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Leseerwerb

Leseförderung bei „Risikogruppen“ in der Sekundarstufe I

Wer nicht richtig lesen gelernt hat, hat es später als Erwachsener schwer. Leseförderung, besonders für sogenannte Risikogruppen, muss daher als Dauerauftrag für alle Deutsch- und Fachlehrer betrachtet werden.

Leseerwerb: Leseförderung bei „Risikogruppen“ in der Sekundarstufe I Spannende Bücher verführen zum Lesen © goodluz - stock.adobe.com

Anlässlich des Weltalphabetisierungstages am 8. September geht alljährlich die für viele überraschende Nachricht durch die Medien, dass in Deutschland ca. 7,5 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen können, dass sie funktionale Analphabeten sind. Die meisten von ihnen haben in Deutschland Schulen besucht, sie kennen die Buchstaben, können sich mit Mühe einzelne Wörter oder einfache Sätze zusammenbuchstabieren, scheitern jedoch bei längeren, zusammenhängenden Texten. Dass dies verheerende Auswirkungen auf die Teilnahme dieser Personengruppe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben hat, ist unbezweifelbar. Die Gründe für das Scheitern beim Lesenlernen sind vielfältig. So haben bei dieser Personengruppe neben persönlichen Ursachen die Organisation des Lernens im deutschen Schulsystem, einzelne Lehrkräfte und die Lehreraus- und -fortbildung in vielfältiger Weise versagt.

Risikogruppen: bildungsferne Familien, Schüler mit Migrationshintergrund

Abgesehen von einzelnen Kindern, die bereits vor Schuleintritt das Lesen gelernt haben, lernt die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler in der Grundschule das Lesen altersgemäßer Texte. Allerdings lassen die „Benotungskultur“ und die frühe Selektion manches Kind aus einer schul- und bildungsfernen Familie scheitern, denn beim Lesenlernen erfolgt eine Umstrukturierung des Gehirns, die viel Zeit erfordert, die bei manchen Kindern durch Familie und Kindergarten gut vorbereitet wurde, bei anderen leider nicht. Dies wird von erwachsenen, kompetenten Lesern häufig unterschätzt. So schreibt Stanislas Dehaene in seinem Werk „Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert“, indem er Erkenntnisse der Kulturwissenschaft und der Hirnforschung verbindet: „In einer permanente Reize aussendenden Umgebung …lernt das Kind kaum mehr, für längere Zeit aufmerksam zu bleiben und wichtige von unwichtigen Reizen zu unterscheiden. … Außerdem muss man sich davor hüten, (beim Lehren des Lesens, K.V.) zu schnell vorzugehen. Bei jedem Schritt des Leseerwerbs dürfen die dem Kind vorgelegten Wörter und Sätze nur jene Grapheme und Phoneme einbeziehen, die man ihm explizit beigebracht hat. … Weil wir alle zu geübten Lesern geworden sind, unterschätzen wir systematisch, wie schwierig das Lesen ist. … Am Ende bleibt nur, die Kinder dazu zu ermuntern, täglich das Lesen zu üben … Als gewissen Trost könnten Lehrer und Eltern sich auch bewusst machen, dass die mit dem Leseerwerb zugebrachte Zeit das Gehirn des Kindes außerordentlich tief und nutzbringend beeinflusst..“ (ebenda, 3. Auflage, München 2010, s. 261 ff.)

Die frühe Selektion gefährdet allerdings neben den Schülern aus bildungsfernen Familien auch den Leselernprozess bei manchem Kind aus einer Migrantenfamilie, in der mehrere Sprachen gesprochen werden. Dass viele aus dieser Schülergruppe mehr Zeit brauchen, um mit der Phonetik, dem Wortschatz und der syntaktischen Struktur der deutschen Sprache so vertraut zu werden, dass sie erfolgreiche Leser werden, ist leicht nachvollziehbar.

Doch finden sich in den Klassen der Sekundarstufe nicht nur Schüler, die in Deutschland eingeschult wurden bzw. an einer Grundschule die ersten vier Jahre verbracht haben. Manche Schüler hatten mehrfache Schulwechsel zu verkraften, oder sie wurden im Herkunftsland der Eltern in einer anderen Sprache oder z. T. auch mit einem anderen Schriftsystem eingeschult. Etliche dieser Schüler kommen aus Übergangsklassen, die das Ziel hatten, sie möglichst schnell an das Schulsystem des jeweiligen Bundeslandes heranzuführen. Dass auch bei dieser Schülergruppe in der Sekundarstufe z. T. erhebliche „Lücken“ und „Rückstände“ ausgemacht werden können, ist nicht verwunderlich.

Lebens-, Schul- und Sprachbiographie ermitteln

All dies erfordert, dass sich Lehrkräfte der Sekundarstufe zunächst ein möglichst differenziertes Bild von der Lebens-, Schul- und Sprachbiographie jedes einzelnen Schülers machen sollten. Bei manchen ist es auch hilfreich oder erforderlich, den individuellen Sprachstand genauer zu betrachten. (siehe hierzu: Klaus Vogel: DaZ-Kinder im Unterricht — was tun? Hamburg 2017, S. 12–21)

Unbestritten ist es heute schwerer als früher, bei Schülern der Sekundarstufe die Lesekompetenz zu fördern. Doch die Möglichkeiten, die auch die einzelne Lehrkraft hat, sind vielfältig, trotz der „Selektions- und Benotungskultur“ im deutschen Schulsystem.

