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Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung

Das Klassenzimmer als aktivierender Lern- und Lebensort

Die Gestaltung des Lern- und Lebensortes beeinflusst auch das Lernen selbst. Denn wer sich in einem Raum wohl und geborgen fühlt, lernt auch besser. Das gilt ganz besonders für Schüler mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Hier muss das Klassenzimmer viele unterschiedliche Funktionen und Kriterien erfüllen können.

Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung: Das Klassenzimmer als aktivierender Lern- und Lebensort In einer Mal- und Bastelecke haben die Kinder Raum für kreatives Gestalten © denys kuvaiev - Fotolia.com

Wir alle möchten gern in einer angenehmen Atmosphäre leben. Zuhause richten wir uns mit viel Liebe ein, räumen auf, dekorieren, putzen, entrümpeln, kreieren immer wieder neue Wohnideen. Ein Platz wird erst zu einem Lebensort, an dem wir uns gern aufhalten und wohlfühlen, wenn er uns und unseren Bedürfnissen entspricht.

Schüler und Lehrer verbringen sehr viel Zeit in Schulräumen. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung bezieht sich dies nicht lediglich auf das Klassenzimmer, sondern ebenso auf Therapie- und Tagesstättenräume wie auch weitere Orte auf dem Schulgelände. Die beiden Aspekte Lernen und Leben spielen möglicherweise hier eine noch größere Rolle als in anderen Schularten. Denn die Struktur und Atmosphäre eines Raumes gewinnen besondere Bedeutung durch die Häufigkeit und Dauer der Nutzung. Auch die verhältnismäßige Aufenthaltsdauer wird durch die Ästhetik des Raumes mitbeeinflusst. Und das, was zweckmäßig und funktional ist, wirkt eben leider nicht immer ansprechend und schön.

Dem Lernen den notwendigen Raum geben

In der Schule stellt die Strukturierung des Klassenzimmers daher eine besonders wesentliche Komponente dar, die sicherlich auch mehr oder weniger bewusst das Lernen mitbeeinflussen kann. Idealerweise beeinflusst die Umgebung uns in so positiver Weise, dass wir dort gern sind und das, was wir tun, dort gern tun. Folgende Aspekte tragen zum Wohlbefinden und zu einem guten Lernklima bei:

  • Der Klassenraum soll möglichst viel von der Welt spiegeln. Schüler mit intensivem Förderbedarf haben so die Möglichkeit, Alltagsrealitäten und Verhaltensregeln kennenzulernen und zu üben. Verschiedene Verhaltensmuster können personen-unabhängig gefestigt werden.
  • Das Klassenzimmer als Lebensort soll entwicklungsorientiert sein und den Grundbedürfnissen entgegenkommen. In altersgemäßer und zugleich variabler Ausstattung wird der Raum an die Bedürfnisse der Schüler angepasst: Stuhl- und Tischhöhen, freie Arbeits- und Verfügungsflächen, persönliche Schubfächer und Ablagen, Garderobe und Hygiene u.v.m. Ebenso bietet der Raum motorisch die Möglichkeit für Bewegung, aber auch sensorisch für Grundbedürfnisse wie Wärme, Licht und Luft. Die Schüler sollen sich wohlfühlen können, es besteht die Möglichkeit zur Abwechslung. Mit steigenden Schülerzahlen und vermehrten Hilfsmitteln ist dieser Forderung nicht immer so leicht beizukommen.
  • Das Klassenzimmer soll der Behinderung der Schüler entsprechen. Es handelt sich in erster Linie um einen Lernort, sodass er nicht wie ein Wohnzimmer eingerichtet sein kann. Klassenräume brauchen klare Strukturierung hinsichtlich der Reizangebote, vor allem wenn darin Schüler lernen, die beispielsweise Einschränkungen in der Wahrnehmung haben oder eine Autismus-Spektrums-Störung. Die Fahrflächen für Rollstühle müssen beachtet werden, ebenso die Licht- und Schallverhältnisse. Zu viele Dekorationselemente verhindern eher Fokussierung als sie nützen — sie sollten eher in anderen Räumen eingesetzt werden, wie wohnliche Tagesstättenräume. Dennoch unterscheiden sich Klassenräume erheblich, wenn Schüler mit intensivem Förderbedarf darin unterrichtet werden. Es werden viele unterschiedliche Lagerungsmöglichkeiten und Lernortwechsel angeboten, wie beispielsweise Pflegebett, Minitrampolin, Kissen und Lagerungskeile, Teppiche und Liegeelemente u.v.m. Diese Möglichkeiten zur Lagerung sollten so in den Klassenraum integrierbar sein, dass die Schüler von dort aus dem Klassenunterricht auch folgen können. Wird ein Rückzugsort gebraucht, sollte dieser ruhig und evtl. im Nebenraum abgeschieden sein.
  • Der Klassenraum soll möglichst viele Möglichkeiten für unterschiedliche Lerntätigkeiten bieten. Dabei soll die Lehrkraft die Möglichkeit haben, nach modernen methodisch-didaktischen Vorstellungen unterrichten zu können. Offene Lernformen, wechselnde Sozialformen, häufige Lernortwechsel und Rhythmisierung finden unter Umständen deshalb nur in geringem Maße statt, weil es einen hohen logistischen Aufwand darstellt und schlichtweg der Platz im Klassenraum fehlt.
  • Die Gestaltung des Klassenzimmers richtet sich nach Lebensalter und Schweregrad der Behinderung, aber auch nach pädagogisch-didaktischen Überlegungen und nicht zuletzt jahreszeitlichen oder projektorientierten Gestaltungskriterien. Unter dem Motto „Weniger ist mehr“ sollten Bilder und Objekte möglichst aktuell und häufig wechselnd im Raum sichtbar gemacht werden. Ist das Thema beendet, sollte zeitnah aufgeräumt werden. Auch Material sollte von Zeit zu Zeit reduziert und ausgetauscht werden. Für die Schüler ist dies ein Anreiz, sich die vorhandenen Dinge wieder neu anzusehen und sie zu benutzen. Das unterste Gesellschaftsspiel im großen Stapel wurde unter Umständen schon sehr lange nicht mehr unterrichtlich eingesetzt.
  • Die Schüler sollen sich möglichst selbstständig im Klassenraum orientieren können. Der Raum wird überschaubar gegliedert, es gibt Hilfen wie Markierungen, Symbole, Aufkleber, Farbe, Fotos, Beschriftungen, Verweiser u.v.m. Rituale im Unterrichtsablauf helfen, geordnete Platzwechsel zu vollziehen. Dies verhindert Sozialstress und aggressives Verhalten.
  • Der Klassenraum soll eigenständiges Arbeiten ermöglichen. Das bedeutet, die Schüler sollten die Arbeitsmittel und Lernmaterialien selbstständig holen und wegräumen können. Sie haben genügend Platz, Zwischenergebnisse oder Werke abzulegen oder zu lagern. Der freie Flächenplatz ist so bemessen, dass die Schüler in unterschiedlichen sozialen Konstellationen arbeiten können und hierbei genügend Übersicht und Ordnung bewahrt bleiben kann. Bei geringer Handlungsplanungsfähigkeit wird die Ordnung am Tisch beispielsweise durch Platzmangel erheblich (und unnötig) erschwert. Durch die hohe Handlungsorientierung im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung findet viel Material Einsatz, welches ein bestimmtes Handling erfordert. Der Raum soll es ermöglichen, dieses kindgerecht zu benutzen, sich auszubreiten und zu arbeiten.

