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Motivation

Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist entscheidend

Nichts motiviert Schüler so sehr zum Lernen wie eine positive und persönliche Lehrer-Schüler-Beziehung. Schülerbefragungen zeigen, wie die Schüler die Beziehung einschätzen und wo Optimierungsbedarf besteht.

Motivation: Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist entscheidend Ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Schüler und Lehrerin hilft auch bei Lernproblemen © Photographee.eu - Fotolia.com

Isaac geht gern in die Schule, jeden Tag. Heute hat er in der ersten Stunde Naturwissenschaften mit Mr. King. Die Kamera des TV-Magazins Galileo begleitet den Jungen in einen Klassenraum mit bunten Graffiti an den Wänden. Die Stunde hat bereits begonnen: Alle Schüler tanzen auf ihren Stühlen und singen zu rockiger Musik, die der Lehrer auf der E-Gitarre spielt. Auf ein Zeichen hin setzen sich die Schüler schlagartig, verstummen und richten den Blick auf den Lehrer. „Wir reden heute über den Klimawandel“, sagt er, „Was ist das?“ Wie aus der Pistole geschossen antwortet der Junge, auf den er deutet. Während des nun folgenden kurzen Unterrichtsgesprächs gestikuliert der Lehrer lebhaft, steigt auf die Tische in der ersten Reihe, und nach ein paar Minuten folgt der nächste Song mit Klassentanz und lautem Gesang. Etwa dreimal pro Stunde legt der Lehrer solche Bewegungspausen ein: „Wir (...) wollen unsern Schüler Feuer unterm Hintern machen. (...) Die wissen, sobald die Tür aufgeht, geht es hier ab“, sagt Mr. King.

117 Schüler, überwiegend aus ärmeren Schichten, besuchen die „Ron Clark Academy“ in Atlanta. Sie werden von 22 Mitarbeitern betreut. Der Lehrplan ist anspruchsvoll: „Wir fordern eben unsere Schüler heraus“, sagt Schulgründer Ron Clark, und tatsächlich sind seine Schüler Gleichaltrigen um ein bis zwei Jahre im Stoff voraus. Singen und Tanzen gehört dabei zum Lernkonzept in allen Fächern. „Die Kinder wiederholen in dem Singsang Formeln, Geschichtsdaten oder Grammatiklernstoff, der sich so im Gedächtnis verankern soll“, so Clark. Er nutzt damit ein lernförderliches Ritual, das — wie von Neurobiologen empfohlen — Lernen mit Rhythmus und Bewegung kombiniert.

Im Jahr 2016 war Ron Clark für den renommierten Global Teacher Prize nominiert: „Er legt Wert auf persönliche Beziehungen zu seinen Schülern und zu deren Eltern“, so heißt es in der Begründung auf der Website unter anderem. Tatsächlich beeinflusst die persönliche Lehrer-Schüler-Beziehung das Lernklima entscheidend, wie der folgende Beitrag zeigt.

Lehrer sollten sich für ihre Schüler und deren Lernerfolg interessieren

Der Kinofilm The Ron Clark Story (hier der Trailer dazu) erzählt, wie der Pädagoge eine Problemklasse in Harlem übernimmt. Trotz erbitterter Widerstände der Schüler gelingt es ihm, einen Zugang zu ihnen und zu ihren Eltern zu finden. Während die anderen Lehrer sich mittags im Lehrerzimmer treffen, verbringt er die freie Zeit mit seinen Schülern. „Using things they were already interested in made my job a lot of easier“, sagte Ron Clark 2001 in einem Interview auf der Website oprah.com später über seine Zeit in Harlem.  Dadurch entwickelte sich eine Beziehung zu seinen Schülern, die sich auch auf seinen Unterricht auswirkte: Seine Schüler begannen zu arbeiten und schnitten bei Tests wesentlich besser ab als Mitschüler in anderen Klassen. Clarks Fazit: „The main motivator (...) is letting the kids know, that you care about them and that you’re interested in their success.“(ebd.) Namhafte Erziehungswissenschaftler bestätigen das.

Ein lernförderliches Klima ist Beziehungssache

Für den Pädagogen Hilbert Meyer zählt ein lernförderliches Klima zu den 10 Merkmalen guten Unterrichts (vgl. hier eine Zusammenfassung auf der Website des Studienseminars Lüneburg). Er versteht darunter eine „Unterrichtsatmosphäre, die gekennzeichnet ist durch gegenseitigen Respekt, verlässlich eingehaltene Regeln, gemeinsam geteilte Verantwortung, Gerechtigkeit des Lehrers gegenüber jedem Einzelnen (...) und Fürsorge des Lehrers für die Schüler und der Schüler untereinander.“ (ebd.)

