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Psychosozialer Stress

„Ich bin so wütend!“ — Ent-ärgern für Lehrer

Wenn Schüler ihre Lehrer zur Weißglut bringen, sollten Pädagogen die emotionale Notbremse ziehen. Psychologen und Hirnforscher erklären, welche Strategien dabei am besten wirken.

Psychosozialer Stress: „Ich bin so wütend!“ — Ent-ärgern für Lehrer Es gibt Situationen in der Schule, da muss man aufpassen, dass man sprachlich nicht entgleist © STUDIO GRAND OUEST - Fotolia.com

„Ich brülle meine Schüler an“, gesteht Lehrer Arne Ulbricht in SPIEGEL ONLINE. Er ärgert sich und manchmal rastet er sogar aus. Oft passiert es nicht und wenn, sind es „besonders zermürbende Ereignisse“: Da führt Ulbricht in einer siebten Klasse ein neues Grammatikkapitel ein, und während er erklärt, wird „gesprochen, gezappelt und gekichert“. Argumente helfen nichts, die Klasse ist weiterhin laut und es fühlt sich für den Lehrer genauso an, „als säße man an einer Autobahn“. Dann reißt ihm der Geduldsfaden: „Erst brüllte ich die ganze Klasse an. Dann pickte ich mir eine besonders nervtötende [sic!] Schülerin aus dem lärmenden Klassenkollektiv heraus und (…) machte sie fertig.“ 

Eigentlich sind es immer dieselben Situationen, die Lehrer an den Rand des Wahnsinns treiben: „Lärm, Frechheiten, Störungen oder gänzlich ignoriert werden“, so der Psychologe Jürgen Detering in einem Interview. Um Ärger- und Wutgefühle regulieren zu können, brauchen Lehrer eine starke Persönlichkeit und hohe Selbstachtung, so Detering, der seit vielen Jahren als Coach und Supervisor für Lehrkräfte tätig ist.

Deterings Botschaft: Wir können es lernen und trainieren, unsere Aggressionen und „Ohnmachtsgefühle, die zur Wut führen“, in Zaum zu halten. Doch wie genau geht das? Die Experten-Tipps und -Empfehlungen im folgenden Beitrag unterstützen Sie bei einem effektiven „Ärgermanagement“.

Ärger und Wut: eine Begriffsabgrenzung

„Ärger“ und „Wut“ — was wir alltagssprachlich oft synonym verwenden, grenzen Psychologen klar voneinander ab:

Das Lexikon der Psychologie auf spektrum.de beschreibt das Phänomen „Ärger“ als Emotion mit verschiedenen potenziellen Auslösern: als „Anzeichen für Erwartungsverletzungen“, oft in zwischenmenschlichen Beziehungen. Menschen ärgern sich, wenn sie sich in „ihren Zielen blockiert sehen oder wenn eine ihrer Normen verletzt wird“. In über 60 Prozent der Fälle sind Kränkungen, „also Angriffe auf Selbstwert und persönliche Ehre“ die Ursache für Ärger. Besonders intensiv erleben wir Ärger, „wenn der ärgerverursachenden [sic!] Person Kontrolle über die auslösende Situation zugeschrieben und ihr eine böswillige Absicht unterstellt wird“.

Wut ist „eine intensivere Variante des Erlebens von Ärger“. Sie kann „auf höherem Erregungsniveau mit aggressiven Impulsen gekoppelt sein“.

Psychosozialer Stress

Was bei Ärger und Wut im Körper passiert, beschreibt der Komiker Otto Waalkes in seinem amüsanten Sketch „Das Wunder des Ärgerns“: Es kommt zu einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die mit einem Anstieg von Adrenalinspiegel, Blutdruck, Puls, Herz- und Atemfrequenz verbunden ist. — Typische Stresssymptome, die das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen bekanntermaßen erhöhen.

Weiterführende Hinweise:

„Vom Sinn des Ärgers“ lautet der Titel eines lesenswerten Buches von Verena Kast, das Sabine Sahl auf der Website social.net ausführlich rezensiert. Kast, Tiefenpsychologin und ehemalige Professorin an der Universität Zürich, unterstützt den Leser bei einer tiefer gehenden Reflexion und richtet den Blick unter anderem auf die Ärgerbiografie in der Herkunftsfamilie, auf Ärgerfantasien, tiefenpsychologische Hintergründe für verschiedene Ärgerformen, Gerechtigkeitsgefühle, Unversöhnlichkeit und geschlechtsspezifische Unterschiede.

