Fach/Thema/Bereich wählen
Digitale Schule

Von Estland lernen: Tablet statt Kreide

Estlands digitale Klassenzimmer spielen eine Vorreiterrolle in Europa: die Schüler lernen effektiv, hoch motiviert und sind gleichzeitig gut vorbereitet auf die Anforderungen einer digitalen Zukunft.

Digitale Schule: Von Estland lernen: Tablet statt Kreide Früh werden die Schülerinnen und Schüler ermutigt, selbst zu programmieren und kleine Roboter zu bauen © Gorodenkoff - stock.adobe.com

Ein düsteres Bild zeichnet Ruth Ciesinger im Berliner Tagesspiegel vom Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen: Deutsche Klassenzimmer seien eine „Heimstatt des Analogen“. Natürlich gebe es „die hochmotivierten Lehrkräfte, die keine Scheu vor neuen Medien haben“, ebenso wie Pilotschulen, „die ganzheitliche Lehrmodelle entwickeln und umsetzen“. Trotzdem fehle es offenbar an allen Ecken und Enden, insbesondere an der Infrastruktur und an der Aus- und Weiterbildung der Lehrer. — Und mancherorts auch schlicht an einer funktionierenden WLAN-Verbindung, zum Beispiel an Berliner Schulen.

An vereinzelten Schulen sei das digitale Equipment zwar vorhanden, werde aber oft nicht adäquat eingesetzt: So nutzten zum Beispiel viele Lehrer moderne Smartboards in den Klassenzimmern „als klassische Tafel, statt damit weiterführende Programme zur Unterrichtsgestaltung auszuprobieren“. Sie seien „überfordert“, weil die Geräte „oft ohne gute Schulung und Wartung eingeführt worden sind“.

Unterricht 4.0 — in Estland ganz normal

Ganz anders in Estland: Dort gehören digitale Schultafeln längst zum Unterrichtsalltag. Eine kurze Dokumentation auf ntv demonstriert, dass bereits Zweitklässler begeistert mit den neuen Medien lernen. Im Mathematikunterricht stellt die Lehrerin der Klasse am Smartboard Rechenaufgaben. Die Schüler geben die Lösung (Multiple-Choice-Verfahren) in ihre iPads ein. Dann wird direkt an der Tafel angezeigt, wie viele Kinder in der Klasse richtig lagen. Die Lehrkraft greift dabei nicht nur auf fertige Contents zurück, sie kann auch selbst programmieren: zum Beispiel Lernspiele für individuelle Fördereinheiten oder vertiefende Übungen für die ganze Klasse. — Mit den neuen Medien sind die Kinder hochmotiviert bei der Sache, und fast jeder möchte vor an die Tafel kommen und eine der Aufgaben vorrechnen.

Auch im IT-Workshop in der 5. Klasse arbeiten die Schüler hochkonzentriert an verschiedenen anspruchsvollen Projekten: Ein Mädchen programmiert einen kleinen Roboter, der Farbcodes lesen und Linien folgen kann, ein Junge baut ein ferngesteuertes Auto, ein anderer programmiert ein elektrisches Klavier. Und zwei Schüler der Abschlussklasse arbeiten nebenbei als IT-Manager an der Schule: Sie unterstützen Lehrer und Schüler beim Umgang mit den neuen Medien und verdienen sich so ein kleines Zubrot.

Transparenz auf der ganzen Linie

Für Physik- und Mathematiklehrer Markus Reischl, der 1999 aus dem bayerischen Landau an eine Schule im estnischen Tallinn wechselte, war der Umstieg vom analogen zum digitalen Klassenbuch eine enorme Erleichterung: Maximal eine Stunde brauche er jetzt nur noch für alle Eintragungen, sagt er Julia Köppe von SPIEGEL ONLINE. Wie 90 Prozent der estnischen Schulen arbeitet auch Reischls Schule mit dem digitalen Klassenbuch eKool. Hier tragen die Lehrkräfte Lerninhalte, Hausaufgaben, Noten und Fehlstunden ein. Das digitale Klassenbuch kann von Lehrern, Eltern und Schülern gleichermaßen eingesehen werden. Und nicht nur das: eKool dient auch als Kommunikationsplattform zwischen Eltern und Schülern.

