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Schulentwicklungswerkstatt

Schulen entdecken das Lernglück

Wirksames und nachhaltiges Lernen funktioniert nur mit Glück. Lernlust und Bildungsglück gelingt nur dann, wenn man sich auf wesentliche Faktoren (rück-)besinnt, die das Lernen positiv beeinflussen.

Schulentwicklungswerkstatt: Schulen entdecken das Lernglück Wenn das Lernen Spaß bringt, weil es selbstbestimmt und mit Freude geschieht, dann ist Schule ein glücklicher Ort © Syda Productions/Shutterstock.com

Im Jahr 1780 formulierte der Reformpädagoge Ernst Christian Trapp, der erste deutsche Lehrstuhlinhaber der Pädagogik, die Kernthese seiner „Glückspädagogik“: „Erziehung ist Bildung zur Glückseligkeit“. — „Seitdem ist das Glück aus der Pädagogik verschwunden“, konstatiert 233 Jahre später sein Kollege Prof. Dr. Olaf-Axel Burow in seinem Aufsatz „Positive Pädagogik“ (im Folgenden abgekürzt mit „PP“, S. 11).

Der emeritierte Pädagogik-Professor der Universität Kassel will das Lernglück und den Flow in die Schulen zurückbringen: „Wir alle werden als begeisterte LernerInnen geboren und machen bis zum 6. Lebensjahr sensationelle Fortschritte“, schreibt Burow in seinem Beitrag „Neues Lernen? Lernlust und Bildungsglück im digitalen Zeitalter“ (= „NL“) in der Zeitschrift TELEVIZION (30/2017/1, S. 4). Diese „Form des freien, unverschulten“ und überwiegend selbstbestimmten Lernens in den ersten Lebensjahren bilde „die Basis für Lernfreude, ja Bildungsglück“ (ebd.). Sie endet laut Burow allerdings für viele Schüler mit dem Eintritt in die Schule, mit ihren einseitig akademisch-ausgerichteten Belehrungskonzepten (PP, S. 11). 

Olaf-Axel Burow hat deshalb ein einfaches Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe Sie die vorschulische Lust am Lernen zurück in die Schule holen können: Der folgende Beitrag stellt Ihnen sein Konzept einer „wertschätzenden Schulentwicklung“ vor.

Wirksames Lernen ermöglichen

Vermutlich kennt jeder das Phänomen: Wir lesen in einer Studie, dass dieses oder jenes schädlich ist oder die Umwelt zerstört, doch wir ändern unsere Gewohnheiten nicht wirklich. Warum das so ist, erklärt Burow anhand neurobiologischer Erkenntnisse von Gerhard Roth und Ernst Pöppel (PP, S. 11): Die rein kognitive Vermittlung von Faktenwissen besitze „nur geringe Verhaltensrelevanz“, u. a. deshalb, weil „explizites Wissen ich-fern“ sei. Wirksames Lernen, das mit einer Änderung unseres Verhaltens einhergehen würde, finde nur unter bestimmten Bedingungen statt: Die Studienergebnisse in unserem Beispiel, also das explizite Wissen, müssten …

  1. mit implizitem Wissen [= wir können etwas ohne zu wissen, wie (Wikipedia)] und Gefühlswissen verknüpft werden und
  2. an das Vorwissen und die mentalen Modelle [= vorhandene Schemata, um Gelerntes einzuordnen] des Lernenden angebunden werden (ebd.).

Um ein in diesem Sinne wirksames Lernen zu ermöglichen, will Burow bei seinem Verfahren der „wertschätzenden Schulentwicklung“, eine „größere persönliche Beteiligung erreichen, das Vorwissen von Lehrern, Eltern und Schülern nutzen und die Umsetzungsfähigkeiten aller stärken“ (ebd.). Die Teilnehmer durchlaufen dabei drei Phasen, die hier kurz skizziert werden.

