Fach/Thema/Bereich wählen
Referendare

Die Angst vor Bewertung

Als Lehrer bewertet man die Leistungen der Schüler. Doch auch die eigene Leistungsqualität steht — besonders bei Referendaren — auf dem Prüfstand. Das erzeugt häufig Ängste. Wer sie kennt, gewinnt Souveränität.

Referendare: Die Angst vor Bewertung Wer sich gut vorbereitet und sich mit seinen Ängsten auseinandersetzt, kann gelassener mit Prüfungssituationen umgehen © vadymvdrobot - Fotolia.com

Wenn die eigene Arbeitsleistung als Referendar überprüft werden soll, ist die Beunruhigung häufig sehr groß und es stellen sich Fragen wie: Werde ich den Anforderungen gerecht? Was wird eigentlich bewertet? Lässt sich Qualität messen? Bewertet der Prüfer gerecht — und wie gehe ich mit dem Urteil um?

In den meisten Fällen lösen Prüfungen sowohl in der Vorbereitungszeit als auch in der akuten Prüfungssituation ein ängstlich-nervöses Spannungsgefühl aus, das teilweise auch während der Prüfung anhält.

Solche Anspannungen und Befürchtungen sind hinsichtlich ihrer Intensität, der Inhalte und der Art unterschiedlich ausgeprägt: Manche Menschen fühlen sich nur leicht angespannt und erleben diese Anspannung als Ansporn, ihr Bestes zu geben (Fehm und Fydrich 2011, S. 1). Sie erleben es als erfüllend, zu zeigen, was sie können. Der zu erwartenden Bewertung durch Dritte stellen sie eine durchdachte Selbstbewertung des eigenen Könnens entgegen  (Immunisierung gegen Ängste). Die Prüfung gleicht in ihren Augen einer öffentlichen Krönung. Sie erleben sich als glücklich, weil sie sich sicher  sind, für ihr „bestes“ Handeln eine Anerkennung zu erfahren, die sie sich längst selbst zugebilligt haben (Csikszentmihalyi 2014, S. 56).

Sicherheit durch gute Vorbereitung gewinnen

Die Motivation für ihr Handeln liegt in ihrem Handeln selbst. „Leistungshandeln ist dann intrinsisch motiviert, wenn das Endziel das angestrebte Leistungsergebnis ist und nicht Konsequenzen, die sich aus der erbrachten Leistung ergeben, oder wenn die Erfahrung der erfolgreichen Leistung das Gefühl der eigenen Tüchtigkeit gibt und dieses angestrebt wird. Wesentliche Faktoren für intrinsisch motiviertes Handeln sind  Selbstbestimmung sowie das Erleben der eigenen Kompetenz (Kirchler und Walenta 2010, S. 13).

Das persönliche Gefühl der Sicherheit in der anstehenden Prüfung kann erhöht werden, wenn zuvor das eigene Wissen durchdacht und anhand eigener Kriterien überprüft wurde. Dieses Vorgehen erhöht die eigene Souveränität. Auf der Basis der eigenen Souveränität (Wissen und Können zum aktuellen Zeitpunkt) ist es oft leichter einen Prüfer zu akzeptieren.

Wohlwollende Prüfer nehmen diese Haltung wahr und honorieren sie, wenn sie selbst über genügend Souveränität verfügen und andere Menschen mit ihren Fähigkeiten gelten lassen. Prüfer nehmen in solchen Momenten manchmal eine erkundende Haltung ein, die durch das aufrichtige Interesse an dem Menschen vor ihnen  und seinen Ideen charakterisiert ist (Plate 2013, S. 176). Und für einen Augenblick — so scheint es — ist die Hierarchie der Prüfungssituation aufgehoben. Prüfer und Prüfling stehen einander auf Augenhöhe gegenüber.

Die Verantwortung für das Gelingen einer Prüfung liegt auch beim Prüfer: wahrzunehmen und anzusprechen, was sich auch hinter der aktuellen Präsentation des zu Prüfenden an Fähigkeiten und Können verbirgt und diesem den ihm angemessenen Raum zu geben (Verantwortung des Prüfers).

