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Deeskalation

Tipps zur Gewaltintervention in kritischen Situationen

Lehrer werden mit akuten Gewaltsituationen zwischen Schülern meist unmittelbar und unvorbereitet konfrontiert. Doch wie verhalten sich Pädagogen im Eskalationsfall richtig? Konkrete Handlungsempfehlungen von Experten für Gewaltintervention helfen dabei, schnell das Richtige zu tun.

Deeskalation: Tipps zur Gewaltintervention in kritischen Situationen Bei körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Schülern ist es wichtig, die Kontrahenten sofort zu trennen © highwaystarz - Fotolia.com

„13 Verletzte bei Schlägerei an der Alfred-Nobel-Schule“, meldete der Berliner Tagesspiegel am 10.12.2015. Als die Schüler der Berliner Sekundarschule nach der zweiten Hofpause zurück in die Klassen gingen, schlugen plötzlich mehrere Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren „äußerst massiv“ aufeinander ein. Einige Lehrer versuchten, die Kontrahenten zu trennen, wobei vier von ihnen „unter dem Eindruck des Gewaltausbruchs einen Schock“ erlitten. Elf der beteiligten Schüler sowie ein Lehrer und eine Schülerin, die dazwischen gegangen waren, mussten im Krankenhaus behandelt werden, berichtete später der ARD-Sender rbb.

In einer solchen akuten Gewaltsituation fruchten die Möglichkeiten von konstruktiver Konfliktbearbeitung natürlich wenig, hier sind völlig andere Handlungs- und Vorgehensweisen angezeigt, betont Günther Gugel in dem praxisorientierten „Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen“ (Kap. 4.2, S. 538). Blitzschnell muss die Lehrkraft die Lage einschätzen und adäquat reagieren. Aber wie? — In dieser Frage gibt die pädagogische Fachliteratur eine klare Handlungslinie vor.

Vorbereitung auf mögliche Gewaltsituationen

Wie auch in dem eben geschilderten Fall sind Lehrkräfte mit Gewalt unter Schülern meistens unvermittelt konfrontiert. Meist bleibt keine Zeit, sich abzusprechen oder sich anderweitig zu wappnen. Zudem sind die Gewaltsituationen „oft emotional aufgeheizt“ und „in ihrem Verlauf kaum berechenbar und kontrollierbar“, so Gugel (ebd.).

Wichtig sei es deshalb, sich bereits im Vorfeld auf die Bedrohung einzustellen, um dann die erforderlichen Schritte einzuleiten: etwa die Situation deeskalieren, Öffentlichkeit herstellen, die Opfer schützen, den oder die Täter feststellen und die Zuschauer aktivieren“. Das alles jedoch, ohne sich selbst „unnötig in Gefahr zu bringen“(ebd., S. 541).

Bei der Vorbereitung auf den Gewaltfall unterstützt Gugel die Lehrer mit wissenschaftlich fundiertem Grundwissen und praktischen Materialien, wie zum Beispiel Checklisten zur Vorbereitung auf den Ernstfall (M1, S. 554) oder für den Umgang mit Gewalt (M3, S. 556), Empfehlungen für richtiges Verhalten in kritischen Situationen (M5, S. 558) u. v. m.

Hilfreich bei der Reflexion solcher pädagogischer Grenzsituationen ist eine Broschüre der Bezirksregierung Detmold, die anhand unterschiedlicher Fallbeispiele aufzeigt, wie Lehrkräfte Handlungssicherheit bewahren, zurückgewinnen und erlangen können. Auch die rechtliche Seite wird ausführlich erläutert.

Interventionsregeln bei gewalttätigen Schülerkonflikten

Wie Lehrer am besten im Gewaltfall vorgehen, zeigt ein Handlungsleitfaden von Ortrud Hagedorn auf der Website des Vereins für Friedenspädagogik. Hier ein kurzer Abriss:

  1. „Aufmerksam wahrnehmen“, so lautet die erste Interventionsregel von Hagedorn. Auch wenn die Zeit noch so knapp ist, sollte der Lehrer niemals wegsehen, sondern sich immer einmischen und klar Position beziehen: „Hier tut keiner dem anderen weh!“
  2. Die „Stopp-Norm“ setzen bedeutet, „den Vorfall personen-neutral abbrechen“, zum Beispiel mit dem Satz „Schluss damit! Hier wird nicht geprügelt.“
  3. Kontrahenten trennen, den Blickkontakt unterbrechen und sie auseinandersetzen, bis sich die Gemüter halbwegs abgekühlt haben.
  4. Ganz wichtig: Nicht vorzeitig aussteigen, sondern den „eigenen Einfluss aufrecht erhalten“, indem die Interventionsmaßnahme erst beendet wird, wenn die Situation wirklich deeskaliert ist. Auch hier unterstützt Hagedorn den Lehrer mit Formulierungen („Hier geblieben! Erst wird der Streit geklärt, dann könnt ihr gehen!“) Bagatellisierungen wie „War doch nur Spaß“ werden nicht akzeptiert.
  5. „Keine Angriffe und Drohungen gegen Intervenierende zulassen“, rät Hagedorn. Bei entsprechenden Schüleräußerungen sollten die Lehrer geschlossen Flagge zeigen: „Grobheiten dulden wir alle nicht!“
  6. Zuletzt sollte man den jeweiligen Schüler in die Verantwortung nehmen: „Das ist hier kein Spaß. Du musst dich verantworten“. Natürlich müssen angekündigte Konsequenzen auch umgesetzt werden.

Ergänzend zu Hagedorns pädagogischen Interventionsregeln unterstützen die Autoren der „Berlin-Brandenburger Anti-Gewalt-Fibel“ Lehrer mit einer eher handlungsorientierten Checkliste für schwerwiegende Fälle von Schülergewalt (S. 7), die zum Beispiel auch eine eventuell erforderliche Opferhilfe berücksichtigt oder die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen.

Eingreifen in kritischen Situationen ohne Körpereinsatz

Interveniert ein Lehrer kurz bevor eine Situation in physische Gewalt umschlägt, heißt es ruhig bleiben und nicht provozieren. Doch wie genau geht das eigentlich? Auf der Website friedenspaedagogik.de findet sich dazu eine detaillierte Anleitung: „Strahlen Sie Ruhe und Sicherheit aus und stehen Sie die Situation bis zu einem friedlichen Ende durch, egal, was passiert!“, raten die Autoren zuoberst. Es folgen psychologisch versierte Empfehlungen, die besonders dann hilfreich sein können, wenn die Angst groß ist: „Beobachten Sie Brust und Augen! (Heftige Bewegungen der Brust künden aggressive Reaktionen an!)“ heißt es da etwa, oder „Spannen Sie Ihre Muskeln nicht an!“ Man erfährt genau, wie man sich körperlich zu der aggressiven Person positionieren soll, welche innere Haltung und welcher Gesichtsausdruck ratsam ist, in welcher Art man mit dem Aggressor sprechen soll usw.

Bei der Gewaltintervention setzt sich die Lehrkraft „in Szene“ wie ein professioneller Schauspieler. Und das will vorher durchdacht, geübt und internalisiert sein, genau wie eine Hauptrolle in einem Theaterstück. Besonders gut funktioniert eine so verstandene Vorbereitung auf Gewaltsituationen im Zusammenspiel mit Kollegen. — Ohnehin ist im Kampf gegen Gewalt ein Schulterschluss der Lehrer eine wichtige Voraussetzung, um den Aggressionspegel in einer Klasse oder Schule nachhaltig zu senken.

Martina Niekrawietz

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