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Konfliktmanagement

Pubertät? — Bloß kein Stress!

Die Pubertät stellt die Lehrer-Schüler-Beziehungen auf eine Belastungsprobe. Trotz alledem „cool“ zu bleiben ist für Lehrer zwar nicht immer einfach, aber doch machbar, denn die Konfliktpunkte sind eigentlich immer wieder die gleichen.

Konfliktmanagement: Pubertät? — Bloß kein Stress! Angst vor der Schule haben nicht nur manche Schüler. Auch Lehrer kann der Horror packen, wenn sie an ihren Unterrichtsalltag denken © sinuswelle - Fotolia.com

„‚Ich will nicht in die Schule, ich will wirklich nicht‘ ‚Du musst aber, du bist doch die Lehrerin!‘“ — Für Catrin Kurtz, Bloggerin bei sueddeutsche.de, beschreibt dieser bekannte Witz ihre Gefühle am ersten Schultag nach den Sommerferien. Der Grund: Sie leitet nicht etwa „eine liebe, süße fünfte Klasse“, sondern eine neunte „und dann auch noch diese Klasse, berüchtigt und gefürchtet im Kollegium“.

Es geht auch schon gut los: Die ersten Schüler erscheinen fünf Minuten nach dem Gong, „grell geschminkte Mädels (…) und schlaksige Jungs“ ohne Schreibsachen und Taschen für die Schulbücher. Als die Lehrerin den ausgiebigen Austausch über Ferienerlebnisse unterbrechen will, „folgt eine Phase allgemeiner Empörung“, die sich noch steigert, als Catrin Kurtz in den letzten Minuten dieses ersten Vormittags mit „diversen Reibereien“ „sadistischerweise“ ein Diktat schreiben lässt.

Pünktlichkeit, Fleiß, Sauberkeit, Ordnung und Disziplin — das erfordert ein geregelter, meistens frontaler Unterricht, wie er bis heute in den meisten deutschen Schulen dominiert. Pubertierende hingegen stellen diese Sekundärtugenden infrage oder torpedieren sie oft sogar. Sie kommen zu spät, die schulische Motivation sinkt, sie stören den Unterricht, provozieren, sind laut und reagieren überemotional. Für all das gibt es natürlich entwicklungsbedingte Gründe. Das ändert aber nichts daran, dass es im Schulalltag zu den immer gleichen Konflikten führt. Wie geht man als Lehrkraft am besten damit um?

Konfliktökonomie bei Unterrichtsstörungen

„Unterrichtsstörungen sind in dieser Phase als Beziehungsschwierigkeiten aufzufassen“, so heißt es in einem ergiebigen Skript des Studienseminars Koblenz, das pädagogisch bedeutsame Erkenntnisse zum Thema „Pubertät“ zusammenfasst. Lehrer sollten sich deshalb bemühen, integrativ auf die Störer einzuwirken. Kritik sollte dabei nur sparsam und sachorientiert geäußert werden. Fehlverhalten sollte man zugestehen, soweit es tolerabel ist. Überhaupt sei es sinnvoll, „Grenzen möglichst weit [zu] fassen, diese dann aber auch zu ‚bewachen‘“. (ebd., S. 5)

Nicht nur für pubertätsgeplagte Eltern, sondern auch für Lehrer ist eine gewisse „Konfliktökonomie“ hilfreich, die der Schulpsychologe Andreas Geist so umschreibt: „Legen Sie für sich fest, welche zwei oder drei Punkte für Sie wirklich wichtig sind — die können Sie dann auch durchsetzen.“ (A. Geist: „Pubertät — Probleme und Chancen“, S. 3)

Gelassenheit bei Regelverstößen

Oft gibt es auch handfeste Gründe, warum es Jugendlichen so schwer fällt, sich an bestimmte Regeln zu halten. Die gilt es dann zu ergründen, um adäquat reagieren zu können. Hier ein Beispiel für notorisches Zu-spät-Kommen:

Mit Beginn der Pubertät schüttet das Gehirn den physiologischen Müdemacher, das Hormon Melatonin, täglich zwei Stunden später aus als vorher (SPIEGEL Wissen, Die Pubertät). Jugendlichen fällt deshalb das frühe Aufstehen schwer, und die meisten sind in der ersten Stunde müde, lustlos und leistungsmäßig nicht auf der Höhe. Wenn der Unterrichtsbeginn in Pubertäts-Jahrgangsstufen um eine halbe Stunde nach hinten geschoben wird, bekommen die Schüler mehr Schlaf, sind ausgeglichener und im Unterricht besser bei der Sache, so die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie. Lässt sich das nicht einrichten, könnte man doch zumindest den Stundenplan so gestalten, dass die Fächer, die mehr Aufmerksamkeit erfordern, erst ab der zweiten Stunde eingeplant werden.

