Fach/Thema/Bereich wählen
Schulentwicklung

Demokratie macht Schule

Schulprogramme und Rahmenlehrpläne formulieren zwar die Bedeutung der Demokratieerziehung an Regelschulen. Doch bislang sind die  Reform- und Alternativschulen Vorreiter, wenn es um deren Umsetzung geht: Hier ist das Engagement der Schüler integrativer Bestandteil der Schulentwicklung.

Schulentwicklung: Demokratie macht Schule Ein wichtiger Grundsatz der Demokratie-Erziehung ist es, Kinder maßgeblich an der Gestaltung des Schullebens zu beteiligen © lassedesignen - Fotolia.com

Mit dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn der Weimarer Republik wurde spätestens deutlich, dass gerade in den Schulen eine staatsbürgerliche und sozialethische Erziehung dringend notwendig ist, um die zukünftigen Staatsbürger „demokratiefähig“ zu machen. Denn zum Demokraten wird keiner geboren, Demokratie muss gelernt werden.

Nach Wolfgang Edelstein, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, muss dieser Prozess des Demokratielernens, soll er erfolgreich sein, folgende Ziele verfolgen: Es geht „um den Erwerb von Kenntnissen über Demokratie, den Erwerb von Kompetenzen für Demokratie und um Prozesse des Lernens durch Demokratie im Kontext gemeinsamer Erfahrung demokratischer Prozesse“.

„Die Schule hat als einzige Institution die Chance, alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen und für die Demokratie zu gewinnen“, formuliert die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK). Zur Demokratieerziehung hat sie in den Jahren 2002 bis 2007 daher das Schulentwicklungsprogramm „Demokratie lernen und leben“ konzipiert. „Vor allem soll das Programm durch die Demokratisierung von Unterricht und Schulleben die Bereitschaft junger Menschen zur aktiven Mitwirkung an der Zivilgesellschaft fördern. Es ist auch eine Antwort auf Gewalt, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen und auf die seit Jahren zunehmende Politik(er)-verdrossenheit und Politikdistanz.“

Demokratieerziehung in den Rahmenlehrplänen

Die Rahmenlehrpläne (RLP) einzelner Fächer, wie etwa in Geschichte oder Politik, sowie als fächerübergreifendes Querschnittthema schreiben nach Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK 2009) vom 06.03.2009 Aspekte demokratischen Lernens vor. Um die Demokratieerziehung zu stärken, schlägt die KMK etwa vor, Unterricht „fächerübergreifend und fächerverbindend ... in der Primar- und Sekundarstufe“ zu fördern sowie die „Wahrnehmung und Realisierung von Demokratieerziehung und demokratischer Schulkultur als Kriterium von Schulentwicklung“ zu implementieren und „die Förderung von unterrichtsnahen Vorhaben zur Verantwortungsübernahme von Kindern und Jugendlichen für ihr unmittelbares Lebensumfeld“ zu gewährleisten (ebd., S. 4). 

Literatur zum Thema:

Edelstein, Wolfgang / Fauser, Peter (2001): Demokratie lernen und leben. Gutachten zum Programm. Materialien zur Bildungsplanung und zur Forschungsförderung. Berlin.

Edelstein, Wolfgang / Frank, Susanne (Hrsg.) (2009): Praxisbuch Demokratiepädagogik. Sechs Bausteine für Unterrichtsgestaltung und Schulalltag. Weinheim und Basel.

Haan, de, Gerhard / Edelstein, Wolfgang / Eikel, Angelika (Hrsg.) (2007): Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik. Demokratische Handlungskompetenz fördern, demokratische Schulqualität entwickeln. 7 Hefte und CD-ROM. Berlin.

Hentig, von, Hartmut (1999): Bildung. Weinheim.

Kibala, Gregor (2010): Demokratische Erziehung an reformpädagogischen Schulen. Unveröffentlichte Examensarbeit. Würzburg.

Röhrs, Hermann (1998): Lernen – Lehren – Erziehen im Geiste der Reformpädagogik. Lüneburg.

Europäisches Jahr der Demokratieerziehung (EDC) im Jahr 2005

Um „darauf aufmerksam [zu] machen, wie wichtig die Bildung - sowohl die formale als auch die nicht-formale - in einer lebenslangen Perspektive für die Entwicklung einer aktiven Bürgerschaft, die Qualität der Mitwirkung in einer demokratischen Gesellschaft und zur Förderung demokratischer Kultur ist“, rief er Europarat das Jahr 2005 zum „Europäischen Jahr der Demokratieerziehung“ aus. „Die Demokratieerziehung (EDC) und die Menschenrechtserziehung (HRE) können dazu beitragen, kritisches Denken und Lernen zum Zusammenleben zu entwickeln. Sie fördern das gegenseitige Verständnis, den interkulturellen Dialog, Solidarität, Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern und unter ihnen. Sie fördern das Gefühl, zu den Wertvorstellungen und Grundsätzen des Europarats über Freiheit, politischen Pluralismus, Menschenrechte und die Rechtstaatlichkeit zu stehen und sich ihrer bewusst zu sein.“

Demokratie lernen in der Reformpädagogik

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich Schulen etabliert, die ihren Schülern eine bis heute stetig weiterentwickelte, den gesellschaftlichen Veränderungen angepasste Partizipation und Einübung demokratischen Handelns bieten.

