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Sporterziehung

Bewegung fördert eine ganzheitliche Entwicklung

Sport und Bewegung sind für die körperliche, geistige, soziale und emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von großer Bedeutung. Umso wichtiger ist es, dass den Bewegungsaktivitäten im Schulalltag größere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Sporterziehung: Bewegung fördert eine ganzheitliche Entwicklung Bewegung und Sport sollten viel mehr in den Schulalltag integriert werden, damit sich Kinder und Jugendliche rundum gut entwickeln © Sergey Novikov - Fotolia.com

„Der Schulsport hat für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zentrale Bedeutung. (…) Mit seinem erzieherischen Potential leistet der Schulsport einen unersetzlichen Beitrag zur Bildung und Erziehung“, so steht es im „Initiativprogramm zur Stärkung des Schulsports in Nordrhein-Westfalen“ 2002. Seit Jahren wird immer wieder gefordert, dass der Bewegungsumfang an den Schulen erhöht werden muss.

Heute muss man leider feststellen, dass der Schulsport diesen pädagogischen Auftrag vielfach nicht erfüllt. Im Vordergrund standen und stehen immer die kognitiven Fächer, Sportstunden wurden gestrichen (siehe G8) und fallen am häufigsten von allen Unterrichtsfächern aus, was durch Studien belegt ist. Hinzu kommt die immer noch mangelnde Akzeptanz und fehlende Einsicht, dass  Sport und Bewegung bei der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen eine bedeutende Rolle spielen.

Gerade in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich die Bewegungswelt der Kinder durch Mechanisierung, Verbauung der Bewegungsmöglichkeiten in den Städten und übermäßige Mediennutzung dramatisch verändert. Schon Kinder „zocken“ permanent auf Tablets und Smartphones, Abenteuer und Wagnis erleben sie nur im Fernsehen – aber eben nicht körperlich und real. Und das mit Folgen: Lehrer klagen über Konzentrationsprobleme ihrer Schüler, Ruhelosigkeit, geringe Leistungsbereitschaft, mangelnde Selbstständigkeit, usw. Immer mehr Kinder und Jugendliche laufen Gefahr, durch inaktiven Lebensstil und erhöhte Kalorienzufuhr Risikofaktoren wie kardio-vaskuläre Erkrankungen, Übergewicht und Haltungsschäden in das Erwachsenenalter mitzunehmen.

Durch eine Vielzahl von Studien wurde nachgewiesen, dass Bewegungsaktivitäten besonders im Kindes- und Jugendalter äußerst positiven Einfluss auf die körperliche, emotionale, kognitive und soziale Entwicklung haben. Wesentlich ist, dass Sport und Bewegungsaktivitäten vielfältig und planvoll gestaltet werden und regelmäßig stattfinden. Dann können sie:

  • die körperliche Leistungsfähigkeit steigern,
  • zu lebenslangem, gesunden Sport motivieren,
  • beim Lernen helfen.

Sport und die körperliche Entwicklung

Regelmäßig betriebener Sport kann helfen, Risikofaktoren wie Übergewicht und Haltungsschäden zu vermeiden und eine gesunde körperliche Entwicklung zu fördern. Gesunder Sport sollte beinhalten:

  • Übungen zur Förderung der Ausdauerfähigkeit, um das Herzkreislaufsystem zu stärken (z. B. Lauftraining, Ballsportarten),
  • ausgleichende Übungen bei körperlichen Leistungsschwächen (z. B. Krafttraining),
  • koordinative Übungen zum Abbau von motorischen Schwächen,
  • kräftigende und dehnende Übungen zur Vermeidung von Haltungsschäden (vor allem Rückengymnastik),
  • Muskeltraining zur Entlastung und zum Schutz von Gelenken (z. B. Knie- und Schultergelenke).

Dazu gehören auch kurze Erläuterungen über Sinn und Zweck dieser Übungen und vor allem auch Hinweise auf wichtige Ernährungsregeln. Ziel soll sein, dass der Schüler durch positive Erfahrungen wie Wohlfühlen und erhöhte Leistungsfähigkeit zu lebenslangem Sport motiviert wird.