Pünktlichkeit führt in Klassen mit Pubertierenden immer wieder zu Reibungen. Denn generell gilt natürlich: Ein pünktlicher Unterrichtsbeginn ist nicht verhandelbar, wer zu spät kommt, stört alle anderen. Verspätungen sollte man als Lehrkraft nicht dramatisieren, sondern — mit der Klasse gemeinsam — Regeln für einen pünktlichen Unterrichtsbeginn aufstellen. In jedem Fall aber klar signalisieren, wann eine Grenze überschritten ist.

Wichtig ist es dabei, die Gelassenheit zu wahren und mit den Schülern in Kontakt zu bleiben, wie Andreas Herzog, Lehrer einer Hamburger Stadtteilschule: Er hasst es zwar, wenn seine Schüler zu spät kommen, doch gleichzeitig „weiß er inzwischen, dass er im nächsten Moment vielleicht schon wieder über einen Spruch seiner Schüler lachen muss. Dass sie sich zusammenreißen, wenn sie merken, dass sie zu weit gegangen sind. Dass eine Vertrauensbasis zwischen ihnen besteht, auf die er sich verlassen kann.“ (Vgl. dazu: DIE ZEIT: „Die verflixte achte Klasse“, S. 1)

Umgang mit Unsicherheit und gestörtem Selbstwertgefühl

Pubertierende Schüler möchten auf keinen Fall „gepampert“ werden, das heißt, „fürsorgliches Bemühen auf das Notwendige beschränken und, wenn möglich, nicht sichtbar werden lassen“, so heißt es im Skript des Studienseminars Koblenz (Link s. o.) „Rat-Schläge“ (sic!) sollte man sich verkneifen und den Schülern ruhig etwas zutrauen „und auch zulassen, dass etwas schief geht“ (ebd.) Das bedeutet auch, dass man den Schülern ihre Probleme lässt und Distanz wahrt.

Vorwürfe sollte man ernst nehmen, denn: Für „Lachen und Humor fehlt den Schülern oft der Sinn“. Und wenn ein Schüler einmal „ausflippt“, sollte man versuchen, „gelassen, freundlich und zugewandt zu bleiben“, auch wenn es schwer ist. (ebd.) Leichter fällt das, wenn man weiß, dass beim Umbau des jugendlichen Gehirns zeitweise die Fähigkeit abhanden kommt, Gesichter zu deuten, wie Studien gezeigt haben: „Bei der Frage, welche Gesichtsausdrücke von Erwachsenen auf Fotos zu erkennen sind, wurden die Angaben dazu, ob jemand traurig, fröhlich oder ärgerlich aussieht, schwierig und Gesichtsausdrücke wurden fehlgedeutet.“ (Reinhard Wallmann: „Gehirn und Pubertät“, S. 5)

Diplom-Psychologin Helga Gürtler demonstriert in einem umfangreichen Leitfaden mit unterhaltsamen Beispielen, wie man mit Jugendlichen redet, ohne dass sie „dicht machen“.
Ganz wichtig im Umgang mit pubertierenden Schülern: Widerstände und manchmal überbordende Emotionen einfach aushalten können und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, wie es auch Catrin Kurtz in ihrem Blog vormacht: Einige Wochen nach dem etwas verunglückten ersten Schultag ? ohne Büchertaschen, aber mit Diktat ? gesteht ihr ein Mädchen auf der Klassenfahrt freimütig: „Wissen Sie, (…), am ersten Schultag, (…) Sie waren so gemein, wir haben Sie gehasst, wir hätten echt so was von kotzen können.“ Bloggerin Curtz kommentiert das nur mit fünf Wörtern: „Wissen Sie was? Ich auch.“

Martina Niekrawietz


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