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Sprechbehinderung

Stotternde Schüler erkennen und fördern

Schüler die stottern, leiden besonders in der Schule darunter. Oft verbergen sie es gekonnt und schneiden dann weit unter ihren Fähigkeiten ab. Nur wenn ihre Lehrer „verstecktes“ Stottern erkennen, haben sie die gleichen Chancen wie ihre Mitschüler.

Sprechbehinderung: Stotternde Schüler erkennen und fördern Je früher eine Sprechtherapie bei einer Logopädin beginnt, desto besser für das Kind © Dan Race - Fotolia.com

„Mein Stottern ist nervend, anstrengend. Für manche ist mein Stottern witzig. Mein Stottern ist eine hohe Mauer, die in den Himmel wächst, und ich versuche über die Mauer zu klettern.“ So beschreibt der neunjährige Dominik seine Sprechstörung in einer Informationsbroschüre für Lehrer des Bayerischen Kultusministeriums.

Wie etwa 800 000 der Menschen (ca. ein Prozent) in Deutschland leidet Dominik unter einer sogenannten Störung des Redeflusses. (Vgl. dazu: Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V., abgekürzt BVSS). Fünf Prozent aller Kinder zwischen zwei und sechs Jahren stottern, meist verschwinden die Störungen allerdings bis zur Pubertät wieder. Sie äußert sich durch „auffällige Blockaden, Wiederholungen oder Dehnungen“ und geht häufig mit weiteren Begleitsymptomen einher, wie zum Beispiel „Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur oder zusätzliche[n] Körperbewegungen beim Sprechen“. Es können sich aber auch „Ängste vor Sprechsituationen“ entwickeln, die im Extremfall „bis zu einem totalen gesellschaftlichen Rückzug“ führen (BVSS).

Stottern ist an bestimmte Situationen gebunden und verstärkt sich unter kommunikativem Stress, der in der Schule besonders groß ist: Mündliche Leistungsnachweise, Unterrichtsbeiträge oder das bloße Vorlesen von Texten wird für die Betroffenen dann zu einem peinlichen Spießrutenlauf. Nicht selten setzen betroffene Schüler deshalb alles daran, um ihr Sprechproblem zu verbergen. Ein wichtiger erster Schritt ist es deshalb für Lehrer, das Problem zu erkennen und richtig einzuordnen, um dann die erforderlichen Maßnahmen ergreifen zu können.

Symptome für verdecktes Stottern

Etwa die Hälfte der Menschen, die stottern, durchlaufen ihre gesamte Schulzeit, ohne als Stotterer erkannt zu werden, so die „Initiative Stottern proVoce e. V.“ in einer Pressemitteilung vom 17.10.2008 (S. 3). Das Faltblatt „Umgang mit Stottern in der Schule“ der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e. V. (S. 4) nennt einige Indizien für ein solches Vermeidungsverhalten: Manche Schüler melden sich in der Schule selten oder gar nicht, denken bei mündlichen Beiträgen „scheinbar viel“ nach oder drucksen herum, zögern die Antwort mit Füllwörtern oder Floskeln heraus oder werden genau an den Tagen krank, an denen sie ein Referat halten sollen, oder müssen gerade dann zur Toilette, wenn reihum vorgelesen wird etc. Bei derlei Verhaltensweisen sollten Lehrer hellhörig werden. Verdichten sich die Hinweise auf verdecktes Stottern, sollten Pädagogen mit den Eltern bzw. Schülern über Möglichkeiten sprechen, um das Problem Stottern offensiv anzugehen.

Stotternden Schülern steht ein Nachteilsausgleich zu

Bei Kultusministerien und auch bei Gerichten gilt Stottern als anerkannte Sprachbehinderung, die auch in der ICD-10-Klassifizierung (F98.5) aufgeführt ist. Stotternde Kinder und Heranwachsende haben aufgrund ihrer Sprechbehinderung einen verfassungsrechtlich begründeten Anspruch auf Nachteilsausgleich (Grundsatz der Chancengleichheit gemäß Art. 3 Abs. 1 und 3 des Grundgesetzes). Das gilt „auch dann, wenn keine förmliche Anerkennung als Schwerbehinderter vorliegt“, so Sprachheilpädagoge Georg Thum auf der Website des BVSS. Die einzelnen Bundesländer regeln den Nachteilsausgleich darüber hinaus in ihrem Schulgesetz und/oder in Verwaltungsvorschriften. Einen Überblick über die gesetzlichen Bestimmungen und Ausführungen in den einzelnen Ländern, Stand 2017, gibt der BVSS auf seiner Website: Hier informieren sich Lehrer und Eltern aus aktueller Quelle über die relevanten Fundstellen, über Voraussetzungen in den jeweiligen Ländern (Antragstellung, Behindertenausweis, Bindung an sonderpädagogischen Förderbedarf) und darüber, ob Vermerke in Zeugnissen oder Schulakten vorgesehen sind.

