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Nachdenken lernen

Frustrationstoleranz mit Schülern üben

Nachdenken will gelernt sein — und ausgehalten werden. Oft ist es frustrierend für Schüler, vor allem, wenn sie etwas nicht verstehen. Wer dann allzu schnell aufgibt, hat verloren. Wer sich hingegen in Frustrationstoleranz übt, steigert unterm Strich auch seinen Lernerfolg.

Nachdenken lernen: Frustrationstoleranz mit Schülern üben Schüler müssen lernen, wenn es mal mit den Aufgaben nicht klappt, nicht gleich alles verzweifelt hinzuschmeißen © Markus Mainka - Fotolia.com

Wie „es sich mit der Mathematik verhält“, erklärt Lehrerblogger Jan Uwe Klinge mit einem Bild, das er in seinem Halbtagsblog im Artikel „Mathematik ist... — wie dieses Bild“ zeigt: Auf den ersten Blick sieht man nichts als schwarzes Gekritzel auf weißem Grund. Jan Uwe Klinge bittet die Schüler dann, das Bild „schweigend“ zu betrachten, „ohne den anderen mitzuteilen, was sie darauf zu erkennen glauben“. Zwei oder drei „verstehen das Muster“ und „sehen, was hier abgebildet ist.“ Den anderen gibt er „Zeit.
Viel
Zeit.“
Wenn dann „ein ‚Aahhh!‘ von hier, ein ‚Jetzt seh ich’s!‘ von dort“ kommt, haben die Schüler erlebt, wie gut es sich anfühlt, eine schwierige Denkaufgabe zu meistern. Genau wie in der Mathematik. Hätten sie vorher aufgegeben, wären sie gescheitert — womöglich der Anfang einer langen Reihe von Misserfolgserlebnissen, die sich in schlechten Mathenoten und in einer Aversion gegen das Fach fortsetzt.

Ein Cocktail widersprüchlicher Gefühle

Wer jetzt Lust bekommt, sich selbst an dem Bild zu versuchen (und nicht zu den „zwei, drei“ Überfliegern gehört, die es sofort „sehen“), erlebt vielleicht ein Gefühls-Auf-und-Ab, wie sonst nur bei der Steuererklärung oder bei unliebsamen Korrekturarbeiten: Der Entschluss „Ich will das verstehen“ wird womöglich durch die Erfahrung torpediert, an die eigenen Wahrnehmungsgrenzen zu stoßen. Wenn es länger dauert (wie bei der Autorin dieses Textes), entsteht bisweilen Ärger, Ungeduld und schließlich Frustration, woraus wiederum das dringende Bedürfnis erwachsen könnte, aufs Handy zu schauen, sich einen Apfel zu holen oder anderweitig aus der unangenehmen Situation auszubrechen. Vielleicht hilft es tatsächlich, sich kurz mit etwas anderem zu beschäftigen oder sich zu entspannen, aber dann heißt es dranbleiben, bis Sie erkennen, dass auf dem Bild eine — — — Nein, das wird hier nicht verraten.

Eine hohe Frustrationstoleranz ist die Voraussetzung für das nötige Durchhaltevermögen. Wer — wie Sie als Lehrer — Abitur, Studium und Referendariat geschafft hat, hat bewiesen, dass er mit Problemen, Widerständen und manchmal auch Misserfolgen adäquat umgehen kann. Vielen Schülern fehlt diese Erfahrung. Doch Frustrationstoleranz lässt sich durch Training steigern.

Ein Test als Einstieg ins Thema

„Wie gut ist meine Frustrationstoleranz?“ Ein kurzer Online-Test dazu findet sich in einem Artikel von Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf. Die Ich-Aussagen des Tests sind zwar für Schüler der Sekundarstufe I gut verständlich, sollten aber trotzdem vorher kurz durchgesprochen werden.

Um die Schüler grundsätzlich für das Thema zu sensibilisieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, könnte man zu jedem Punkt in Partner- oder Gruppenarbeit konkrete Alltagssituationen zusammentragen. Dazu könnte etwa die Aussage „Ich kann es nicht akzeptieren, wenn Dinge nicht nach meinem Kopf gehen“ umformuliert werden in: „Ich kann es nicht akzeptieren, wenn ich auf eine Party gehen will, und meine Eltern mich nicht gehen lassen.“ Aus den treffendsten Aussagen entwickeln die Schüler dann einen Klassen-Test, den jeder Schüler anschließend — im Computerraum oder auf seinem Smartphone — selbst durchführt. Damit ist jedem Schüler klar, was genau Frustrationstoleranz bedeutet und wie sie sich zeigt.

