein, anerkannt werden wollen, geärgert werden, gehänselt werden, nicht allein mit einer Freundin/einem Freund spielen können, nicht so gute Leistungen zu  erbringen, Ärger zu Hause etc. Auch durch diese Themensammlung wird den Schülern bewusst, welche Gefühle und Beweggründe Streit auslösen können. Oftmals ist der eskalierende Streit nur die Spitze eines Eisbergs.

In Rollenspielen können die Schüler an Streitlösungen herangeführt werden. Werden Ideen aus der Streitauslöser-Themensammlung vor der Klasse gespielt, kann an der höchsten Eskalationsstufe gestoppt werden. Die Schüler entwickeln dann Ideen, wie der Streit beendet werden kann. Wird ein Kind beispielsweise aus einer Gruppe ausgeschlossen, kann das gemeinsame Spiel oder wechselweises Spielen mehrerer Gruppenteilnehmer überlegt werden. Ärgern Schüler einen Mitschüler können sie sich per Brief, gemeinsamer Spielzeit oder durch eine gute Tat wie Stuhl hochstellen, Jacke aufhängen oder ähnliches entschuldigen. Mischt sich ein Kind ein, kann ihm dies durch das „Stopp“-Zeichen symbolisiert werden. Hört es nicht auf, kann eine Auszeit in der nächsten Pause hilfreich sein. 

Was ich in akuten Streitsituationen tun kann

Manche Schüler brausen im Streit heftig auf. Bevor es zu verbalen oder körperlichen Übergriffen kommt, können hier im Vorfeld Tipps zur Beruhigung gesammelt werden. Zu dieser Sammlung könnten diese Dinge zählen: bis zehn zählen, die Hand in der Tasche zur Faust ballen, sich den anderen in einer Achterbahn vorstellen, auf die Zähne beißen, an etwas Schönes denken oder einfach weggehen. Für den Fall des Rückzugs sollten die Schüler wissen, dass sie nach Mitteilung an einen Klassenkameraden beispielsweise zur Toilette, in einen bestimmten Raum oder den Klassenraum gehen können, um sich zu beruhigen. Einige Schulen haben neben den Lehrern noch einen Vertrauenslehrer oder Streitschlichter, an die sich Schüler im akuten Streitfall wenden können. 

Ich-Botschaften zur Deeskalation

Eine weitere vorbeugende oder deeskalierende Methode für den Streitfall ist der Gebrauch von Ich-Botschaften, die speziell eingeübt werden können. Dazu verwenden die Schüler in einem Streitfall, beispielsweise beim Ausschluss aus einer Gruppe, folgende Ich-Botschaft: „Ich möchte nicht, dass ihr mich ausschließt und immer alleine spielt. Ich möchte auch mitspielen!“ Dies kommt besser an und führt effektiver zum Ziel als beispielsweise die oft gebräuchlichen Schuldzuweisungen in Wutsätzen wie: „Immer spielt ihr allein. Ihr lasst mich nie mitspielen. Ihr seid echt blöd!“ Für den Einsatz im Streitfall muss diese Umkehrung der Sätze zuvor in Rollenspielen geübt werden.

Wieder wird eine Streitsituation vorgespielt. Im entscheidenden Moment sollen die Schüler nun eine entsprechende Ich-Botschaft formulieren. Wenn alle Schüler solche Ich-Botschaften einüben, können sie durch ihre Wunschformulierungen und das Aussprechen ihrer Gefühle zur Deeskalation und einer friedlichen Lösung des entstandenen Streits beitragen. 

Unterstützung im Streitfall und Prävention

Kommen die Schüler trotz der vorbeugenden Maßnahmen, wie Gefühle in Ich-Botschaften äußern, sich beruhigen im Streitfall und miteinander ruhig nach kreativen Lösungen suchen, nicht weiter, ist oft die Hilfe durch einen Mediator oder Streitschlichter angezeigt. Dieser kann die Hintergründe aufdecken und unparteiisch eine Lösung herbeiführen. Alternativ kann der Streit in der Klasse vorgespielt werden. Die Mitschüler können Lösungen beitragen, die die Streitenden annehmen können.

Um das Streitklima in der Klasse zu verbessern, können die Schüler abschließend ihre Meinung zum Streitverhalten in der Klasse äußern: freundlicher Umgang, verbale und körperliche Gewalt. Sie formulieren Lösungen für ungeklärte Probleme und treffen eine Zielvereinbarung innerhalb der Klasse. Diese Zielvereinbarung, beispielsweise „wir ärgern keinen Mitschüler“, kann für einen Zeitraum verbindlich umgesetzt und zu einem bestimmten Zeitpunkt überprüft werden. Haben sich alle Schüler daran gehalten, werden sie durch ein positives gemeinsames Erlebnis belohnt.

Marion Keil

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