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Eigeninitiative

Low-Budget-Lösungen für ein perfektes Klassenzimmer

Marode, triste und enge Klassenzimmer demotivieren nicht nur Schüler. Doch es fehlt den meisten Schulen an Geld für eine lernförderliche Umgestaltung. Eigeninitiative von Lehrern, Schülern und Eltern ist gefragt. Hilfreich sind dann Low-Budget- und Praxistipps.

Eigeninitiative: Low-Budget-Lösungen für ein perfektes Klassenzimmer Farbenfrohe Sitzmöbel in einer Sitzecke laden zum Lesen oder zu Gesprächen ein © Lagoas3/Pixabay

Wenn Forscher einen Raum entwickeln, „in dem Schüler gerne lernen“, beschreibt Christian Heinrich in der ZEIT: „Das perfekte Klassenzimmer“ (ZEIT, 28.08.2014) ist „adaptiv (= flexibel), anforderungsgerecht, anmutend“ (ebd.), erklärt der Grundschulpädagoge Prof. Dr. Joachim Kahlert von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Über mehrere Jahre hinweg hat er mit seinem Hochschulteam und mehreren Unternehmen einen Modellraum entworfen, an einer Münchner Grundschule eingerichtet und getestet.

„Lehrer und Schüler sind begeistert“ von dem neuen Klassenraum, berichtet der Deutschlandfunk: „Grelle Neonröhren wurden durch indirektes Licht ersetzt. Teppichboden und eine Akustikdecke schlucken Lärm“, so dass der Lärmpegel selbst bei Kleingruppen- oder Freiarbeit im Rahmen bleibt. Dreieckige Tische mit Rollen lassen sich — je nach Sozialform des Unterrichts — leicht umstellen und beliebig kombinieren. Eine stimulierende Farbgebung und Pflanzen als Raumteiler tragen überdies dazu bei, dass Kinder und Lehrer sich hier wohlfühlen.

Warum deutsche Klassenzimmer nicht reihenweise in dieser Art umgestaltet werden, ist klar: „Mehrere Zehntausend Euro kostete der Modellraum“, schreibt Heinrich in der ZEIT (Link s. o.). Und das überschreitet das Budget der meisten Schulen.

Finanzielle Mittel organisieren, vorhandene Räume nutzen

Kein Grund, sich entmutigen zu lassen: „Wo das Geld fehlt, könnten Schüler, Lehrer und Eltern selbst aktiv werden“, rät Professor Kahlert (Deutschlandfunk, Link s. o.). Natürlich sind die Möglichkeiten innerhalb des Klassenraums beschränkt, wenn einfach zu wenig Platz ist. Doch in diesem Fall könnte man zum Breispiel ein Schulprojekt anstoßen, um „Lernsituationen außerhalb des Klassenraums zu ermöglichen“ (ebd.) und etwa den Flur oder andere brachliegende Räume des Schulgebäudes zu nutzen, zum Beispiel Räume von Klassen, die sich in der Turnhalle, im Chemie- oder Musiksaal aufhalten. Vielleicht eröffnet dabei auch „ein Blick über den Tellerrand“ ganz neue Platzressourcen in der näheren Umgebung der Schule, etwa leerstehende Räume in benachbarten Einrichtungen von Stadt oder Gemeinde oder wochentags ungenutzte Jugendräume in Kirchengemeinden.

Heimische Unternehmen als Sponsoren, ein Spendenaufruf in der Lokalpresse, die Ausrichtung eines Bazars mit Kuchenbüfett und Getränken oder eine Versteigerung der „Werke“ aus dem Kunstunterricht — auch bei der Beschaffung beziehungsweise Aufstockung vorhandener finanzieller Mittel ist Kreativität gefragt. Für professionelle Schallschutz- und Lichttechnik wird es zwar wahrscheinlich auch dann nicht reichen, doch für eine Renovierung und Umgestaltung des Klassenraumes allemal. Vor allem, wenn dabei die Schüler mitanpacken.