Literatur zum Thema:

Werner Bartens: Bewegen hilft. In: Süddeutsche Zeitung, vom 12.1.2016, S. 6

Heinz Mechling / August Neumaier, (Hrsg.): Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining. Köln 2009

Christian Rost,: Extremsport – eine Gefahr fürs Herz. In: „Der Gemeinarzt“ 7/2015.

Stefan Voll: Bewegende Schule als Therapieoption für überbehütete Schülerinnen und Schüler. In: Schulsport, Vorschriften, Empfehlungen und Unterrichtshilfen für den Sportunterricht und außerschulischen Schulsport, hrsg. von Wutz/Vorleuter. Kronach 2015

Stefan Voll: Der Sportunterricht als unverzichtbarer Resilienzfaktor. In: ebenda

Stefan Voll: Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit. In: ebenda

Stefan Voll: Wi(e)der die Sitzwelt. In: Schulsport, Vorschriften, Empfehlungen und Unterrichtshilfen für den Sportunterricht und außerschulischen Schulsport, hrsg. von Wutz/Vorleuter. Kronach 2014

Optimierung der geistigen Fähigkeiten

Durch die Hirnforschung wurde in den letzten Jahren bestätigt, dass durch Sport und Bewegung die geistige Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen verbessert werden kann. Durch körperliche Aktivität wird die Durchblutung des Gehirns verbessert und damit die Sauerstoffversorgung erhöht, „neurotrophe Wachstumsfaktoren steigen an, die wiederum die Neubildung von Nervenzellen und deren Vernetzung begünstigen“ (Voll, Steigerung S. 1). Außerdem kommt es durch Bewegungsimpulse „zu einer intensiveren Proteinausschüttung, welche die Reiz-Leitungs-Prozesse begünstigt“ (Voll, Sitzwelt S. 3), was die kognitiven Funktionen wie Aufnahmefähigkeit, Konzentration usw. positiv beeinflusst. Durch Bewegung erhöht sich ebenfalls im Zentralnervensystem die Konzentration der Botenstoffe Serotonin (wirkt positiv auf Stimmungslage, Zufriedenheit, innere Ruhe), Dopamin („Glückshormon“) und Noradrenalin (Anregung Herz-Kreislaufsystem). (siehe Voll, Steigerung S.4)

Von besonderer Bedeutung sind hierbei koordinative Übungen. Koordinative Bewegungsformen sind nicht angeboren, sondern sie müssen durch Üben erlernt werden. Es geht um das Zusammenwirken von Muskeln und Nerven zu gewandten, reaktionsschnellen und sicheren Bewegungen. Kleinkinder beginnen dieses Üben mit Klettern, Purzeln, Rollen, Schaukeln, Springen, Balancieren usw. und es kann  zusammen mit konditionellen Fähigkeiten bei einem bewegungsreichen Kindes- und Jugendalter und sportlichem Training zu einem breiten Bewegungsrepertoire führen. Hier ist neben dem Elternhaus besonders die Schule gefordert.

Selbst kurze Bewegungspausen im Klassenzimmer von ca. zehn Minuten mit koordinativen Übungen und Bewegungsspielen erhöhen bei Kindern und Jugendlichen die Konzentrations- und Lernfähigkeit. Geeignete Übungsformen findet man vielfach in der Fachliteratur, im Internet unter „koordinative Übungen“ und in den Konzepten für „Bewegte Schule“ oder „Bewegte Klassenzimmer“. Sport und Bewegung helfen also beim Lernen.

Einfluss auf soziales Lernen

Sport und Spiel sind ebenfalls ein wichtiges Erprobungsfeld bei der Entwicklung sozialer Fähigkeiten wie Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit,  Empathie, Kooperationsbereitschaft, Selbständigkeit usw.. Besonders geeignet sind hier alle Mannschaftssportarten wie Ballspiele oder Staffeln, Partnerwettkämpfe, Fangspiele usw. Schüler können lernen:

  • Spielregeln anzuerkennen,
  • Fairness erfahren,
  • Streitigkeiten zu schlichten,
  • Verantwortung zu übernehmen.  

Sehr wichtig ist es auch, Raum zu schaffen, um Aggressionen abzubauen. Kindliches Fehlverhalten, Bosheiten, Gewalt, Wut und Ärger gehören zum Leben. Kinder und Jugendliche müssen auch mal „Mist“ machen können, aber sie sollen lernen, wo die Grenzen zwischen richtig und falsch liegen. Auch Erfahrungen des Scheiterns und Verlierens und deren Verarbeitung können die Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflussen. Sport ist ein wichtiges soziales Lernfeld.

