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Nachteilsausgleich

Chancengleichheit für Schüler mit schwerwiegenden Lernproblemen

Kindern und Jugendlichen, die an Lernstörungen oder anderen körperlichen beziehungsweise geistigen Einschränkungen leiden, kann ein Nachteilsausgleich gewährt werden. Die infrage kommenden Maßnahmen sind vielfältig und reichen von Zeitzugaben bei Klassenarbeiten bis hin zum Aussetzen der Benotung.

Nachteilsausgleich: Chancengleichheit für Schüler mit schwerwiegenden Lernproblemen Bei anerkannten Lernschwierigkeiten können Schüler in der Schule ausgleichende Unterstützung einfordern © fotomek - Fotolia.com

„Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden“, heißt es in Art. 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes. Unmissverständliche Worte, denen wohl kaum jemand widersprechen würde. Um die geforderte Chancengleichheit auch im Schulalltag zu gewährleisten, kann Schülern, die mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen leben müssen, ein Nachteilsausgleich gewährt werden.

Die rechtlichen Regelungen hierzu sind bundesweit uneinheitlich, üblicherweise wird zwischen zielgleichen und zieldifferenten Maßnahmen unterschieden. Zielgleich unterstützte Schüler müssen dieselben Leistungen erbringen, wie ihre Klassenkameraden, die keinen Nachteilsausgleich erhalten. Es werden lediglich kompensatorische Vorkehrungen getroffen. So kann jemandem mehr Zeit für eine Klassenarbeit eingeräumt werden, sehbehinderte Schüler erhalten Arbeitsblätter mit größerer Schrift.

Zieldifferente Maßnahmen bei diagnostizierten Lernstörungen

Zieldifferente Maßnahmen kommen unter anderem bei einer diagnostizierten Dyskalkulie oder Lese-Rechtschreib-Schwäche in Betracht. Juliane Berding ist Konrektorin der Vechtaer Alexanderschule; inklusiven Unterricht gibt es hier bereits seit den 90er-Jahren. Entsprechend vielfältig sind die Erfahrungen, die an der norddeutschen Grundschule mit nachteilsausgleichenden Regelungen gemacht wurden. Auf die Frage, wie zieldifferente Maßnahmen im Schulalltag durchgeführt werden, antwortet Juliane Berding: „In der Praxis kann das zum Beispiel bedeuten, dass jemand einen Lückentext mit Lernwörtern ausfüllen muss, anstatt das Diktat mitzuschreiben.“

Während ein zielgleicher Nachteilsausgleich nicht im Zeugnis erwähnt wird, wird auf zieldifferente Maßnahmen hingewiesen. „In Deutsch kann man Teilbereiche wie Orthografie aus der Bewertung herausnehmen, das erscheint dann auch als Anmerkung auf dem Zeugnis. In Mathematik bietet sich das meiner Erfahrung nach nicht an, dort setzen wir die Zensur komplett aus“, sagt Juliane Berding.

Weiterführende Links:

Einen umfassenden Aufsatz zum Thema hält das niedersächsische Kultusministerium zum Download bereit.

Holger Lorenz von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hält Informationen darüber bereit, was beim Verdacht von Dyskalkulie zu tun ist.

Eine Veröffentlichung der KMK befasst sich mit der Förderung von Schülern mit Lernstörungen.

Unter welchen Bedingungen ein Nachteilsausgleich gewährt werden sollte, ist auf Landesebene geregelt, teilweise haben die Schulen einen gewissenEntscheidungsspielraum. An der niedersächsischen Alexanderschule genügt für zielgleiche Maßnahmen eine Rücksprache mit den Eltern. Über einen zieldifferenten Nachteilsausgleich wird per Konferenzbeschluss entschieden.

Hohe Akzeptanz bei Schülern und Eltern

Die Akzeptanz bei Schülern und Eltern ist hoch. „Heutige Schüler kennen Differenzierung von der ersten Klasse an. Deshalb stört sich niemand daran, wenn jemand aus der Klasse mehr Zeit oder einfachere Aufgaben bekommt“, sagt Berding. Auch Eltern stünden derartigen Maßnahmen aufgeschlossen gegenüber – oft sogar etwas zu sehr: „Viele wollen nicht wahrhaben, dass ihr Kind nicht so gut in der Schule ist, wie erhofft. Teilweise wird ein Nachteilsausgleich eingefordert, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt.“

Das das Ganze nicht nur positive Auswirkungen hat, weiß auch Alexander Behrends (Name geändert). Der 36-Jährige unterrichtet an einer integrierten Gesamtschule. Prinzipiell bewertet er nachteilsausgleichende Maßnahmen positiv, bedauert auch, dass es seiner Erfahrung nach vergleichsweise schwierig ist, selbige für Oberstufenschüler bewilligt zu bekommen. Er gibt jedoch zu bedenken: „Viele ruhen sich auf ihrer Diagnose aus und verlieren ihr letztes bisschen Ehrgeiz, sich in dem Fach zu bessern. Manche versuchen, ihre Lernstörung als Universal-Rechtfertigung vorzuschieben.“ Ein Junge, den Behrends im Mathematikunterricht aufforderte, sauberer zu schreiben, sagte, er sei hierzu nicht in der Lage und verwies auf seine Rechenschwäche.

Nachteilsausgleich kein Freifahrtschein

Dabei versteht sich von selbst, dass ein Nachteilsausgleich kein Freifahrtschein ist. Viele der entsprechenden Erlasse (so z. B. Bekanntmachung des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung u. Kultur Schl.-H. v. 24.6.’97 — III 305 — 320.6071 Nr.1) weisen darauf hin, dass keine Bevorzugung behinderter Kinder und Jugendlicher erfolgen darf.

Auf den Punkt gebracht hat es die „Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe“: „Grundsätzlich sollte angestrebt werden, dass sich der stotternde Schüler so weit wie möglich am mündlichen Unterricht beteiligt. Die Gewährung eines Nachteilsausgleichs darf also nicht dazu führen, dass der Betroffene pauschal von jeder mündlichen Beteiligung befreit oder ausgeschlossen wird“, heißt es in einer auf der Homepage veröffentlichten Handreichung. Eine praxisgerechte Sichtweise, die sich sicher auch auf Nachteilsausgleichsmaßnahmen beziehen lässt, die aus anderen Gründen als Stottern gewährt werden.

Stefan Hirsch

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