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Underachievment

„Versteckte“ Hochbegabte erkennen und fördern

Trotz Hochbegabung erwartungswidrige Minderleistung? Für Lehrer ist es eine echte Herausforderung, diese Underachiever zu erkennen und entsprechend zu fördern. Neue Forschungsergebnisse und Praxisbeispiele helfen dabei.

Underachievment: „Versteckte“ Hochbegabte erkennen und fördern Desinteresse, Langeweile, Unter- oder Überforderung? — Der Augenschein trügt zuweilen, wenn es um hochbegabte Schüler geht © Picture-Factory - Fotolia.com

David ist ein Problemschüler: Der 16-Jährige fällt immer wieder unangenehm auf und verhält sich gegenüber Mitschülern und Lehrern hochaggressiv. Die 9. Klasse musste er wiederholen und zwei Mal wurde er bereits der Schule verwiesen. Dann ein IQ-Test mit einem überraschenden Ergebnis: Der Junge ist hochbegabt und keiner hat es bisher bemerkt. — Ein Beitrag bei SpiegelONLINE erzählt die Geschichte des „hochbegabten Randaleschülers“, dessen Potenzial brachliegt: Davids schulische Leistungen entsprechen offensichtlich nicht seinen intellektuellen Fähigkeiten. Er ist ein sogenannter „Underachiever“, ein Schüler mit „erwartungswidrig schlechter (Schul-)Leistung“, wie der Marburger Hochbegabungsforscher Prof. Dr. Detlef H. Rost den englischen Begriff in seinem Beitrag „Underachievement aus psychologischer und pädagogischer Sicht“ übersetzt (S. 1 des PDFs).

Für Lehrer besteht die erste und größte Herausforderung im Umgang mit „versteckt“ hochbegabten Schülern darin, sie überhaupt zu erkennen. Leider ist das gar nicht so einfach, schon allein deswegen, weil es nicht allzu viele gibt, was repräsentative Studien erschwert.

Wie viele hochbegabte Underachiever gibt es?

Die Experten der größten deutschen Hochbegabten-Stifung „schätzen“ den Anteil an Underachievern unter den Hochbegabten auf 15 bis 25 Prozent.

Prof. Dr. Detlef Rost von der Universität Marburg schreibt in seinem Beitrag „Underachievement aus psychologischer und pädagogischer Sicht“ ( s. o.), dass man in der Literatur zur Hochbegabung sogar „häufig auf ‚Schätzungen‘ (…) [von] bis zu 50 % der Hochbegabten‘ trifft“. Rost hält solche Angaben für „abstrus überhöht“, umso mehr, als es gar „nichts zu schätzen“ gebe: „Definiert man hochbegabte Underachiever als Schüler/innen mit einem Intelligenzquotienten von IQ ≥ 130 (…) und höchstens durchschnittlicher Schulleistung“, dann seien es gerade einmal „rund 12 % der Hochbegabten“, so der viel zitierte Hochbegabungsexperte (ebd.).

Dabei weisen lediglich 2,3 Prozent der Schüler einen „IQ ≥ 130“ auf, erklärt die Hochbegabungs- und Kreativitätsforscherin Dr. Tanja Gabriele Baudson von der Universität Trier in ihrem Artikel „Unter den Möglichkeiten“ (Nr. 78, Oktober 2010, S. 8). — Die Anzahl der tatsächlich hochbegabten Underachiever ist somit zwar gering, aber insgesamt trotzdem nicht unbeträchtlich. Der Diplompsychologe Thomas Eckerle, der sich auf die Leistungsentwicklung Hochbegabter spezialisiert hat, gibt auf seiner Website hochbegabtenhilfe.de ein Rechenbeispiel: „Von 1000 Kindern sind statistisch 20 hochbegabt. Von diesen sind wiederum 3 bis 4 Underachiever. In einer Stadt mit 25 000 SchülerInnen (ca. 280 000 Einwohner, 9 % Schüler) wären 90 bis 100 Kinder betroffen.“

Gut getarnt: durchschnittliche Leistungen und beschädigte Selbstkonzepte

Warum bleiben hochbegabte Underachiever oft unentdeckt? Ein Grund dafür: Sie erbringen in der Schule häufig zumindest durchschnittliche Leistungen. Bei diesen Schülern „blitzen“ die besonderen Begabungen dann nur gelegentlich auf und das auch nicht zwangsläufig im Unterricht.

