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Unterrichtsideen

Tiny Tales — Geschichten im Twitterformat

Tiny Tales — das sind sehr kurze Geschichten im Twitterformat, die als motivierendes „Genre“ im Literaturunterricht eingesetzt werden können, um die Lese- und Schreibkompetenz zu fördern.

Unterrichtsideen: Tiny Tales — Geschichten im Twitterformat Eine Mini-Geschichtchen im Twitter-Format kann Schüler für das Spielen mit Sprache begeistern © Fredy Sujono - stock.adobe.com

Im Netz wird viel inhaltsleeres Zeug geblubbert. Besonders auf Twitter. Doch am 11.10.2009 kündigte der Werbetexter und Filmregisseur Florian Meimberg in seinem Account „Tiny Tales“ „sehr kurze Geschichten“ an. Die waren wirklich gehaltvoll und ernteten viel Lob: „Echte Twitterliteratur“ nennt etwa Sascha Lobo die Tiny Tales (ebd.), die 2011 auch als Taschenbuch erschienen („Auf die Länge kommt es an“, Fischer Tb). Ein Jahr vorher hatte Meimberg bereits den Grimme Online Award 2010 in der Kategorie Spezial erhalten, „weil er beweist, dass man auch auf einem Short-Message-System wie Twitter publizistische Kraft entfalten kann, wenn man etwas zu sagen hat“, so hieß es in der Begründung der Jury. Und das klingt dann z. B. so:

„Die Übelkeit. Der Heißhunger. Die ausbleibende Periode. Es gab keinen Zweifel. Maria räusperte sich: ‚Josef? Wir müssen reden.‘“

Die spannenden Geschichtchen mit witzigen Pointen fesseln selbst die Lesemuffel unter den Schülern. Und weil die Schüler zudem selbst kreativ werden können, nehmen immer mehr Deutschlehrer die Twittergeschichten in ihr Repertoire auf.

Maximal 140 Zeichen lang sind Florian Meimbergs Geschichten, gerade so lang, wie damals ein Tweet sein durfte, bevor das Limit dann 2017 auf 280 Zeichen heraufgesetzt wurde. Die Tiny Tales beleuchten entscheidende Momente im Leben ihrer Protagonisten, die oft allgemein bekannt sind: Bibel- oder Märchenfiguren, Filmhelden, Kirchenfürsten, Erfinder, Künstler oder Adelige. Meist wird der Leser auf eine falsche Fährte gelockt, um dann — manchmal auch etwas zeitverzögert — schlagartig zu verstehen, worum es geht oder von wem hier die Rede ist. Dieses Bauprinzip zieht sich durch alle Tiny Tales und kann auch von Schülern ab Klasse 8 leicht erfasst und — wenn die Begriffe fehlen — auch mit eigenen Worten beschrieben werden: Der Spannungsbogen steigt, bis auf dem Höhepunkt die überraschende Pointe kommt. — Genauso funktionieren auch Witze, die ebenfalls in die unterrichtliche Betrachtung einbezogen werden können.

Werbefilmregisseur Meimberg erzeugt mit sprachlichen und erzählerischen Mitteln einen Film im Kopf des Lesers: Da erinnert sich zum Beispiel ein alter Mann an seine traumatischen Erlebnisse im Krieg, die mit Satzellipsen und Ein-Wort-Sätzen so aneinandergereiht werden, dass der Eindruck von schnellen Schnitten entsteht. Auch hier wieder ein sehr überraschendes Ende.

„Der alte Mann weinte. Die Bilder ließen ihn einfach nicht los. Der Bombenhagel über Berlin. Das Lager. Die Folter. Damals. Im November 2014.“

Turning Point bei den Mikrogeschichten: die Pointe

Mit der Pointe steht und fällt es, ob die Tiny Tales oder eben auch Witze „funktionieren“. Aber wie macht man eine Pointe? Um das herauszufinden, analysieren Sie gemeinsam mit der Klasse einige von Meimbergs Schlusseffekten: Wodurch entsteht der überraschende Switch? Oft zum Beispiel dadurch, dass erst ganz zum Schluss gesagt oder auch nur angedeutet wird, um wen oder was es eigentlich geht. Auch das Spiel mit den Zeiten wird dabei oft geschickt eingesetzt, wenn der Leser zum Beispiel erst ganz zuletzt erfährt, dass ein Archäologe in einer Wüste Paris ausgräbt oder Manhattan im Meer verschwunden ist und nicht eine Stadt aus vergangenen Zeiten wie etwa Karthago.

Auf sprachlicher bzw. erzählerischer Ebene funktioniert eine Pointe besonders gut, wenn sie kurz ist und möglichst erst ganz am Schluss des Satzes auftaucht:

„Die staubige Glaskugel leuchtete matt. Langsam hob die alte Wahrsagerin ihren Blick. ‚Und ...?‘ fragte Lady Di.“

Wörtliche Reden eignen sich zum Beispiel gut, um danach mit einem „sagte XY“ eine unerwartete Person ins Spiel zu bringen. — Das alles sind Kniffs, die die Schüler leicht durchschauen und danach auch gleich selbst ausprobieren können: Zum Beispiel, indem sie zu einigen Tiny Tales eigene Texte verfassen.

Ideal für spontane Vertretungsstunden

Tiny Tales eignen sich sehr gut für spontane Vertretungsstunden, so die Erfahrung des Deutschlehrers Dr. Ulrich Vormbaum. Auf seiner Website beschreibt er den einfachen Ablauf einer solchen Stunde: Zunächst teilt er die Klasse in Gruppen von zwei bis drei Schülern auf. Jede Gruppe bekommt eine andere „Winzgeschichte“, wie sie Vormbaum nennt, und beschäftigt sich kurz damit. Nacheinander lesen die Gruppen dann ihre Geschichte vor — begleitend dazu könnte die Lehrkraft die Tiny Tales als Folienschnipsel auf dem Overheadprojektor auflegen. Dann wählen die Schüler die für sie besten Geschichten aus. Die Siegererzählung dient als Vorlage für eine eigene Geschichte, die in Gruppen erarbeitet wird.

Noch ein Praxishinweis von Vormbaum, der unbedingt beachtet werden sollte: „Der Einsatz solcher ‚Tiny Tales‘ eignet sich, auch aufgrund so mancher ‚schlüpfriger‘ Themen und Abgründigkeiten, erst ab Klasse 9.“ Wer die Tiny Tales in niedrigeren Klassenstufen liest, sollte daher vorher eine entsprechende Auswahl treffen. — Angesichts der Materialfülle in Meimbergs Buch „Auf die Länge kommt es an“ sicherlich kein Problem.

Martina Niekrawietz

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