Mit seinen „Indikatoren“ konkretisiert Meyer diese Kennzeichen eines lernförderlichen Klimas auf der Handlungsebene: Der Lehrer behandelt die Schüler respektvoll und diskriminiert sie nicht wegen fehlender Leistungen oder bevorzugt bzw. benachteiligt einzelne Schüler. Und die Schüler nehmen Rücksicht aufeinander, helfen sich gegenseitig, diskriminieren, beleidigen und beschimpfen einander nicht, ermahnen sich selbst, die Klassenregeln einzuhalten usw. Kurzum: Gute Beziehungen zwischen Lehrer und Schülern und zwischen den Schülern untereinander konstituieren ein lernförderliches Klima.

Hattie: Lehrer-Schüler-Verhältnis beeinflusst das Lernklima maßgeblich

Zu diesem Ergebnis kommt auch John Hattie in seiner umfassenden Metastudie: Mit einer Effektstärke von  0,72 beeinflusst das Lehrer-Schüler-Verhältnis das Lernklima maßgeblich. Im Kern geht es dabei darum, dass „Kinder und Jugendliche (...) sich angenommen fühlen und (...) spüren, dass ihnen etwas zugetraut wird“, erläutert Ulrich Steffens in seinen Erläuterungen zur Hattie-Studie in der GEW-Zeitschrift „IMPULSE Saarland“ (S. 27).

Ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis stärkt den Klassenzusammenhalt

Eine positive persönliche Beziehung zwischen Lehrendem und Lernendem fördert auch das Klassenklima: „In Klassen mit personenzentrierten Lehrpersonen gibt es mehr Engagement, mehr Respekt gegenüber sich selbst und anderen, weniger abweichendes Verhalten, mehr schülerinitiierte und selbstregulierte Aktivitäten und mehr fachliche Lernerfolge“, so fasst Ulrich Steffens Hatties Ergebnisse zusammen. (ebd.) Ein wichtiger Nebeneffekt, denn ein guter Klassenzusammenhalt wirkt sich mit einer Effektstärke von 0,53 ebenfalls positiv auf das Lernklima aus, wie Hattie herausfand.

Wenn das Klassenklima stimmt, lernt es sich leichter

Das Lernklima hängt also insgesamt von der „Qualität der Interaktionen im Klassenzimmer“ ab, so Steffens: Dabei gehe es einmal um „berufsbezogene Auffassungen und Haltungen der Lehrpersonen im Umgang mit Schülerinnen und Schülern“, die sich in „Zuwendung, Empathie, Ermutigung, Respekt, Engagement und Leistungserwartungen“ offenbaren. Zum anderen spiele „das soziale Miteinander im Klassenzimmer“ eine wichtige Rolle, das sich in „Zusammenhalt, Toleranz, gegenseitige[r] Hilfe und positive[n] Schüler-Lehrer-Beziehungen“ ausdrückt, so Steffens. Bestimmten „Klimavariablen“ komme dabei eine besondere Bedeutung zu: „Empathie und ‚Wärme‘, ein nichtdirektiver Umgang sowie Ermutigung zum Lernen und zu ‚higher order thinking‘ [= Denken höherer Ordnung, z. B. Analysieren oder kreatives Denken]“, so Steffens (ebd., S. 27).

Mit einer Schülerbefragung über das Klassenklima ins Gespräch kommen

Beziehungsarbeit bedeutet auch, auf der Metaebene miteinander zu reden: Was läuft in unserer Klasse gut? Was könnte besser laufen? — Das könnte Thema eines zwanglosen Lehrer-Schüler-Gesprächs in einer Klassenleiterstunde sein.  

Im Rahmen einer internen Evaluation könnte auch eine Befragung von Schülern und Lehrkraft Orientierungshilfe für eine Optimierung der Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülern und zwischen den Schülern untereinander geben. Auf der Website der Hessischen Lehrkräfteakademie finden sich dazu zahlreiche Fragebögen zum Klassenklima für alle Altersgruppen ab der zweiten Jahrgangsstufe. Sowohl die Lehrkraft als auch die Schüler füllen die Bögen aus, wobei absolute Anonymität gewährleistet sein sollte. Auswertungshilfen helfen bei der Interpretation der Ergebnisse, an die sich natürlich dann unbedingt eine Besprechung im Klassenplenum anschließen muss: „Die Akzeptanz von Feedback-Verfahren wird gefährdet, wenn keine Rückmeldung und Diskussion der Ergebnisse erfolgt“, warnen die Autoren der Website. Hilfreich dabei ist ein Konzept zur Auswertung und Diskussion der Ergebnisse mit den Schülern inklusive Arbeitsblatt, das auf einen konkreten „Aktionsplan“ abzielt. Schüler und Lehrer einigen sich auf Änderungen, die sie in einem von beiden Seiten unterschriebenen „Vertrag“ festschreiben können.

Martina Niekrawietz

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