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Schulverweigerer

Eltern von Schulschwänzern mit ins Boot holen

Bei Gesprächen mit Eltern von „Problemkindern“ sind Fingerspitzengefühl und Kommunikationskompetenz gefragt, will man diese nicht vor den Kopf stoßen, sondern mit ins Erziehungsboot holen. Mit der richtigen Gesprächsstrategie schafft man Vertrauen für die weitere Zusammenarbeit.

Schulverweigerer: Eltern von Schulschwänzern mit ins Boot holen Damit die Bildung nicht auf der Strecke bleibt, ist es wichtig, gemeinsam mit den Eltern an Lösungen zu arbeiten © Marem - Fotolia.com

Die Rechtslage ist klar: Eltern, die sich hartnäckig weigern, ihre Kinder in die Schule zu schicken, müssen mit Konsequenzen rechnen. In Hessen etwa können sie mit bis zu einem halben Jahr Haft oder einer hohen Geldbuße bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden. Gegen die entsprechende Strafnorm im Hessischen Schulgesetz hatten fundamental-christliche Eltern Verfassungsbeschwerde eingelegt. Wiederholt waren sie zu Geldstrafen verurteilt worden, weil sie ihre Kinder im eigenen Haushalt unterrichtet hatten.

Am 07.11.2014 entschied das Bundesverfassungsgericht jedoch, dass eine landesrechtliche Strafnorm, die die dauernde Entziehung eines Kindes von der Schulpflicht mit Geld- oder Freiheitsstrafe sanktioniert, mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Hartnäckige „Schulverweigerer-Eltern“ können demnach „mit Gefängnis oder mit hoher Geldstrafe belegt werden“, berichtete der Berliner Tagesspiegel. „Die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften entgegen zu wirken“, so die Begründung des Gerichts. Deshalb könnten die Eltern „auch mehrfach wegen der Schulverweigerung bestraft werden“ (ebd.).

Nicht immer ist die Rolle bzw. die Haltung der Eltern bei Schulverweigerung so klar wie in den — verhältnismäßig seltenen — Fällen von Zurückhalten aus fundamental-religiösen Gründen. Wenn Sie als Lehrkraft wegen häufigen Fehlens eines Schülers das Gespräch mit seinen Eltern suchen, geht es zunächst darum, die Sorgeberechtigten über die Fehlzeiten zu informieren. Doch mit welchen Strategien gelingt es dann anschließend, die Eltern ins Boot zu holen und mit ihnen gemeinsam das Problem anzupacken?

Eine Vertrauensbasis schaffen

Weitere Informationen zum Thema:

Gute Anhaltspunkte für Elternarbeit und -beratung gibt der „Elternratgeber Schulverweigerung“, der zwar auf Osnabrück zugeschnitten ist, jedoch auch viele überregional gültige Informationen enthält.

„Mein Kind schwänzt — was tun?“ Diese Frage beantwortet das Familienhandbuch mit einem ausführlichen Artikel. — Ideal als Lesetipp für besorgte Eltern.

Einer gemeinsamen Intervention von Lehrkräften und Sorgeberechtigten sind in vielen Fällen Grenzen gesetzt: „Probleme werden meist ausschließlich als Privatsache angesehen, welche in der Familie zu bleiben hat, und es besteht häufig ein grundsätzlicher Argwohn und eine Unsicherheit gegenüber Hilfsangeboten von außen“, so die Erfahrung des Erziehungswissenschaftlers Dr. Thorsten Bührmann. (In: Themenheft Schulverweigerung 2/2014, S. 24 f.). Grundlegend für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit seien deshalb der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, die Gestaltung eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses, eindeutige Vereinbarungen und kontinuierliche Kontakte (ebd., S. 25 f.).

Konstruktive Gespräche einleiten

Doch zunächst einmal gilt es in der Regel für Sie als Lehrkraft, das Eis zu brechen: „Rechnen Sie bei Eltern von ‚Problemkindern‘ mit Abwehr, Verleugnung, Abtauchen, wenn Sie diese zur Kooperation/Mithilfe auffordern“, rät Prof. Dr. Mathias Schwabe in seinem Beratungswegweiser für Elterngespräche (S. 1). Möglicherweise reagieren sie empfindlich, weil sie öfter auf ihre „missratenen“ Kinder angesprochen werden. Vielleicht haben sie auch schon einiges probiert und sind gescheitert. Oder sie billigen das Fernbleiben vom Unterricht ihrer Kinder aus bestimmten Gründen.

Zu Beginn des Gespräches (oder eines Briefes) sollte die Lehrkraft zugeben, dass sie ein Problem hat und die Unterstützung der Eltern braucht. Damit signalisiert sie, dass sie den Eltern nicht etwa ein Problem „anhängen“, sondern kooperieren möchte. Am besten sollte die Bedeutung des gemeinsamen Handelns unterstrichen werden: „Wissen Sie, wenn Sie hinter uns und wir hinter Ihnen stehen, macht das einen ganz anderen Eindruck auf Ihr Kind, als wenn man alleine steht“, wäre eine geeignete Formulierung, denn: „Das Allein(e)-Stehen kennen viele Eltern. Das spricht sie an“, betont Schwabe. (ebd., S. 2)

Brücken bauen

Wenn Eltern ihr Kind schützen wollen, versuchen sie vielleicht, das Gespräch abzublocken. Schwabe empfiehlt, von etwaigen Schuldzuweisungen Abstand zu nehmen, Verständnis zu zeigen und auf das gemeinsame Ziel zu verweisen: „Ich höre, dass Sie auf jeden Fall wünschen, dass Ihr Sohn nicht ungerecht behandelt wird. Das ehrt Sie als Vater / Mutter. (…) Aber wenn wir gut zusammen arbeiten, dann lernt er vielleicht etwas daraus für sein Leben.“ (ebd.)

