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Hilfe im Notfall

Reanimation: Schüler lernen Leben retten

Was in Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren auf dem Lehrplan steht, wird bald bundesweit zum Schulalltag gehören: Der Reanimationsunterricht an Schulen. Das empfiehlt die Kultusministerkonferenz. Unterrichtsmodule zum Thema Wiederbelebung sollen die Bereitschaft der Deutschen steigern, im Notfall Hilfe zu leisten.

Hilfe im Notfall: Reanimation: Schüler lernen Leben retten Die Schüler lernen, wie man eine richtige Herzdruckmassage durchführt © Vinc Trent - Fotolia.com

Ben sitzt auf dem Boden der Schulturnhalle, vor ihm eine Puppe. Zwei Mal in der Minute drückt er ihr kräftig auf den Brustkorb. Der Siebtklässler absolviert seine zweite Schulstunde zum Thema „Wiederbelebung“. Letzte Woche hat er gelernt, einen Kreislaufstillstand zu erkennen und einen Notruf korrekt abzusetzen, heute steht die Herzdruckmassage auf dem Stundenplan. Die Lehrerin erklärt die Theorie: Ben muss darauf achten, kräftig zu drücken, denn nur wenn er das Brustbein des Patienten mindestens fünf Zentimeter herunterdrückt, wird die Blutzirkulation aktiviert. Am Abend wird er seinen Eltern demonstrieren, wie man richtig wiederbelebt — die Reanimationspuppe darf er nach Hause mitnehmen.

Ben ist einer von über 43 000 Schülern, die in den vergangenen fünf Jahren an Schulen in Mecklenburg-Vorpommern gelernt haben, Menschen wiederzubeleben. Dort startete im Jahr 2009 das Pilotprojekt „Retten macht Schule“. Inzwischen ist das Thema in dem Bundesland fest im Lehrplan verankert.

Ziel des Unterrichts ist es, den Anteil der Reanimationen zu erhöhen, die vor dem Eintreffen des professionellen Rettungsdiensts begonnen werden. „Mit rund 20 Prozent haben wir in Deutschland eine der schlechtesten Laienwiederbelebungsquoten in der westlichen Welt“, sagt Dr. Gernot Rücker, Oberarzt an der Uni-Klinik Rostock und Initiator des Pilotprojekts in Mecklenburg-Vorpommern. In Skandinavien liegt die Quote dagegen zwischen 50 und 70 Prozent. Ein schnelles Eingreifen im Notfall ist deswegen so wichtig, weil bei einem Kreislaufstillstand jede Minute zählt: „Unternimmt der Laie nichts, so sinkt die Überlebensrate um 10 bis 15 Prozent pro Minute“, sagt der Experte.  

Wiederbelebungskurse ab Klasse 7

Schüler, die für den Notfall gerüstet sind, können nicht nur selbst Leben retten, sondern ihre Kenntnisse auch an andere weitergeben. Fachleute versprechen sich dadurch ein breiteres Wissen über notfallmedizinische Maßnahmen in der gesamten Bevölkerung. „In der 7. und 8. Klasse funktioniert es perfekt. Ab diesem Zeitpunkt sind die Schüler physisch und psychisch dazu in der Lage, eine leitliniengerechte Wiederbelebung durchzuführen“, erklärt Rücker. Außerdem fällt es jungen Menschen leichter, sich dem Thema ohne Angst und Vorbehalte zu nähern. Mindestens ein Menschenleben konnte durch den Unterricht auch schon gerettet werden. „Nach unserem Kurs im vorletzten Jahr hat ein 13-jähriger Schüler seine Mutter erfolgreich wiederbelebt.“

Parallel zu dem Projekt in Mecklenburg-Vorpommern liefen immer wieder Bemühungen, den Unterricht bundesweit einzuführen. Im Juni kam dann der Durchbruch: Auf Anraten von Fachleuten u. a. der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfahl die Kultusministerkonferenz den Ländern, zwei Unterrichtsstunden ab der 7. Klasse für die Wiederbelebung vorzusehen.

Weitere Hinweise und Links:

Informationen und Unterrichtsmaterial zum Thema Reanimation finden Sie hier.

Eine Reanimations-App mit Taktgeber für die Herzdruckmassage.

Eine Playlist mit passenden Songs zur Herzmassage hier.

Wissenschaftlicher Hintergrund zum Wiederbelebungsunterricht hier.

Ausbildung der Lehrkräfte wichtig

Besonders die Ausbildung der Lehrkräfte steht nun im Vordergrund. Sie wird in jedem Bundesland an die lokalen Gegebenheiten angepasst. „Hier in Schleswig-Holstein übernehmen die beiden Uni-Kliniken die Schulung der Lehrer“, sagt Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Ärztlicher Leiter Notfallmedizin an der Uni-Klinik in Kiel und Organisator des deutschen Reanimationsregisters, das vom DGAI betrieben wird. „Wir bieten Veranstaltungen an, bei denen die Lehrer sich über das Thema und auch die Unterrichtsmöglichkeiten informieren können.“ Außerdem existiert dort bereits eine E-Mail-Hotline, die Lehrern die Möglichkeit gibt, Fachfragen zu stellen.

Jetzt hoffen die Experten, dass sich auch andere Bundesländer der Initiative zur Reanimation im Unterricht anschließen werden: „Wir haben das Thema auf die Bundesebene gebracht, und dort die Empfehlung der Kultusminister bekommen. Nun ist es an den Ländern, diese umzusetzen.“

Wie aktuell das Thema ist, zeigte erst kürzlich eine Veranstaltung des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf. Im Rahmen der „Woche der Wiederbelebung“, die von der Initiative „Ein Leben Retten. 100 Pro Reanimation“ veranstaltet wurde, fand eine vielbeachtete Aktion der Ärzte statt:  In einer Einkaufspassage demonstrierten sie zusammen mit Schülern den richtigen Ablauf einer Reanimation. Über die Aktionswoche hinaus soll an Hamburger Schulen das Reanimationstraining nun dauerhaft etabliert werden.

Julian Dee

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