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Schulabsentismus

Kein Bock auf Schule?!

Schulabsentismus kann viele Gründe haben. Wissenschaftler unterscheiden dabei zwischen Schulschwänzern, Schulverweigerern und Schülern, die von ihren Eltern „zurückgehalten“ werden. Jede dieser drei Kategorien erfordert spezifische Reaktionen vonseiten der Schule.

Schulabsentismus: Kein Bock auf Schule?! Wenn Schüler die Schule fliehen, sollte man Gründe und Ursachen unter die Lupe nehmen © Trueffelpix - Fotolia.com

Im Jahr 2011 schätzte der Deutsche Lehrerverband „die Zahl der Schulschwänzer auf 200.000 täglich“, was „bei rund 12 Millionen Schülern bundesweit“ (Rheinische Post Online, 19.08.2011) etwa 1 bis 2 Prozent entspricht. Josef Kraus, Präsident des DL, vermutete dahinter zudem „eine hohe Dunkelziffer, zumal Eltern in vielen Fällen das unentschuldigte Fehlen ihrer Kinder deckten.“ (ebd.)

Die Schulabsentismusforschung kommt zu noch weitaus höheren Zahlen. Prof. Dr. Margrit Stamm, emeritierte Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Fribourg, sieht „schulabsente Verhaltensformen bei mehr als 20 % der Schüler/innen relativ verbreitet“ und beziffert „zwischen 4 % und 7 % [der Schüler] als Schulverweigerer“ (Stamm M. et al., „Facetten des Schulschwänzens: empirische Befunde zu schulabsenten Verhaltensformen Jugendlicher“, S. 3) Den Terminus „Schulverweigerung“ verwendet Stamm dabei als Oberbegriff, Synonyme dafür nennt sie in ihrer aktuellen Studie aus dem Jahr 2013: „Der Volksmund nennt dieses Phänomen ‚Schulschwänzen‘, die Fachwelt bezeichnet es als ‚Schulabsentismus‘,“ („Zu cool für die Schule?“, S. 6)

Drei Spielarten von Schulabsentismus

Schulabsentismus in diesem wissenschaftlichen Sinne umfasst drei verschiedene „schulmeidende Verhaltensmuster“, die Prof. Dr. Heinrich Ricking von der Universität Oldenburg in seinem Vortrag „Phänomene und Formen des Schulabsentismus“ (im folgenden abgekürzt mit „PFS“) voneinander abgrenzt:

  1. Schuleschwänzen,
  2. Schulverweigerung (angstbedingte Schulmeidung) und
  3. Zurückhalten

Natürlich lassen sich diese Muster nicht immer sauber voneinander unterscheiden — es gibt auch viele mögliche Mischformen.

„Null Bock auf Schule!“

Schulschwänzer lehnen „im Rahmen einer schulaversiven Einstellung die Schule als Ganzes, Unterricht oder Lehrer dauerhaft und nachdrücklich“ ab. Auf der Verhaltensebene zeigt sich das nicht nur durch Fernbleiben vom Unterricht, sondern auch durch „Zuspätkommen oder geringe Intensität der Mitarbeit“. (ebd., S. 1)

Wobei eine uneinheitliche Terminologie leicht für Verwirrung sorgt: Manche Autoren bezeichnen diese physische beziehungsweise eben auch „nur“ geistige Abwesenheit von Schülern insgesamt mit „Schulverweigerung“. Licht in das terminologische Labyrinth bringt Karoline Hof in ihrer Diplomarbeit (ab Seite 16).

Doch woran erkennen Sie Schulschwänzer, außer an der in der Regel geringen Lern- und Leistungsmotivation? Meist fehlen diese Schüler unentschuldigt oder legen „fingierte Entschuldigungen“ vor. Die Eltern wissen häufig nichts, tendenziell mangelt es in diesen Familien „an Aufsicht und Unterstützung“. Während der Schulzeit sind Schulschwänzer „oft außerhäuslich mit Mitschülern“ anzutreffen. (ebd., S. 2)

„Ich will nicht in die Schule!“

Bei Schulverweigerung oder angstbedingter Schulmeidung haben die Schüler „aufgrund inneren Angsterlebens immense Schwierigkeiten, den Unterricht zu besuchen“ (PFS, S.3). Sie „somatisieren emotionale Probleme (u. a. Kopf- und Bauschschmerzen, Schlafstörungen)“ und verbringen den Vormittag mit Wissen (und Entschuldigung) der Eltern zu Hause.

Das ist auch eines der wesentlichen Kennzeichen. Möglich sind bei jüngeren Schülern „schwere emotionale Ausbrüche (Schreiattacken) bei forciertem Schulgang“. Verschiedene Angstformen können eine solche Schulphobie bedingen:

Weiterführende Hinweise:

Verhängen Schulen Strafen gegen Schulschwänzer, so ist das oft kontraproduktiv, erklärt Bildungsforscherin Christine Sälzer im Berliner Tagesspiegel. Viel erfolgreicher als Strafen „von oben“ seien Lehrkräfte, die den Schülern persönlich „richtig auf die Nerven gehen“.

Schulabsentismus als Symptom für psychische Störungen oder problematisches Sozialverhalten? Erläuterungen dazu auf der Website „Neurologen und Psychiater im Netz“.

