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Gesundheitsprophylaxe

Gewaltprävention durch Beziehungskompetenz

Lehrer erleben in der Schule immer wieder Feindseligkeit und manchmal auch Gewalt. Das macht auf Dauer krank, wie Neurowissenschaftler herausgefunden haben. Wie können Lehrer aktiv vorbeugen? Und welche schulischen Maßnahmen setzen destruktivem Verhalten gegen Lehrer klare Grenzen und wirken nachhaltig?

Gesundheitsprophylaxe: Gewaltprävention durch Beziehungskompetenz Das Gehirn verwandelt psychische Erfahrungen in biologische Signale © psdesign1_Fotolia.com

Eine anonyme Beleidigung an der Tafel vor Stundenbeginn, eine Gruppe von Schülern, die notorisch den Unterricht stört, ein wütender Vater, der die Schuld für die schlechten Leistungen seiner Tochter bei der Lehrerin sucht – solche Situationen gehen Lehrern auf Dauer an die Substanz. Erwiesenermaßen: Mediziner der Universität Freiburg ermittelten aggressive Schüler und Eltern als Hauptbelastungsfaktor für die Gesundheit von Lehrern.

Wie aus Stress und gestörten Beziehungen psychosomatische Krankheiten entstehen, beschreibt der Neurobiologe Prof. Dr. Joachim Bauer in seinem Trainings-Manual für Lehrer-Coachinggruppen (Lange lehren, S. 9): „Das Gehirn verwandelt nichtstoffliche (psychische) Erfahrungen in stoffliche (biologische) Signale.“ Beteiligt sind an diesem Vorgang einerseits die Motivationssysteme des Mittelhirns, andererseits die Angst- und Stresssysteme. „Zwischenmenschliche Beachtung und Zuwendung“ aktiviert die Motivationssysteme, bei „Angst und Verlust der sozialen Unterstützung“ springen die Stresssysteme an. Fatal ist dabei: „Fehlende Zuwendung oder andauernde Konflikte lassen - während die Stresssysteme hochgefahren werden – die Motivationssysteme neurobiologisch ‚abstürzen’“ (Lange lehren, S. 9).

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die schulische Praxis? Gravierende, wie Prof. Bauer darlegt: „Andauernde Feindseligkeit aktiviert Stresssysteme und Angst, was Lehren und Lernen blockiert.“ Und ohne Beachtung und Zuwendung fehlt die Motivation bei Lehrenden und Lernenden (Lange lehren, S. 9). Oder umgekehrt ausgedrückt: Von der Gestaltung gelingender Beziehungen, die von Achtsamkeit und Zuwendung getragen sind, hängt nicht nur die Gesundheit von Lehrern (und auch Schülern) ab, sondern auch, ob Schule und Unterricht motivieren und gelingen.

Links zum Thema:

Lange lehren: Das Manual für Lehrer-Coachinggruppen, maßgeblich entwickelt von Prof. Dr. Joachim Bauer an der Universitätsklinik Freiburg, hilft Lehrern, ihre Kompetenz im Bereich der beruflichen Beziehungsgestaltung zu verbessern.

Das VISIONARY-Informationsportal gewalt-in-der-schule.info resultiert aus einem europäischen Kooperations-Projekt zum Thema „Mobbing, Gewalt und Bullying in der Schule“. Die umfassende Sammlung von Informationen und Materialien enthält u.a. Grundlagenartikel, Linksammlungen und einen Best-Practice-Bereich (letzteren in englischer Sprache) für interessierte Lehrer, Eltern und Schüler.

Was tun, wenn ein Elterngespräch eskaliert? Kai Busch und Matthias Dorn zeigen anhand zweier Fallbeispiele, wie Gesprächsanfänge in Konfliktsituationen misslingen. Mit Hilfe des „4-Ohren-Modells“ von Schulz von Thun entwickeln die Autoren alternative Lösungen, die sich direkt in vergleichbaren Situationen anwenden lassen.

