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Rollenwandel

Inklusion erfordert Teamarbeit

Durch die bundesweite Umsetzung der Inklusion müssen Lehrer zunehmend im Team arbeiten: mit Förderschullehrern, Integrationshelfern und Therapeuten. In einem Interview berichtet Christiane Winter-Witschurke vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, wie Teamarbeit in inklusiven Schulen funktionieren kann.

Rollenwandel: Inklusion erfordert Teamarbeit Inklusiver Unterricht gelingt weit besser, wenn man von vornherein im Team arbeitet © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Teamarbeit ist zwar vielen Lehrern nicht fremd, doch nach wie vor zählen sie zu den Einzelkämpfern in ihrem Beruf. Die Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts nehmen sie in der Regel allein vor, ihr heimischer Arbeitsplatz sorgt für die oftmals ungewollte Distanz zwischen ihnen und den Kollegen. Mit anderen zusammenzuarbeiten, das ist noch nicht selbstverständliche Praxis. Inklusion an Regelschulen erfordert daher zunächst ein Umdenken: weg vom rigiden Einzelunterrichten, weg von der Angst, vor Kollegen mögliche Schwächen zu zeigen und sich ihrer Kritik auszusetzen, hin zur Bereitschaft, sich konstruktiver Kritik zu stellen und ständig – auch als Lehrer – dazuzulernen. Es geht um das große Ganze, zu dem jeder seine speziellen Qualifikationen in die Waagschale werfen kann. Denn mit der Umsetzung der inklusiven Schulen sind immer mehr Berufsgruppen am Förderprozess in der Schule beteiligt.  

Kooperation mit unterschiedlichen Experten

Es existieren bereits viele Formen der Zusammenarbeit an Schulen, die sich durch die Inklusion noch verstärken, so Frau Winter-Witschurke.  Wenn man stärker individualisiert und differenziert arbeiten möchte, muss man sich vor allem mit Kollegen, aber auch mit Eltern austauschen. Dazu kommt die Kooperation mit dem anderen pädagogischen und nicht-pädagogischen Professionen sowie außerschulischen Personengruppen: seien es Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Erzieher, Jugendamtsvertreter, Kinderärzte oder Schulpsychologen.

Literatur zum Thema:

Thomas Wieners: Gemeinsamer Unterricht — Gemeinsames Unterrichten oder Teamarbeit im Gemeinsamen Unterricht von Menschen mit und ohne Behinderung.

Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg: Multiprofessionelle Zusammenarbeit an der inklusiven Schule gestalten.

Beate Hädrich / Cornelia Michel Kerstin Schorcht / Ulrike Stein: Netzwerke und Teamarbeit im Kontext Inklusion.

Inklusive Schulen beschäftigen sich nicht nur mit dem Thema Behinderung, sondern fassen Vielfalt als Bereicherung auf. Das bedeutet, dass man Übergänge von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schule und von dort in den Beruf durch Vernetzung begleitet und dass man sich als Zentrum der regionalen Bildungslandschaft betrachtet, indem man sich durch andere Institutionen in der Umgebung bereichern lässt. Das können  zum Beispiel Freizeiteinrichtungen, Altersheime oder Betriebe sein.

Keine Angst vor der Teamarbeit

Winter-Witschurke ist sich bewusst, dass manche Lehrkräfte einer solchen Öffnung mit Skepsis oder Angst begegnen. Sie ist aber überzeugt, dass jeder und jede einzelne davon profitieren kann: „Natürlich gibt es auch Lehrkräfte, die lieber ihr eigenes Süppchen kochen möchten. Doch auch bisher schon mussten Lehrer damit rechnen, dass jemand in ihren Unterricht kommt: Wenn sie zum Beispiel Referendare ausbildet, muss das eigene Handeln vor dem Lehramtsanwärter vertreten werden, aber auch vor denjenigen, die die Leistung bewertet. Für viele – auch ältere – Kollegen ist es eine Schlüsselerfahrung, wenn Kollegen in ihrer Klasse hospitieren und der Unterricht reflektiert und besprochen wird. Zumindest dann, wenn die Chemie zwischen den Kollegen einigermaßen stimmt, ist das ein echter Gewinn.“  

Unter den Vorzeichen der Inklusion wird es in Zukunft nach Einschätzung von Winter-Witschurke noch schwer, die Türen voreinander zu verschließen. Denn gerade hier können Lehrer von der Kooperation profitieren: „Gerade wenn es um Schüler mit Behinderungen geht, haben viele Lehrkräfte Angst vor einer Überforderung. Es führt bei allen Beteiligten zu einer Kompetenzerweiterung und Entlastung, wenn man dann bestimmte Entscheidungen nicht allein fällen muss, sondern Rat holen und sich austauschen kann“, meint die Sonderpädagogin.

