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Pubertät

Schülerlügen: Nehmen Sie’s nicht persönlich!

In der Pubertät ticken Jugendliche anders. Manche versuchen sich vermehrt, durch Ausreden oder (Not-)Lügen aus der Affäre zu ziehen. Lehrer sollten sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen, denn: Das geht vorbei!

Pubertät: Schülerlügen: Nehmen Sie’s nicht persönlich! Eine Klasse voller Langnasen — in der Pubertät wird gern einmal gelogen und geflunkert © stanslavov - Fotolia.com

„Ehrlich, ich war es nicht.“ — Diesen Satz kennt jeder Pädagoge. Auch der Lehrer von Bojan (Name geändert), der den Neuntklässler in seinem Artikel auf SPIEGEL ONLINE als angenehmen Schüler beschreibt, „allerdings mit ausgeprägtem Hang zu dummem Zeug“. Als der Junge in Verdacht gerät, einen Fehlalarm mit Feuerwehreinsatz ausgelöst zu haben und leugnet, glaubt ihm der Lehrer und verteidigt ihn bei der Disziplinarverhandlung. Er stimmt — allerdings vergeblich — gegen den Schulausschluss.

Nach Jahren trifft er Bojan wieder. Am Ende des „netten Gesprächs“ erklärt ihm sein ehemaliger Schüler beiläufig: „Damals, das mit dem Feuermelder. Ich war das wirklich. Machen Sie sich nichts draus!“ — Ein Vertrauensmissbrauch, der „wehgetan“ hat. „Sehr lange“, schreibt der Lehrer. Offensichtlich hat das Eingeständnis des Schülers den Pädagogen persönlich getroffen.

Doch in den seltensten Fällen richten sich Schülerlügen gegen die Person des Lehrers. Jugendliche lügen meist aus ganz anderen Gründen und manchmal sogar explizit, um die Beziehung zu Eltern und Lehrern nicht zu belasten, wie der folgende Beitrag zeigt.

Manche Teenager versuchen sich durch Lügen zu schützen

Warum Bojan im Eingangsbeispiel gelogen hat, liegt auf der Hand: Er hatte vermutlich in erster Linie Angst vor Strafe. Da es um einen Schulausschluss ging, hatte er ohnehin nichts zu verlieren: „Je drastischer die angedrohten Strafen sind, desto schneller wird ein Kind bereit sein, die Unwahrheit zu sagen“, erläutert Familientherapeutin Felicitas Römer auf der Website elternwissen.com. Das ist der erste in ihrer Liste der „7 Gründe, warum Teenager manchmal lügen“, und auch die Angst vor Missbilligung und Verachtung veranlasst Jugendliche dazu, sich mit einer Notlüge zu schützen. Denn „Teenager sind aufgrund ihrer schwierigen Lebensphase besonders auf Wertschätzung angewiesen“, so Römer. Auch Schuld- und Schamgefühle sind für die Kids ein Grund, die Wahrheit zu beugen. „Vor allem wenn sie etwas getan haben, was ihnen selber im Nachhinein peinlich ist, verheimlichen sie das so lange wie möglich oder greifen zur Notlüge“, so Felicitas Römer. Das könnte bei Bojan der Fall gewesen sein, nachdem er bemerkt hatte, welche Folgen der Druck auf den Alarmknopf nach sich zog.

Lügen in der Pubertät — das geht vorbei

„Lügen oder die Unwahrheit sagen ist im Grunde ein pubertäres Übergangsphänomen“, so der im Mai 2011 verstobene Familientherapeut Wolfgang Bergmann in dem faz-Artikel „Pubertät — Wenn die Wahrheit dehnbar wird“. Es beginnt im Alter von 11 oder 12 Jahren und verflüchtigt sich „dann aber mit 15 oder 16 wieder“. Das ist auch neurobiologisch durch die „Umorganisation“ im Gehirn zu erklären: „In den frontaleren Gehirnregionen, denen, die für die Ethik oder für Hemmungen zuständig sind, verändert sich viel. In der Pubertät prägt sich diese Verantwortungsregion aus“, erläutert Bergmann (ebd.).