Gesundheitsprophylaxe durch Stärkung der Beziehungskompetenz

Bauer sieht den Lehrerberuf als Beziehungsberuf. Weil „belastete Beziehungsabläufe das Krankheitsrisiko erhöhen, muss Gesundheitsprävention im Lehrerberuf Maßnahmen einschließen, welche den Umgang mit schwierigen Beziehungssituationen, d. h. die Beziehungskompetenz verbessern.“ – So umreißt der Neurobiologe das übergeordnete Ziel seines Trainingsmanuals für Lehrer-Coachinggruppen „Lange lehren“. Moderiert von qualifizierten Beziehungsexperten mit abgeschlossenem Psychologie- oder Medizinstudium und therapeutischer Erfahrung erarbeiten die Gruppen in zehn Doppelstunden fünf thematische Module. Die Auswahl der Themen spiegelt die drängendsten Fragen wider, die sich während der Pilotphase in mehreren offenen Lehrergruppen herauskristallisiert hatten:

1. Wie wirken sich Beziehungserfahrungen auf die Gesundheit aus?

2. Wie löse ich das Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Identität und beruflicher Rolle als Lehrer? Wo liegt das richtige Maß von beruflicher Identifikation? Und wie finde ich es?

3. Wie gestalte ich gelingende Beziehungen zu meinen Schülern? Wie motiviere ich sie? Wie gelange ich zu einem für meine Schüler förderlichen Gleichgewicht zwischen Verstehen und Führen?

4. Wie ziehe ich mit den Eltern im Sinne ihrer Kinder an einem Strang? Wo liegen die Ursachen für wechselseitiges Misstrauen und negative Vorannahmen? Wie repräsentiere ich Kompetenz und behaupte meine pädagogische Expertenposition?

5. Wie begegne ich Spaltungstendenzen innerhalb des Kollegiums? Wie fördere ich den kollegialen Zusammenhalt und somit kollegiale Unterstützung in beanspruchenden Situationen?

Bei den Teilnehmern an Lehrer-Coachinggruppen nach dem Freiburger Modell zeigte sich, dass sie objektiv gesundheitlich profitieren konnten: Ihr Befinden hatte sich nachweislich auf unterschiedlichen Gesundheitsskalen verbessert. Trotzdem beobachtet Prof. Bauer bei vielen Lehrkräften massive Vorbehalte: Sie befürchteten, „eine Teilnahme an einem solchen Programm sei ein Eingeständnis, dass man kein guter Lehrer sei“, schreibt Bauer und fügt hinzu, „eher das Gegenteil dürfte zutreffen“ (vgl. Lange lehren, S.14).

Bei Grenzüberschreitungen sofort Grenzen setzen

Der Ansatz des Freiburger Modells zielt auf eine langfristige Verbesserung der Beziehungskompetenz in kritischen Situationen durch Fachwissen und – nachträgliche – Reflexion in der Gruppe. Akute Grenzüberschreitungen wie die eingangs geschilderten erfordern jedoch eine unmittelbare und zielgerichtete Reaktion.

Die Autoren der Broschüre „Gewalt gegen Lehrer“ empfehlen, aggressiven Übergriffen bereits im Anfangsstadium zielgerichtet zu begegnen, denn: „Gewalt entwickelt sich in vielen Fällen mit steigender Tendenz. So wird oft auch zunächst im straffreien Bereich agiert, was insbesondere in Beschimpfungen und Kraftausdrücken zum Ausdruck kommt. (...) in der weiteren Abfolge sind Gewalt gegen Sachen oder Gewalt gegen Personen in Form von Körperverletzungen, Bedrohungen, Nötigungen und Erpressungen möglich.“ (S. 8 f.)

Auch der Kölner Schulpsychologe Albert Zimmermann hält Gegenmaßnahmen vor allem dann für erfolgreich, wenn gewalttätiges Verhalten nicht ignoriert, sondern sofort mit einer Reihe von gestaffelten Sanktionen beantwortet werde. Voraussetzung dafür seien in der Schule verbindliche Regeln und Absprachen, an die sich alle halten, auch die Lehrer.

