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Sozialziele-Katalog

Sozial-emotionales Lernen mit System in der Schule verankern

Die Sozialkompetenz vieler Kinder und Jugendlicher lässt sehr zu wünschen übrig. Sie zeigen Defizite in ihrem Verhalten, die vom Elternhaus nicht korrigiert werden und deshalb im Schulalltag negativ in Erscheinung treten. Hier kann ein Sozialziele-Katalog helfen, der systematisch die sozial-emotionalen Kompetenzen trainiert.

Sozialziele-Katalog: Sozial-emotionales Lernen mit System in der Schule verankern Sozial unangemessenes Verhalten muss im Unterricht immer wieder zum Thema gemacht werden © pete pahham - Fotolia.com

 „Ich schäme mich für die Kinder“, schreibt eine Lehrerin an einer kleinen Grundschule im Hamburger Bezirk Neuland nach einem Ausflug mit ihrer ersten Klasse: In einem entrüsteten fünfseitigen „Wutbrief“ an die Eltern schildert sie das Verhalten der Schüler, die sich rücksichtlos benähmen, boxten und träten, im Zug laut rülpsten und auf Ermahnungen Erwachsener „schlicht nicht mehr“ reagierten. (Vgl. dazu: Auszüge aus dem Brieftext in dem Boulevardblatt Hamburger Morgenpost)

Eine Erfahrung, die Lehrer häufig machen? — Zahlreiche Beiträge in einem ausführlichen Thread auf der Website Lehrerforen.de weisen in diese Richtung: „Ich finde auch, dass es mit den Kindern immer schlimmer wird“, schreibt zum Beispiel „Anja82“ und berichtet von „Grenzüberschreitungen, die es früher nicht gegeben hat“. Viele beklagen, dass Eltern und Lehrer nicht mehr — wie früher — an einem Strang ziehen, und „Elternschreck“ witzelt: „Eine effektive Sozialerziehung könnte nur dann stattfinden, wenn man die Kinder dem (nicht-)erzieherischen Einfluss ihrer Eltern komplett (!) entziehen würde.“

Soziales Lernen als schulischer Auftrag

Diplompädagogin und Regierungsschuldirektorin Margit Weidner führt das veränderte Lern- und Sozialverhalten bei Kindern und Jugendlichen auf den wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel zurück: Sie registriert einen „Verlust von verbindlichen Ordnungen und Normen“ und veränderte Familienstrukturen, die häufig mit einer „Verunsicherung durch Trennungserlebnisse und Beziehungsabbrüche“ einhergehen. Die „Allgegenwart der Medien“ berge die „Gefahr der Einschränkung ursprünglicher Sinneserfahrung“ und konterkariere oft schulisch vermittelte Werte. In einer offenen Gesellschaft könnten sich Heranwachsende „im Dschungel der Möglichkeiten“ verlieren. (Vgl. dazu: M. Weidner, Präsentation zu dem Vortrag „Soziale Kinder lernen besser“, Folie 12).

Nach wie vor begreift sie zwar die „Anbahnung, Vermittlung und Pflege von sozialen und emotionalen Fertigkeiten als Gemeinschaftsaufgabe“ aller an Erziehung Beteiligten (Folie 23), besonders aber von Elternhaus und Schule. Soziales Lernen sollte jedoch „zu einer abgesprochenen gemeinschaftlichen, verpflichtenden schulischen Aufgabe werden“, als eigenständiges Fach neben Deutsch, Mathematik etc. gestellt und systematisch, stetig und geplant unterrichtet werden (Folie 25).

Ein Sozialziele-Katalog als Basis für soziales Lernen in der Schule

Wie lässt sich soziales Lernen im Unterricht nachhaltig installieren? Die Autoren der Broschüre „ErziehungKonkret 3 — Sozial-emotionales Lernen“ (S. 5) des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung in München plädieren deshalb für einen Verhaltenskodex, der für die Schule adaptiert wird. Diese Aufgabe könnte zum Beispiel eine „AG Sozialziele“ übernehmen, die aus Lehrern und Schülern unterschiedlicher Klassenstufen besteht. Als Grundlage dafür dient in vielen Schulen der Sozialziele-Katalog (abgekürzt SoZiKa) von Margit Weidner, der auf „präventiv-positive Verhaltensregulation“ setzt. (M. Weidner, Vortrag, Link s. o., Folie 34 ff.)

