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Best-Practice-Schule

Lehrer außer Haus — Schüler machen Schule

Von wegen Chaos: Wenn Schüler für einen Tag ganz ohne Lehrer & Co. selbst Schule machen, läuft alles trotzdem voll nach Plan. Oberstufenschüler übernehmen Verantwortung. Sie erfahren dabei viel über das Arbeitsfeld Schule — und sich selbst.

Best-Practice-Schule: Lehrer außer Haus — Schüler machen Schule Es klappt gut, wenn ältere Schüler die Lehrerrolle zeitweilig übernehmen © Robert Kneschke - stock.adobe.com

Am vorletzten Tag vor den Ferien besucht das Kollegium der Evangelischen Schule Neuruppin geschlossen eine schulinterne Fortbildung. Lehrer, Schulleiter, die Belegschaft des Schulsekretariats und der Hausmeister — alle sind an diesem Tag außer Haus. Und die Schüler? Sie haben nicht etwa schulfrei, sondern die Verantwortung für einen reibungslos funktionierenden Unterricht. Denn das Motto dieses besonderen Aktionstages im Jahr heißt: „Schüler machen Schule“.

Schulleiterin Anke Bachmann hatte in einer Fachzeitschrift einmal von einem vergleichbaren Projekt in der Schweiz gelesen und konnte sich „überhaupt nicht vorstellen, dass man das so umsetzen kann. Und da haben die Schüler gesagt: ‚Doch, und das werden wir jetzt tun‘“, berichtet sie in einem Videoporträt. Anke Bachmann überwand ihre Skepsis. — Offensichtlich zu recht, denn mittlerweile hat der alljährliche Schüler-machen-Schule-Tag schon seinen festen Platz im Schulleben.

Elftklässler „wuppen“ den Unterrichtstag

Seither übernehmen die Schüler der elften Klassen einmal im Jahr den Unterricht, die Schulleitung und alle organisatorischen und technischen Belange, und das an den drei verschiedenen Standorten der Schule. Sie unterrichten als Schüler-Lehrer in den Jahrgangsstufen 1–10 und halten dabei den geltenden Stundenplan von der ersten bis zur sechsten Stunde ein. Die Jugendlichen lösen alle großen und kleinen Probleme, die während eines Schultages auftreten können, ob sie für Papiernachschub für die Drucker sorgen oder Entscheidungen treffen, die sonst der Schulleitung obliegen.

So staunten beispielsweise zwei Polizisten nicht schlecht, als sie im Vorfeld der Entschärfung einer Weltkriegsbombe in der Nähe der Schule mit der Schulleiterin sprechen wollten: Im Direktorat trafen sie nur einen Jugendlichen an, der sich ihnen als Vertreter der Schulleitung vorstellte. Er ließ sich informieren, konsultierte anschließend „seine Kolleginnen und Kollegen“, und gemeinsam beschloss die „Schüler-Schulleitung, dass die Schülerinnen und Schüler aus Sicherheitsgründen die Pausen drinnen verbringen sollten“, so die „Geschichte aus der Praxis“ auf der Website „Deutsches Schulportal“. Schulleiterinnen und Lehrkräfte erfuhren erst im Nachhinein von dieser brenzligen Situation, die ihre Schüler mit umsichtig gemeistert hatten.

Ein Tag Schule — viele Tage Vorbereitung

Natürlich geht dem Schüler-machen-Schule-Tag eine intensive Vorbereitungsphase voraus. Wie das genau abläuft, beschreibt die Schulwebsite. Gemeinsam mit „ihren Tutoren, dem Oberstufenkoordinator und der Schulleitung“ planen die Jugendlichen alles bis ins kleinste Detail: Einsatzpläne für den Unterricht, den „Reserveplan für kurzfristige Vertretungssituationen“ und auch die inhaltliche „Gestaltung des besonderen Unterrichtstages“ will koordiniert und mit dem Kollegium abgesprochen sein.