Es sind vor allem die Schulen der Reformpädagogik, Schulen mit Synthesen aus verschiedenen reformpädagogischen Grundrichtungen und alternativen pädagogischen Konzepten. Instanzen wie Klassenrat, Klassen- oder Kurssprecher sind dort selbstverständlich und finden keine besondere Erwähnung.
Exemplarisch lässt sich an den Konzepten der Laborschule Bielefeld und der Hermann-Lietz Schule Haubinda zeigen, wie die Reformpädagogik ihren Anspruch auf Demokratie vermittelt und erfahrbar wird.

Die Laborschule Bielefeld wurde 1974 von Hartmut von Hentig als Gesamtschule gegründet. Kinder werden bereits im Alter von fünf Jahren aufgenommen. Durch einen Aufnahmeschlüssel wird gewährleistet, dass Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten und Problembereichen nach Anteil in unserer Gesellschaft aufgenommen werden. Ein wichtiger Grundsatz der Schule ist, dass Kinder und Erwachsene das Schulleben gemeinsam gestalten. Die Schule verfügt über eine ausgeprägte „Konferenzkultur“:

  • Schulkonferenz: Vertreten sind Lehrer, Eltern und Schüler im Verhältnis 6:4:2. Es werden alle zwei Wochen grundsätzliche Angelegenheiten der Schule behandelt und beschlossen.
  • Stufen,- Jahrgangs- und Erfahrungskonferenz: Einmal wöchentlich im Wechsel werden in einzelnen Fachbereichen Probleme in Didaktik und Pädagogik geregelt.
  • Schülermitverantwortung: Alle Klassensprecher, die Vertreter sowie zwei Vertrauenslehrer nehmen an diesen regelmäßig stattfindenden Konferenzen teil. Sie entsenden Vertreter in die Schulkonferenz und haben dadurch eine aktive Entscheidungsbefugnis. Sie vertreten bei Entscheidungen, die Schule betreffend, die Meinung der Schüler.

Die Hermann-Lietz Schule Haubinda wurde als reformpädagogische Schule im Jahr 1901 von Lietz gegründet und ist das älteste noch bestehende Landerziehungsheim in Deutschland. Nach wechselvoller Geschichte, zu Zeiten des Nationalsozialismus und der DDR, konnte Haubinda erstmals 1991 wieder die Schule nach reformpädagogischen Grundsätzen gestalten.

Die Schule bietet heute Grundschule, Hauptschule, Realschule und FOS unter einem Dach. Abitur wird auf der Hermann-Lietz Schule Schloss Bieberstein angeboten. Von den 300 Schülern lebt ungefähr die Hälfte im Internat. Grundlage sind die Reformpädagogik und die Lehrpläne Thüringens.

Die Schule bezeichnet sich als „Schulstaat“, mit den demokratischen Organen Verfassungsgericht, Oberhaus, Schulparlament, Unterhaus und dem Schülergericht. Jeder Schüler muss an einer der ca. 50 Gilden teilnehmen und damit an sozialen, handwerklichen, unternehmerischen und sportlichen Projekten beteiligt. Besondere demokratische Einrichtungen sind:

  • Das Schülerparlament: Alle Schüler können sich zur Wahl stellen, zehn werden gewählt. Diese stellen wiederum den Kanzler und den Vizekanzler. Die Abgeordneten diskutieren Schulangelegenheiten und stellen Anträge. Der Kanzler nimmt an den Konferenzen des Oberhauses (Lehrerkonferenz) teil.
  • Das Schülergericht: Es werden 15 bis 18 Schüler von Schülern und Erwachsenen gewählt. Das Schülergericht ist eine politische Instanz mit legislativen, judikativen und exekutiven Rechten und Pflichten. Die Schüler fungieren als Richter und Anwälte. Sie werden von einem Sozialkundelehrer betreut. Ihr Aufgabenbereich umfasst die  Mitarbeit an der Schulordnung (Verfassungsgericht), die Verhandlungsführung über Verstöße gegen die Schulordnung, Verurteilungen, die von der Bestrafung mit Arbeitsstunden bis zum Schulausschluss reichen, und die Regelung von Alltagsstreitigkeiten. Der Schulleiter hat ein Vetorecht.


Lehrer sind an den beiden Schulen Themengeber, Moderatoren und Organisatoren. Sie sorgen für eine positive, offene Atmosphäre in der Schule. Dadurch zeigt sich deutlich: Kinder können Großes leisten, man muss sie nur lassen!

Jürgen Meng


Mehr zu Ratgeber Schulorganisation
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×