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Pubertät und Schulleistungen

Wenn der Kopf nicht lernen will

Pubertät ist, wenn Schule unwichtig wird. Die Leistungen lassen nach und der Kopf ist ganz woanders. Doch deshalb scheitert nicht gleich die Schulkarriere, besonders dann nicht, wenn die Schule ein Pubertätsprogramm aus der Tasche zieht.

Pubertät und Schulleistungen: Wenn der Kopf nicht lernen will Spaß haben mit Freunden, das wird selbst in der Schule ganz groß geschrieben. Lernen ist nicht so wichtig © yanlev - Fotolia.com

„Dennis ist ein Schüler, der auf der Kippe steht“, sagt sein Lehrer in der ZDF-Dokumentation „37° — Jungs unter Strom“. Die Schule macht ihm Probleme, nicht nur, weil er schlechte Noten hat. Er wird auch fast täglich von einem Mitschüler geärgert. „Wenn der krank ist, dann ist (…) immer ein schöner Tag“, sagt Dennis, da seien dann auch die anderen in der Klasse freundlich zu ihm. Doch dann hat Dennis beim Boysday ein „unerwartetes Erfolgserlebnis“: Er macht ein Praktikum im Kindergarten und alle sind begeistert von ihm. War das der Wendepunkt?

Ein Jahr später nämlich ist Dennis wie ausgewechselt: Er arbeitet an seinem Schriftbild, lernt freiwillig für die Schule, manchmal sitzt er sogar bis spät abends über den Hausaufgaben, denn er ist ehrgeizig geworden. „In meinem Kopf hats ’Klick‘ gemacht“, erklärt er. Dennis ist mit seinen Eltern seit ein paar Monaten Mitglied in einem Motorradclub, wodurch er selbstsicherer und offener geworden ist, erzählt sein Vater. Mobbing gebe es so gut wie gar nicht mehr. Und Dennis hat so große schulische Fortschritte gemacht, dass sogar das Abitur in greifbare Nähe gerückt ist.

Mehr Selbstbewusstsein, Erfolgserlebnisse, eine Entspannung der Hormonlage und Freunde, die hinter ihm stehen — Dennis hat die schwere Zeit in der Schule mithilfe seines Umfeldes gut überstanden. Doch inwieweit kann sich die Schule an ihre Schüler im pubertären Ausnahmezustand anpassen?

Alles außer Lernen in der Schule

Diesen Satz würde Hirnforscher Gerald Hüther unterschreiben, vermutet Johanna Schoener in ihrem ZEIT-Artikel „Die verflixte achte Klasse“. Den klassischen Frontalunterricht an Regelschulen hält Hüther für Zeitverschwendung. Die Schüler hätten während der Pubertät „andere Probleme, als Mathe oder Englisch zu lernen“, die Schule treffe „in all ihrer Regelhaftigkeit auf Jugendliche, die ihre ganze Kraft darauf verwenden, sich Unabhängigkeit zu erkämpfen, indem sie alles infrage stellen, ihre Grenzen austesten, erste Beziehungen eingehen“. Manche Reformschulen gehen mit dieser Erkenntnis offensiv um: Sie realisieren die „Idee der Auszeit vom Regelschulbetrieb“, indem die Schüler der Klassen acht bis zehn z. B. zu Beginn des Schuljahres die Alpen durchqueren, alle 16 Bundesländer durchradeln oder auf einem Bauernhof arbeiten dürfen. (ebd.)

Auch wenn das an Regelschulen nicht üblich ist, sollte man doch vermehrt Lernsituationen anbieten, die den Bedürfnissen pubertierender Schüler entsprechen: auf ein Ziel mit einem sichtbaren Ergebnis hinarbeiten, sich für die Gemeinschaft stark machen und dabei an die „körperlichen Grenzen gebracht werden, Verantwortung übertragen bekommen und selbstbestimmt arbeiten“. (ebd.) Umsetzen lässt sich das zum Beispiel durch möglichst häufigen Einsatz von Praktika, Projekttagen oder -wochen, durch verschiedene Formen entdeckenden Lernens etc.

Geschlechtertrennung und (Nach-)Hilfe mit System

In manchen Fächern wirkt das jeweils andere Geschlecht auf pubertierende Jugendliche „extrem“ verunsichernd, was die Leistungen „mitunter massiv“ beeinträchtigt, sagt Arthur Siemes. Der Leiter der Europaschule in Schwalmtal unterrichtet deshalb in Sport, Hauswirtschaft, Technik etc. nach Geschlechtern getrennt, wodurch die Schüler dann wesentlich besser bei der Sache seien. (F. König, A. Priboschek: „Gute Lernzeiten, schlechte Lernzeiten“) Und in einer Wuppertaler Schule bekommen Jugendliche bei pubertätsbedingten Schulproblemen unverzüglich Hilfe von Lehrern und älteren Schülern im Rahmen von Patenschaften. Konstante Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülern entstehen besonders dadurch, dass sich jeweils ein Lehrer und eine Lehrerin die Klassleitung teilen und möglichst viele Stunden mit ihrer Klasse verbingen. — Im Unterricht und manchmal auch in der Freizeit.

Hilfe zur Selbsthilfe beim Leistungstief

„Ein Leistungsabfall in der Pubertät ist ganz normal.“ — Schon allein diese Erkenntnis kann für Schüler hilfreich sein, um aus dem Leistungstief wieder herauszukommen. Und wenn die Vokabeln einfach nicht in den Kopf gehen wollen und trotz Büffeln immer wieder schlechte Noten kassiert werden, helfen die 15 Tipps auf der Website des Fernsehsenders Kika: zum Beispiel „Lernen mit allen Sinnen“, „Mach mal Pause“, „Absolute Ruhe“, „Ein voller Bauch studiert nicht gern“ oder ein „Zettelkasten“ für Vokabeln, Grammatikregel oder Mathe und Physik — das alles sind für die Jugendlichen vermutlich unbekannte Strategien, die ihnen ihre Lehrer vermitteln könnten.

Martina Niekrawietz

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