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Hörkompetenz

Hörspiele: Mit den Ohren sehen

Statt visueller Reize das Hören trainieren. Hörspielkrimis regen zum genauen Zuhören an, eröffnen die Welt der akustischen Wahrnehmung und fördern fast nebenbei die Hörkompetenz.

Hörkompetenz: Hörspiele: Mit den Ohren sehen Etwas für Spürnasen mit gespitzten Ohren: Krimis zum Zuhören und Lösen © spoorloos - Fotolia.com

Mal ehrlich: Audioarbeit in Zeiten von YouTube, Facebook und Snapchat? Das klingt nach einer reichlich dämlichen Idee …

Nicht erst seit dem Siegeszug des Smartphones leben wir in einer optisch dominierten (Medien-)Welt. Fotos und bewegte Bilder bestimmen unsere Wahrnehmung, mehr denn je ist unser tägliches Leben vom Sehen geprägt. Jeder versucht, mitzuschwimmen und sich selbst möglichst vorteilhaft und lässig zu präsentieren und im Netz zu inszenieren. Stichwort Selfie, Stichwort „Ich will YouTuber werden!“: Wie viele Fotos sehen wir jeden Tag an uns vorbeiscrollen? Da lockt man mit dem Vorschlag, die Bildebene komplett auszuklammern, keinen Hund hinterm Ofen hervor. Schon gar nicht in der Schule.

Doch erinnern wir uns, was uns der weise Obi-Wan Kenobi dereinst im „Krieg der Sterne“ gelehrt hat: „Die Augen können dich täuschen, traue ihnen nicht!“ In der Reduktion liegt die Kraft. Wenn die optische Ebene bewusst ausklammert wird, sucht sich die Botschaft einen anderen Weg in unser Gehirn. Plötzlich sind die Ohren wieder gefragt – mit ihnen zu sehen, das ist eine ganz eigene Disziplin. 

Verschiedene akustische Ebenen

Ein gut gemachter Audiobeitrag liefert sämtliche relevante Informationen, die wir brauchen, um das Gehörte zu verstehen – und das nebenbei und ganz unterschwellig. Klar: Da ist im Zentrum die Stimme, eine oder mehrere, in ganz unterschiedlichen Funktionen (Moderator, Interviewpartner, Schauspieler, allwissender Erzähler). Doch parallel passiert auf der akustischen Ebene ganz viel: Wo wurde das aufgenommen? Was sind das für Geräusche im Hintergrund (Wind, Fußballstadion, ein vorbeiziehender Demonstrationszug)? Sind das natürliche Geräusche, die da zu hören sind? Wohnen die da, wo das Mikrofon angeschaltet wurde … oder wurden die bewusst von jemandem dorthin beziehungsweise hineinmontiert? Ist da Musik und wenn ja welche? Und überhaupt: Die Stimmen. Wer spricht? Wie wird gesprochen? Was wird gesprochen? Wer spricht mit wem?

Der Film im Kopf

Nimmt man das Hörspiel, dann wird keiner behaupten, dass es keine Bilder hätte. Nur müssen diese — ähnlich wie beim Lesen eines Buches — zwingend selbst generiert werden. Das ist die große Stärke des Mediums: Jeder bastelt sich seinen Film, setzt sich aus den vielen Informationen, die unsere Ohren aufnehmen und die unser Gehirn ganz selbstverständlich dechiffriert, seine eigenen Bilder zusammen. Die Zutaten haben wir genannt: Stimmen, Geräusche, Musik. Richtig miteinander montiert, rattert der Projektor im Hirn los, und schneller als wir schauen läuft das vielzitierte „Kino im Kopf“ an. Genau hier kann man im Deutschunterricht ansetzen und diesen Effekt nutzen: Spannende, fesselnde Hörspiele oder Hörtexte verleiten die Schüler zum Zuhören und fördern gleichzeitig die wichtige Kernkompetenz „Hören/Zuhören“. 

„Radioarbeit“: sich selbst und anderen zuhören

Ich mache seit über fünfzehn Jahren Radioarbeit mit Kindern und Jugendlichen, querbeet in fast allen gängigen Schulformen. In dieser Zeit habe ich gelernt: Radioarbeit in der Schule kann passiv sein (wir hören zu und lernen etwas über die verschiedenen Audio-Formate, zum Beispiel den Unterschied zwischen Hörbuch und Hörspiel) oder aktiv (wir machen selbst Radio – in Form eines Klassenprojekts, als freie AG am Nachmittag oder als Projekt, in dem es Noten gibt). 

