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Lern- und Verhaltensprobleme

Kunsttherapie als fester Bestandteil in der Schule

Wenn Schüler Verhaltens- und/oder Lernprobleme haben, dann kann eine an der Schule fest implementierte Kunsttherapie helfen. Dieser noch ungewöhnliche Weg schafft für alle Beteiligten ein besseres Lern- und Arbeitsklima, in dem sich alle gut aufgehoben fühlen.

Lern- und Verhaltensprobleme: Kunsttherapie als fester Bestandteil in der Schule Wenn's Probleme gibt, ab an die Leinwand und die Gefühle Farbe werden lassen © Angela Hentschel

„Was hat denn Therapie mit Schule zu tun? Hier soll unterrichtet werden und nicht therapiert.“ — Aussagen, die ich oft von Kollegen und Schulleitern gehört habe. Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist heute mehr denn je durch viele psychosoziale Belastungen geprägt. „Leichte depressive Verstimmungen bis hin zu schweren depressiven Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.“ (siehe hier) Sehr häufig kommen andere psychische Erkrankungen dazu wie Angststörungen, somatoforme Störungen und ADHS.

Lern- und Verhaltensprobleme habe viele Ursachen

Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsproblemen und Verhaltensschwierigkeiten können den Anforderungen des Unterrichts oft nicht genügen. Teilleistungsstörungen, aggressives Verhalten und Leistungsversagen zeigen sich immer deutlicher. Nicht, weil es ihnen an Intelligenz mangelt. Sie haben einfach nicht gelernt, sich in einer Gruppe sozial zu verhalten. Sie können ihre emotionalen Impulse nicht steuern. Diese Kinder sind einsam, wütend und hilflos. Sie finden keinen angemessenen Ausdruck für ihre Erlebnisse und Gefühle.

Hierfür gibt es zahlreiche Gründe, die häufig im sozialen Umfeld zu finden sind. Vertrauensvolle und kontinuierliche Beziehungserfahrungen fehlen. Im schlimmsten Fall haben Kinder auch Gewalt- und Missbrauchserlebnisse.

All diese Umstände können krank machen. Es nutzt wenig, Kindern durch Strafen oder zu hohe Leistungsanforderungen so viel Druck zu machen, wenn sie doch ohnehin schon ständig unter Druck stehen. Kinder müssen auch in der Schule in ihrer ganzheitlichen Komplexität wahrgenommen werden. Daher brauchen Schulen professionelle Unterstützung. Interdisziplinäre Zusammenarbeit, unter anderem mit Therapeuten, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Diese Unterstützung kann Kunsttherapie in vielfältiger Weise bieten.

Kunsttherapie als Regulativ

Kinder kämpfen oftmals nur um Anerkennung und Eigenständigkeit. Sie finden keine Möglichkeit, dies auszudrücken. Durch die Kunsttherapie kann es gelingen, eingefahrene Denkmuster und Verhaltensweisen zu hinterfragen und aufzulösen. Ängste und Probleme können durch die Gestaltung sichtbar und Kompetenzen und Ressourcen wieder gefördert werden. Die Schüler erhalten vielfältige Möglichkeiten, ihren inneren Konflikten Ausdruck zu verleihen, ihre Ängste zu überwinden und Selbstregulation aufzubauen. Ebenso kann die Kunsttherapie bei akuten Krisensituationen Erleichterung schaffen. Sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer.

Aggressive Kinder können zum Beispiel aus der Klasse herausgenommen werden, damit sie im Einzelsetting ihre Wut therapeutisch bearbeiten können, zum Beispiel durch Malen und Besprechen von sogenannten „Wutbildern“, schriftliches Formulieren von Gefühlen, bearbeiten von Ton oder Steinen etc. So erfahren die Kinder und Jugendlichen mit Hilfe der fachlichen Kompetenz einer Therapeutin, wie sie ihre Probleme und belastenden Lebensthemen bewusst beeinflussen und verändern können.

Lehrer haben im allgemeinen Klassengeschehen nicht die Möglichkeit, sich so intensiv mit einzelnen Schülern zu beschäftigen. Noch dazu fehlt ihnen die therapeutische Ausbildung.

