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Teilleistungsstörungen

Defizite in der Entwicklung den Eltern gefühlvoll vermitteln

Elternsprechtag in der Schule. Viele Eltern sitzen vor Ihnen mit einer hohen Erwartung und wünschen sich positive Neuigkeiten über ihren Sprössling. Doch manchen Eltern müssen Sie dann sagen, dass ihre Kinder im Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht so gut sind, wie die Eltern es einschätzen.

Teilleistungsstörungen: Defizite in der Entwicklung den Eltern gefühlvoll vermitteln Teilleistungsstörungen können in vielen schulischen Bereichen auftreten © Petair - Fotolia.de

Einige Eltern äußern dann Befürchtungen wie: „Ich glaube, meine Tochter hat eine Dyskalkulie“ oder „Kann es sein, dass mein Sohn eine LRS hat?“ Welcher Lehrer hat da ad hoc eine Antwort auf den Lippen?

Dyskalkulie oder Rechenschwäche, LRS oder Legasthenie gehören zu den sogenannten Teilleistungsstörungen. Von Teilleistungsstörungen spricht man, wenn starke Schwierigkeiten beim Erlernen von Lesen, Schreiben oder Rechnen vorliegen.

Diese Schwierigkeiten dürfen nicht auf Krankheit (z.B. hirnorganische Schäden), mangelnde Übung, zu häufige Abwesenheit vom Unterricht oder unangemessene Beschulung (z.B. zu häufigen Lehrerwechsel) zurückzuführen sein.

Menschen mit einer Teilleistungsstörung haben Leistungsausfälle im Fühlen, Denken und sprachlichen Bereich bei überdurchschnittlicher oder durchschnittlicher Intelligenz.  Damit ist eine klare Abgrenzung zur Lernbehinderung möglich, bei der eine unterdurchschnittliche oder niedrige Intelligenz vorhanden ist. Aus diesem Grund ist für eine Diagnose einer Teilleistungsstörung immer auch ein Intelligenztest erforderlich.

Wie Sie eine Teilleistungsstörung richtig einordnen können

Eine Teilleistungsstörung gehört zu den Entwicklungsstörungen nach ICD-10. Die ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen. Sie wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitet und laufend aktualisiert. Durch die Klassifikation von Krankheiten und Störungen sind weltweit einheitliche Standards bei der Diagnose vorhanden. Diese Standards machen erst internationale Vergleiche in Bezug auf Krankheitsvorkommen und Therapieverfahren möglich.

In dieser Klassifikation wird unter Punkt F81 die umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten definiert. Es sind Störungen, bei denen der Fertigkeitserwerb von der frühen Entwicklung an gestört ist und mangelnde Lerngelegenheiten nicht ursächlich sind. Zwischen verschiedenen Teilleistungsstörungen wird unterschieden:

  1. Lese- und Rechtschreibstörungen (F81.0)
  2. Isolierte Rechtschreibstörung (auch isolierte Rechtschreibschwäche) (F81.1)
  3. Rechenstörung (F81.2)
  4. Störungen Kombinierte schulischer Fertigkeiten (F81.3)
  5. Sonstige Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (F81.8)
  6. Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, nicht näher bezeichnet (F81.9)


Unter F82 sind umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen erfasst, die nicht durch mangelnde Intelligenz oder neurologische Störung erklärbar sind. Die Klassifikation F82.1 benennt die Störung der Fein- und Graphomotorik.

Die kombinierte umschriebene Entwicklungsstörungen (F83) ist eine Restkategorie. Sie wird diagnostiziert, wenn umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache, schulischer Fertigkeiten und motorischer Funktionen vorliegen, aber keine Störung so ausgeprägt ist, dass sie eine Hauptdiagnose ermöglicht.

Was kommt bei einer Teilleistungsschwäche oft an psychischen Störungen hinzu?

Bei Kindern und Jugendlichen mit Teilleistungsstörungen sind oftmals komorbide (begleitende) Störungen diagnostizierbar. Sie beziehen sich auf das Verhalten und emotionale Befinden des Betroffenen. Es kann unterschieden werden zwischen primären und sekundären Störungen als Begleiterscheinung einer Teilleistungsstörung.