Literatur zum Thema:

Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit. Hamburg 2007

Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. Frankfurt am Main2015

Mihaly Csikszentmihalyi: Flow im Beruf: Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Stuttgart 2014

Lydia Fehm / Thomas Fydrich: Prüfungsangst. Göttingen 2011

Erika Lützner-Lay: Trauma und Resilienz in Beratung und Therapie. Wie die Schatten unserer Geschichte uns begleiten und die Lebenskraft uns trägt. Wiesbaden 2016

Erich Kirchler / Christa Walenta: Motivation. UTB Profile. Wien 2010

Robert Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Frankfurt am Main 1978

Markus Plate: Grundlagen der Kommunikation. Gespräche effektiv gestalten. Göttingen 2013

Sich durch Ängste und Befürchtungen nicht  blockieren lassen

Manche Menschen durchleben schon Wochen vor der eigentlichen Prüfung Zeiten der Unruhe und Ängste, die mit Konzentrationsproblemen, somatischen Beschwerden und Schlaflosigkeit einhergehen. Der Prüfungsstress erhöht sich, wenn der Prüfung eine existenzielle Bedeutung beigemessen wird. Die Überprüfung einer zu erbringenden Leistung kann dann schnell als Bewertung oder gar als befürchtete Abwertung der eigenen Person angesehen werden. Auch irrationale Überzeugungen („Ich muss zu jeder Zeit alles Wissen beherrschen und anwenden können.“) lähmen die Verfügbarkeit des vorhandenen Wissens.

Die Darlegung des eigenen Wissens kann durch die Befürchtung eingeengt werden, den Ansprüchen der Prüfer nicht zu entsprechen. Die tatsächlichen Ansprüche des Prüfers sind dabei oft nicht genau bekannt, sodass die Prüfung mit einem Suchprozess der Anpassung an vermutete, aber nicht sicher bekannte Ansprüche einhergeht. Die Anpassung führt dabei weg von der eigenen Person, den eigenen Fähigkeiten, der eigenen Würde.

Bei einer mangelhaften Vorbereitung ließe sich auch von der Furcht sprechen, dass eine mit Verachtung zu fahndende Verfehlung entlarvt werde und eine schützende Fassade zusammenbricht, die eine tiefe Scham auslöst. Ans Licht gezerrt würde der Makel des Versagens. Makel jedoch ist keine Kategorie des Tatsächlichen. Der Makel ist eine bewertende Kategorie des abwertenden Urteils (Bieri 2015, S. 162) durch Dritte. Das partielle Nicht-Wissen in einer Prüfung kann auch anders gewertet werden („Im Grunde weiß sie alles. Ihr Nichtwissen an diesem einen Punkt ist nicht ihr, sondern anderen Umständen wie Ihrer momentanen Aufgeregtheit zuzuschreiben“).

Es kommt auch auf die Souveränität des Prüfers an

Mit einher schwingt die Angst vor einer ungerechten Bewertung, verbunden mit der Angst, dieser ungerechten Bewertung hilflos ausgesetzt zu sein und diese hinnehmen zu müssen. Dieses „Aushalten“ kostet Kraft, die die kognitive Leistungsfähigkeit herabsetzt. Kraft kostet es, sich gegen das „Niedergedrückt werden“ in der Prüfung aufrecht zu halten. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Prüfer verdeckt oder offen ihre Machtposition dazu missbrauchen, um Menschen in der Prüfung bewusst scheitern zu lassen.

In manchen Fällen besteht eine versteckte Konkurrenz zwischen Mitgliedern von Prüfungskommissionen oder Prüfer sind selbst in Hierarchien eingebunden.

Ein Beispiel: In einer Prüfung äußerte sich ein Referendar kritisch über ein Buch eines anerkannten Pädagogen. In einer brillanten und durchdachten Analyse formulierte er seine Gedanken. Einen weiteren Autor zitierte er etwas unkorrekt. Ein souveräner Prüfer erfreute sich an der freien Gedankenführung und bewertete die Prüfung als sehr gut. Ein weiterer Prüfer verwies auf das unkorrekte Zitat und bewertete die Ausführungen als zu theoretisch und bemängelte den Referendar als zu weitschweifend und praxisfern. Beide Prüfer befanden sich dabei in einer deutlich spürbaren Konkurrenz.

Gute Beziehungen zu den Schülern tragen

Eine gründliche didaktische Vorbereitung einer Prüfungsstunde kann Sicherheit für die Planung vermitteln, gleichwohl spielen in die konkrete Situation eine Reihe von Faktoren hinein, die das Gelingen einer praktischen Prüfung beeinträchtigen können.