„Radio“ kann das gemeinsame Anhören eines kurzen Podcasts oder eines Hörspiels, wie zum Beispiel Kurzkrimis, sein – oder die gemeinsame Produktion eines solchen. Beides hat seinen Reiz, zumal der Einstieg in die aktive Radioarbeit schnell bewerkstelligt ist: Mit jedem handelsüblichen Smartphone können heute Stimmen und Geräusche in erstaunlich guter Qualität aufgenommen werden.  Wie gesagt: In der Schule geht es ums Zuhören: sich selbst und anderen. 

Auf die Sprache lauschen — kriminell gut zuhören

Hören beziehungsweise Zuhören ist das eine, Sprache das andere. Nur was wir benennen können, für das wir Worte haben, das wird für uns (be-)greifbar. In einer sechsten Klasse haben wir mal eine Viertelstunde lang über Quellen gesprochen — also Quellen im historischen Verständnis: Woher kommt eine Information, was kann ich glauben? Bis irgendwann — auf Nachfrage — klar wurde, dass keines der Kids im Raum das Wort Quelle kannte, auch nicht im Sinn von „Quelle eines Flusses“. Doch Sprache ist nun mal ein Schlüssel, vielleicht sogar der Schlüssel zur Welt. 

Der noch einmal eine zusätzliche Bedeutung erhält, wenn man Sprache nur akustisch wahrnimmt und entschlüsseln muss. Genaues Zuhören, Dechiffrieren und das Gehörte wiedergeben, darum geht es bei der Hörkompetenz. Diese lässt sich auf unterschiedlichste Art erwerben und trainieren.

An dieser Stelle setzen die Hörspielkrimis an, die ich gemeinsam mit Felix Reichel geschrieben und realisiert habe (und weshalb ich gebeten wurde, für das Lehrerbüro diese Zeilen zu schreiben): Die Hörkrimis sind als schneller Einstieg ins Thema Hörkompetenz gedacht — und sollen Lust auf die weite, faszinierende Welt der Audio- und Radioarbeit machen.

Die Motivation, diese kurzen Hörspiele zu machen: Wir wollten das interaktive Hörspielbuch machen, das wir uns als Kinder und Jugendliche selbst gewünscht hätten. Mit einer Heldin, die spannende Abenteuer erlebt und die an ihren Erfahrungen wächst. Mit spannenden Geschichten, die ein klein wenig interaktiv aufgezogen sind – interaktiv im Sinne von „ich darf mitraten“.

So entstanden insgesamt sechs Kriminalfälle, die alle in einer fiktiven bayerischen Kleinstadt spielen. Wanda Wunderlich (gesprochen von der wunderbaren Dagmar Bittner, die unter anderem die Erzählerstimme in der Disney-Hörspielserie „Violetta“ ist) ist neu dort an der Schule. Eigentlich kommt die 12-Jährige aus Hamburg, doch ihre Eltern haben sich getrennt. So ist sie in den Sommerferien mit ihrem Vater aus dem hohen Norden einmal quer durch die Republik nach Bayern gezogen. Jetzt ist Wanda neu an der Dirk-von-Lowtzow-Schule, wo sie nicht nur ihren Platz in der Klassengemeinschaft finden muss, sondern glücklicherweise auch ihrem Hobby nachgehen kann: Kriminalfälle lösen! Denn schneller als gedacht ergibt sich für unsere Heldin die Möglichkeit, als kleiner Sherlock auf dem Schulhof tätig zu werden: Erst wird das Klassenbuch geklaut, dann zündet irgendwer auf dem Faschingsball eine Stinkbombe …

Zu jedem Hörspiel gibt es transkribierte Texte sowie zu jedem Abenteuer dreifach differenzierte Arbeitsblätter. Die Fragen darauf reichen von einer simplen Frage, „Was hast du gehört?“, bis hin zum mitunter ganz schön kniffeligen „Whodunit?“, also der Frage, wer der Täter ist. Manchmal ist auch eine finale Einschätzung gefragt: „Was denkst du: War die Strafe, die der Schuldige gekriegt hat, gerechtfertigt?“

Stefan Gnad

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