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Geschichtsunterricht

Historisches Fremdverstehen durch Rollenspiele verbessern

Das Handeln historischer Personen ist für Schüler häufig nicht nachzuvollziehen, sogar völlig unverständlich. Sie wissen zu wenig über die Motive und Wertvorstellungen der Menschen früherer Zeiten. Rollenspiele können helfen, die Beweggründe besser zu verstehen.

Geschichtsunterricht: Historisches Fremdverstehen durch Rollenspiele verbessern In Rollenspielen können sich die Schüler mit den Handlungsweisen historischer Personen leichter identifizieren © Clemens Schuessler - Fotolia.com

Eine 6. Klasse behandelt das Thema Eheschließung im antiken Griechenland. Eine Schülerin ruft empört in den Raum: „Das ist ja ekelhaft!“ Eine andere schließt sich mit den Worten an: „Ich würde mir das nicht gefallen lassen!“ Die Klasse ist vollkommen aufgebracht, als sie erstmals lernt, dass im antiken Griechenland in der Regel 13-jährige Mädchen mit 30-jährigen Männern verheiratet wurden. Als der Lehrer darauf verweist, dass die Lebensumstände damals anders waren und Ehen vor allem zur sozialen Absicherung geschlossen wurden, verbuchen die Schüler das zwar als faktisches Wissen, aber ein echtes Verständnis für die Motive und Wertvorstellungen jener Zeit bleibt an dieser Stelle aus.

Schüler sollen ein Fremdverstehen entwickeln

Die Beschäftigung mit der Geschichte konfrontiert die Schüler regelmäßig mit dem Fremden, Andersartigen vergangener Welten. Um diese Alteritätserfahrung sinnvoll in einen historischen Erkenntnisgewinn zu integrieren, fordern zum Beispiel die niedersächsischen Kerncurricula im Fach Geschichte, dass die Schüler ein Fremdverstehen entwickeln.

Nach Conrad geht es hierbei darum, das Innere des Menschen, Gefühle, Gedanken, Motivationen, Werte und Absichten und weniger gesellschaftliche Verhältnisse oder Handlungskonsequenzen nachzuvollziehen. (Franziska Conrad: Perspektivenübernahme, Sachurteil und Werturteil. In: Geschichte lernen, 139 (2011), S. 2-17, hier S. 2) Aber ist das tatsächlich so einfach? Reicht den Lernenden die Arbeitsanweisung, „Versetze dich hinein in …“, diese Leistung zu bewältigen?

Historische Perspektive durch Rollenspiel erproben

Häufig neigen die Schüler stattdessen dazu, die Menschen der Vergangenheit als rückständig oder primitiv zu betrachten. Ihr Unverständnis basiert auf den modernen, demokratisch geprägten Erfahrungen ihrer eigenen Lebenswelt, die sie nicht einfach ablegen können.

Hier bietet im Sinne handlungsorientierter Unterrichtsprinzipien das Rollenspiel, das naturgemäß ein Hineinversetzen verlangt, den Schülern einen Rahmen, die historische Perspektive zu erproben und darauf aufbauend ein Verständnis für das Denken und Handeln historischer Personen zu entwickeln. (Lotte Herkommer/ Manfred Lissek: Das Rollenspiel im Geschichtsunterricht. In: Süssmuth, Hans (Hrsg.): Historisch-politischer Unterricht. Planung und Organisation, Stuttgart 1973, S. 194-209, hier S. 197) 

Selbstverständlich muss das Fremdverstehen im Geschichtsunterricht sukzessive angebahnt werden. Es kann von einem Sechsklässler nicht das gleiche Maß an Fremdverstehen verlangt werden wie von Schülern des 10. Jahrgangs. Vielmehr zeigt sich ein basales Fremdverstehen bereits darin, wenn die Schüler die Menschen und ihr Handeln unvoreingenommen beschreiben können und nicht als rückständig begreifen.

Hintergrundwissen ist Voraussetzung

Um ein Rollenspiel erfolgreich durchführen zu können, benötigen die Schüler zunächst Hintergrundwissen, sodass es sinnvoll ist, ein Rollenspiel am Ende einer Reihe anzulegen. Von den unterschiedlichen Varianten des Rollenspiels bietet sich grundsätzlich ein Imitationsspiel an, bei dem die Schüler in die Rolle von handelnden Menschen der Geschichte schlüpfen, um diese durch Nachahmung besser verstehen zu können. Es handelt sich hierbei um zufällige Menschen, die nicht historisch belegt sind, aber so existiert haben könnten.

Die Lehrkraft gibt eine historisch authentische Spielsituation vor,  in der sich die Schüler Ziele und Motive der Menschen aneignen, und diese nachahmend präsentieren müssen. Weiterhin sollte, ein Handlungs- und ein Zeitrahmen für die Präsentation festgelegt werden. Zum Beispiel kann die Lehrkraft festlegen, dass sich die Charaktere des Rollenspiels einig werden sollen, wenn es inhaltlich um Konflikte geht.

Damit sich die Schüler intensiv mit ihren Rollen auseinandersetzen können, bietet es sich an, in kleinen Expertengruppen die einzelnen Rollen vorbereiten zu lassen, wobei Gefühle und Handlungsgründe explizit ausgearbeitet werden sollten. Unterstützend sollte die Lehrkraft für jede Person Rollenkarten zur Verfügung stellen, die die Person je nach Schwierigkeitsgrad detailliert beschreiben.

Um die Perspektivenübernahme in der Vorbereitung zu trainieren, können die Schüler beispielsweise einen inneren Monolog zu ihrer Person verfassen. Im Anschluss arbeiten die Schüler in neu zusammengesetzten Gruppen das Rollenspiel mithilfe des Handlungsrahmens und ihrer Vorbereitung aus.

Je nach Erfahrung der Klasse mit dieser Methode, können im Vorfeld Regeln aufgestellt werden, wie zum Beispiel, dass das Rollenspiel kein Sketch sein soll, sondern ernsthaft vorgetragen werden muss. Außerdem sollten für die Präsentationen Beobachtungsaufträge an die Zuschauer verteilt werden, die für eine abschließende Reflexion der Rollenspiele herangezogen werden. — Und letztendlich auch eine abschließende Beurteilung der Motive und Beweggründe der „historischen“ Personen ermöglichen.

Bonnie Pülm

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