In der Forschung wird außerdem immer wieder ein „‚typisches‘ Underachievementsyndrom“ beschrieben, so Detlef Rost (Link s. o., S. 2 des PDFs): Es kennzeichne sich zum Beispiel durch „Motivationsdefizite; fehlende oder aufgabenunspezifische Lernstrategien und Arbeitstechniken; beschädigte Selbstkonzepte (…) [und] Persönlichkeitsstörungen“. „Dramatisch“ seien dabei „insbesondere die Selbstwert- und Selbstkonzeptprobleme“. Underachiever seien nur wenig von sich selbst überzeugt, fühlten sich häufig unterlegen, scheuten sich vor Sozialkontakten und wiesen eine „soziale Unzufriedenheit und hohe Emotionalität bei geringer seelischer Stabilität“ auf. Hinzu käme eine überwiegend negative Fremdeinschätzung durch die eigenen Eltern, die ihre Kinder häufig „als besonders schwierig“ charakterisierten und ihnen „nur wenig“ zutrauten. Ganz ähnlich die Lehrer, die oft das „Leistungspotenzial“ der Underachiever unterschätzten und bei ihnen vordergründig eher „ein problematisches Sozialverhalten“ und eine „geringe Aufgabenorientierung“ sehen (ebd.).

Hochbegabte Underachiever zeigen demnach also „häufig Verhaltensweisen, die (…) gerade nicht zu den typischen Merkmalen Hochbegabter gezählt werden und somit eher Anlass zu der Ansicht bieten, dass es sich hierbei um organisch bedingte Verhaltensstörungen handeln könnte“, so beschreibt Dr. Christian Fels in seinem Buch „Identifizierung und Förderung Hochbegabter in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland“ die besonderen Schwierigkeiten im Umgang mit Underachievern (Zitiert nach: Dr. Franz Knoll, Erkennen von besonderen Begabungen im Unterricht, S. 26). Oder anders ausgedrückt: Underachiever verbergen sich oft gerade unter den Schülern, die Lehrer am meisten Kraft und Nerven kosten.

Verdachtsmomente, die auf Hochbegabung hinweisen

Doch bei welchen positiven Auffälligkeiten sollten Lehrer hellhörig werden? Franz Knoll (Link s. o., S. 28 f.) liefert dazu einige Stichpunkte aus der Hochbegabtenforschung:

  • „Gute mündliche Leistungen
  • Gutes Gedächtnis und Verständnis, falls am Thema interessiert
  • besonderes Interesse und breites Wissen in ausgewählten Themenbereichen
  • Weite Interessengebiete
  • besondere Kreativität“

Etwas differenzierter und konkreter fällt die Liste von Detlef Rost aus („Underachievement aus psychologischer und pädagogischer Sicht“, S. 4 des PDFs, Link s. o.). Demnach könnten Underachiever zum Beispiel

  • „besondere (intellektuelle) Leistungen in außerschulischen/außerunterrichtlichen Bereichen“ zeigen,
  • „in der Vergangenheit (Grundschule)“ sehr gute Leistungen erbracht haben, wohingegen in der aktuellen Schulsituation „ein deutlicher Leistungseinbruch erfolgt“ ist,
  • bei der Einführung neuer Unterrichtsthemen durch eine „schnelle Auffassungsgabe“ positiv auffallen,
  • im Unterricht nicht aufpassen, aber „bei schwierigen Themen oder vereinzelt“ trotzdem „auffallend gute Beiträge“ bringen oder sich im Unterricht nicht melden, aber auf Nachfrage die richtige Antwort wissen.
  • Ebenfalls ein Anzeichen für Underachievement: Bezugspersonen des Schülers/der Schülerin beobachten — trotz Schulversagens — „besondere Fähigkeiten und Expertise“.

Rost betont jedoch ausdrücklich: „Dies sind keine sicheren Indikatoren, sondern lediglich ‚weiche‘ Hinweise, die in jedem Falle eine solide fachpsychologische Diagnostik nach sich ziehen müssen“ (ebd.).

Underachiever zeigen typische Hirnaktivitäten

Untersucht man die Gehirnaktivierung beim Problemlösen mit bildgebenden Verfahren (z. B. EEG oder fMRT), wird ersichtlich, „dass bei gleichen Aufgaben die ‚intelligenteren Gehirne’ weniger stark aktiviert werden bzw. weniger Gehirnstoffwechsel zeigen“, schreibt Prof. Dr. Aljoscha C. Neubauer von der Universität Graz in seinem Beitrag „Begabung und Underachievement — Die Perspektive der Neurowissenschaften“. Auch ist bei den weniger begabten Schülern die Aktivität im Frontalhirn größer. Bei den Underachievern war „die geringste Aktivierung im Stirnhirn (Frontalkortex), aber relativ viel Aktivierung in den hinteren Gehirnteilen zu beobachten“, so Neubauer. „Wenig frontale Gehirnaktivierung (…) aber viel Aktivierung im Scheitel- bzw. Parietallappen“ weise auf einen „starken Zugriff auf gespeichertes Wissen im Langzeitgedächtnis“ hin — ein Aktivierungsmuster, das in anderen Studien für „Experten“, z. B. für herausragende Schachspieler, charakteristisch war.