Das Selbstbewusstseins und die Selbstregulation stärken

Der zentrale Punkt der Kunsttherapie liegt in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Materialien wie Ton, Farben, Stifte, Papier, Steine, Sand, Gips, Holz, Figuren, Zeitungen, etc. und den Techniken wie Malerei, Collagieren, Objekte formen, Gedanken aufschreiben, Figuren anordnen oder die Fotografie und das Zeichnen. Diese Materialbearbeitung ermöglicht sozusagen das „Be-Greifen“ und die Erkenntnis eigener Erfahrungen.

Je nach Individualität des Kindes, das ins Setting kommt, wird ohne vorgegebenes Thema und frei gearbeitet. So kann es eigenschöpferisch tätig sein und in der Gestaltung, zum Beispiel beim Betrachten und Weitermalen eines Kunstabdruckes oder in der Bearbeitung von Ton, sein eigenes Thema finden.

Wieder in Beziehung zu sich selbst gelangen

Manche Kinder oder Jugendliche bringen ihre aktuellen Themen mit, je nach Gefühlslage oder Erlebtem. Diese werden sofort aufgegriffen und bearbeitet. Eine Methode ist das Aufmalen von Linien und Kreisen mit geschlossenen Augen auf ein Blatt. Danach wird das Entstandene angeschaut und das Kind gefragt, was es darin sieht. „Kannst du Figuren oder Dinge entdecken, die mit deinem heutigen Problem zu tun haben?  An welchen Stellen möchtest du ergänzen oder farblich ausfüllen?“

Unsichere und verängstigte Kinder arbeiten gern im Einzelsetting oder nur mit einem Partner. Ton als weiches, verformbares Material findet hier häufig Verwendung. Mit den eigenen Händen etwas frei zu gestalten und zu formen ermöglicht sinnhafte Erfahrung. Riechen, Fühlen und Betrachten des Materials löst verschiedene Reaktionen aus und das Kind kann wieder in Beziehung zu sich selbst gelangen. Körperliche Reaktionen oder Erinnerungen an bestimmte Situationen können auftreten und im anschließenden Gespräch bearbeitet werden.

Malen und Gestalten in Kleingruppen verdeutlichen Beziehungsmuster

Die Beziehung zu anderen wird in der Partner- oder Kleingruppenarbeit thematisiert. Der gestalterische Dialog z. B. verlangt den Kindern Akzeptanz und Geduld ab. Hier sitzen sich zwei Partner gegenüber und beide malen im Wechsel mit Wachsmalkreide oder Wasserfarben auf ein gemeinsames Blatt. Der eine wartet zwei Minuten, bis der andere seinen Teil gemalt hat. Dann malt der zweite und der erste wartet usw. Beide Gestaltungen begegnen sich auf dem Blatt und werden zu einem Ganzen. Während des Gestaltens zeigen sich Verhaltens- und Beziehungsmuster, die in der Nachbesprechung thematisiert werden. Die Werte von Freundschaft und Hilfsbereitschaft, von Respekt und Toleranz werden aufgegriffen und im Gruppengespräch verstärkt.

Wut kanalisieren durch großflächiges freies Malen

Großflächiges, freies Malen mit beiden Händen, auf dem Boden oder dem ganzen Tisch, mit Flüssigfarben und Kleister, bringen verängstigten oder wütenden Kinder die Erkenntnis, sich selbst als schöpferisch und kreativ erleben zu können, ohne Vorgabe und Leistungsdruck. Sie malen oft mit ganzem körperlichem Einsatz und sind danach häufig wie befreit. Zur Lockerung und Entspannung dient auch das freie Malen nach Musik.

Das Collagieren oder Verändern von fertigen Bildern (z. B. alte Kunstdrucke) hilft den Kindern zu erkennen, dass Neues aus Altem entstehen kann. Hierzu werden gesammelte Kunstdrucke auf den Tisch gelegt. Jedes Kind kann sich ein Bild aussuchen. Diese können zerschnitten und wieder neu angeordnet oder durch Malen ergänzt werden. Während des Gestaltungsprozesses erkennen die Kinder in den Bildern oft bekannte Personen oder belastende Situationen. Durch das Bearbeiten sehen sie, dass man Dinge verändern kann.

Ein wesentlicher und unerlässlicher Aspekt der Therapie ist, mit den Schülern über ihre Arbeiten und Gedanken zu sprechen. Mithilfe des therapeutischen Gesprächs haben sie die Möglichkeit, Erlebtes besser zu verarbeiten und neue Handlungskompetenzen zu erwerben. Das Umsetzen der Erfahrungen aus der Therapie in den Alltag, ist eine äußerst wichtige Komponente für das Verhalten in der Gruppe und der Stärkung der Ich-Funktionen.