Im Deutschunterricht zum Lesen „verlocken“

Eine unüberschaubare Fülle von Hilfen von Kinder- und Jugendbuchverlagen und auch der STIFTUNG LESEN stehen Lehrkräften zu Verfügung, die sie dabei unterstützen wollen, dass die ihnen anvertrauten Schüler Leser werden. Deutschlehrkräfte der Sekundarstufe sollten allerdings nicht nur das Augenmerk auf die Lesetechnik und das Textverständnis der Schüler legen, sondern sie sollten auch die Lesemotivation, die Entwicklung und Stabilisierung der Lesegewohnheit ihrer Schüler voranbringen.

Vielfältige Aktionen im Deutschunterricht sind hier denkbar und müssen nur in Angriff genommen werden:

  • Die Lehrkraft liest z. B. als Ritual zum Wochenausklang den Anfang eines Jugendbuchs vor, das dann ein Schüler erhält. Er darf es mitnehmen und zu Hause lesen und den Mitschülern davon erzählt.
  • Schüler stellen ihre Lieblingsbücher vor.
  • Schüler der Klasse lesen jüngeren Schülern aus Kinderbüchern vor. Gerade „schwache“ Leser erhalten so ohne „Statusverlust“ die Texte, an denen sie ihre Lesekompetenz entwickeln können.
  • Schüler suchen reihum aus einem Schülerwitzbuch den „Witz der Woche“ aus und erzählen ihn vor der Klasse. Erfahrungsgemäß lesen die Schüler bevor sie sich entscheiden, mehrere der kurzen, pointierten Texte.
  • Buchausstellungen, Lesenächte, Vorlesewettbewerbe, Bibliotheksbesuche und Autorenlesungen werden organisiert.
  • Ganzschriften werden im Unterricht gelesen.
  • Die Lehrkraft wird in Kenntnis der speziellen Interessen ihrer Schüler deren „Leseberater“.
  • Veranstaltungen mit Eltern werden zum Thema „Buch“ durchgeführt.

Leseförderung in den Sachfächern

Viele Lehrkräfte, die Sachfächer unterrichten, sind sich der sprachlichen Dimension ihres Unterrichts wenig bewusst. Sie agieren in ihrer Fach- und Bildungssprache und sind vor allem darum bemüht, die vom Lehrplan vorgegebenen Fachinhalte in die Schülerhirne zu „implementieren“. Stellen sie bei den Schülern bei der Fachsprache oder beim Textverständnis Probleme fest, wählen sie den Lehrervortrag oder die Lehrererzählung, um die wesentlichen Fakten zu vermitteln. Dass dadurch eine Chance zur Leseförderung vertan wird, ist ihnen zwar zum Teil bewusst, doch sehen sie sich nicht als Deutschlehrer, sondern sie haben das Fachwissen ihres Faches zu vermitteln. Leider wird auch in der Lehreraus- und -fortbildung der sprachliche Aspekt der Fächer kaum bedacht.

Doch jede Lehrkraft hat die Möglichkeit, sich trotz unzulänglicher Ausbildung vom „Fachwissensvermittler“ zum Lerncoach zu entwickeln und dadurch den Unterrichtserfolg bei den ihr anvertrauten Schülern zu erhöhen. Die folgenden Fragen können bei der Planung von Fachunterricht hilfreich sein, um den Unterricht in Sachfächern um den sprachlichen Aspekt zu bereichern:

  • Welcher Fachwortschatz und welche fachsprachlichen Wendungen sind für diese thematische Sequenz bedeutsam?
  • Mittels welcher Hilfen und Hinweise können sich die Schüler das entsprechende Fachwissen aus Texten selbst erarbeiten?
  • Welche Impulse können die Schüler dazu aktivieren, ihr Vorwissen abzurufen und für die Textrezeption nutzbar zu machen?
  • Welche Textrezeptionskompetenz kann am konkreten Unterrichtsgegenstand entwickelt und geübt werden?
  • Welche unterschiedlichen Textsorten können den Schülern zur Erarbeitung angeboten werden?
  • Wodurch können die Schüler die erworbenen sprachlichen Kompetenzen üben?
  • Welche Formulierungshilfen können den Schülern bei der Präsentation von Unterrichtsergebnissen helfen?

Da das Lesen eine Fertigkeit ist, die der ständigen Übung bedarf, ist es nicht damit getan, dass Lehrkräfte im Fachunterricht gelegentlich auch Texte zum Einsatz bringen. Jeder Schüler muss das Lesen für sich lernen, seine Kompetenz entwickeln und durch ständiges Lesen vertiefen und erweitern. Hierzu können alle Lehrkräfte anleiten und so ihren Beitrag dazu leisten, dass sich die Zahl der funktionalen Analphabeten im „Land der Dichter und Denker“ reduziert.

Klaus Vogel

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