Trotzdem gelte auch für Pubertierende der Grundsatz „Man lügt seine Eltern [und Lehrer!] nicht an“, betont Bergmann. Schließlich belasten Lügen jedes Vertrauensverhältnis, auch das zwischen Lehrer und Schüler.

Faule Ausreden sind manchmal gar keine

Noch fehlt es den Kids also am Verantwortungsbewusstsein der Erwachsenen. Und auch sonst bringen die „Bauarbeiten“ im Gehirn so manche schulische Nöte mit sich, aus denen sich die Kids mit Ausreden und kleinen Lügen zu befreien versuchen. So sind Pubertierende zum Beispiel vergesslicher, wie Dirk und Christiane Konnertz auf der Website elternwissen.com ausführen: Es fällt ihnen schwer, Prioritäten zu setzen oder vorausschauend zu planen. Darunter leidet dann etwa die Fähigkeit, sich rechtzeitig auf Klassenarbeiten vorzubereiten, die Hausaufgaben zu machen oder auch nur in die Schultasche zu packen.

Auch gelingt es Pubertierenden oft nicht, die Konsequenzen ihrer Handlungen zu berücksichtigen, denn sie agieren weniger kopf-, als vielmehr bauchgesteuert. Bekannt ist auch, dass Heranwachsende ein erhöhtes Schlafbedürfnis haben und morgens eher schwer aus den Federn kommen. Vor diesem Hintergrund sind dann vermeintliche „faule Ausreden“ bei morgendlichem Zu-spät-Kommen oder vergessenen Hausaufgaben vielleicht auch eher „lässliche Sünden“. Und bestimmt hätte Bojan den Falschalarm nicht ausgelöst, wenn er im Voraus hätte absehen können, welche Konsequenzen das für ihn haben wird.

Lügen zerstört das Gewissen, Beziehungen und soziale Netzwerke

Bei allem Verständnis für die entwicklungsbedingten Besonderheiten in der Pubertät gibt es doch klare Grenzen: Egoistische und antisoziale Lügen erschüttern das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Und sie „richten ein soziales Netzwerk im Extremfall zugrunde“, so die Erkenntnis einer internationalen Studie der Universität Aalto (hier eine deutschsprachige Zusammenfassung der Ergebnisse).

Wenn Schüler häufiger lügen, verändert sich sogar das Gehirn, wie die britischen Neurowissenschaftler Tali Sharot und Neil Garrett herausfanden: Sie animierten ihre Probanden dazu, eigennützig zu flunkern. Anfangs zeigten diese dabei „eine starke Reaktion in der Amygdala (...), dem Hirnbereich also, der für Emotionen wichtig ist“, berichten die Wissenschaftler im Deutschlandfunk. Dann setzte ein Gewöhnungseffekt ein und umso mehr die Amygdala-Reaktionen abnahmen, desto „stärker flunkerten die Versuchspersonen“ (ebd.).

Schummeln bei Klassenarbeiten

Was das Schummeln und Spicken bei Klassenarbeiten angeht, gibt es einen guten Trick für Lehrer: Am besten gleich in der ersten Stunde abhalten. Denn morgens sind Schüler ehrlicher als später am Tag, wie amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben (hier das Abstract zur Studie). Interessant dabei: Dieser sogenannte „Morning Morality Effect“ war besonders bei eher ehrlichen Personen zu beobachten. Die „notorischen Täuscher/innen, wird man mit dieser Methode jedoch nicht kriegen“, so heißt es in einer deutschen Kurzzusammenfassung der Ergebnisse, denn ihr Verhalten wird durch die Tageszeit nur wenig verändert.

Martina Niekrawietz

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