Interessante Befunde, die jedoch „aufgrund der kleinen Stichprobe jedenfalls noch an größeren und repräsentativeren Stichproben repliziert werden“ müssten, so Neubauer. Trotzdem könnte sich daraus „möglicherweise eine interessante Perspektive für die Identifikation von Underachievern“ ergeben, hofft der Wissenschaftler (ebd., S. 6).

Underachiever erkannt — und dann?

Verdichten sich bei einem Schüler die Verdachtsmomente auf Underachievement, sollte man sich laut Rost (Link s. o., S. 3 f. des PDFs) unbedingt „ergänzend zu den pädagogischen Bemühungen (…) an einen psychologischen Experten (zu) wenden (d. h. an eine diagnostisch gut ausgebildete Person mit Beratungserfahrung, die sich auch in Hochbegabung auskennt und die gute pädagogisch-psychologische, klinisch-psychologische und kinder- und jugendpsychologische Kenntnisse besitzt)“. Im Optimalfall setzen sich dann „alle kontinuierlich an der Erziehung und Unterrichtung Beteiligten (Schule und Elternhaus)“ gemeinsam mit dem hinzugezogenen Experten an einen Tisch und suchen „gemeinsam nach realistischen Lösungsmöglichkeiten“ (ebd., S. 3).

Pädagogische Fördermaßnahmen

Sie sollten individuell auf den Underachiever abgestimmt sein (vgl. dazu: Rost S. 4 f. des oben verlinkten PDFs)

  • Um den Selbstwert des Schülers zu verbessern, sollten Lehrer „vielfältige Erfolgserlebnisse schaffen und diese verstärken“, so Rost. Dabei sollte man den Schüler nicht überfordern, sondern Angebote und Aufgaben an „den persönlichen Stärken der Schüler/innen“ ausrichten.
  • Motivationsdefizite sollte man mit differenzierten Lernangeboten, Zusatzprojekten und „am Lern- und Wissensstand“ orientierten Aufgaben „angehen“. Rost empfiehlt zudem, ergänzende Anreize zu schaffen, wie z. B. materielle Belohnungen oder Token-Systeme.
  • In den zentralen Fächern sollte man differenzierte Hausaufgaben stellen. Wichtig dabei: „Hausaufgaben stets gleich nachsehen und lernwirksames Feedback geben!“
  • Underachievement geht oft mit Defiziten im Lern- und Arbeitsverhalten oder mit Wissenslücken in Kernfächern einher. Hier sollte man den Schülern den Anschluss ermöglichen. Rost schlägt einen individuellen Förderplan und „gut strukturierte und qualitativ hochwertige Nachhilfe“ vor. Mithilfe geeigneter Literatur könnten sich die Schüler fachspezifische Lern- und Arbeitstechniken womöglich auch selbstständig erarbeiten, und natürlich bietet sich auch der Einsatz von Lerncoaches, Lerntrainings et cetera an.

In jedem Fall brauchen Underachiever kontinuierliche Begleitung, verlässliche Strukturen und das rechte Maß von Freilassen und Begrenzen, um ihre herausragenden Möglichkeiten mehr und mehr nutzen zu können. Denn: „Variablen wie Anstrengungsbereitschaft und hohe Lernmotivation bilden sich nicht von allein oder reifen automatisch in jedem Kind heran. Sie müssen vielmehr durch Beziehungs- und Erziehungsvorgänge vermittelt und wie ein Muskel täglich trainiert werden“, betont Diplom-Pädagogin Kajsa Johansson in ihrem überaus lesenswerten Manuskript „Wenn die Hochbegabung unsichtbar bleibt — Das Phänomen Underachievement“ (S. 5 des PDFs).

Das verlangt auch Lehrern einiges ab: „Viele Underachiever müssen durch Zuspruch oder klare Ansagen zunächst ermuntert werden“, gestellte Aufgaben „auch wirklich zu bearbeiten“, so die Erfahrung von Kajsa Johannson. Doch sie erlebt in ihrer Arbeit mit versteckt Hochbegabten auch, dass diese „von Aufgabe zu Aufgabe motivierter werden und später völlig selbstständig und gern eigene Expertenaufträge realisieren“ (S. 8). Der zusätzliche Aufwand lohnt sich also: „Anfangs war ich sehr skeptisch, ob ich das leisten kann“, zitiert Johannson die Lehrerin eines Underachievers, und weiter: „Aber wenn ich ihn jetzt so sehe, was wir erreicht haben, bin ich schon stolz.“

Martina Niekrawietz

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