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Handyfasten

Leg doch mal dein Handy weg!

Für die meisten Kids ist das ein nerviger Satz von Erwachsenen, die von YouTube und Daddeln keine Ahnung haben. Trotzdem verzichten immer mehr Schüler freiwillig auf das Handy. Für ein paar Stunden, Tage oder auch Wochen. — Ein spannendes Experiment, das Lehrer im Unterricht initiieren und begleiten können.

Handyfasten: Leg doch mal dein Handy weg! Smartphones sind auch in der Schule Alltag und Spaßfaktor. Was aber ist, wenn man einmal auf sie verzichtet? © YanLev/shutterstock.com

Kinder und Jugendliche sind „Digital Natives“. Sie saugen den Umgang mit Smartphone, Tablet und Laptop quasi mit der Muttermilch ein. Und wenn sie dann größer werden, können sie den Blick nicht mehr vom Display lösen. Im Stehen, im Liegen, beim Laufen, im Bus und beim Autofahren. „Generation head-down“ nennt man sie deshalb unter Kolumnisten, und auch Stefan Balazs empfiehlt den Kids in seinem Artikel für das Online-Magazin TELEPOLIS: „Kopf hoch, ‚Generation head-down‘“. Denn bleibt der Kopf dauerhaft gesenkt, drohten womöglich „massive Haltungsschäden“, zum Beispiel „der gefürchtete ‚Smartphone-Nacken‘“, der allerdings mangels Auftreten bei den jungen potenziellen Patienten derzeit (noch) nicht diagnostiziert, sondern nur prognostiziert werden kann.

Ob sich der Smartphone-Nacken langfristig nun zu einem gesundheitlichen Massenproblem auswachsen wird, bleibt abzuwarten. Mit Sicherheit darf aber vermutet werden, dass der Hinweis auf drohende Haltungsschäden kaum einen Schüler hinter dem Display hervorlockt. Dafür vielleicht aber die „Challenge“ Handyfasten: Immer mehr Jugendliche lassen sich freiwillig darauf ein und berichten danach von ganz neuen Erfahrungen.

Digitale Diät auf freiwilliger Basis

Um mit den Schülern ins Gespräch zu kommen, könnten Sie zum Beispiel zunächst den dreiminütigen Beitrag „Bilanz: Eine Woche Handy-Fasten in der Schule“ zeigen, der am 13.04.2018 im NDR-Magazin „Hallo Niedersachsen“ zu sehen war: Das Video berichtet von einer Gruppe von Schülern, die freiwillig eine Schulwoche lang ihr Handy abgegeben haben. Ihre Smartphones wurden in einem Banktresor verwahrt — ein sinnvoller Initiationsritus, der die Ernsthaftigkeit des Entschlusses unterstreicht, denn das Handy ist dann wirklich fünf Tage lang unwiderruflich außer Reichweite.

Mit der Frage, „Könntet ihr euch das auch vorstellen?“, sind Sie vermutlich sofort mitten in einer lebhaften Diskussion. Die Schüler beantworten dabei Fragen wie: „Kannst du dir vorstellen, wie du dich beim Handyfasten fühlen würdest?“ Oder: „In welchen Situationen könntest du auf keinen Fall auf dein Handy verzichten?“ Oder auch: „Gibt es in diesen Situationen auch Alternativen zum Handy?“ 

Gute Gründe für den Handyverzicht: FOMO und WhatsApp-Stress

Damit ist die Klasse schon mitten im Thema, und Sie greifen jetzt einfach auf die mehrstündige Unterrichtseinheit (UE) „Handyfasten“ auf der Website handysektor.de zurück.

Die Medienexperten und Autoren informieren Sie zunächst über „FOMO“ (vgl. Einleitung, S. 1), ein Akronym für „Fear Of Missing Out“. Das ist die Angst, etwas zu verpassen. Im Fokus stehen dabei besonders die sozialen Medien wie der kostenfreie Messenger-Dienst WhatsApp, den die Kids permanent nutzen, um sich untereinander auszutauschen. Wer nicht sofort reagiert, ist ‘raus, befürchten (und erleben) die Jugendlichen. Deshalb lauern sie immerzu auf neue Botschaften von WhatsApp & Co., sodass sie noch nicht einmal dem Dirigenten in der Orchesterprobe ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen können (vgl. das NDR-Video). — Ein Stressor, der dazu führt, dass die Realität mehr und mehr ausgeblendet wird: Damit verplempert man wertvolle Zeit, stresst sich und oft verpasst man dabei die besten Dinge im realen Leben, wie die ersten beiden Aufgaben in der ersten Stunde der UE „Handyfasten“ eindringlich demonstrieren.