Verein bietet Hilfe zur Selbsthilfe

Der gemeinnützige Verein „Das macht Schule“ unterstützt Lehrer und Schüler bundesweit tatkräftig bei der Umsetzung, wie eine kleine „Reportage“ auf der Website von „Das macht Schule“ (im Folgenden „DmS“) zeigt: Innerhalb von nur zwei Tagen streicht eine 5. Klasse ihr Zimmer. Die Initiative DmS hat dafür beim örtlichen Baumarkt einen Preisnachlass von 15 Prozent erwirkt und gibt auf ihrer Website zusätzliche Anregungen und „Vorlagen“ zur Finanzierung. DmS vermittelt übrigens auch ausrangierte PCs und Drucker an Schulen und stellt auf der DmS-Website Checklisten („Alles für Planung, Einkauf, Aktionstag, Präsentation usw.“) mit praktischen Tipps für das Streichen von Wänden, Türen, Heizkörpern etc. zum Download.

Neue Farbe ins Klassenzimmer bringen

Die Auswahl von Farben für Wände, Türen, Heizkörper, Fenster etc. sollte mit Bedacht erfolgen: Die Farbtöne sollten zu Fußboden, Decke und vorhandenem Mobiliar passen und dabei zugleich farbpsychologischen Kriterien genügen: Ein Raum mit „warmen Farben“ wirkt stimulierend, so Joachim Kahlert, in der ZEIT (Link s. o.). Dass schadstofffreie Farben für die Gestaltung in Innenräumen verwendet werden sollten, versteht sich von selbst. — Die Zeitschrift Öko-Test hilft z. B. bei der Entscheidung für die richtige Wandfarbe.

Nicht alle Farbtöne eignen sich für Klassenzimmerwände: Volker Gülich z. B. rät in seinem Beitrag „Der Klassenraum ist der dritte Pädagoge“ (S. 41) von Zitronentönen („wirken aufdringlich und lösen aggressive Assoziationen aus“) und von zu dunklen Rot- bis Violetttönen („dominant“, „vermitteln Zorn, Kampf und Verbot“) ab.

Natürlich kann die farbliche Neugestaltung des Klassenraumes in höheren Klassen auch Anlass für eine Unterrichtsstunde zum Thema Farbpsychologie sein. — Anregungen und Arbeitsmaterialien für eine Unterrichtseinheit zum Thema Lernförderung und Farbpsychologie finden sich ebenfalls bei Volker Gülich (ab S. 42).

Wie eine Farbe tatsächlich im Raum wirkt, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel vom Licht, von der Intensität, der Wechselwirkung mit anderen Farben etc. Auch die „lichtreflektierenden Eigenschaften der farbigen Oberflächen“ sind zu berücksichtigen, „da sie Auswirkungen auf die Qualität der Beleuchtung haben.“ Detailliertere Informationen dazu in der Unfallkassen-Broschüre „Das Lernfördernde [sic!] Klassenzimmer. Ein Konzept der guten, gesunden Schule“ ab S. 12.

Grünes Klassenzimmer zum Aufatmen

In den meisten Klassenzimmern ist die Luft viel zu trocken: Optimal wären 40 bis 65 Prozent Luftfeuchtigkeit, de facto bewegen sich die Werte jedoch nur zwischen 15 und 30 Prozent. Dadurch trocknen die Schleimhäute in Mund, Nase und Rachen aus und die Gefahr von Erkältungskrankheiten steigt. — Dem kann mit Pflanzen vorgebeugt werden, die „etwa 97 % des Gießwassers durch ihre Transpirationsleistung“ an ihre Umgebung abgeben (ebd., S. 8). Außerdem binden Pflanzen Staub und reduzieren messbar Schadstoffe in der Raumluft.

Auch auf Psyche und Wohlbefinden haben Pflanzen eine nachweislich positive Wirkung. So haben Studien gezeigt, „dass bei ‚gestressten‘ Menschen alle medizinischen Stressparameter wie beispielsweise Blutdruck, Leitfähigkeit der Haut oder Muskelspannung gesenkt werden konnten, wenn sie mit Pflanzen in Kontakt kamen“ (ebd. S. 10). In Verbindung mit verbesserten Lichtverhältnissen steigt zudem die Konzentrationsfähigkeit der Schüler und auch die „Zufriedenheit aufgrund des visuellen Eindrucks des Raumes“, wie eine Studie in norwegischen Schulräumen zeigte (vgl. dazu „Grüne Nachrichten aus dem Norden“, einen Vortrag von Prof. Dr. Tove Fjeld, S. 8).