Prosoziales Verhalten mit erzieherischen Maßnahmen fördern

Welche Konsequenzen bei verschiedenen Formen und Schweregraden von Gewalt angemessen sind, orientiert sich immer am Einzelfall. Bei gewalttätigen, wiederholten Übergriffen oder bei Straftaten ist möglicherweise ein Beziehungsabbruch, zum Beispiel in Form eines Schulverweises, zu überlegen. Ansonsten geht es im schulischen Kontext darum, klare Grenzen zu setzen und prosoziales Verhalten – zugeschnitten auf den Schüler und im Kontakt mit ihm – zu fördern.

So betonen die Autoren der Broschüre „Gewalt gegen Lehrer“: „Man wird dem Schüler sicher nicht gerecht, indem man hier [bei Aggressionen und Gewaltvorfällen] eine automatisch ablaufende Kausalkette in Gang setzt, etwa nach dem Muster: ‚Du hast das Fehlverhalten x gezeigt und musst jetzt die Konsequenz y tragen’. Die Schule muss in der Bewertung des Fehlverhaltens eine Einzelfallregelung finden, die die Individualität des Schülers berücksichtigt.“

Adäquate erzieherische Maßnahmen in diesem Sinne gehen von den Beweggründen des einzelnen Schülers aus und zielen auf Einsicht, Wiedergutmachung und Förderung der Sozialkompetenz: Ein Gespräch, „in dem der Schüler selbst gestärkt und stabilisiert wird“, eine Entschuldigung bei den betroffenen Lehrern und Mitschülern oder auch eine schriftliche Aufarbeitung des Vorfalls (Gewalt gegen Lehrer, S. 14).

Besonders bei potentiellen Mehrfachtätern empfiehlt sich ein Täter-Opfer-Ausgleich. Dabei macht der Täter konstruktive Vorschläge, wie er den Schaden, den er dem Opfer oder der Institution zugefügt hat, „durch eine angemessene und persönliche Leistung“ wiedergutmachen kann. – Im Idealfall eine Win-Win-Situation für beide Parteien: Das Opfer erfährt Gerechtigkeit, während beim Täter „wachsendes Einfühlungsvermögen entstehen und weitere Gewalt wirkungsvoll gehemmt“ werden kann. „Gleichzeitig erfährt der Täter, dass konsequent zwischen Tat und Person unterschieden wird, dass er als Person ernst genommen und wertgeschätzt wird.“ (Gewalt gegen Lehrer, S. 20) Die Konfliktsituation ist auf konstruktive Weise gelöst, ein Neuanfang ist möglich.

Motivation durch Beziehung

„Ich seh dich“: So übertitelte Alex Rühe in der Süddeutschen Zeitung seine „Lobrede“ auf den Lehrerberuf. Darin erzählt er, wie er in seiner Schulzeit („Achte Klasse. Harte Zeit.“) seinem neuen Lateinlehrer begegnet ist: „Hinter seiner Strenge leuchtete etwas. Ich weiß noch, wie er einmal vorne am Pult saß, ruhig über den Rand des Roma-IV-Buchs schaute, und sagte: ‚Ich seh dich.’ Ich war gerade dabei, einen Zettel für meinen Freund Leo zu schreiben, weil wir ja am Nachmittag an die Marienklause zum Baden wollten, als Herr Bauer plötzlich diesen einen Satz sagte: ‚Ich seh dich.’ (...) War es aus Scham? Oder ist mir damals schon der Doppelsinn dieses Satzes aufgefallen? Jedenfalls traf mich das. Der sieht mich. Und die lateinischen Sätze, die fingen in den Wochen darauf nach und nach von innen zu leuchten an.“ Was Alex Rühe mit Lateinlehrer Bauer erlebt hat, umschreibt der Neurobiologe Prof. Joachim Bauer so: „Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch.“ Und das gilt besonders für die Beziehungen und das Lernen in der Schule.

Martina Niekrawietz

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