Wenn die Eltern darauf auch nicht einsteigen, sollte man keinen Druck machen, sondern ihnen eine Brücke bauen („Ich bitte Sie, noch einmal darüber nachzudenken.“) und die Schwelle für eine Zusammenarbeit möglichst tief ansetzen („Und wenn Sie nur dabei sind, während ich mit Ihrem Sohn rede.“). (ebd.)

Überreaktionen von Eltern verhindern

Wenn die Eltern überreagieren und etwa andeuten, dass sie zu brachialen Methoden zu greifen gewillt sind, empfiehlt Schwabe: „Versuchen Sie nicht, die Eltern zu erziehen!“ Vielmehr sollte man deren Ideen zunächst einmal eine positive Wendung geben: „Das gefällt mir, dass Sie das Verhalten von Thomas so klar verurteilen.“ Hat man auf diese Weise wieder eine gemeinsame Basis hergestellt, sind die Eltern meist eher bereit, einen Rat beziehungsweise eine abweichende Auffassung anzunehmen: „Eine Tracht Prügel tut vielleicht weh, aber wir wollen, dass der Thomas eine andere Einstellung bekommt. Und die erreicht man meistens besser über Gespräche.“ (ebd., S. 9)

Erst die Gemeinsamkeit betonen, dann den Unterschied thematisieren — dieses Zwei-Schritte-Modell eignet sich generell hervorragend als Kommunikationsstrategie bei Äußerungen, die von Ihrer Meinung abweichen.

Selbst Provokationen lassen sich damit abfangen, wie Schwabe mit folgendem Beispiel zeigt (ebd., S. 3):

Mutter: „Mit diesem Problem müssen Sie als Pädagoge schon selbst klarkommen!“

Lehrer: „Es freut mich, dass Sie unserer Zunft so viel zutrauen und wir wären auch in der Lage, hier eigene disziplinarische Maßnahmen zu setzen. Aber mir geht es nicht darum, Ihren Sohn abzustrafen, sondern die Gründe herauszubekommen und die Aufgaben unter den Beteiligten zu verteilen, damit er die Schule gut zu Ende bringt. Dafür brauche ich Ihre Unterstützung.“

Eltern in die Verantwortung nehmen

Wenn die Eltern bereit sind mitzumachen, dann sollte man erläutern, was man vorhat und sie auch gleich mit einbinden. Schwabe formuliert ein Beispiel: „Ich will mit Thomas einen Vertrag über den regelmäßigen Schulbesuch schließen. Ich möchte, dass Sie prüfen, ob der Vertrag realistisch ist und ob Sie eine Möglichkeit sehen, Thomas zu belohnen, wenn er sich daran hält.“ (ebd.)

Bei Gesprächen mit Schülern und Eltern kommt es darauf an, „die gemeinsame Verantwortung und die gemeinsamen Werte von Schule und Elternhaus“ zu unterstreichen. Am besten mit Sätzen wie „Nicht wahr, da sind wir uns doch einig?“ oder „Thomas, deine Eltern und deine Lehrer machen sich Sorgen um dich. (…) Du bist uns nicht egal, nicht wahr, Frau Müller?“

Hilfe bietet Gesprächsleitfaden

Der Schweizer Lehrer Bruno Grossen stellt auf der Website haltekraft.ch Arbeitshilfen („Werkzeuge“) zur Verfügung, um die Haltekraft von Schulen zu verbessern. In seinem „Werkzeug 32: Das Elterngespräch“ gibt er Lehrkräften ein Gerüst für den Ablauf und einen Fragenkatalog an die Hand. Außerdem beschreibt er die Voraussetzungen (äußerer Rahmen, innere Haltung) für ein gelingendes Elterngespräch. („Merkpunkte“, S. 190 f.)

Er empfiehlt, die Dauer des Gesprächs auf „maximal eine Stunde“ zu begrenzen. Wenn möglich, sollten beide Eltern und auch der Schüler dabei sein. Grundlegend für ein konstruktives Gesprächsklima ist es, niemals ein Elterngespräch als Strafe einzusetzen. Zudem sollte sich die Lehrkraft „jederzeit an Ressourcen und Lösungen anstatt an Defiziten und Problemen“ orientieren. Und — ganz wichtig: „Eltern hören sehr gerne Komplimente über ihre Kinder! Deshalb sollte die Lehrperson diese Chance nutzen und viele davon machen.“ Dadurch würden die Eltern auch empfänglicher für kritischere Hinweise (ebd.).

Martina Niekrawietz

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