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Konfrontative Pädagogik

Coolness-Training für gewaltbereite Jugendliche?

Gewalt an Schulen nimmt zu, mit fatalen Folgen für alle. Da heißt es: gegensteuern und cool bleiben. Präventive Maßnahmen wie ein Coolness-Training mit Schülern sind eine Möglichkeit, Konflikte in Zukunft gewaltfrei zu lösen.

Konfrontative Pädagogik: Coolness-Training für gewaltbereite Jugendliche? Cool bleiben statt zuschlagen! Bewaltbereite Jugendliche lernen, sich auch in die Opfer hineinzuversetzen © Leonid - stock.adobe.com

Der Gewaltpegel an Schulen steigt und gewalttätige Übergriffe machen selbst vor Lehrern nicht Halt. Das zeigten die im November 2016 veröffentlichten Ergebnisse einer repräsentativen forsa-Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung in Auftrag gegeben hatte: Insgesamt 59 Prozent der bundesweit 1951 befragten Lehrer registrierten in den letzten fünf Jahren eine Zunahme der Gewalt. Jede vierte Lehrkraft hat bereits psychische Gewalt wie Beleidigungen, Bedrohungen, Beschimpfungen oder Mobbing erlitten. Und sechs von 100 Lehrern sind sogar schon einmal körperlich angegriffen worden.

Welche Interventions- und Präventionsmaßnahmen sind bei gewaltauffälligen Schülern sinnvoll? Die Stadt Hamburg bietet seit 2008 an vielen Schulen ein längerfristiges Anti-Gewalt-Training für Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren an: Das Programm „Cool in School®“ erstreckt sich über ein halbes Schuljahr mit wöchentlichen, dreistündigen Sitzungen und basiert auf dem Konzept der „Konfrontativen Pädagogik“. Das wichtigste Ziel ist dabei die „Opfervermeidung“.

Der folgende Beitrag informiert Sie detailliert über den Ablauf und die Inhalte konfrontativer Coolness-Trainings in der Schule, wobei auch kritische Einwände gegen das in Fachkreisen kontrovers diskutierte Konzept zu Wort kommen.

Der Begriff „Konfrontative Pädagogik“

Ursprünglich tauchte der Begriff „Konfrontative Pädagogik“ im Zusammenhang mit den US-amerikanischen Glen Mills Schools auf, einer geschlossenen Resozialisierungseinrichtung für jugendliche Straftäter, deren Leiter Cosimo D. Ferrainola in den 1970er- und 80er-Jahren „harte Methoden“ anwendete, um den „Gewalttätern die Regeln fürs normale Leben beizubringen“, schrieb Thomas Darnstädt im Dezember 1999 auf der Website SPIEGEL ONLINE.

Hierzulande ist der „Begriff ‚Konfrontative Pädagogik’ (...) in der Fachdiskussion nicht etabliert“ und wird im „Wesentlichen  (...) im Bereich des Jugendstrafrechts im Rahmen des Anti-Aggressionstrainings verwendet“, so Prof. Dr. Hans-Joachim Plewig im „Handbuch Jugendkriminalität“ (Hier eine kurze Zusammenfassung des Textes). Plewig, Professor für Strafrecht und soziale Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität in Lüneburg, sieht Klärungsbedarf u. a. bezüglich der „Interventionsberechtigung sowie zu Rechtsfragen“.

Der Sozialpädagoge Reiner Gall entwickelte als Pendant zum „Anti-Aggressivitäts-Training“ (AAT®) von Prof. Dr. Jens Weidner ein „Coolness-Training“ (CT®) für das schulische Umfeld. Beide Formen von Sozialtrainings verwenden neben anderen auch konfrontierende „Bausteine“, wobei sich jedoch Galls CT®  in vieler Hinsicht von den AAT®s für „aggressive Intensivtäter“ (vgl. Weidner, Gall, Brand: Website „Deutsches Institut für Konfrontative Pädagogik“, Grundlagen) unterscheidet.

Kein „heißer Stuhl“ für gewaltauffällige Schüler

Als „Cool in School®“ im Jahr 2008 in Hamburg eingeführt wurde, formierte sich Widerstand gegen das Konzept des Landesinstituts für Lehrerbildung (LI). Die Initiative „Kein heißer Stuhl in Hamburgs Schulen“ kritisierte zum einen die einseitige Sichtweise gewaltauffälliger Schüler, die in der Formulierung „Diese Schüler haben Spaß an der Gewalt“ zum Ausdruck käme. Vernachlässigt wird dabei, dass diese Schüler oft durch eigene Gewalterfahrungen, fehlende Bindungen in der Familie etc. traumatisiert und in der Opferrolle sind.

Zum anderen war zunächst auch die bekannteste und härteste konfrontative Maßnahme aus den Anti-Gewalt-Trainings für Intensivtäter in dem Hamburger Anti-Gewalt-Programm für Schüler vorgesehen: der „heiße Stuhl“, auf dem die Teilnehmer unerbittlich und provokant mit ihrer Tat konfrontiert werden — „ein gewaltvolles, fast schon brutales Mittel“ nennen es die Autoren einer Reportage für das ZDF-Boulevardmagazin „Hallo Deutschland“. Ein kurzer Ausschnitt daraus vermittelt einen Eindruck davon.