Der Jugendpsychiater Dr. med O. Niethammer informiert hier über ICD-Klassifikation, Diagnostik und Therapie von Schulangst, Schulphobie und Schulschwänzen.

Für Lehrer weniger offensichtlich dürfte Trennungsangst von der Mutter sein; beobachtbare Hinweise (Vermeidungsverhalten!) dürfte es hingegen für mögliche Ängste vor Mobbing oder Gewalt, vor Lehrern, vor sozialen Situationen oder vor Versagen im Unterricht geben.

Die Fehlzeiten dieser Kinder oder Jugendlichen erstrecken sich oft über mehrere Tage, manchmal auch Wochen oder gar Monate. (PFS, S. 3 f.) Bezüglich „sozio-kultureller Determinanten ist keine eindeutige Zuordnung möglich“, die Kinder kommen aus unterschiedlichen Schichten. (PFS, S. 5)

„Du musst/darfst nicht in die Schule!“

Bei der dritten Gruppe von Schülern schließlich geschieht „die Schulabwesenheit auf Veranlassung oder mit dem Einverständnis der Eltern“. (PFS, S. 6) Das erschwert schulische Maßnahmen erheblich, vor allem in Fällen, wo die Eltern „der Schule gleichgültig, ablehnend oder auch offen feindlich gegenüberstehen“. Es gibt viele Gründe für das Zurückhalten von Schülern durch Erziehungsberechtigte: kulturelle oder auch religiöse Differenzen, Kinderarbeit, Missbrauch und Verwahrlosung sind nur einige davon. (ebd.)

Gründe für Schulabsentismus erkennen und adäquat reagieren

Grundsätzlich sollte eine schuleinheitliche Entschuldigungsregelung bestehen, betont Heinrich Ricking an anderer Stelle („Schüleranwesenheit und Partizipation“, S. 6). Die Erziehungsberechtigten sollten demnach ihr Kind noch am selben Tag, zum Beispiel morgens bis 9 Uhr, abmelden. Tun sie das nicht, reagiert die Schule unverzüglich mit einer telefonischen Rückfrage: Wo hält sich das Kind oder der Jugendliche am Vormittag auf?

Das ist überhaupt die zentrale Frage bei der Einschätzung einer Absentensituation. Im Gespräch mit den Eltern zeichnet sich womöglich schon ab, ob ihre Kinder schwänzen oder aber mit Wissen der Sorgeberechtigten zu Hause geblieben sind. Bei Letzteren sollte dann „Hinweisen Beachtung geschenkt werden, die auf Zurückhalten hindeuten. Fehlen solche ebenso wie dissoziale Verhaltensmerkmale, steigt die Wahrscheinlichkeit angstbedingter Verweigerung“, erläutert Heinrich Ricking („Schulabsentismus als pädagogische Voraussetzung“, S. 3 f.)

Beim Verdacht auf angstinduziertes Fernbleiben vom Unterricht fehlen die Schüler meist häufig, aber „i. d. R. pünktlich entschuldigt“, so Ricking (PFS, S. 5). Hier sollte die Schule das Gespräch mit den Eltern suchen – vielleicht lässt sich dadurch schnell ergründen, wovor das Kind Angst hat.

Bei einer Mobbing- oder Gewaltvermutung sollte man als Lehrer verstärkt auf Anzeichen im schulischen Kontext achten und den Schüler vorsichtig darauf ansprechen. Fehlt ein Schüler bevorzugt bei Lernkontrollen oder zeigt er Anzeichen von Sozialangst, könnten die Lehrkraft, ein Vertrauenslehrer oder Schulpsychologe direkt das Gespräch mit dem Schüler suchen.

Bei Hinweisen auf Zurückhalten werden Lehrkräfte oft auf wenig Kooperationsbereitschaft seitens der Eltern stoßen. In manchen Fällen könnte hier ein Hausbesuch Klarheit bringen. Überhaupt sollten Lehrkräfte den Schülern durch ihr Handeln „klar vermitteln, dass sie nicht bereit sind, Schulabsentismus zu dulden“, und das auch dadurch signalisieren, dass sie die Kinder und Jugendlichen direkt aufsuchen, ansprechen und abholen (Ricking, „Schulabsentismus als pädagogische Voraussetzung“, S. 9).

Dass Eltern und Schule im Sinne eines regelmäßigen Schulbesuchs gemeinsam an einem Strang ziehen, darf nicht als selbstverständlich gelten: Wie eine Studie der Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm offenbart, ist es keineswegs die Mehrheit der Eltern, die das Schuleschwänzen ihrer Kinder ablehnt, sondern nur 45 Prozent. (ebd., S. 23) 15 Prozent tolerieren es und 40 Prozent haben eine ambivalente Haltung dazu. Nur die Hälfte der ablehnenden Eltern wird „in irgendeiner Form aktiv“ — meist streichen sie das Taschengeld oder erteilen abends und am Wochenende Stubenarrest. Stamm kommentiert diese vermutlich wenig zielführenden Maßnahmen: „Es scheint somit, dass Eltern die einfachsten Wege wählen, um ihr Kind zum regelmässigen Schulbesuch zu animieren“.

Martina Niekrawietz

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