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Mutproben und Exzesse

Warum Pubertierende gefährlich leben

Pubertierende Teenager reagieren äußerst emotional und werden risikobereiter, manchmal sogar selbstzerstörerisch. Die Gründe dafür liegen in der Entwicklung des jugendlichen Gehirns, dessen „Kontrollzentrum“ noch nicht ausgeprägt ist, während das „Belohnungszentrum“ hyperaktiv ist.

Mutproben und Exzesse: Warum Pubertierende gefährlich leben Jugendliche sind in der Pubertät ausgesprochen risikofreudig — und das nicht nur beim Sport © Klaus Eppele - Fotolia.com

Es ist bereits dunkel an diesem Abend im Januar 2014, als ein Lokführer auf einem der Fernverkehrsgleise des Augsburger Bahnhofs drei Jugendliche entdeckt. Die Bahnstrecke wird sofort gesperrt und wenig später greift die Bundespolizei die Teenager auf: zwei Mädchen im Alter von 13 und 15 Jahren und einen 13-jährigen Jungen. Die Drei hatten sich auf den Gleisen gegenseitig fotografiert. Eine riskante Mutprobe, zu der sich vor allem Mädchen hinreißen lassen, „um später Fotos in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen“, so Thomas Girgl in der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Als Pressesprecher der Bundespolizei musste er bereits von „mehreren — auch tödlichen Unfällen“ berichten. Schließlich könnten sich die Züge, je nach Windrichtung oft fast lautlos nähern. Zudem betrüge der Bremsweg eines 100 Stundenkilometer schnellen Zuges „bis zu 1000 Meter“ (!).

Manchmal sogar lebensgefährdende Mutproben von Pubertierenden sind nicht neu und sind immer wieder Thema in der Tagespresse: Jugendliche überqueren Autobahnen, fahren ohne Führerschein, erleiden Stromschläge beim Klettern auf E-Loks oder Strommasten, verunglücken beim Sprayen von Graffiti oder ähnliches. Neben diesen explizit „risiko-konnotativen Verhaltensweisen“ fallen Heranwachsende besonders auch durch Substanzmittel-Mutproben und -Exzesse auf, die riskantes Verhalten noch zusätzlich verstärken. Woher kommt das? Das ist eine der wesentlichen Fragen für die neurowissenschaftliche Erforschung der Adoleszenz.

Vermehrte Risikobereitschaft ist hirnphysiologisch bedingt

Die britische Hirnforscherin Stephanie Burnett stellte bei einem Experiment ihre Probanden zwischen 10 und 35 Jahren vor die Wahl: Sie sollten sich zwischen einem Glücksrad mit hoher Gewinn- und hoher Verlustmöglichkeit und einem mit geringer Verlustwahrscheinlichkeit und folglich auch niedrigen Gewinnen entscheiden. Ergebnis: Besonders risikobereit waren die Teilnehmer zwischen 10 und 14 Jahren. Erstaunlicherweise zeigte sich, dass die Probanden im Jugendalter „die Folgen ihrer Wahl sehr gut einschätzen“ konnten, und sich trotzdem besonders häufig für die riskante Variante entschieden. (Wissenschaftsmagazin nano, 24.03.2010).

Der Grund dafür: Sie genossen die Erfolge nach hohem Risiko mehr „und spielten daraufhin immer wieder hohes Risiko“. Für das „gute Gefühl“ ist im Gehirn das Belohnungszentrum im Nucleus accumbens verantwortlich. „Er reift sehr früh in der menschlichen Entwicklung und reagiert bei Jugendlichen tatsächlich eine Zeit lang hyperaktiv“, erläutert Burnett (ebd.). 

Glücksgefühle entstehen dabei durch den Botenstoff Dopamin. Da bei Jugendlichen die Anzahl der Dopaminrezeptoren im Nucleus accumbens „noch relativ klein ist, scheinen sie Situationen, die Erwachsene schon für aufregend halten, als wenig spannend wahrzunehmen“, erläutert Markus C. Schulte von Drach in seinem Artikel „Großbaustelle Gehirn“ . Auch deshalb brauchen sie stärkere „Kicks“, um Glücksgefühle erleben zu können. Übrigens bewirkt auch der Konsum von Rauschmitteln eine vermehrte Ausschüttung von Dopamin. (ebd.)

Hemmung und Steuerung von Impulsen? Später wieder! 

Rationaler Gegenspieler des Nucleus accumbens im Gehirn ist der frontale Cortex, der für vorausschauende Planung, Abwägen von Entscheidungen und das Widerstehen gegenüber Versuchungen zuständig ist. Dieses Kontrollzentrum befindet sich jedoch während der Pubertät im Umbau, und solange das so ist, „überdenken Jugendliche ihre Entscheidungen nicht, sondern entscheiden emotional.“ (nano, Link s. o.) 

Die Bereitschaft zu riskantem Verhalten steigt noch durch die Anwesenheit von Gleichaltrigen. „Dies ist (…) darauf zurückzuführen, dass in diesem Alter der Nutzen der risikoreichen Handlung durch die soziale Anerkennung von Freunden sehr viel höher bewertet wird“, vermuten die Autoren des Beitrages „Hirnentwicklung in der Adoleszenz“ auf der Website aerzteblatt.de.

Lebensgefahr durch Verletzungen

Statistiken zeigen, dass „riskantes Verhalten in der Adoleszenz mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden ist“ (ebd., Link s. o.): 62 Prozent aller Todesfälle bei Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren sind nicht auf Krankheiten, sondern auf tödliche Verletzungen zurückzuführen.

Jungen und Mädchen zeigen zwar ähnlich oft risikoreiche Verhaltensweisen, es gibt jedoch qualitative Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Jungs konsumieren zum Beispiel eher die „harten Sachen“: Zigaretten aus schwarzem Tabak und ohne Filter, größere Mengen an Alkohol (mit mehr Spirituosen) und sie „weisen eine erhöhte Unfallhäufigkeit und riskanteres Verhalten im Straßenverkehr auf“. (ebd.) Mädchen sind dafür im Bereich Ernährung eher gefährdet, etwa durch Essstörungen.

Wie lange dauert es, bis Teenager ihre Impulse und Emotionen ebenso gut kontrollieren können wie Erwachsene? Wann ist der präfrontale Cortex voll ausgebildet? „Oft ist er erst vollständig mit den restlichen Hirnregionen verknüpft, wenn die jungen Menschen über 20 Jahre alt sind“, schreibt Sophia Weimer in ihrem Beitrag „Die anstrengende Psyche der Pubertierenden“ auf der Website „DIE WELT“

Die positive Kehrseite der Medaille: Offenheit für Neues

Doch wozu das alles? Sind Jugendliche, die emotional und unüberlegt reagieren und damit sich und andere gefährden, nicht eine „evolutionäre Fehlentwicklung“? Die hohe Risikobereitschaft lässt Heranwachsende zwar gefährlich leben, ermöglicht ihnen jedoch auch die Offenheit und Unbekümmertheit, um die wichtigen Herausforderungen dieser entscheidenden Lebensphase angehen zu können, zum Beispiel die Ablösung vom Elternhaus und die Partnersuche. „Viele der schönen Dinge des Lebens kommen nur dadurch zustande, dass wir Risiken auf uns nehmen“, sagt der Biologe David Bainbridge im Wissenschaftsmagazin „nano“. Sein Fazit: „Ohne Jugend wären wir wahrscheinlich kurzlebig und dumm“. 

Martina Niekrawietz

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