Unter primären Störungen sind Auffälligkeiten zu fassen, die schon vor der Einschulung bestanden. Manche Kinder haben bereits vor der Einschulung trotz normaler Intelligenz Entwicklungsstörungen, z.B. Sprachprobleme oder psychische Störungen wie oppositionelles Verhalten. Primäre Störungen bleiben oft in der ganzen Schulzeit präsent. Häufig ist auch nicht klar, ob die Teilleistungsstörung Ursache für  neuropsychologischer Defizite  ist oder neuropsychologische Defizite die Ursache für Schwierigkeiten in Teilbereichen ist.

Primäre Störungen:

  • psychomotorisches Ungeschick
  • Schwierigkeiten mit der visuellen  und visuell-räumlichen Wahrnehmung
  • Probleme mit der visuomotorischen Koordination
  • Hyperkinetische Störungen (Aufmerksamkeit, motorische Unruhe, Impulsivität)
  • Störungen im Lang- und/oder Kurzzeitgedächtnis (bei LRS: Wortfindungsstörungen)
  • Ängste
  • Depressionen


Sekundäre Störungen (psychische Auffälligkeiten, Schulangst etc.) sind Folgen einer Teilleistungsschwäche. Sie entstehen aufgrund der psychischen Belastung, die mit diesen Störungen bei manchen Kindern einhergeht. Manche Kinder leben in Systemen (Familie, Schule, Freunde), die mit einer Teilleistungsschwäche so umgehen, dass eine sekundäre Störung nicht zwangsweise beim Kind/Jugendlichen auftreten muss.

Sekundäre Störungen:

  • Schulangst
  • Konzentrationsstörungen
  • Motorische Unruhe
  • Motivationsverlust
  • Erziehungsschwierigkeiten in der Schule und/oder Familie.


Wie wird eine Teilleistungsstörung diagnostiziert?

Um eine Teilleistungsstörung sicher zu diagnostizieren, muss eine sogenannte multiaxiale Diagnostik durchgeführt werden. Diese erstreckt sich auf folgende Untersuchungsbereiche:

  1. Bereich, in dem die Teilleistungsstörung vermutet wird, sowie Sprache, Motorik
  2. Intelligenzniveau
  3. psychische Gesundheit
  4. körperliche Gesundheit   
  5. psychosoziales Lebensmilieu
  6. psychosoziale Anpassung und Eingliederung.


Es muss also neben dem Bereich, in dem eine Teilleistungsschwäche vermutet wird, ein Intelligenztest durchgeführt werden. Zudem muss ärztlich abgeklärt werden, ob Probleme beim Hören, Sehen oder neuropsychologische Defizite ursächlich sein könnten. Ergänzend müssen eine genaue Anamnese bezüglich des bisherigen Entwicklungsverlaufes gemacht und die derzeitigen Lebensbedingungen des Kindes untersucht werden.

Was Sie den Eltern für die Diagnose raten können

Da die Diagnose einer Teilleistungsstörung so umfassend ist, sollte sie immer durch einen Kinder- und Jugendpsychiater, psychologischen Psychotherapeuten oder Psychologen (auch Schulpsychologen) gestellt werden. Wenn das Kind krankenversichert ist, können die Eltern ganz unproblematisch um einen Termin z.B. bei einem Kinder- und Jugendpsychiater oder in einem sozialpädiatrischen Zentrum ersuchen.

Dort wird dann die umfassende Diagnostik durchgeführt. Bei einer solchen Diagnostik werden dann nicht nur eventuelle Teilleistungsstörungen, sondern auch die komorbiden Störungen festgestellt.

Es entstehen den Eltern keine Kosten für die Diagnose. Zudem wollen Ärzte/Psychiater/psychologische Psychotherapeuten keine Therapien verkaufen. Eltern haben bei einer solchen Diagnostik die Sicherheit, dass sie unabhängig von Verkaufsinteressen ist und Sie als Lehrer wissen, dass es sich nicht um ein Gefälligkeitsgutachten handelt.

Ruth Hölken


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