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Opferschutz

Erste Hilfe bei Cybermobbing

Die Opfer von Cybermobbing sind diesen Attaken häufig hilflos ausgeliefert. Hier helfen nur Informationen und ein „Erste-Hilfe-Kit“, um dem Hass im Netz Einhalt zu gebieten.

Opferschutz: Erste Hilfe bei Cybermobbing Ein diskriminierender oder beleidigender Post kann Jugendliche aus der Bahn werfen © Africa Studio - stock.adobe.com

„Kann man sich gegen Cybermobbing wehren?“, fragte das ProSieben-Magazin „Galileo“ am 23.10.2018. Der Berater und Cybermobbing-Experte Christian Scherg zeigt in einem Experiment mit dem von ihm entwickelten „Shitstorm-Simulator“, wie das gelingen kann. Dazu teilt er zunächst eine Gruppe von Schülern in „Hater“ und „Verteidiger“, die über ein Casting-Video des Nachwuchsschauspielers Björn Jochum posten. Die „Hater“ formieren sich zum Mob, sprechen sich untereinander ab und schaukeln sich gegenseitig hoch. In einem anderen Raum verteidigt die Pro-Gruppe das „Opfer“, genau wie in einer realen Mobbing-Situation jeder für sich allein. Nach anfänglichen Skrupeln in der Hatergruppe mobben die Schüler immer aggressiver. — Das ist auf den sogenannten „Disinhibition-Effekt“ [engl. „disinhibition“ = Enthemmtheit] zurückzuführen. „Wir sehen unser Opfer nicht, das heißt, wir fühlen auch den Schmerz des Opfers nicht“, erläutert Scherg. In dieser ersten Runde des Experiments erleben die „Täter“, dass jeder zum „Hater“ werden kann, die Verteidiger hingegen fühlen sich „überrollt“.

Hass-Kommentare stoppen

In einer zweiten Runde unterstützt Christian Scherg die Verteidiger mit drei einfachen Praxistipps: Und siehe da: Der Shitstorm ebbt ab, den „Hatern“ vergeht die Lust.

Sein erster Tipp: „andere um Unterstützung bitten“. Die Verteidiger sprechen sich nun auch innerhalb der Gruppe ab. Sie tauschen Argumente aus, unterstützen sich gegenseitig und ergreifen füreinander Partei. Sich anderen mitteilen, Gemeinschaft und Verbündete suchen, das ist auch in realen Cybermobbing-Situationen extrem hilfreich. Deshalb raten Mobbing-Experten übereinstimmend, sich im Mobbingfall Freunden, der Familie oder anderen Bezugspersonen mitzuteilen.

Schergs zweiter Tipp für die Verteidiger: „nicht auf bloße Hate-Kommentare eingehen“. Er rät den Schülern, dumpfen Hass zu ignorieren und lediglich auf die Argumente mit Argumenten zu reagieren.

Und sein dritter Tipp: „spread love“. „Liebe“ verbreiten, mit Höflichkeit reagieren, das kann Täter irritieren und die Spirale der Gewalt durchbrechen. Auch YouTuber RobBubble hat mit dieser Strategie gute Erfahrungen gemacht. Wenn er zum Beispiel auf die Beschimpfung „Hurensohn“ mit einem „Vielen Dank für dein Feedback“ reagiert, käme „meistens“ etwas zurück wie „Oh, ‘tschuldigung, hätte nicht gedacht, dass du den Kommentar liest“, sagt er in Galileo (Link s. o.)

Cybermobbing — Tipps für Betroffene

Wenn Jugendliche in den sozialen Medien verunglimpft werden, ist das zunächst ein Schock. Was können Sie Schülern raten, die sich an Sie wenden? Auf der Website klicksafe.de finden Sie dazu eine Checkliste mit Tipps und wichtigen Webadressen. Zunächst einmal gilt: Ruhig bleiben, sich ablenken und erst einmal wieder auf andere Gedanken kommen, um dann Kraft für die nächsten Schritte zu sammeln. Schritt 2: Sich Hilfe holen und Beratungsangebote nutzen. Wer sich nicht offenbaren möchte, nutzt ein anonymes Beratungsangebot wie JUUUPORT oder die „Nummer gegen Kummer“ 116111. — Diese beiden Möglichkeiten sollten in der Schule und in der Klasse prominent kommuniziert werden, zum

Beispiel als Aushang am Schwarzen Brett.

Man könnte mit den Schülern zudem den Ernstfall „durchexerzieren“: Wie dokumentiert man die Angriffe? Im IT-Unterricht könnten die Schüler üben, „Kopien von unangenehmen Nachrichten, Bildern oder Online-Gesprächen“ zu machen. IT-versierte Schüler könnten anderen auf der Schulwebsite entsprechende Manuals zur Verfügung stellen. Auch das Blockieren, Melden oder Löschen von Beleidigungen, Hass-Postings und gemeinen Bildern lässt sich üben. Auf klicksafe.de finden sich dazu „Leitfäden“ für unterschiedliche digitale Netzwerke von Instagram bis WhatsApp.

