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Rechenstörung

Dyskalkulie: die wichtigsten Fakten im Überblick

Die Zahlen tanzen auf dem Blatt — auch häufiges Üben hilft nicht, Sinn in die Gleichungen zu bringen. Rund jedes zehnte Kind in Deutschland leidet an Dyskalkulie. Früh erkannt, gibt es Wege, ihnen das Rechnen zu erleichtern.

Rechenstörung: Dyskalkulie: die wichtigsten Fakten im Überblick Die betroffenen Schüler benötigen eine besondere Unterstützung bei der Bewältigung mathematischer Aufgaben © iStockphoto.com/track5

Eigentlich ist Julia eine gute Schülerin. Doch der Umgang mit Zahlen bereitet ihr große Schwierigkeiten: Bei Mathematikproben schafft sie nur einen Bruchteil der Aufgaben, benutzt dabei die Finger zum Zählen und ermüdet schnell. Besonders schwer fallen der Zweitklässlerin Aufgaben mit Zehnerübergängen und der Wechsel zwischen den Rechenarten. Julias Vater und ihre ältere Schwester üben täglich geduldig mit ihr — leider mit wenig Erfolg. In letzter Zeit klagt das Kind vor Arbeiten häufig über Bauch- oder Kopfschmerzen, auch ihre Leistungen in anderen Fächern lassen nach. Die Symptome der Schülerin weisen auf Dyskalkulie hin, eine Rechenstörung. Julia ist damit kein Einzelfall: Neuro- und kognitionspsychologische Untersuchungen zeigen, dass drei bis sieben Prozent der Bevölkerung daran leiden. (Quelle: Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.) Bei Kindern sind der Abteilung für Psychologie an der Universität Bielefeld zufolge sogar 10 bis 15 Prozent betroffen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Dyskalkulie in ihrer internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) auf. Wie Legasthenie ist sie demnach den „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ zugeordnet und „nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar“. Die mathematischen Defizite sind also nicht generell auf mangelnde Begabung zurückzuführen, sondern auf einen begrenzten Bereich beschränkt. Beeinträchtigt sind vor allem die grundlegenden Rechenfertigkeiten „wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie benötigt werden“. (ICD F 81.2)

Nachhilfe und häusliches Üben wenig sinnvoll

Häusliches Üben erweist sich — wie bei Julia — meist als wenig hilfreich: „Es gibt keinen Nachweis, dass Nachhilfe oder gemeinsames Lernen zu Hause bei einer Dyskalkulie hilft“, warnt der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) in seinem Ratgeber zum Thema Dyskalkulie (S. 38 f.).

Eine Dyskalkulie stelle „manifeste Rechenprobleme auf Basis anderer Lernprozesse“ dar und sei „durch gewöhnliches Mathelernen nicht in den Griff zu kriegen“. Auch seien „Zeit und Kosten für eine Nachhilfe (...) deutlich besser in eine Dyskalkulie-Therapie investiert“, so die Experten des BVL (ebd.). Sinnvoll seien jedoch computerbasierte Förderprogramme, „die spezifisch zur Förderung bei Vorliegen einer Dyskalkulie entwickelt wurden“. Sie können jedoch eine Therapie nicht ersetzen, wohl aber unterstützen. (ebd.)

Links zum Thema:

Eine zweitägige Fortbildung „TrainerIn für Rechenschwäche“ bietet das Institut für integrative Lerntherapie und Weiterbildung an verschiedenen Orten in Deutschland an.

Mehrere lerntherapeutische Facheinrichtungen haben sich im „Arbeitskreis Lernforschung“ zusammengefunden und informieren auf ihrer gemeinsamen Website über Möglichkeiten der Förderdiagnose und Lerntherapie, stellen neue Lernsoftware und fachspezifische Neuerscheinungen vor u.v.m..

Das Online-Projekt LegaKids gibt Schülern mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenproblemen kostenlose Spiel- und Übungsmöglichkeiten. Außerdem finden sich aktuelle Informationen, praktische Tipps und Lernmaterialien für Eltern, Lehr- und Förderkräfte.

Mit Dyskalkulie auf die weiterführende Schule? Eine Realschülerin und ein Gymnasiast haben es geschafft. Über Hindernisse, Tricks und den Kampf der Eltern berichtet ein Beitrag in der Wochenzeitung „Die ZEIT“.