Inzwischen wurde das Konzept in Hamburg überarbeitet. „Der Begriff heißer Stuhl taucht nicht mehr auf“, heißt es in dem oben verlinkten Artikel in der taz. Trotzdem bleiben bei „Cool in School®“ Täterkonfrontationen ein integraler Bestandteil. Auf seiner Website coolness-training.de schreibt Reiner Gall ausdrücklich „Im schulischen Rahmen ist der klassische ‚heiße Stuhl‘ unangemessen“, denn die „Konfrontationen zum Tathergang, zu den Vermeidungsstrategien und den Opferfolgen, aber auch die Provokationstests“ seien „hart und belastend“.

Ablauf eines Coolness-Trainings

Die 22 Sitzungen des Coolness-Trainings „Cool in School®“ lassen sich in vier Phasen einteilen: (vgl. dazu: „Cool in School®“ in: Konfrontative Gewaltprävention — Pädagogische Formen der Gewaltbehandlung“, Weinheim und Basel 2014)

  1. Die Integrationsphase dient dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Beziehungsaufbau in der Gruppe.
  2. Im Zentrum der Konfrontationsphase stehen die sogenannten „Mr. bzw. Lady-Cool“-Sitzungen. Die Schüler schildern ihre Taten detailliert, sollen sich in das Leid ihrer Opfer hineinversetzen, sich gegenseitig hinterfragen und provozieren und alternative Handlungsstrategien erarbeiten. — Die inhaltlichen Überschneidungen zu Anti-Gewalt-Sitzungen mit dem „heißen Stuhl“ sind offensichtlich — beim Coolness-Training gehe es aber um eine „wohlwollende“ Konfrontation, so Reiner Gall auf seiner Website coolness-training.de.
  3. In der Kompetenzphase werden diese neu erlernten Verhaltensweisen erprobt und mit Provokationstests und Rollenspielen vertieft.
  4. In der Reflexionsphase liegt der gemeinsame Fokus auf den Lern- und Entwicklungseffekten. Die neuen Kompetenzen werden noch einmal verstärkt und der individuelle Nutzen hervorgehoben und „auch kritisch bewertet und kommentiert“ (ebd.).

Jede Einzelsitzung besteht aus einem Warming-up, Kampf- und Bewegungsspielen, der inhaltlichen Arbeit in den einzelnen Phasen des Trainings und einem „Cool-down“ zur Entspannung. Immer gilt dabei das „Prinzip: Niemand hat das Recht, den anderen zu beleidigen, zu verletzen oder auszugrenzen“. Verstößt ein Schüler dagegen, „erfolgt Konfrontation“, so die Autoren der Website konfrontative-paedagogik.de (Link s. o.).

Lehrer sollten klare Grenzen setzen

Diese Konsequenz erleben die aggressionsauffälligen Schüler nicht nur während der Sitzungen, sondern auch in der Schule, die mit den Coolness-Trainern eng zusammenarbeitet: Die Lehrer sollten schon bei kleinsten Regelverstößen klare Grenzen setzen und parallel dazu möglichst zeitnah den Coolness-Trainer informieren: „Der wohlwollende konfrontative Handlungsstil steht für eine Kultur des Hinsehens und der Einmischung bei Regel- und Normverletzungen“, während „grenzverletzende Jugendliche“ Freundlichkeit und Milde „als Schwäche“ interpretieren würden, so Gall auf seiner Website (Fachartikel „Konfrontative Pädagogik).

Wirkungsvolle Grenzen setzen Lehrer nur mit einer klaren und eindeutigen Sprache: „Sprachliche Weichmacher“ („ein bisschen“, „vielleicht“, „sozusagen“), Fragen oder Konjunktive („Könntest du damit aufhören?“), „Quizsendung“ („Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ...“) oder „Algebra für Fortgeschrittene“ („Ich hab‘ dir schon hundertmal gesagt ...“) führten „in kommunikative Eskalationsfallen“. Gall versteht den Pädagogen als konfrontativen Schiedsrichter, der genau wissen sollte, was er zulässt und was nicht. Natürlich schon, bevor er den Platz betritt (ebd.).

Positive Ergebnisse lassen hoffen

Mittlerweile gab es an Hamburger Schulen über 160 Trainingskurse mit mehr als 1000 Schülern. Im Schuljahr 2015/2016 wurde das Programm bereits zum vierten Mal evaluiert. Fazit der Ergebnisse: „Schüler, Trainer und Schulleitungen bestätigen eine deutliche Verhaltensentwicklung in Richtung gewaltfreier Konfliktaustragung“ (S. 3), und immerhin 82 Prozent der Schüler geben an, während des Trainings „Handlungsalternativen zum Schlagen“ gelernt zu haben. Zudem bestätigten 89 Prozent der Schulleitungen, dass die Teilnehmer an „Cool in School®“ gelernt hätten, „‚sozialer‘ mit anderen umzugehen“ (S. 6). Wie genau sich das im Verhalten der Schüler äußert, wird leider nicht näher ausgeführt.

Martina Niekrawietz

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