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Gewaltprävention

Sozialtraining für Schüler mit geistiger Beeinträchtigung

Sozial unerwünschtes Verhalten abbauen und einen achtsamen Umgang mit anderen üben, das sind die Hauptziele des sozialen Trainingsprogramms „Locker Bleiben“. Die direkt übernehmbaren Trainingseinheiten sind für Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung konzipiert.

Gewaltprävention: Sozialtraining für Schüler mit geistiger Beeinträchtigung „Locker bleiben!“ heißt die Devise, damit es gar nicht erst zu Gewaltausbrüchen kommt © petrabarz - Fotolia.com

Im Förderzentrum „Brunnenschule“ der Lebenshilfe Augsburg hat sich bei einigen Schülern der Satz „Ich geh‘ Locker Bleiben“ eingebürgert. Einmal pro Woche — am Montag in den ersten beiden Stunden — besuchen sie ein spezielles Sozialtraining für Kinder und Jugendliche, die als „verhaltensschwierig“ und gleichzeitig als „geistig behindert“ gelten, berichten Sonderpädagogin Dorothea Bräutigam und Herbert Schatz, Heilpädagoge mit psychomotorischer Zusatzqualifikation, in der Zeitschrift „Praxis der Psychomotorik“ 3/2014. (S. 157).

Die gewaltpräventive Maßnahme ist langfristig ausgelegt: „Aus unserer Sicht und Erfahrung ist für eine nachhaltige Wirkung ein Kursumfang von 35 bis 70 Fördereinheiten — ein bis zwei Schuljahre — anzusetzen“, betonen Schatz und Bräutigam . (S. 158)  Jeweils acht Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 9 sind in einer Trainingsgruppe zusammengefasst. Es sind emotional massiv belastete Kinder und Jugendliche, die „große Probleme in der Handlungssteuerung“ haben und „in sozialen Situationen überfordert“ sind. (ebd.)

Schüler zum Training einladen

Die Teilnahme am Sozialtraining ist freiwillig, auf Vorschlag des Klassenlehrers werden die „Kandidaten“ von den Trainingslehrkräften zu einem Vorbereitungsgespräch eingeladen. Den bürokratischen Aufwand für die Arbeit im Vorfeld verringern vorformulierte Arbeitshilfen auf der Website locker-bleiben-online.de:

Ein Elternbrief informiert die Erziehungsberechtigten über die geplante zusätzliche Maßnahme und signalisiert Gesprächsbereitschaft (mit Angabe der Sprechzeiten der jeweiligen Trainings-Lehrkraft).  Ein detaillierter Gesprächsleitfaden in leichter Sprache führt durch das Lehrer-Schüler-Gespräch. Bei dieser Gelegenheit wird auch ein Trainingsausweis (hier eine Vorlage) übergeben, der übers Schuljahr die Anwesenheit dokumentiert und quasi als „Trainingsvertrag“ Verbindlichkeit signalisiert.

Ein basal-leiblich orientierter Lernansatz

Aufgrund der kognitiven, sprachlichen und sozial-emotionalen Einschränkungen setzt das Konzept „Locker Bleiben“ auf „körpernahes, psychomotorisches Lernen“ mit angemessenen, dem Entwicklungsstand  entsprechenden Lernzielen: „Einen Partner zum Spielen finden“, „Eine Spielregel erkennen und benennen“, „Differenzierte Mimik und Gestik“, „Wirksamkeit erleben“, so lauten zum Beispiel die einfachen Zielformulierungen.

Bei der methodischen Umsetzung setzt das Trainerduo, bestehend aus einem Sonderpädagogen und einem Heilpädagogen, auf einfache jugendgerechte Übungen aus der Interaktions-, Erlebnis- und Theaterpädagogik (vgl. dazu: Flyer zum Sozialtraining Brunnenschule).

Eine exemplarische Trainingseinheit

Jede Doppelstunde (90 Minuten) ist deutlich rhythmisiert und in fünf Module gegliedert (vgl. dazu: Schatz, Bräutigam, Beitrag in der Zeitschrift Praxis der Psychomotorik, Link s. o., S. 158 f.):

Modul 1: Zum Auftakt der Stunde kümmern sich alle Teilnehmer um ihren Trainingsausweis. Dann setzen sich Schüler und Trainer im Kreis um eine „Schatzkiste“. Jeder nimmt sich einen Gegenstand, der seiner Stimmung entspricht, und legt ihn vor sich auf den Boden: einen knallroten Boxhandschuh („ich bin wütend“), einen Stein („ich habe Sorgen“), eine Dose („ich bin müde“), eine Feder („ich fühle mich leicht und gut“) oder einen Joker, der für weitere Gefühle steht. Wer will, kann seine Auswahl begründen oder sich am Gruppengespräch über die Befindlichkeit der Gruppe insgesamt beteiligen.  (Mögliche Impulse: „Wie viele von uns sind wütend / haben Sorgen / sind gut gelaunt? Was bedeutet das für die Gruppe?“ usw.

Modul 2 („Ich spiele“): Die Kinder bewegen sich und spielen frei, jeder für sich, jedoch ohne den anderen zu stören.

Modul 3 (Wir üben): Der zentrale Teil des Trainings mit spielerischen Übungen zu den jeweiligen Lernzielen, zum Beispiel zur Förderung der Kooperationsfähigkeit, zur Selbst- und Fremdwahrnehmung, zur Impulskontrolle etc. Die Website locker-bleiben-online.de bietet dazu zahlreiche Anregungen verschiedener Sonderpädagogen, die „Locker Bleiben“ bereits in ihrer Einrichtung praktizieren. Dorothea Bräutigam und Norbert Schatz versammeln zudem „122 kreative Ideen für Soziale [sic!] Trainingskurse, für Projekttage und zur Konfliktarbeit“ nebst umfangreichem Theorieteil in ihrem Buch „Locker Bleiben“, das auf der Website auch kurz vorgestellt wird.

Modul 4: Eine kurze Chill-Out- oder Feedback-Runde beschließt die gemeinsame Arbeit.

Modul 5: Die Kinder machen sich auf den Rückweg in ihre Klasse, der — wie auch der Hinweg — ebenfalls Teil des Programms ist und pädagogisch begleitet werden sollte.

Das Konzept der Trainingseinheiten bietet einen festen Rahmen, der sich mit relativ wenig Aufwand auf eigene Gruppen übertragen lässt. Die Arbeitsgruppe „Locker Bleiben“ bietet auch Fortbildungen für Schulen außerhalb von Bayern an. Informationen zu der kostenpflichtigen Fortbildung erhalten Sie hier.

Martina Niekrawietz

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