Phase 1: Erfolgsgeschichten sammeln, Wertschätzung üben

An einem „Pädagogischen Tag“ setzen sich zunächst „die Schlüsselpersonen des Systems“ (Lehrer, oft auch Eltern- und Schülervertreter) zusammen. Jeder Teilnehmer wird aufgefordert, über eine Situation nachzudenken, in der Schule oder Unterricht „so waren, wie sie es sich wünschten“ (ebd.). Auf einem Arbeitsblatt mit drei Kästen (zwei oben, einer unten) skizzieren sie zunächst ein farbiges Symbol, „das den emotionalen Gehalt dieser Erfolgssituation veranschaulicht“, daneben ein charakterisierendes Wort, einen Satz oder eine Parole, und darunter „die Kernpunkte“, die die gelungene Unterrichtserfahrung auszeichnen. 

Dann folgt ein „Marktplatz“, wobei alle Beteiligten durch den Raum wandern und die Produkte der anderen betrachten. „Der Raum ist jetzt erfüllt von einer bunten Vielfalt farbiger Symbole, die archetypische [Anm. d. V.: C. G. Jung lässt grüßen!] Grundbedürfnisse ausdrücken“, so Burow. Die Stimmung sei dabei „gelöst und erwartungsvoll“. In Kleingruppen präsentieren die Teilnehmer dann ihre Erfolgsgeschichten, schreiben die Erfolgsprinzipien auf grüne und mögliche Hindernisse auf rote Karten und wählen eine Geschichte für die Präsentation im Plenum aus. Lehrer, Eltern und Schüler berichten dabei, wie Lernen gelingt und — ganz wichtig! — sie vermitteln einander auch „ein hohes Maß an gegenseitiger Wertschätzung“ — laut Burow die entscheidende Grundlage erfolgreicher Schulentwicklung.

Phase 2: Vision entwickeln

Jetzt geht es um die Frage, wie sich gelingendes Lernen in die Alltagspraxis übertragen lässt. Jeder Teilnehmer stellt sich vor, wie die Schule wäre, wenn z. B. in 10 Jahren die „Erfolgsprinzipien flächendeckend umgesetzt“ wären (PP, S. 12). Wieder tauschen sich Lehrer, Eltern und Schüler über ihre Visionen auf einem „Marktplatz“ aus. Wieder nutzen Sie dafür ein Arbeitsblatt mit drei Kästen, das die verschiedenen Wissensformen verbindet: Für das Gefühlswissen steht das farbige Symbol, darunter kommen „in expliziter Form die Kernelemente der persönlichen Vision“. In Arbeitsgruppen tauschen sich die Teilnehmer darüber aus und entwerfen ein gemeinsames Zukunftsbild, das sie „in einer kreativen Form (Modell, Sketch, Aktion etc.) dem Plenum präsentieren (‚implizites Wissen‘)“ (PP, S. 13). 

Entscheidend sei in dieser Phase, dass „Wünsche ausgedrückt und soziale Phantasie freigesetzt“ werden, so Burow. Seiner Erfahrung nach ist die „Zukunftswerkstatt“ jetzt „an ihrem Höhepunkt angelangt“, alle seien „in hohem Maße engagiert, gestalten selbst kreativ und sind gespannt auf die Darstellungen der anderen Gruppen“ (ebd.). 

Pädagogisches Tiefenwissen wird freigesetzt

Wir alle wissen im Grunde, wie lustvolles Lernen „geht“ und welche Lernerfahrungen und Lernwege uns „glücklich“ machen, weil wir es selbst erfahren haben. Als Kinder im Vorschulalter und manchmal auch in „Sternstunden“ in Schule und Unterricht. Laut Burow setzen die ersten beiden Phasen der Zukunftswerkstatt genau dieses „pädagogische Tiefenwissen“ frei. Seine „gemeinschaftliche Erkenntnis“ ist eine wichtige Triebfeder für die konkreten Umsetzungsschritte in Phase 3. — Bei der gemeinsamen Arbeit in der Zukunftswerkstatt knüpfen die Teilnehmer daran an, indem sie sich diese Lernerfahrungen vergegenwärtigen. Vor allem aber erleben sie dabei selbst „Schulglück“, und zwar „im Hier-und-Jetzt“, betont Burow (PP, S. 13). 