Grundlegendes Prinzip des SoZiKa ist es, Erwartungen in konkretes Verhalten zu „übersetzen“: „Was kann man von jemandem sehen und hören, der ein bestimmtes Sozialverhalten beherrscht?“ Mit dieser Leitfrage erschließen sich die Schüler ganz konkret, wie sich sozial erwünschtes Verhalten äußert. (Vgl. dazu auch das Beispiel „Gutes Gesprächsverhalten“, in M. Weidners Vortrag auf Folie 37)
Ich sehe (,)

  • dass sich die Partner anschauen,
  • einen freundlichen, offenen Gesichtsausdruck,
  • die Körper einander zugewandt.

Ich höre (z. B.):

  • „Ja, das kann ich gut verstehen …“
  • „Erklär bitte noch einmal, was du damit meinst …“
  • „Habe ich dich richtig verstanden … ?“

Weitere Kategorien, mit denen sich sozial erwünschtes bzw. unerwünschtes Verhalten handlungsorientiert erschließen lässt, sind neben „ich sehe/ich höre“: „ich tue/ich sage“, „ja/nein“, „Sprecher/Zuhörer“.

Kategorien für komplexere Sozialfertigkeiten, wie etwa „respektvolles Verhalten“, werden gegebenenfalls im Unterricht entwickelt.

Die Gliederung des SoZiKa entspricht folgenden fünf Lernbereichen, denen dann entsprechende Lernziele zugeordnet sind:

  1. Disziplin/Selbstmanagement,
  2. Kommunikations- und Interaktionskompetenz,
  3. Kontakt- und Konfliktfähigkeit,
  4. Team- und Gemeinschaftsfähigkeit,
  5. emotionale Kompetenz.

Grundlegend für die praktische Umsetzung des SoZiKa: Die einzelnen Lernziele aus diesen Bereichen (Vortrag Weidner, Folie 44) sollten regelmäßig Gegenstand des Unterrichts in allen Klassen sein und von allen Lehrern geschlossen getragen und stetig vermittelt werden.

Die praktische Arbeit mit dem SoZiKa im Unterricht

Margit Weidner schlägt vor, ein regelmäßig wechselndes Ziel mit der Klasse zu besprechen. Für ein Wochenziel reserviert man dafür am besten gleich die erste Stunde am Montagmorgen, um die jeweilige Sozialfertigkeit in den folgenden Tagen einzuüben.

Damit die Schüler das jeweilige Lernziel an jedem Unterrichtstag vor Augen haben, wird es gut sichtbar für alle Schüler an der Wand befestigt. Dieses Memo, das sogenannte „Sozialziele-Center“, zeigt den jeweiligen Gültigkeitszeitraum (z. B. „diese Woche“), das aktuelle Ziel, die konkreten Indikatoren und eine Bewertung per Smiley: „Wie gut ist das Sozialziel am Montag, Dienstag etc. erfüllt worden?“

Ein Beispiel für solch ein plakatives Sozialziele-Center bietet das Konzept zum sozialen Lernen des Förderzentrums Bad Tölz (S. 21) Hier finden sich auch weitere Anregungen für die praktische Umsetzung von Weidners SoZiKa in der Schule, unter anderem ein ausgearbeitetes Unterrichtsbeispiel mit Arbeitsblättern zum Thema „Angemessene Lautstärke im Gruppenunterricht“ (S. 22 ff.): Die einzelnen Schritte des Stundenkonzepts und die unterschiedlichen Vorschläge zur methodischen Erarbeitung lassen sich ohne Weiteres auf andere Sozialziele übertragen. — Übrigens ein wesentlicher Vorteil des Sozialziele-Katalogs, der den zusätzlichen Zeitaufwand bei einer schulweiten Einführung schnell wieder wettmacht: „Der Lehrgang SoZiKa ist ohne große Vorbereitung von allen Lehrpersonen einsetzbar“ (ebd., S. 20) und deshalb auch für spontane Vertretungsstunden bestens geeignet.

Martina Niekrawietz

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