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Pubertät

Pubertierende Jungen brauchen Grenzen und Anerkennung

Pubertierende Jungen stellen Lehrkräfte vor besondere Herausforderungen. Sie brauchen vor allem zwei Dinge: klare Grenzen, aber auch Lob und Anerkennung.

Pubertät: Pubertierende Jungen brauchen Grenzen und Anerkennung Schule ist uninteressant, denn andere Dinge sind für Jungen in der Pubertät plötzlich viel wichtiger © Chepko Danil - Fotolia.com

Tim besucht die 9. Klasse und interessiert sich wenig für die Schule. Jeden Tag schreibt und bekommt er mehrere Hundert SMS. Die ZDF-Doku „37° — Jungs unter Strom“ begleitete ihn und drei weitere Jungen über zwei Jahre. Als Tims Mutter am Telefon erfuhr, dass er nicht versetzt wird, erklärt sie ihrem Sohn, dass sie künftig seinen PC-Konsum beschränken wird. 

Es entwickelt sich ein typisches Streitgespräch: Tim zeigt sich uneinsichtig, seine Mutter wird laut und beendet die Diskussion („Ich schrei gleich!“). Tim zieht an diesem Nachmittag mit seiner Clique los. Wie sieht der 15-Jährige die Schule? Er fühlt sich als Junge ungerecht behandelt: „Wenn die Mädchen zu spät kommen oder im Unterricht nicht aufpassen, „dann ist das für die Lehrer alles nicht so schlimm.“ Bei den Jungs sei das ganz anders. „Zu mir hat mal eine Lehrerin gesagt ‚Wir sehen uns später bei Hartz IV‘, weil ich ‘ne Kappe anhatte“,erzählt ein Freund von Tim und alle lachen. Am nächsten Tag muss Tim beim Rektor antreten: „Wieder einmal hat er sich mit einer Lehrerin angelegt. Bei den männlichen Kollegen hält Tim sich zurück“, erfährt der Zuschauer. 

Ganz anders verhält sich der zwölfjährige Anton in der Schule, von dem Lehrerin Catrin Kurtz in dem Lehrerblog in der SZ schreibt. In ihrem Unterricht erlebt sie Anton als nett, umgänglich, höflich und hilfsbereit. Als sie das im Elterngespräch seiner Mutter erzählt, ist diese „fassungslos“, denn „zuhause, so gesteht sie mir, den Tränen nahe, sei ihr Sohn ein unerträglicher Tyrann.“ Lehrerin Curtz fragt Anton, warum er zu Hause so komplett anders ist. Er erklärt offenherzig, er hätte seine Mutter voll in der Hand: „die macht genau, was ich sage – warum soll ich mich da benehmen? Ich kann die Frau nicht ernst nehmen“.

Lehrer sollten Dominanz zeigen und Grenzen setzen

In der Pubertät „ist immer Dampf im Kessel“, sagt der Psychologe Dietmar Langer in der ZDF-Sendung „topthema Jungs in der Pubertät“. Lehrer sollten da unbedingt „klar machen, (…) wer Herr im Ring ist“. Die Kinder seien sehr feinfühlig in der Pubertät und würden sofort erkennen, ob die Lehrkraft die Klasse im Griff hat. Wenn nicht, gebe es „richtig Kontra“. 

Prof. Volker Ladenthin von der Universität Bonn bestätigt das. Er spricht von der Pubertät als einer Zeit des Machtkampfes. Neun Jahre lang hat er ein und dieselbe Klasse zwei Mal im Jahr beim Unterricht gefilmt. Das Wissenschaftsmagazin „Quarks & Co“ zeigt daraus eine typische Situation zwischen einem Lehrer und zwei pubertierenden Jungens im Klassenzimmer: In einer wichtigen Phase des Unterrichts kommen zwei Schüler provozierend laut und zu spät herein, „und wollen nunmehr die Regeln bestimmen“, wie es Ladenthin umschreibt. Der Lehrer weist die Schüler sofort bestimmt zurecht: „Unverschämtheit! Setzt euch sofort hin! Schlagt das Buch auf Seite 106 auf!“ Ladenthin dazu: „Der Lehrer muss hier dominant werden. (…) An dem Gesicht der Pubertierenden kann man sehen, die haben verstanden, wer hier das Sagen hat.“ (ebd.)

Die Pubertät der Schüler verändert die Lehrerrolle

Volker Ladenthin rät Lehrern dazu, ihr Verhalten an die unterschiedlichen Altersstufen ihrer Schüler anzupassen und sich sehr genau zu überlegen, wann „man emotional ist, wann man Grenzen setzt, wann man der Kumpel ist und wann man distanziert die Rollen einsetzt.“ 

Dabei geht es natürlich nicht darum, dass die Schüler in einem Klima von Angst und Unterdrückung „spuren“, sondern um „eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts“, wie Thomas Unruh auf der Website guterunterricht.de betont. Der erste Schritt dazu: „Überprüfen Sie, wie Sie Ihren Schülern begegnen und was Sie von ihnen halten“. 

Lob und Anerkennung wirken Wunder

Selbst dem frechen pubertierenden Super-Macho oder dem „Jung-Nazi mit rassistischen Pöbeleien“ gegenüber sollte man „cool“ bleiben, auch wenn es schwerfällt. Denn „das laute, unangemessene, provozierende Verhalten mancher Jugendlicher“ sei ja oft „gerade Ausdruck eigener Unsicherheit (…) und des Gefühls oder der Angst, selbst nicht wirklich oder nicht genügend respektiert zu werden“, so Unruh. (ebd.)

Dabei haben Kinder und Jugendliche „ganz feine Antennen dafür, was der Lehrer von ihnen hält. Und sie werden nur schwer Respekt für jemanden empfinden, der wenig von ihnen hält, der sie vielleicht für dumm, frech oder faul hält“. — Im Gegenteil, sie entwickeln sich dann womöglich noch stärker in die negative Richtung. 

Auch umgekehrt greift eine solche „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ („self-fulfilling prophecy“): dann nämlich, wenn die Lehrkraft dem Schüler positive Attribute zuschreibt. Doch das funktioniert natürlich nur auf Basis einer authentischen positiven Einstellung. 

Tim, der Junge aus der eingangs erwähnten ZDF-Doku, wünscht sich von seinen Lehrern, dass sie ihn nicht nur „als Störenfried“ sehen, sondern auch mal als guten Schüler loben, sagt er im Gespräch mit dem Rektor. Doch in diesem Schuljahr, wo er in vier Fächern auf 5 steht, wird sich dieser Wunsch wahrscheinlich nicht wirklich erfüllen. Denn nur ein echtes Lob, das zeitnah etwas Lobenswertes angemessen würdigt, zeitigt positive Effekte. 

Gute Ideen fürs motivierende Loben im nächsten Schuljahr liefert jedoch eine aktuelle Studie der Vodafone-Stiftung (kurz zusammengefasst im Deutschlandfunk).

Martina Niekrawietz

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