„Ärger hilft, klar zu denken“, das haben Forscher der University of California in Santa Barbara herausgefunden. Sie ärgerten rund 200 Studenten zu Studienzwecken und fanden, dass sich deren analytischeEntscheidungskompetenzen erhöhten. Allerdings nur, wenn sie ihren Ärger im Griff hatten: bei Wutausbrüchen drohten „Aggressionsbereitschaft und Kurzschlussreaktionen“.

Ärger und Wut ‘rauslassen oder ‘runterschlucken?

Ist es besser, Ärger oder Wut runterzuschlucken oder nicht? Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Warum „Ärger in Maßen“ wichtige Vorteile mit sich bringt, erläutert auch Kathrin Burger in ihrem taz-Artikel „Die Wut im Bauch rauslassen“: Einerseits hilft er uns dabei, Dinge zu verändern und uns in der sozialen Hierarchie oder gegen Ungerechtigkeiten durchzusetzen. Zudem steigere Wut das Selbstwertgefühl, so Maria von Salisch, Psychologin an der Leuphana Universität Lüneburg.

Treten andererseits „regelmäßig wegen jeder Kleinigkeit“ Wutanfälle auf und wird „dann auch noch lange mit dem Vorfall gehadert“, so sei das negativ zu bewerten, betont von Salisch (ebd.). Und es ist extrem gesundheitsschädlich: In einer aktuellen Studie fanden US-Forscher, dass das Infarktrisiko in den ersten zwei Stunden nach einem Wutausbruch nahezu um das Fünffache steigt und das Schlaganfallrisiko um mehr als das Dreifache, berichtet Autorin Jana Reiblein auf der Website karriere.de.

Sich abzureagieren, zum Beispiel indem man seiner Wut anderen gegenüber freien Lauf lässt oder aggressiv auf ein Kissen einschlägt, hilft uns offenbar wenig und schadet der Gesundheit. Die von Psychologen in den 1970er-Jahren propagierte „Katharsistheorie“ (Tenor: Wut besser ‘rauslassen) wurde schon sehr bald durch „Fakten und Befunde“ widerlegt, denn der Aggressionspegel steigt beim „Abreagieren“ sogar noch an, wie Brad Bushman & Roy Baumeister in der deutschen Onlineausgabe des Fachmagazins „In-Mind“ darlegen: „Das Ausdrücken von Wut (…) erhöht (…) die Aggression gegen andere (Geen & Quanty, 1977). Sogar bei Menschen, die an den Nutzen von Dampfablassen und Katharsis glauben, und sogar wenn Menschen es genießen, Dampf abzulassen und teilweise dadurch befriedigt werden, erhöht sich nach dem Dampfablassen die Wahrscheinlichkeit für Aggression — selbst gegenüber unbeteiligten ZuschauerInnen (Bushman, Baumeister & Stack, 1999).“

Doch auch die Menschen, die ihren Ärger und Unmut dauernd in sich hineinfressen oder unterdrücken, leben gefährlich: Dann werden Stresshormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die nicht gleich wieder abgebaut werden. Letztlich könne dies „zu chronischen Veränderungen auf Hirn- und Verhaltensebenen führen“, wodurch Depressionen und andere psychische Erkrankungen drohten, so der Hirnforscher Prof. Dr. Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld (zitiert nach: SPIEGEL ONLINE, Susanne Rytina, „Zornig im Büro: Der Ärger muss raus — aber richtig“).

Strategien zur Ärger- und Wutregulation

„Ärgern Sie sich nicht zu sehr“, rät Diplompsychologe Christian Hilscher auf seiner Website. In Anlehnung an die American Psychological Association setzt Hilscher auf:

1. Entspannung, um Wut und Ärger in Zaum zu halten:

  • tief atmen, in den Bauch und nicht in die Brust,
  • „Ruhiges und langsames Wiederholen einer Phrase oder eines Wortes“, etwa „entspannen“ oder „nimm es leicht“, bis man sich beruhigt,
  • sich in eine friedliche, entspannende Situation imaginieren,
  • täglich Entspannungsübungen oder Yoga machen.
  • Auch Strategien der Achtsamkeit helfen (Anregungen und interessante Links dazu in dem unten verlinkten Beitrag „Achtsamkeit oder die Kunst, eine Rosine zu essen“).