Kunsttherapie fest in den Schulalltag integrieren

Die emotionalen, sozialen und psychischen Probleme vieler Kinder erfordern ein Umdenken im Schulsystem. Die kreativ-therapeutische Arbeit kann eine Antwort darauf sein. Jede Schule muss eine Struktur finden, die Therapie vor Ort möglich werden lässt. Das bedeutet, dass die Kunsttherapie ein fest integrierter Bestandteil des Schulalltages sein sollte. In diesem Zusammenhang muss ein Konzept erstellt und — besonders wichtig — die Zustimmung der Eltern eingeholt werden. Hier ist auch der Hinweis unerlässlich, dass die Ergebnisse der Therapie der Schweigepflicht unterliegen.

Für die Konzeptentwicklung ist es notwendig zunächst die betroffenen Schüler in einer Liste zusammenzufassen Vorgespräche mit den Eltern und Lehrern bieten die Grundlage für den Therapieauftrag. Das Konzept beinhaltet die Berücksichtigung des Alters und der psychischen und mentalen Voraussetzungen der einzelnen Schüler. Verschiedene Methoden bilden die Struktur der Inhalte. Ein Therapiebegleitbuch für jeden betroffenen Schüler dient der Dokumentation und als Vorlage für die Gespräche mit Eltern und Lehrern.

Darauf basierend kann der Therapeut für die Schule Folgendes anbieten:

Sozialform

Settings und Vorgehensweise

Einzelarbeit

Einzelne Schüler werden zu Beginn des Schuljahres für einen bestimmten Zeitraum (3–6 Monate) zu den Therapiestunden angemeldet. Das erfolgt nur mit Einverständnis der Eltern Die Stunden sind im Stundenplan fest verankert. Je nach Problemlage jedes einzelnen Schülers werden verschiedene Methoden und Materialien (s. o.) im Einzelsetting (ca. 45 Min.) angewendet.

Krisenintervention als Einzelarbeit

Im akuten Fall kann der Therapeut zur Verfügung stehen und das entsprechende Kind aus dem Unterricht nehmen. Im Einzelsetting ist es dann möglich, ein Kind wieder zu beruhigen oder durch das kreative Gestalten oder Einzelgespräch wieder zu sich selbst finden zu lassen. Wenn es möglich ist, wird der Schüler nach dem Setting wieder in die Klasse gebracht.

Kleingruppenarbeit als offenes Angebot

Schüler aus verschiedenen Klassen können zur Gruppenarbeit kommen. Gearbeitet wird mit verschiedenen Angeboten und Themen und anschließendem gemeinsamen Gespräch. Viele Kinder können ihre Probleme und Gefühle nicht verbalisieren. So machen sie Erfahrungen mit den Materialien, (s. o.) können zur Ruhe kommen und die Gestaltung als Sprachrohr nutzen. In der Kleingruppenarbeit wird durch das gemeinsame Tun und Besprechen auch Beziehungs- und Gruppenfähigkeit bearbeitet.

Kooperation und Teamarbeit

Innerhalb des Schulsystems sollte ein Austausch mit Schulsozialarbeitern und Lehrern sowie extern mit psychologischen oder psychotherapeutischen Praxen stattfinden. Inhalte müssen jedoch hinsichtlich der Schweigepflicht geklärt werden.

Feste Gesprächszeiten

Eltern haben die Möglichkeit, mehr über den Ist-Zustand oder Veränderungen ihres Kindes zu erfahren. Sie erhalten Unterstützung und Impulse für den Umgang mit ihrem Kind

In diesem Sinne kann Kunsttherapie in allen Schulformen eine wichtige Instanz sein, Schülern zu helfen und Lehrer in ihrer Arbeit zu unterstützen. Denn sie setzt dort an, wo Worte und der Zugang zu Belastungen, Träumen und Gefühlen fehlen. Durch die kreative Arbeit entsteht ein heilendes Ventil. Sogenannte „Problem-Kinder“, die über einen längeren Zeitraum kunsttherapeutisch begleitet wurden, lassen sich besser in einer Lerngruppe integrieren. Sie können konzentrierter arbeiten und emotionale Ausbrüche besser steuern.

Ich hoffe für alle Lehrer, dass die Kunsttherapie für die Schulen eine größere Bedeutung erlangt und als Institution in Zukunft auch von politischer Seite her unterstützt wird.

Angela Hentschel

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