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Sprech-Hemmungen

Was Lehrer über (s)elektiven Mutismus wissen sollten

Kinder mit (s)elektivem Mutismus können sprechen, schweigen aber in ganz bestimmten Situationen beharrlich, zum Beispiel im Unterricht. Für Lehrer ist es dann wichtig zu wissen: Diese Kinder haben Angst und können nicht anders. Und sie brauchen möglichst schnell Hilfe.

Sprech-Hemmungen: Was Lehrer über (s)elektiven Mutismus wissen sollten Mutisten empfinden manche Situationen als bedrohlich und reagieren mit Angst, die sie sprachlos macht © Syda_Productions - Fotolia.com

Kinder, die nicht sprechen wollen, sind Gegenstand mancher politisch nicht immer korrekten Witze. Einer geht so: Viele Jahre bemühen sich Angehörige, Ärzte und Sprachtherapeuten darum, einem kleinen Jungen das Sprechen beizubringen. Immer wieder sagen sie ihm eine bestimmte Silbenabfolge vor: „Hadudadu, hadudadu, hadudadu.“ Doch der Bub sagt keinen Ton. Eines Tages — er ist mittlerweile fünf Jahre alt — bricht er plötzlich sein Schweigen und sagt beim Abendessen leise: „Hadudadu …?“ Da versetzt ihm der Vater eine schallende Ohrfeige und brüllt: „Bei Tische spricht man nicht!“ — Diese Pointe lebt natürlich aus der völlig unerwarteten Reaktion des Vaters, wobei man schlagartig auch ahnt, warum das Kind bisher nicht gesprochen hat: aus Angst. Auch in der Schule gibt es immer wieder Kinder, die aus Angst kaum oder gar nicht sprechen. Das kann neben einer Angststörung viele Gründe haben: kognitive Defizite zum Beispiel oder durch Bilingualismus bedingte Sprachschwierigkeiten. Manchmal ist das Schweigen auch auf eine akute emotionale Stresssituation zurückzuführen, etwa auf den Tod eines nahen Angehörigen. In einigen Fällen leiden die Kinder jedoch an selektivem Mutismus (synonym dazu wird auch der Terminus „elektiver Mutismus“ verwendet).

Eine Diagnose und Abgrenzung ist diffizil und für Laien nicht möglich, da Mutismus selten monosymptomatisch ist und häufig mit komorbiden Störungen einhergeht: In über 70 Prozent der Fälle sind das Angststörungen und bei über 40 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen Sprach- und Sprechstörungen. (vgl. dazu Prof. Dr. Manfred Döpfner, Leitender Psychologe der Uniklinik Köln, „Mutismus: Wenn Kinder nicht sprechen“, S. 13)

Definition von (s)elektivem Mutismus

Der Mutismus-Experte und Sprachtherapeut Dr. Boris Hartmann definiert auf seiner Website das Störungsbild als „eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis“. Hörvermögen und Sprechfähigkeit sind dabei intakt und vorhanden, „d. h es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation“, so Hartmann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ordnet (s)elektiven Mutismus als psychisch begründete Verhaltensauffälligkeit ein: In der internationalen Klassifikation von psychischen Erkrankungen, ICD-10, heißt es unter F 94.0: „Elektiver Mutismus (…) ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert, so dass das Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht. Diese Störung ist üblicherweise mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden.“

Mögliche Ursachen

Eine direkte Ursache lässt sich nicht festmachen, vielmehr seien es sowohl psychologische als auch physiologische Faktoren und deren „gegenseitige Ergänzung“, die die Entstehung von selektivem Mutismus (abgekürzt SM) begünstigen, so Hartmann (Link s. o.)

Auf der Website der Selbsthilfeorganisation „Mutismus Deutschland e. V.“ erläutert der Experte die Ursachen genauer:„Mutistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene hätten überwiegend „eine genetische Disposition zur Ängstlichkeit und Gehemmtheit“, so dass sie — besonders in ungewohnten Situationen und bei fremden Menschen — „extrem ängstlich und kommunikativ-verschlossen“ reagierten. „Jüngere Forschungen“ zeigten, dass bei Kindern mit sozial-gehemmtem Verhalten die Reizschwelle des Angstzentrums im Gehirn (Amygdala) verringert ist. Ihr Angstreflex ist „zu fein justiert“, sie überreagieren bei vermeintlichen Gefahren, die de facto keine sind.