Das eigene Medienverhalten reflektieren

„Wie viel Zeit ver(sch)wende ich eigentlich mit meinem Smartphone?“ Diese Frage beantwortet jeder Schüler für sich mit einem Fragebogen (verlinkt in den Materialien zu „Handyfasten“, S. 5). Die Schüler bleiben dabei anonym, trotzdem raten die Autoren der UE an die Adresse der Lehrkraft gerichtet: „Vermeiden Sie den erhobenen Zeigefinger oder Entrüstung angesichts des Handykonsums der Schüler“. (S. 4) 

Bei der Auswertung wird jede Frage einzeln besprochen, die Schüler vergleichen die Ergebnisse und sind „eingeladen“, über Auffälligkeiten, Unterschiede und Überraschungen zu diskutieren. — Jetzt ist für die meisten offensichtlich, wie viel Zeit sie vor dem Smartphone verbringen. Zeit, die dann für andere Aktivitäten, die Spaß machen, fehlt, wie der kurze Werbespot „Really?“ eindrücklich zeigt: User, die auf ihr Display starren und das Beste im wirklichen Leben verpassen. Der Vater, der beim Spielen sein Kind stehen lässt, der Mann im Schlafzimmer, der seine Frau gar nicht bemerkt, die Masseurin, die ihre Patientin auf der Liege vergisst, die Braut, die auf dem Weg zum Traualtar auf ihr Handy sieht usw. — „Mit dem Video bekommen die Schüler einen Denkanstoß für die Vorteile, die das Handyfasten mit sich bringt“, so die Erfahrung der Autoren. Ganz ohne pädagogischen Zeigefinger. Auch die überwiegend positiven Erfahrungen der Schüler in dem NDR-Beitrag fließen sicherlich bei der Entscheidungsfindung ein.

Grundsätzlich sollte der Entschluss zum Handyfasten aber wohl überlegt sein und muss nicht am Ende dieser Stunde gefasst werden. Hier könnte man den Schülern ein oder zwei Tage Zeit geben, sollte aber eine klare Deadline setzen. Auch das Prozedere sollte am Ende der Stunde klar kommuniziert werden: „Wenn du am Handyfasten in der Woche von ...  bis ... teilnimmst, sag mir bitte bis zum Xten um XX:XX Uhr in der Pause Bescheid. Dein Handy wird sicher in einem verschlossenen Umschlag verwahrt, bis du es am Freitag zurückbekommst.“

Fasten-Tagebuch und Unterstützungsangebote

Die Jugendlichen im oben verlinkten Video des NDR dokumentieren „den Entzug“ per Videotagebuch. In einem kleinen Workshop vermittelt die Lehrkraft den Fastenwilligen das nötige Knowhow. Gedreht wird beim Handyfasten naturgemäß mit Laptop, Tablet oder Kamera. Lehrer, die selbst noch keine Erfahrung mit Video-Drehs mitbringen, nutzen dafür einfach das Tutorial auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Schnell und systematisch informiert Sie dieser Beitrag über Technik, Bild- und Tongestaltung.

Tagebuchführen geht natürlich auch ganz ohne digitale Hilfsmittel mit Papier und Bleistift. Hilfreich dabei ist das Schülerarbeitsblatt in der UE Handyfasten (S. 8), ein umfangreicher Fragenkatalog, der die Jugendlichen bei der alltäglichen Dokumentation unterstützt. Am Ende der Woche schreiben die Schüler ein persönliches Fazit über ihre Erfahrungen während der Fastenwoche.

Natürlich sollte auch das Tagebuchführen freiwillig sein. Alternativ dazu könnten Sie als betreuende Lehrkraft morgendliche Treffen anbieten, bei denen sich die Teilnehmer über ihre Erlebnisse austauschen und gemeinsame Unternehmungen planen: Kino, Eis essen, eine Stadt- oder Geländerallye in die Umgebung, ein Theaterbesuch – das und noch viel mehr erleben und genießen die Kids in der handyfreien Zeit mit allen, wirklich allen Sinnen.

Martina Niekrawietz

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