Fach/Thema/Bereich wählen
Filmprojekt

Literaturunterricht mit Griff in die Trickfilmkiste

Große Weltliteratur komprimiert in einem kleinen Trickfilm — damit wird der Deutschunterricht zu einem inspirierenden Erlebnis. Das ermöglicht einen neuen Zugang zu „alter“ Literatur mit dem Ausblick, selbst Geschichten kreativ in Szene zu setzen.

Filmprojekt: Literaturunterricht mit Griff in die Trickfilmkiste Ein Szenenbild aus Sommers Weltliteratur to go: Faust und Mephisto © Michael Sommer

Der Literaturwissenschaftler und Theaterregisseur Michael Sommer verfilmt die großen Werke der Weltliteratur nach dem Motto „Weltliteratur to go“. Dabei beschränkt er sich auf das absolut Wesentliche: Goethes Faust 1 zum Beispiel bringt er in gerade einmal 9 Minuten auf den Punkt. Die Rolle der Hauptfiguren übernehmen Playmobil®-Figuren, die zunächst vorgestellt werden: „Gott der Herr, begleitet von seiner Boygroup von Erzengeln, Raffael, Gabriel und natürlich Michael“, Mephistopheles, „der Vertreter des Konkurrenzunternehmens“, Dr. Heinrich Faust, „58, Geistes- und Naturwissenschaftler, hat aber auch mal als Arzt gearbeitet“ und das 14-jährige Gretchen, das „noch keinen Schulabschluss“ hat.

In einem Affenzahn und in lockerer Sprache mit witzigen Bezügen zu unserer Zeit sprintet Sommer durch die Handlung. Da wird der von Zweifeln geplagte Faust im Studierzimmer zu Faust, der in „seinem Büro“ sitzt und „down … down … down“ ist. Der Zauberspiegel, in dem Faust Gretchen zum ersten Mal erblickt, wird zum Laptop, auf dem Mephisto Pornos guckt, und ein typischer, von Sommer mit verstellter Stimme gesprochener Dialog klingt so:

Faust: „Mephisto, besorg mir die Frau!“
Mephisto: „Ja, bin ich Jesus oder was?“
Faust: „Hamm wir ‘n Deal oder kein‘ Deal?“
Mephisto: „Ja, schon, aber ...“
Faust: „Dann mach jetzt deinen Job, zum Teufel!“

Das ist eine herrlich despektierliche Interpretation der „hehren“ klassischen Tragödie, die sicherlich selbst Schülern der neunten oder zehnten Klasse Spaß macht. Ganz besonders dann, wenn die Kids ihren eigenen Film mit Playmobil®-Figuren vor selbst gebastelter Kulisse drehen.

Literaturverfilmung — ein fächerverbindendes Projekt

Um die technischen Möglichkeiten und die Abläufe auszuloten, startet man am besten einen kleinen „Probeballon“ mit der Verfilmung einer kurzen Erzählung, eines Märchens, eines Kinderbuchs oder einer Ballade. Dadurch hält sich die Text- und Lesearbeit im Deutschunterricht in Grenzen. Der Zeitaufwand entspricht dann auch in etwa den weiteren Arbeitsschritten bei der Filmerstellung, die schwerpunktmäßig in anderen Fächern betreut werden könnten, zum Beispiel die Gestaltung von Bühnenbild und Kulissen in Kunst oder das Filmen und Schneiden im IT-Unterricht.

Welche Aufgaben beim Videodreh anfallen und was dabei jeweils zu tun ist, beschreibt die Website Lehrerinnenfortbildung Baden-Württemberg. Hier wird auch sofort offensichtlich, dass die fachlichen Disziplinen bei den meisten Arbeitsschritten eng verzahnt arbeiten: So verbinden etwa Exposé und Storyboard Texte und Dialoge mit Bühnenbildern, Einstellungen, Hinweisen für die Beleuchtung, Requisiten etc. — Werden also verschiedene Schülergruppen mit jeweils fachspezifischen Aufgaben betreut, sollten sie parallel und in nah beieinander liegenden Räumen arbeiten, um permanenten Austausch und Kooperation zu ermöglichen.

Den Anfang macht der Text

Egal, welche Aufgabe die Schüler später übernehmen, sie sollten den Text gut kennen, denn die literarische Vorlage ist die gemeinsame Basis aller am Film Beteiligten. Die Textaneignung könnte folgendermaßen ablaufen: Nach dem Lesen des Textes bzw. eines Textausschnitts geben die Schüler zunächst die Handlung in eigenen Worten wieder (Partner- oder Gruppenarbeit). — Dieser erzählte Plot in gesprochener Sprache ist der rote Faden, der sich durch den Film zieht. Er kann auch gleich mit der Handykamera oder schriftlich festgehalten werden und dient dann als Arbeitsgrundlage für das Feintuning. Jede Gruppe sucht sich dann aus dem Text drei Schlüsselszenen heraus und verfasst oder improvisiert einen humorvollen Dialog à la Michael Sommer.