Ein Lehrer kann in ausgezeichneter Weise Wissen vermitteln und damit sicherlich zeigen, wie klar er seine Pläne umsetzen kann. Dies mag als sichtbarer Teil seiner Fachqualifikation angesehen werden. Die Qualität der Unterrichtsstunde zeigt sich auch in dem tragenden Kontakt zwischen Lehrer und Schülern. Sie nehmen einander wahr, verfügen über einen gemeinsamen Fokus, die Situation wird als sinnvoll angesehen, Lehrer wie Schüler erfahren wechselseitig Resonanz (Bauer 2007; Lützner-Lay 2016, S. 25).

Die Schüler in der Klasse können einen Lehrer in der Prüfungssituation mittragen. Dies wird der Fall sein, wenn sie mit dem Lehrer bzw. Referendar gute Erfahrungen gemacht haben, sein Wissen zu schätzen gelernt haben, ihn als ansprechbaren Menschen kennen, zu dem sie Vertrauen können. Schüler können dann selbst lenkend eingreifen, indem sie zum Beispiel unter Stress unklar formulierte Fragen des Lehrers in Gedanken in die vom Lehrer sonst gewohnten Formulierungen „übersetzen“ und beantworten. In diesem Klima ist es möglich, die eigene Identität sicher zu wahren und einander als Menschen in unterschiedlichen Rollen und unterschiedlichen Lebenserfahrungen zu begegnen.

Die aktuell gezeigte Resonanz ist auch eine Resonanz auf frühere gemeinsame Erfahrungen miteinander im Unterricht oder anderen Situationen. Fehlt das Grundvertrauen zwischen Lehrer und Schüler, wird dies mit Sicherheit auch in der Prüfungssituation spürbar.

Authentizität = berufliches Können plus Persönlichkeit

Die Qualität eines Pädagogen spiegelt sich in der souveränen Handhabung des fachlichen und pädagogischen  Wissens wieder. Pädagogen entwickeln eine eigene Qualität, wenn es gelingt, das fachliche Können in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und dem beruflichen Handeln eine eigene Prägung zu geben. Qualität bedeutet also nicht in erster Linie, sich an von außen vorgegebene Qualitätskriterien anzupassen, sondern sich auf einen kreativen Suchprozess einzulassen, im Verlauf dessen etwas für den jeweiligen Lehrer einzigartiges entsteht (Authentizität).

Authentische Menschen handeln auf der Basis eigener Überzeugungen. Hierzu gehören Selbstreflektion, Selbstfindung, Selbsterkenntnis und der Mut, anders als von außen gefordert zu sein (Eigenständigkeit im Denken und Handeln) und die Entwicklung eines eigenen Wertesystems, das gegen Beeinflussungsversuche durch Dritte weitgehend unabhängig ist. Authentische Menschen können es sich leisten, ehrlich zu sein und eigene Überzeugungen zu vertreten, auch wenn sich diese von Bewertungen durch andere Menschen unterscheiden. Authentische Menschen richten sich nicht nach vermeintlich negativen Konsequenzen oder unangemessenen Erwartungen anderer Menschen aus. Authentische Menschen verwenden ihre Kräfte und Fähigkeiten dazu, einen eigenen Weg zu verfolgen und dabei kreativ zu sein. Authentizität hat somit einen handlungsleitenden Bezug zur eigenen Person.

Position heißt nicht unbedingt höhere Qualifikation

Die Aufgabe von Seminarleitern und Fachleitern ist es, Referendare sicher an den beruflichen Alltag heranzuführen und zu unterstützen. Eine höhere Position geht aber nicht unbedingt mit einer höheren fachlichen Qualifizierung einher. Dies kann zu Konflikten führen, wenn Seminarleiter, die jahrelang nicht mehr als Lehrer tätig sind, durchaus fähige Referendare bewerten. Es kommt durchaus vor, dass fähige junge Lehrer mit ihrem Potenzial nicht in angemessener Weise wahrgenommen werden, ungerecht bewertet oder gar beschädigend abgewertet werden, obwohl sie ihr Bestes gegeben haben. Ausschlag gebendes Kriterium in einer Prüfung ist dann eventuell die Fähigkeit des Referendars, sich an die Erwartungen des Prüfers anzupassen und nicht die eigene erbrachte Leistung. Das ist bitter.

Die eigene Qualität zeigt sich in durchdachtem und verantwortungsvollem Handeln. Sie wird manchmal erst sichtbar, wenn die üblichen Routinen des beruflichen Alltags verlassen werden und in dem Pädagogen der Mensch mit seiner eigenen Persönlichkeit, seinen Kräften und Fähigkeiten erscheint. Qualität lässt sich nicht messen. Sie leuchtet auf (Pirsig 1978).

Andreas Schulz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Berufseinsteiger
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×