Reflexion: Negative und positive Einstellungen

Und wie trainiert man seine Frustrationstoleranz am besten? Auch dazu gibt Doris Wolff Anregungen (ebd., unter dem Test). Sie empfiehlt, zunächst die eigenen negativen Muster zu identifizieren und durch „akzeptierende Einstellungen“ zu ersetzen. Dazu wählt sich jeder Schüler aus dem Test zwei oder drei Ich-Aussagen aus, die am ehesten auf ihn zutreffen und formuliert sie für sich um.

Ein nächster Schritt bei Doris Wolff: Nach „Wegen und Möglichkeiten“ suchen, wie man Situationen, die einem nicht gefallen, „für den Augenblick“ akzeptieren kann. Hierzu könnten die Schüler in Kleingruppen Rollenspiele entwickeln und anschließend im Plenum präsentieren.

Spielen — üben — differenzieren

Denken lernen, nicht allzu schnell aufgeben und Misserfolge bewältigen lernen, das lernen Kinder am besten mit altersgerechten Spielen, die nebenbei auch noch verschiedene andere Kompetenzen trainieren. Im Grundschulunterricht können dafür feste Spielephasen eingebaut werden, in denen sich die Schüler Gedulds-, Knobel- oder Geschicklichkeitsspielen widmen.

Rätsel, Suchsel, Puzzle & Co. gehören im Unterricht der Primarstufe ohnehin zum Standardrepertoire und sollten für Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen differenzierend eingesetzt werden. Damit stellen Sie sicher, dass die Schüler ein echtes Erfolgserlebnis haben, wenn sie eine Aufgabe gelöst haben bzw. dass Kinder nicht scheitern, weil eine Aufgabe für sie zu schwer ist.

Das gilt natürlich auch für Schüler der Sekundarstufe 1: Die Jugendlichen sollten zum Beispiel bei Denksportaufgaben nicht unterfordert sein, sondern erfahren, dass sie dann Lösungen finden, wenn sie sich anstrengen. Nur so baut sich ein gesundes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf, das die Schüler zunehmend ermutigt, trotz Widerständen und Misserfolgen nicht aufzugeben.

Elternarbeit: „Frustriert eure Kinder!“

Frustrationstoleranz lernt man vor allem in der Kindheit und in der Familie. Doch oft trauen sich Eltern z. B. nicht, „ihrem Kind ein Abwarten, auch nur ein fünfminütiges, abzuverlangen“, schreibt die Pädagogin Astrid von Friesen in ihrem lesenswerten Beitrag auf der Website von Deutschlandfunk Kultur. „Sie loben, fördern und vergessen oft das Fordern“ und so bleibe die „wirklich wichtige Qualifikation Frustrationstoleranz (...) auf der Strecke“.

Wer Schülern also Frustrationstoleranz vermitteln will, sollte unbedingt auch die Eltern ins Boot holen. Bei einem Elternabend könnte man darlegen, warum Frustrationen auch für den Schulerfolg wichtig sind, und sich über konkrete Konfliktsituationen austauschen.

Vielleicht lässt sich ein Kinder- und Jugendtherapeut für einen Vortrag mit anschließender Diskussion gewinnen, und auch eine Podiumsdiskussion mit einem (Schul-)Psychologen, mit Elternvertretern, Lehrern und Schülern könnte gute Denkanstöße geben.

Weiterführende Hinweise:

„Kinder müssen lernen, mit Frust umzugehen“, sagt auch der Entwicklungsbiologe John Medina. Bei der Erziehung können Eltern aus der Hirnforschung eine ganze Menge lernen. Im Interview mit SPIEGEL-Redakteurin Astrid Viciano erläutert der Neurobiologe seine Erkenntnisse.

Im Interview mit Alan Posener von der WELT erläutert der Kinderpsychiater Michael Winterhoff, warum die „Symbiose zwischen Eltern und Kind“ und die Sicht der Kinder als gleichberechtigte Partner dazu führt, dass Kinder in ihrer Entwicklung stehen bleiben.

Lässt sich die Frustrationstoleranz durch spezifische Smartphone- bzw. Mediennutzung verbessern? Der Schweizer Lehrer und Medienpädagoge Philippe Wampfler wirft in seinem Blog „Schule Social Media“ einen kritischen Blick auf die Ergebnisse neuerer Studien.

3-D-Bilder haben einen ganz ähnlichen Effekt wie das Bild im Blog von Jan Uwe Klinge. Zahlreiche Bilder dazu finden sich im Internet, zum Beispiel hier.

Martina Niekrawietz

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