Es unterrichten immer zwei Schüler-Lehrer als Tandem in den Klassen. Eigenständig kontaktieren sie die Fachlehrer und sprechen ihre Wunschthemen gemäß den Schwerpunkten des Rahmenlehrplans ab. Eigene Ideen der Schüler sind willkommen, doch der Verlaufsplan und die Unterrichtsmaterialien werden mit den jeweiligen Klassen-Lehrkräften in Grundschule und Sekundarstufe 1 abgesprochen. 14 Tage vor dem eigentlichen Projekttag hospitieren die künftigen „Schüler-Lehrer“ zudem in den Klassen ihrer Schützlinge. — Hier werden die Jugendlichen die Lehrer ganz sicher mit anderen Augen sehen, denn bald werden sie selbst vor den jeweiligen Klassen stehen.
Auch die Schüler-Schulleitungsteams an den drei Standorten der Schule bereiten sich gründlich auf ihre Aufgaben vor. Sie werden am Projekttag für eine reibungslose Koordination sorgen und „alles im Blick“ behalten (ebd.). Und bei gemeinsamen Besprechungen mit Hausmeistern, technischen Kräften und Schulsekretären lernen die Schüler auch deren komplexe Arbeitsbereiche kennen, um diese dann auch zu übernehmen.

Schüler entdecken Ihre Stärken

„Uns ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler bei einem Vorbereitungsprozess für sich auch klären, in welchem Bereich (...) sie ihre Stärken besonders gut anbringen“ können, sagt die stellvertretende Schulleiterin Bettina Labahn im eingangs verlinkten Video-Porträt. Können sie gut organisieren? Fällt ihnen vielleicht gerade der Umgang mit jüngeren Grundschülern leicht? Oder können sie besonders strukturiert Pläne entwickeln und diese umsetzen? — Im Projekt „Schüler machen Schule“ finden die Jugendlichen das heraus und einige bekamen tatsächlich auch gleich wichtige Impulse für ihre spätere Berufswahl: Sie planen Lehramt zu studieren. In der evangelischen Schule in Neuruppin hatten sie auch Gelegenheit, erste „didaktisch-methodische Fertigkeiten“ zu erwerben, denn auch nach dem Projekttag „erhalten Schülerinnen und Schüler an der Evangelischen Schule Neuruppin regelmäßig die Möglichkeit, in Einzelstunden oder einzelnen Sequenzen eigenverantwortlich oder auch im Team mit einer Lehrkraft“ in „ihren Klassen“ zu unterrichten, so heißt es im Bericht auf der Seite des deutschen Schulportals.

Positives Fazit aller Beteiligten

Dass die jüngeren Schüler den Unterricht mit den „Großen“ genießen, zeigen die Unterrichtsausschnitte im oben verlinkten Video (ab Min. 4:56): Die Kinder melden sich diszipliniert, folgen aufmerksam dem Unterricht und sind sofort leise, als ihr Schüler-Lehrer sie freundlich ermahnt. „Wir bekommen fast immer Rückmeldung, dass die Stunden manchmal schöner und besser, interessanter und motivierender sind als wenn wir sie unterrichten“, erzählt Anke Bachmann lächelnd. — Ein Feedback, das die Schüler-Lehrer bei der Nachbereitung des Projekttages sicherlich freuen wird.

Die Schüler-Lehrer finden es gut, auch einmal die Lehrerseite kennenzulernen, denn dabei kann man „seine eigenen Theorien“ ausprobieren, „wo man denkt, so müsste Unterricht sein“, sagt Schüler-Lehrerin Larissa Tripper. — In jedem Fall aber sehen die Schüler nach dem Projekttag ihre eigenen Lehrkräfte mit neuen Augen: „Eine Schulklasse alleine zu unterrichten, das ist ganz schön viel Verantwortung“, sagt Larissa auf der Website des Deutschen Schulportals. „Wenn die Lehrer einem zutrauen, dass man das schafft, dann fühlt sich das gut an und das Verhältnis zu den Lehrern und ihrer Arbeit verändert sich.“

Martina Niekrawietz

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