Und was genau macht glücklich? Wovon wollen wir mehr? Das haben die Teilnehmer in Phase 1 und 2 mit den „Erfolgsprinzipien“ herausgearbeitet. In seinem Vortrag „herausragende Leistungen durch Lernfreude“ zeigt Burow ein Schaubild (im Video ab min 26:42) mit den häufigsten Nennungen: Wir-Gefühl, Vertrauen, Gemeinsamkeit, Zusammenarbeit, Kompetenz, Vernetzung, Anerkennung und Eigeninitiative sind für die Teilnehmer entscheidende Faktoren für die Entstehung von Lernlust. Und das über alle Schularten hinweg. — Für Burow sind das „archetypische Grundbedürfnisse, die wir übersehen haben“. 

Interessanterweise überschneiden sich die von den Teilnehmern ermittelten Erfolgsprinzipien auch mit den Einsichten zweier für Burows „Positive Pädagogik“ grundlegender Theorien: der Salutogenese Antonovskys und der Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan. Die Salutogenese fragt nicht nach den Defiziten, sondern danach, was uns (gesundheitlich) voranbringt und schon gut gelingt — ein Ansatz, der für das Burow’sche Schulentwicklungsverfahren grundlegend ist. Die Selbstbestimmungstheorie ermittelt u. a. die Voraussetzungen für selbstgesteuertes Lernen und intrinsische Motivation.

Phase 3: Umsetzung in Teilschritten

In der dritten und letzten Realisierungsphase entwickeln „Interessengruppen“ (PP, S. 15) „konkrete Umsetzungsschritte“ (ebd.). Ausgangspunkt ist dabei die in der visionären Phase 2 entwickelte erwünschte Zukunft, z. B. Schule 2025, von da geht es in Teilschritten zurück: Was möchten wir bis 2023 erreicht haben? Was bis 2020? Und schließlich: „Welchen Schritt machen wir Montag nächste Woche“ (PP, S. 15).

Wie genau erfolgt die Umsetzung der Visionen? Hier sind die Schulen weitgehend auf sich gestellt. In seinem 8-minütigen Vortrag „Schul- und Organisationsentwicklung“ sagt Axel-Olaf Burow dazu: „Die Frage der Umsetzung (...) hängt natürlich davon ab, inwieweit eine Schulgemeinde motiviert ist, inwieweit es eine Struktur gibt durch die Schulleitung, durch die pädagogische Leitung, durch engagierte Elterngruppen, die dafür sorgen, dass dann im Sinne des Controlling auch überprüft wird, wie diese Schritte umgesetzt werden.“ 

Damit das in der Zukunftswerkstatt zutage geförderte pädagogische Tiefenwissen nicht gleich wieder in der Routine des gleichförmigen Schulalltags versickert, könnte man zunächst ein Schulentwicklungsteam ins Leben rufen, das in regelmäßigen Abständen pädagogische Tage für bestimmte Zielgruppen (Eltern, Lehrer, Schülervertreter ...) organisiert. 

Impulse für eine systematische und konsequente Schulentwicklung in allen Bereichen gibt zum Beispiel der „Index für Inklusion“: Das Schulentwicklungsinstrument besteht aus einer Materialsammlung für gemischte Arbeitsgruppen (Lehrer, Eltern, Schüler): Anhand von Fragebögen durchleuchten sie sämtliche Bereiche der Schule. Ausgangspunkt ist dabei immer — genau wie bei Burow — die Vision einer Schule der Vielfalt, die mit differenzierten Lernangeboten Teilhabe für alle Schüler gewährleistet und die Freude am (gemeinsamen) Lernen fördert.

Martina Niekrawietz

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