Eine wichtige Information für Lehrer, die in ihrem Unterricht Tag für Tag mit einem mutistischen Schüler klarkommen müssen und dabei vielleicht auch immer wieder einmal an die Grenzen ihrer Geduld stoßen: Mutisten empfinden die Bedrohung als äußerst real, sie haben wirklich Angst. Und noch ein wichtiger Hinweis: Es gibt „keinen Beleg“ dafür, „dass die Ursache des Mutismus mit Missbrauch oder einem Trauma zu tun hat“, betont Hartmann (ebd.).

Selektiver Mutismus ist eine relativ seltene Störung, deren Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) bisher noch wenig erforscht ist. In der Literatur differiert die Prävalenzrate von 0,02 bis 0,05 Prozent und 2,0 Prozent, so Boris Hartmann (Link s. o.), wobei Mädchen etwas öfter betroffen sind.

Wer diagnostiziert den Mutismus?

Normalerweise übernimmt dies ein Kinderarzt oder Kinderpsychologe. Die Selbsthilfeorganisation „Mutismus Deutschland e. V.“ weist jedoch darauf hin, dass „selbst unter diesen Ärzten die Störung Mutismus noch relativ unbekannt ist“. — Ein wichtiger Hinweis, den Lehrer besonders auch an die Eltern weitergeben sollten.
Neben Ärzten und Psychologen können auch Sprachtherapeuten die Diagnose Mutismus stellen, und die Schweiger dann auch gleich direkt behandeln. Bei der Suche nach einem kompetenten Therapeuten in einer bestimmten Region hilft die Website des gemeinnützigen Vereins StillLeben e. V..

Wo und wann schweigen mutistische Kinder?

„Mutistische Situationen“, in denen die Kinder schweigen, finden sich nur selten innerhalb der eigenen Familie. In fast 90 Prozent der Fälle verstummen die Kinder bei Fremden oder in der Schule und zu über 40 Prozent im Kontakt mit anderen Kindern (vgl. dazu Prof. Dr. Manfred Döpfner, Leitender Psychologe der Uniklinik Köln, „Mutismus: Wenn Kinder nicht sprechen“, S. 13) Deshalb sind es vor allem die Lehrer, denen selektiver Mutismus auffallen kann: Evident wird das vor allem während des Unterrichts, wo Kinder mit SM besonders häufig nicht sprechen können. (genauer dazu: Döpfner, S. 14)  

Möglichst früh intervenieren

SM kann „relativ erfolgreich behandelt werden. In vielen Fällen kommt die Diagnose jedoch „erst relativ spät“, schreiben Anja Starke und Katja Subellok von der TU Dortmund in der Zeitschrift Empirische Sonderpädagogik (S. 64) Obwohl das Schweigen der Kinder durchschnittlich im Alter von drei bis vier Jahren beginnt, erfolge „eine Zuweisung zur Therapie erst mit durchschnittlich acht Jahren“.

Etwa 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit SM erhielten „gar keine spezifische Behandlung“. — Das ist für viele Betroffene eine Katastrophe, denn wenn Kinder ihre Symptomatik über das zehnte Lebensjahr hinaus beibehalten, „weisen sie eine schwere Form des SM auf und sind langfristig in ihrer gesamten Entwicklung beeinträchtigt“. — Wie das dann konkret aussehen kann, berichten mittlerweile erwachsene Betroffene unter der Rubrik „Lebenslinien“ bei mutismus.de, zum Beispiel die 27-jährige Vanessa: Ihre schulischen Leistungen wurden durch den selektiven Mutismus so stark beeinträchtigt, dass sie erst nach vielen Umwegen und Rückschlägen ins Berufsleben fand. Die etwa gleichaltrige Alexandra kann heute „zwar öfters mal mit fremden Menschen sprechen, aber nicht immer“. Trotzdem versucht sie „positiv in die Zukunft zu blicken“ und rät allen, denen es geht wie ihr: „Gebt nicht auf!“

Martina Niekrawietz

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