Teamarbeit als Herausforderungen

Auch wenn Teamarbeit das Ziel sei muss, so gibt es doch einige Fallstricke auf dem Weg zur Kooperation:

  • Gerade wenn Fachleute verschiedener Disziplinen zusammenkommen, kann das zu unklaren Rollenvorstellungen führen: Wer hat welche Aufgaben und wie können die Einzelnen ihr Handeln aufeinander abstimmen?
  • Jeder einzelne Kollege bringt bestimmte Qualifikationen und Erfahrungen mit, über die die anderen nicht unbedingt im Detail informiert sind.
  • Die Kollegen haben unter Umständen wenig Erfahrung damit, Verantwortung abzugeben und die Arbeit mit den anderen zu teilen.
  • Möglicherweise haben die einzelnen Mitglieder eines Teams auch unterschiedliche Erwartungen, wie die gemeinsame Aufgabe bewältigt werden soll und kann.
  • Besonders schwierig ist der Teamentwicklungsprozess, wenn ein Kollege sich um Kinder in unterschiedlichen Klassen oder sogar unterschiedlichen Schulen kümmern und somit in einer relativ knapp bemessenen Zeit mit besonders vielen unterschiedlichen Kollegen und Teams zusammenarbeiten muss.

Es ist also wichtig, sich im Kollegium über die Erwartungshaltungen und Aufgabenverteilungen zu verständigen.

Tipps für eine erfolgreiche Zusammenarbeit

Damit die anstehenden Herausforderungen im Interesse aller Beteiligten zu guten Ergebnissen führen und Inklusion gelingt, müssen Arbeitsprozesse neu bestimmt werden:

  • Definieren Sie zu Beginn der Zusammenarbeit die gemeinsamen Aufgaben und die Rollen der einzelnen Teammitglieder. Versuchen Sie aber, mit diesen Vereinbarungen flexibel umzugehen, und legen Sie auch später immer wieder Phasen der Reflektion ein. Seien Sie sich darüber bewusst, dass Ihre Rollen sich im Prozess wandeln und weiterentwickeln können.
  • Setzen Sie sich mit Formen der Zusammenarbeit auseinander und probieren Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen aus, mit welchen Sie am besten zurechtkommen: Im Unterricht können Sie beispielsweise phasenweise die Rollen tauschen oder ein Gespräch gemeinsam leiten. Sie können sich als gleichberechtigte Berater in Freiarbeitsphasen zur Verfügung stellen oder die verschiedenen Aufgaben untereinander aufteilen.
  • Tauschen Sie sich regelmäßig über die Unterrichtsinhalte und -methoden, die pädagogischen Ziele und die Formen ihrer Zusammenarbeit aus. Planen Sie gemeinsam.
  • Setzen Sie sich dafür ein, dass die Teamarbeit an Ihrer Schule auch strukturell erleichtert wird, zum Beispiel, indem Orte, Zeiten und Regeln für den Austausch entwickelt werden. Denkbar wäre zum Beispiel auch, dass man Klassen- und Jahrgangteams bildet, Fachkonferenzen für die gemeinsame Unterrichtsplanung oder Hospitationsteams zur kollegialen Unterrichtsreflexion nutzt.
  • Denken Sie immer daran, dass sowohl Ihre Schüler als auch Sie selbst von der Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen oder Therapeuten profitieren können: Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen und  Perspektiven erhalten Sie einen anderen Blick auf Ihre Schüler. Das hilft Ihnen, Ihre eigene Arbeitsleistung neu zu bewerten und einzuordnen. Ziel ist ein sich stetig verbessernder Unterricht und eine intensivere Betreuung jedes einzelnen Schülers, damit Inklusion eines Tages für jeden Lehrer ganz selbstverständlich Teil seines Schulalltags wird — ohne Stress und mit mehr Zufriedenheit im Beruf.

Janna Degener

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