Umsetzung des Nachteilsausgleichs im Unterricht

Vor allem geht es bei einem Nachteilsausgleich für Stotterer um eine angemessene, das heißt individuelle Modifikation der Bedingungen für mündliche Unterrichtsbeiträge und Leistungsnachweise. Einige Anregungen dafür finden sich in der eingangs genannten Informationsbroschüre für Lehrer des Bayerischen Kultusministeriums (S. 9):

  • „Alternativen zur mündlichen Mitarbeit (…), z. B. Referat in Kleingruppen“ oder ein Unterrichtsprotokoll,  
  • schriftliche Bearbeitung eines Themas,
  • Verlängerung von mündlichen Prüfungen, „evtl. auch in Kombination mit schriftlichen Antwortmöglichkeiten“ oder
  • „zur Überprüfung der Aussprache bei Fremdsprachen Lesetexte, die in Kleingruppen vorgetragen werden“.

Zahlreiche weitere Möglichkeiten für Ersatzleistungen finden sich in der „Handreichung für Lehrkräfte stotternder Schülerinnen und Schüler in Hamburg“  (S. 2): Handschriftliche Beiträge oder Hausaufgaben können von einem Mitschüler vorgelesen oder mit ihm zusammen „unisono“ vorgetragen werden. Bei Bedarf sollten Hilfsmittel (Notizblock, Computer) zugelassen werden, und auch die Anwesenheit eines Therapeuten kann bei mündlichen Prüfungen in Erwägung gezogen werden. Zudem könnten mündliche Prüfungen im Rahmen eines Vier-Augen-Gesprächs zwischen Lehrer und Schüler erfolgen.

Vielen Stotterern gelingt es, in ihrer gewohnten Umgebung flüssig zu sprechen. Das ließe sich für Referate nutzen, die dann am Vortag zu Hause als Video oder Audioformat aufgenommen und am nächsten Tag im Unterricht abgespielt werden.

In jedem Fall sollten erforderliche Ersatzleistungen im Gespräch mit Schülern, Eltern und Therapeuten ermittelt und anschließend in einer schriftlichen Vereinbarung festgelegt werden. Mit zunehmender Sprechsicherheit sollten „Schonräume (…) abgebaut werden“ (Informationsbroschüre des Bayerisches KuMi, Link s. o., S. 9). In diesem Sinne raten auch die Autoren der Hamburger Handreichung Lehrern, die Ersatzleistungen alljährlich zu überprüfen und anzupassen.

Therapie und Fördermaßnahmen für Stotterer

Je früher die Sprechbehinderung erkannt und durch einen qualifizierten Therapeuten behandelt wird, desto besser. Der BVSS informiert auf seiner Website darüber, bei welchen Symptomen eine frühzeitige diagnostische Abklärung bei Kindern geraten ist und stellt Eltern Faltblätter und Broschüren und natürlich auch Adressen von Therapeuten und Beratern zur Verfügung. Für Jugendliche gibt es auf der Website des BVSS eine eigene Beratungsseite mit Links zu Selbsthilfeforen und -gruppen sowie mit professionellen Hilfsangeboten.

Leider fehlen derzeit noch an den meisten Schulen integrative Förderangebote für stotternde Schüler. (BVSS, „Meine Rechte als stotternder Schüler“, S. 14) Bleibt Lehrern nur, mit Verständnis, Sensibilität und einem fundierten Hintergrundwissen mit der Sprechbehinderung Stottern umzugehen und betroffenen Schülern und ihren Eltern Mut zu machen. Denn grundsätzlich „kann (…) jeder lernen, die Sprechbehinderung zu bewältigen, d. h. mit ihr umzugehen – ganz gleich ob als Kind oder Erwachsener“, betonen die Experten des BVSS.

Martina Niekrawietz

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