Überlegungen zur sinnvollen Raumstrukturierung

Wird der Klassenraum in unterschiedliche „Ecken“ strukturiert, so fällt die Orientierung und Ordnung leichter. Mögliche innere Gliederungsaspekte können sein:

  • Lerntische mit Blick zur Tafel
  • Schreibtisch/Schülerbüro/Computerecke
  • Mal- und Bastelecke / Fächer für die benötigten Utensilien
  • Lernregale mit offenen und geschlossenen Fächern für die Unterrichtsmaterialien
  • Freie Ablage- und Arbeitsflächen, auch für Ausstellung von Schülerarbeiten oder Zwischenlagerung von Arbeitsergebnissen, Informationswand/Schwarzes Brett
  • Ablagesystem für Schülerarbeitsblätter und Schülerordner
  • Ort für ritualisierte Unterrichtsmaterialien, z. B. Kalender, Stundenplan, Wochenplan, Tagesplan, Korb für Morgenkreis-Utensilien usw.
  • Lese-Ecke/Rechen-Ecke
  • religiöse Ecke
  • Hygiene-Ecke und Ich-Zentrum mit eigener Schublage/Fach/Ablage für Persönliches/Turnbeutel/Wechselwäsche etc.
  • Ruhe-Ecke bzw. Bewegungs-Ecke/Kuschel-Ecke
  • Lehrer-Ecke mit Ablage / Schreibtisch o. Ä. mit Technik (OHP, Beamer etc.)
  • Runder Teppich: oft vor der Tafel, als optische und konzentrative Mitte / wird für handlungsorientierte Phasen häufig benötigt, alle Schüler haben Blick und Zugriff
  • Ist es im Raum sehr eng, so fallen die Platzwechsel mit Stuhl sehr schwer. Es hat sich bewährt, die Stühle dann am Platz stehen zu lassen und an der Tafel einen Halbkreis mit kleinen, handlichen Schemeln/Hockern zu bilden. Auch Teppichfliesen oder Sitzbälle stellen hier eine praktikable Alternative dar.

Der Architekt Bruno Taut sagte: „Wie die Räume ohne den Menschen aussehen ist unwichtig, wichtig ist nur, wie die Menschen darin aussehen.“ Das bedeutet, dass wir die Anforderungen von Räumen unmittelbar und flexibel den Bedürfnissen und dem Geschmack der darin lebenden Menschen anpassen können sollten. In Anbetracht der Lebenszeit, die wir in schulischen Funktionsräumen verbringen, wäre das eine wunderbare und wünschenswerte Vorstellung.

Claudia Omonsky

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