2. „Entgegengesetzt handeln“
Wenn wir wütend oder verärgert sind, möchten wir im Grunde am liebsten etwas zerstören oder jemanden verletzen. Der Frankfurter Psychologe Volkmar Höfling empfiehlt in einem Spiegel-Interview, in dieser Situation etwas zu tun, was mit diesem destruktiven Impuls nicht kompatibel ist, zum Beispiel mit einer unbeteiligten Person ein freundliches Gespräch anzufangen oder sich mit etwas Angenehmem abzulenken.

3. Starke Körperempfindungen auslösen
Bei extremer Wut kommt man mit Entspannungsübungen vermutlich nicht weiter. Hier helfen nach Höflings Erfahrung starke Körperempfindungen, „also zum Beispiel Kälte auf der Haut durch Eiswürfel oder kaltes Wasser, oder Schärfe im Mund, indem man auf eine Chilischote beißt.“

4. Gefühle benennen heißt sie kontrollieren
Jeder hat es schon einmal erlebt: Wenn wir über unsere negativen Gefühle sprechen, geht es uns sofort besser. Wissenschaftler der University of California in Los Angeles untersuchten mithilfe funktionaler Magnetresonanztomografie, was sich in unserem Gehirn verändert, wenn wir unsere Gefühle in Worte fassen. (Vgl. dazu: „Putting Feelings Into Words“ in der Fachzeitschrift „Psychological Science“). Es wirkt „wie eine emotionale Bremse“, so fasst FOCUS online die Ergebnisse der Studie in deutscher Sprache zusammen: Die Aktivität der Amygdala ((   www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/amygdala/565   )) verringert sich und „ein Bereich der rechten präfrontalen Hirnrinde zwischen der Stirn und den Augen“ wird aktiv; in dieser Hirnregion „werden Gefühle in verbale Umschreibungen umgebaut und Impulse kontrolliert“, so FOCUS online (Link s. o.). Um diesen Effekt zu erzielen, genügt es übrigens auch schon, den Ärger — ohne weitere Ausführungen — zu benennen („Ich ärgere mich“) oder das Gefühl, ähnlich wie in einem Tagebuch, aufzuschreiben.

5. Über Ärger und Wut reflektieren
„Ärger lässt sich gut nutzen, um zu erkennen, was falsch läuft. Man spürt Energien, um etwas zu verändern“, sagt Prof. Dr. Verena Kast, ehemalige Psychologie-Professorin an der Universität Zürich (zitiert nach: SPIEGEL ONLINE, Susanne Rytina, „Zornig im Büro: Der Ärger muss raus — aber richtig“). Die Psychologin Dr. Doris Wolf gibt dazu auf ihrer Website lebenshilfe-abc.de einige Denkanstöße und Empfehlungen, an denen man sich dabei „entlanghangeln“ kann.

6. Empörung zulassen und mit innerer Distanz betrachten
Dr. Georg Eifert, ehemaliger Direktor der Abteilung für Psychologie an der Chapman University in Kalifornien, rät dazu, Empörung nicht zu unterdrücken, sondern sie zuzulassen und — quasi als Außenstehender — zu beobachten: „Der bewertende Gedanke, der den Ärger auslöst, gehört zwar zu mir. Ich muss aber nicht total mit ihm verschmelzen und gewissermaßen zu ihm werden", zitiert Susanne Rytina Eifert im SPIEGEL (Link s. o.), „eigentlich muss man das Gegenteil dessen tun, was einem das Ärgergefühl sagt."

7. Ein „klärendes Gewitter“ mit konstruktivem Gespräch danach
Trotzdem kann ein „klärendes Gewitter“ offenbar bewirken, dass sich eine belastende Situation, die mit Ärgergefühlen einhergeht, lang anhaltend entspannt, so die Erfahrung von Arne Ulbricht im eingangs verlinkten SPIEGEL-Artikel. Wichtige Voraussetzung dafür: ein offenes, klärendes Gespräch zwischen den Beteiligten. Und — wie in Arne Ulbrichts Fall — die Einsicht, dass ein Wutausbruch keine Lösung ist.

Ulbricht entschuldigte sich einen Tag später bei der Schülerin, die er tags zuvor „fertiggemacht“ hatte, „schenkte ihr eine Tafel Schokolade und sprach mit der Klasse eine ganze Schulstunde lang“. Das Gespräch war offenbar konstruktiv und von nachhaltiger Wirkung: „Anschließend erlebten wir sehr schöne Monate“, schreibt Ulbricht.

Martina Niekrawietz

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