Schulsport — Sport für alle

Schulsport muss alle fördern und eine Bewegungs- und Sportkultur erschließen, die zu lebenslangem gesunden Sport führen kann, aber ebenso auch sportlich begabte Schüler motiviert. Dazu bedarf es pädagogischen Kompetenzvon Lehrern und Eltern.

Neben dem obligatorischen Fachunterricht sollte den Schülern eine Vielzahl von Sport-, Spiel- und sonstigen Aktivitäten angeboten werden. Dazu zählen freiwillige Sportarbeitsgemeinschaften, Schulsportfeste, Spielturniere, Wandertage, Klassenfahrten mit sportlichem Schwerpunkt wie Skikurse, Wanderungen, Radtouren usw.

Beispiel: Hermann-Lietz Schule Haubinda

An der reformpädagogische Ganztagsschule „Herman Lietz“ in Thüringen spielen Sport und Bewegung bereits seit der Gründung 1901 eine besondere Rolle. Die Reformpädagogik ist schon damals davon ausgegangen, dass Sport und Spiel bei der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eine große Bedeutung haben: als idealer Ausgleich zu geistiger Arbeit , um Freude zu vermitteln und Leistung zu fördern.

Eine lernfreundliche Umgebung soll die Lust der Schüler am Lernen fördern. So wurde auch der Außenbereich großzügig und anregend gestaltet. Auf dem weitläufigen parkartigen Gelände im „Schuldorf“ Haubinda befinden sich eine Sporthalle, ein Rasenfußballplatz, ein Basketballplatz, ein Beachvolleyballplatz, eine Leichtathletikanlage, ein kleines Freibad und viele Wiesen, die zum Spielen einladen. Das Sportkonzept der Schule sieht so aus:

  • zwei Stunden Sport nach Lehrplan am Vormittag,
  • eine kurze Essenspause am Vormittag in der Mensa,
  • danach „Bewegungspause“ auf dem Schulgelände (1.–6.Klasse 30 Minuten / ab 7. Klasse 20 Minuten),
  • am Nachmittag jeweils 90 Minuten Sport in „Gilden“ (Arbeitsgemeinschaften). In diesem Schuljahr werden  angeboten: Badminton, Basketball, Bogenschießen, Fitness und Kraftsport, Fußball, Klettern, Gymnastik, Kraft und Lauf, Leichtathletik, Reiten (es gibt einen eigenen Reitstall), Tauchen mit Scheinerwerb, Selbstverteidigung, Tanz (Zumba) und Tischtennis.
  • Zusätzlich finden Mannschaftswettkämpfe, Laufveranstaltungen usw. statt.

Auch wenn die meisten Schulen in Deutschland solche Gestaltungsräume nicht zu Verfügung haben, auch mit weniger Raum und finanziellen Mitteln kann eine lern- und bewegungsfreundliche Schullandschaft bzw. ein bewegungsaktiver Schulalltag gestalten werden.

Resümee

Voraussetzungen für einen Beitrag von Sport, Spiel und Bewegung zu Erziehung und Bildung sind, um die körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten zu fördern:

  • Es müssen schulübergreifende Konzepte entwickelt werden.
  • Praxisrelevante Handreichungen und Weiterbildungen sollten Lehrer und Eltern unterstützen.
  • Sport und Bewegungsaktivitäten müssen vielfältig und interessant gestaltet werden und regelmäßig stattfinden.
  • Optimales Ziel könnte die „täglichen Sportstunde“ oder „jeden Tag ein Angebot“ sein.
  • Kinder und Jugendliche haben auf dem Schulgelände die Möglichkeit für Spiel und Entspannung.
  • im Klassenzimmer müssen regelmäßig kürzere Bewegungspausen in den Unterricht eingeschoben werden.
  • Zusätzliche „Sportarbeitsgemeinschaften“ sollten am Nachmittag angeboten werden.
  • Schülern, Lehrern und Eltern muss die Notwendigkeit von gesundem Sport und gesunder Ernährung  vermittelt werden.

Denn: Bildung und Erziehung brauchen Bewegung. — Die Schüler lernen besser und sind insgesamt fitter.

Jürgen Meng

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