Im Rollenspiel lassen sich clevere Verteidigungsstrategien einüben. Die Experten bei klicksafe raten dazu, „in der Öffentlichkeit nicht zu viele Gefühle zu zeigen“. Ganz klar und deutlich sollten Gemobbte jedoch formulieren, wie sie sich als Opfer fühlen, so die klicksafe-Experten: „Es verletzt mich, dass…“, „Es geht mir schlecht, weil…“, „Ich will, dass es SOFORT aufhört!“ — Bei diesem Ratschlag könnte man geteilter Meinung sein, ob solche Gefühlsäußerungen wirklich sinnvoll sind oder ob die „Täter“ darin nicht eher eine Schwäche sehen und „Morgenluft wittern“.

Wie Sie als Lehrer rechtssicher handeln

Bitten Schüler Sie um Hilfe, weil sie im Netz gemobbt werden, ist es wichtig, dass Sie als Lehrkraft rechtssicher handeln. Worauf Sie dabei achten sollten, zeigt die Website „Tipps für Jugendliche und Pädagogen“ auf klicksafe.de (Link s. o.):
Zunächst sollten Sie überprüfen, ob eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und ggf. gemeinsam mit dem betroffenen Schüler überlegen und beraten, „wie die Gefährdungslage deeskaliert werden kann und welche Personen damit betraut werden müssen“.

Im Gespräch mit einem betroffenen Schüler sollten Sie mit eigenen Lösungsvorstellungen eher zurückhaltend sein. Signalisieren Sie dem Schüler besser, „dass Sie keinen Schritt unternehmen werden, ohne ihn vorher darüber in Kenntnis zu setzen oder ggf. sein Einverständnis einzuholen“ (ebd.).

Achtung: In der Funktion als Beratungslehrer unterliegen Sie der Schweigepflicht nach § 203 StGB, sofern Sie einen Notstand oder eine Kindeswohlgefährdung ausschließen können. Auch wenn die Schüler nicht möchten, dass andere Lehrkräfte, die Schulleitung oder die Eltern informiert werden, müssen Sie darauf Rücksicht nehmen, sofern der Schüler reif genug ist, „die eigene Entscheidung gegen die Information der Eltern oder Schulleitung zu verstehen und zu verantworten“.

Wenn Sie als Lehrkraft von Cybermobbing erfahren, sollten Sie den Sachverhalt detailliert dokumentieren. Und Sie sollten prüfen, ob Sie die Polizei benachrichtigen oder dem betroffenen Schüler dazu raten sollten. Dieser Schritt sollte normalerweise dem Opfer bzw. dessen Eltern vorbehalten sein, doch unter bestimmten Voraussetzungen (vgl. dazu klicksafe.de) können auch Lehrer bzw. die Schule Anzeige erstatten.

Falls Sie durch Dritte von Cybermobbing gegenüber einem Schüler erfahren, „bitten Sie diese, das Opfer zu motivieren, sich geeignete Hilfe zu holen“, so der Rat der klicksafe-Experten.

Peer-Beratung per App

Viele Jugendliche, die Cybermobbing erdulden, möchten sich nicht gegenüber Erwachsenen offenbaren. Und die eigenen Freunde oder Geschwister sind im Umgang mit Cybermobbing oft ebenso hilflos wie die Opfer. Hier bietet die Erste-Hilfe-App des klicksafe Youth Panels eine gute Alternative mit kompetenter Peer-Beratung: „In kurzen Videoclips geben Jugendliche den Betroffenen konkrete Verhaltenstipps und unterstützen sie bei ihren ersten Schritten gegen Cyber-Mobbing. Hier finden sich außerdem rechtliche Hintergrundinfos, Links zu Beratungsstellen und Tutorials zum Melden, Blockieren und Löschen von beleidigenden Kommentaren auf Social-Media-Plattformen.

Apropos „Löschen“: In Nordrhein-Westfalen gibt es neuerdings das Projekt: „Verfolgen statt nur Löschen.“ In Köln beispielsweise prüfen zwei Staatsanwälte Anzeigen von Medienpartnern wie WDR, Rheinische Post oder Deutsche Welle: „Wir suchen dann die mobilen Endgeräte (...), von denen dieses Posting verfasst wurde“, erzählt Staatsanwalt Dr. Christoph Hebbecker in Galileo (Link s. o.). „Die Beschuldigten waren mitunter sehr verwundert, als wir bei ihnen vor der Tür standen.“

Martina Niekrawietz

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