Sommers Weltliteratur to go

Eine Liste mit verfügbaren Videoclips finden Sie hier.

Die Videoclips und Informationen dazu auf dieser Webside

Auf Englisch gibt es Sommer's World Literature to go ebenfalls.

Anschließend baut man in diese Szenen noch Originalzitate aus der literarischen Vorlage ein, am besten so, dass — wie häufig bei Sommer — ein komischer Effekt durch den abrupten Wechsel von Umgangs- oder Jugendsprache im 21. Jahrhundert zur literarischen Bildungssprache des jeweiligen Textes aus vergangenen Epochen entsteht.

Zum Schluss, wenn die Schüler den Text gelesen haben, erarbeiten sie noch die einleitende Kurzcharakteristik der handelnden Figuren und ein oder zwei Sätze zum Autor und zu seiner Zeit. Wie bei Sommer versuchen sie bei der Präsentation der Protagonisten, die Handlung in die Jetzt-Zeit zu übertragen.

Den Stoff kreativ überhöhen oder verfremdem

Michael Sommer nimmt sich zur Freude seines Publikums bei der Auswahl der Requisiten oder auch der „Darsteller“ einige kreative Freiheiten. Da wird etwa Gregor Samsa in Kafkas Verwandlung zu einem schwerfälligen VW-Käfer, der in der ersten Szene auf dem Dach im Bett liegt und — wie ein Käfer auf dem Rücken — bewegungsunfähig ist.

Oder — wie schon eingangs bei Faust erwähnt — die Requisiten stammen aus dem 21. Jahrhundert, während der Text in einem weit zurückliegenden Jahrhundert spielt. — Hier könnte ein kleiner Exkurs im Deutschunterricht auch darauf abheben, dass die Dichter selbst oft historische Stoffe verwenden und für ihre Zeit anpassen. So hat zum Beispiel Goethe in seinem Faust die im 18. Jahrhundert vieldiskutierte Problematik der Kindstötung nach unehelicher Schwangerschaft eingebaut. Und auch das könnte an dieser Stelle betont werden: Wenn die Schüler eine literarische Vorlage verfilmen, entsteht durch diese Interpretation des Stoffes auch wieder ein neues, originäres „Kunstwerk“.

Da die Playmobil® -Figuren nicht wie bei einem Trickfilm mit Stop-Motion-Technik agieren, sondern lediglich mit den Händen bewegt werden, sollte man bei der Auswahl des Textes und der Schlüsselszenen darauf achten, dass durch die Bühnenbilder Abwechslung in die Szenen kommt. Bei knappem Zeitkontingent ersparen Hintergrundfotos zeitaufwendige Basteleien und bieten zudem eine weitere Möglichkeit, um bei literarischen Vorlagen aus vergangenen Jahrhunderten Komik durch Anachronismen zu erzeugen.

Fantasievolle Low-Budget-Produktionen

Playmobil®-Filme liegen bei YouTube voll im Trend. Viele junge Filmer setzen dabei ihre Spielsets mit zugehöriger Ausstattung (Feuerwehr, Ritterburg, Tierarztpraxis, Raumstation etc.) in Szene, was vermutlich bei anderen Kindern Begehrlichkeiten wecken und letztlich den Umsatz des Spielherstellers erhöhen soll. Dem darf natürlich kein Vorschub geleistet werden — im Gegenteil. Michael Sommer selbst arbeitet mit einfachsten Mitteln, wie man auf den Fotos unter dem „Begrüßungsvideo“ (Menüpunkt „Über das Projekt“) sehen kann: Ein kleines Stativ, auf dem die Kamera fixiert wird, ermöglicht wackelfreies Filmen. Und die Bühnenbilder bestehen aus aufgeschnittenen bemalten Schuhkartons mit einfachsten Requisiten oder aus Fotos, die nicht etwa per App eingefügt werden, sondern einfach auf einem weißen Tisch hinter den Figuren aufgestellt werden.

Auch das könnte eine wichtige Botschaft des Trickfilmprojektes sein: Kunst muss nicht viel kosten. Eine gut gemachte, kreative Low-Budget-Produktion hat viel mehr Charme als vorgefertigte Plastikbühnenbilder. Und vielleicht könnte man sogar auf die Plastikmännchen mit den ausdruckslosen Gesichtern verzichten. Mensch-ärger-dich-nicht-Spielfiguren oder einfach nur kleine Holzbauklötzchen, auf die man mit Filzstift die Rollennamen schreibt bzw. Gesichter malt, Kastanienmännchen oder Legofiguren — der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Fachunterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×