Pflanzen für den Klassenraum — nicht jede geeignet

Auch bei der Auswahl von Pflanzen sind bestimmte Kriterien zu beachten: Sie sollten weder stark giftig sein noch halluzinogen wirken, keine Stacheln oder scharfe Kanten haben, pflegeleicht sein und halbschattige bis schattige Standorte bevorzugen ( „Das Lernfördernde [sic!] Klassenzimmer. Ein Konzept der guten, gesunden Schule“, S. 21 f.).

Zur Sicherheit sollte generell vor der Anschaffung von Pflanzen auch noch einmal eine Botanik-Website zum Thema „Giftpflanzen“ konsultiert werden: Wer kann schon ahnen, dass ein Alpenveilchen tödliche Vergiftungen auslösen kann, oder eine Dieffenbachia picta bei Berührung Kalziumoxalat-Nadeln abschießt, praktisch kleine Giftstacheln, die Haut und Augen verletzen und bei Kindern sogar zum Tod führen können.

Damit die Pflanzen von den Schülern auch wahrgenommen werden, ist „eine gewisse Mindestanzahl“ erforderlich: Für ein 60 m ² großes Klassenzimmer sind „40 bis 50 Pflanzen unterschiedlicher Größe“ angemessen (ebd., S. 24). Wichtig beim Aufstellen der Pflanzen: Die Schüler sollten sie „ohne Aufstiegshilfen“ erreichen und die Fensterbretter sollten frei bleiben, um das „Querlüften“ (Fenster und Tür öffnen!) nach jeder Unterrichtsstunde nicht zu behindern (S. 24).

Die Pflege der Pflanzen sollte im Verantwortungsbereich der Schüler liegen. — Das fördert das Selbstvertrauen und trägt dazu bei, dass die Kinder oder Jugendlichen sich in „ihrem neuen Klassenzimmer“ wohlfühlen. Wichtig ist natürlich auch, dass im Vorfeld abgeklärt wird, wer die Pflanzen in den Ferien gießt.

Gute Lichtverhältnisse — innen und außen

Bei der Beleuchtung durch künstliches Licht kommt es nicht nur auf eine ausreichende Lichtmenge an, sondern auch auf die Lichtqualität: „Je ähnlicher die spektrale Zusammensetzung einer künstlichen Lichtquelle dem natürlichen Sonnenlicht ist, umso größer ist der tatsächliche Nutzen für den Menschen.“ Deshalb empfiehlt sich hier der Einsatz von Vollspektrumleuchtstoffröhren. — Diese tageslichtähnliche Beleuchtung vertreibt Müdigkeit und steigert Konzentration und Aufmerksamkeit. ( „Das Lernfördernde [sic!] Klassenzimmer. Ein Konzept der guten, gesunden Schule“, S. 17).
Die wichtigsten drei Maßnahmen im Hinblick auf Licht und Beleuchtung für ein gutes Lernklima im Klassenraum fasst die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung in ihrer Handreichung „Klasse(n)-Räume für Schulen. Empfehlungen für gesundheits- und lernfördernde Klassenzimmer“ zusammen (S. 19):

  1. Der Raum sollte „sowohl über innen liegenden Blendschutz als auch über außen liegenden Sonnenschutz“ verfügen,
  2. mit künstlicher Beleuchtung sollte an allen Arbeitsplätzen mindestens 500 lx erreicht werden (Prüfung mit einem Beleuchtungsstärkemesser, auch Luxmeter genannt!),
  3. für die künstliche Beleuchtung sollten „Leuchtstoffröhren der gleichen Lichtfarbe verwendet (neutralweiß bzw. tageslichtweiß)“ verwendet werden.

Ein nützlicher Überblick über weitere Anforderungen an die Beleuchtung eines Klassenzimmers sowohl für Tageslicht als auch für künstliche Beleuchtung findet sich auf S. 33 der DGUV-Broschüre (Anhang B).

Dreieckstischchen und Stühle auf Rollen in dem eingangs beschriebenen „perfekten Klassenzimmer“ sind vermutlich für eine Low-Budget-Umgestaltung zu teuer (ca. 190 Euro nur für den Tisch!). Erschwinglich dürften hingegen Rollregale sein. Sie können als flexible Raumteiler eingesetzt werden und eignen sich für die Aufbewahrung von Schulranzen und Rucksäcken. — Wenn diese schon einmal „aus dem Weg sind“, geht auch das Umstellen der sperrigen „alten“ Doppeltische zum Beispiel für eine Gruppenarbeitsphase viel schneller.

Martina Niekrawietz

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