Ärztliche Diagnose und individuelle Therapie

Leidet Julia „nur“ an einer Rechenschwäche oder tatsächlich an einer Rechenstörung? Das klären Kinder- und Jugendpsychiater mithilfe von standardisierten Tests. Wird Dyskalkulie ärztlich attestiert, braucht Julia professionelle Unterstützung in Einzeltherapie. Ausgangspunkt für eine Behandlung sind die spezifischen Probleme des Kindes und der aktuelle mathematische Lernstand. Eine intensive Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Therapeut trägt dann dazu bei, dass die Zweitklässlerin in Mathematik den Anschluss findet und eine begabungsgerechte Schullaufbahn möglich ist.

Je früher eine Rechenstörung diagnostiziert wird, desto besser. Inge Palme vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) betont: „Mit einer Dyskalkulie-Therapie gelingt es meist recht gut, dem Kind ein Zahlen- und Mengenverständnis zu vermitteln und die Teilnahme am Unterricht wieder herzustellen.“ Wenn das Kind bereits den Mut verloren habe, werde es immer schwerer, in Mathematik aufzuholen.

Für die Eltern bedeutet eine Lerntherapie oft eine große finanzielle Belastung, denn die Krankenkassen kommen dafür nicht auf. Nur wenn auch sekundäre psychische Störungen festgestellt werden, trägt das Jugendamt die Kosten (gemäß § 35a SGB VIII des Kinder- und Jugendhilfegesetzes).

KMK: Nachteilsausgleich und Notenschutz nur sehr begrenzt möglich

In der Schule wäre bei einer Dyskalkulie-Diagnose ebenso wie bei Legasthenie ein Nachteilsausgleich erforderlich, doch noch gibt es keine einheitlichen Grundsätze zum schulrechtlichen Umgang mit Rechenstörungen.

Während Schüler mit Legasthenie Nachteilsausgleich und Notenschutz beanspruchen dürfen, setzt die Kultusministerkonferenz in Ihrem 2007 überarbeiteten Beschluss von 2003 (!) bei Dyskalkulie enge Grenzen. Die Schwierigkeiten, die eine Rechenstörung verursacht, seien demnach nicht mit denen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche vergleichbar (S. 5 f.). Deshalb könnten „auch bei der Leistungsbewertung Rechenstörungen nicht in gleicher Weise berücksichtigt werden wie besondere Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben“. „Ursache, Entstehung und Ausprägung der Rechenstörungen“ seien „nicht hinreichend erforscht und abgesichert“. Zudem „wäre bei einer Berücksichtigung von Rechenstörungen eine Notengebung im Fach Mathematik und in vielen Bereichen der naturwissenschaftlichen Fächer ohne Verletzung des Grundsatzes der gleichen Leistungsbewertung kaum mehr möglich“ (ebd.).

Heterogene Regelungen auf Länderebene

Bisher geben nur wenige Bundesländern Empfehlungen zum Umgang mit rechenschwachen Kindern. Auch Nachteilsausgleiche sind nur in seltenen Fällen gesetzlich verankert.

Ob und in welcher Form in den einzelnen Bundesländern Nachteilsausgleich gewährt wird, regeln spezielle Dyskalkulie-Erlasse oder Verwaltungsvorschriften. Dabei offenbaren die Bestimmungen erhebliche Unterschiede: So sind in Hessen — zumindest in der Grundschulzeit — die gleichen Fördermaßnahmen vorgesehen wie bei Legasthenie. Damit geht Hessen einen Schritt weiter als andere Bundesländer. Niedersachsen reduziert den Notenschutz beim Übertrittszeugnis auf Legastheniker, und der Schleswig-Holsteinische Rechenschwäche-Erlass erlaubt zwar, Klassenarbeiten in der Grundschule verbal zu bewerten, im Zeugnis muss jedoch eine Note gegeben werden. Immerhin sind dort „verbale Angaben und Ergänzungen zur Darstellung der individuellen Leistungsentwicklung und Sachkompetenz (...) zulässig, soweit sie sich auf im Lehrplan vorgesehene Teilbereiche des Faches Mathematik beziehen“ (vgl. 4.4. der Verordnung).

In allen Ländern sind jedoch die Chancen auf Abitur oder mittlere Reife gering, wenn es in der Primarstufe nicht gelingt, in Mathematik aufzuholen. Denn ab Sekundarstufe I haben Schüler mit Dyskalkulie „schlechte Karten“: Notenschutz ist dann in keinem Bundesland mehr möglich.

Martina Niekrawietz

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