Wenn jederzeit für alle einsehbar ist, was im Unterricht durchgenommen wird, fühlen sich die Lehrkräfte da nicht ein wenig kontrolliert? Lehrerin Leppmaa verneint, ihre Kollegin Kaja Reissaar hingegen fand die ersten Jahre mit dem digitalen Klassenbuch schwierig. Mittlerweile stört sie aber nur noch, wenn die Eltern manchmal erwarten, dass ihre E-Mails umgehend beantwortet werden. „Ekool gibt den Eltern mehr Einfluss“, sagt Direktorin Kristina Kallas. Sie hat selbst zwei Kinder und findet, dass eKool aus Elternsicht Vorteile bietet: Sie weiß, „was genau im Unterricht drankam“ und kann ihre Kinder „gezielt darauf ansprechen“ (ebd.). Und weil die Eltern über eKool auch jederzeit die Noten ihrer Kinder im Blick haben, gibt es diesbezüglich auch keine bösen Überraschungen am Zeugnis- oder Elternsprechtag.

Unterricht 4.0 — nicht nur eine Geldfrage

Digitale Ausstattung ist teuer, doch dass Estland in puncto digitale Schule schon wesentlich weiter als Deutschland ist, kann nicht am Geld liegen, erläutert Christoph Kersting in seinem Beitrag „Estlands digitales Klassenzimmer ist Spitze in Europa“ auf der Website des Deutschlandfunks: „Fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung gibt Estland laut OECD für Bildung aus, wenig mehr nur als Deutschland mit 4,3 Prozent. Pro Schüler gibt Deutschland sogar im Schnitt deutlich mehr aus: 7.330 Euro jährlich, in Estland sind es nur 5.800 Euro.“

Es ist auch beileibe nicht so, dass an estnischen Schulen jedes Klassenzimmer mit Smartboard und jeder Schüler mit einem eigenen Rechner ausgestattet ist, wie Julia Köppe vom SPIEGEL im Gespräch mit Schulleiter Kaarel Rundu erfuhr: Zwar hat in seiner Schule jeder Klassenraum einen Beamer und Lautsprecher, interaktive Whiteboards gibt es jedoch nur in einigen Unterrichtsräumen. Programmieren und Robotik gibt es als Wahlfächer und „jeweils zwei Klassensätze Tablets und Laptops“. Darüber hinaus findet der Unterricht „regelmäßig im Computerraum statt — egal in welchem Fach“, berichtet Kaarel Rundu, und im Keller steht ein 3D-Drucker.

Wie deutsche Schüler haben auch estnische ein Smartphone, das in der Schule nicht verboten ist. Im Gegenteil: Es wird in der Schule aktiv genutzt, zum Beispiel für einen Mathematiktest der neunten Klasse: Die Kids rufen die Fragen mit ihrem Smartphone ab. Wer keines hat, bekommt einen schuleigenen Rechner gestellt.

Aufgrund seiner Offenheit für Neues ist Estland eines der europäischen Musterbeispiele für gelungene Digitalisierung in der Schule geworden. Wenngleich bis 2020 alle Lehrbücher digital sein sollen, heißt das aber nicht, dass die Schüler nur noch mit neuen Medien lernen: Nach wie vor schreiben die Schüler in Hefte und lernen mit Büchern und Arbeitsblättern.

Ob digital oder analog — Estlands Schüler lernen jedenfalls hocheffizient, denn das kleine baltische Land hat Finnland im PISA-Ranking verdrängt und steht derzeit (Oktober 2018) auf Platz 1 in Europa.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Neue Medien im Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×