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Unterrichtsstörungen

Trainingsraummodell – produktive Auszeit für Unterrichtsstörer?

Früher mussten sich besonders „ungezogene“ Schüler in die Ecke stellen, heute werden notorische Störer an vielen Schulen in einen Trainingsraum geschickt. Unter Pädagogen sind die Meinungen über die Methode geteilt.

Unterrichtsstörungen: Trainingsraummodell – produktive Auszeit für Unterrichtsstörer? Eine Auszeit in einem anderen Raum kann helfen, dass der Schüler sich wieder berühigt © LVDESIGN - Fotolia.com

„Ich kann nicht erwarten, dass da 30 auf engstem Raum zusammengepferchte Schüler mucksmäuschenstill sitzen und das mindestens 45 Minuten lang, das ist wider die Natur“, sagt eine junge Lehrerin in einem Video des Münchner Zentrums für Lehrerbildung an der LMU. Unterrichtsstörungen sind alltäglich und jeder erfahrene Lehrer verfügt über ein Repertoire von Interventionsmaßnahmen.

Lehrerblogger Kubiwahn beispielsweise empfiehlt seinen Praktikanten ein „abgestuftes Vorgehen bei Unterrichtsstörungen“. Erste Stufe: Aufhören zu sprechen, störende Schüler anschauen, sich in die Nähe des Schülers begeben oder den Namen des Schülers nennen. Stufe zwei: Den Unterricht kurz unterbrechen, den Schüler direkt auf sein störendes Verhalten ansprechen und ihm klar machen, wie sich die Störung auf die Klasse auswirkt („Keine Diskussion“). Bei wiederholten Störungen droht der Lehrer eine Strafe an (Verweis, Zusatzaufgabe), die dann gegebenenfalls auch „unbedingt erfolgen“ muss. Und wenn das alles nichts nützt, setzt er den Schüler um bzw. isoliert ihn. Das „wirkt oft Wunder, schon die Androhung“, so Kubiwahns Erfahrung. Doch den Schüler zum Chef/ins Sekretariat zu schicken, das sei schon „nahezu die Höchststrafe“. — „Auszeiten“ in verschiedener Form sind für viele Lehrer ultima ratio.

Seit Mitte des Jahres 2000 arbeiten Schulen mit der Trainingsraum-Methode, „bei der die Unterstützung des Schülers einhergeht mit Transparenz und klaren Konsequenzen“, so die Überzeugung von Christoph Peuser, Lehrer an einer hessischen Mittelstufenschule, der in der FAZ über gute Erfahrungen mit dem Trainingsraum-Programm berichtet.

Ein fester Ablaufplan — mit Konsequenzen

Wie Schulen das Trainingsraum-Programm (TRP) in der Praxis umsetzen sollten, fassen Dr. Heidrun Bründel und Erika Simon in der Fachzeitschrift „Report Psychologie“ (RP) zusammen. Voraussetzung ist zunächst, dass sich Schüler und Lehrer auf klare Regeln und auf die daraus resultierenden Rechte und Pflichten von Lehrern und Schülern verständigt haben.

Weiterführender Hinweis:

Interessante Downloads und ein Radio-Beitrag des WDR zum Thema Trainingsraum und vieles mehr findet sich auf der Website des Diplom-Psychologen Dr. Stefan Balke.

Auch die Lehrer der Schule müssen sich auf ein einheitliches und strukturiertes Vorgehen bei Unterrichtsstörungen verständigen (s. Ablaufdiagramm). Zunächst erfolgt ein „Frageprozess“ (RP, S. 418) mit fünf festgelegten Fragen:

  1. „Was machst du?“ (Störverhalten den Schülern bewusst machen.)
  2. „Wie lautet die Regel?“ (Schüler benennen die Regel, gegen die sie verstoßen haben.)
  3. „Was geschieht, wenn du gegen die Regel verstößt?“ und
  4. „Wofür entscheidest du dich?“ (Schüler „können […] sich entscheiden, ob sie im Klassenraum verbleiben und sich damit an die Regeln halten oder aber gleich in den Trainingsraum gehen wollen.“)
  5. „Wenn du wieder störst, was passiert dann?“

„Die Mehrzahl der Schüler entscheidet sich für den Verbleib im Klassenraum und für anschließendes störungsfreies Verhalten“ (RP, S. 418), so die Autorinnen mit Blick auf eigene Evaluationen des TRP (RP, S. 422 ff.). Überhaupt sei es ein wichtiger Aspekt des Programms, die „Entscheidungsfähigkeit der Schüler zu stärken und damit auch gleichzeitig zu erreichen, dass die Schüler die mit der Entscheidung verbundenen Konsequenzen bedenken“, betonen die Autorinnen (ebd.). — Inwieweit diese — doch sehr manipulative Fragetechnik — zu einer von Einsicht getragenen und damit autonomen Entscheidung für eine Änderung des Verhaltens führt, sei dahingestellt (vgl. dazu auch die unten verlinkten kritischen Anmerkungen von Sieglinde Jornitz).

Stört der betreffende Schüler zum zweiten Mal, schickt ihn die Lehrkraft in den Trainingsraum (Klassenzimmer mit Einzeltischen), wo der Schüler im Gespräch mit dem „Trainingsraumlehrer“ das Störverhalten reflektiert. „Am Ende des Gesprächs erstellen die Schüler einen Plan, der zur Rückkehr in die Klasse berechtigt und der inhaltlich das neue Verhalten konkret beschreibt, das sie bereit sind zu zeigen.“ (RP, S. 419)

Zeigen die Schüler keine Bereitschaft zur Mitarbeit oder verweigern sie die Planerstellung, werden sie nach Hause geschickt (falls das nicht möglich ist, bis Unterrichtsende beschäftigt) und müssen am nächsten Tag mit den Eltern zusammen zu einem Gespräch in der Schule erscheinen. Ein Elterngespräch ist automatisch auch dann „fällig“, wenn ein Schüler zum wiederholten Mal in den Trainingsraum muss.

Kritik am Trainingsraummodell

Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Sieglinde Jornitz kommentiert im Online-Fallarchiv der Uni Kassel anhand eines Praxisbeispiels detailliert das Vorgehen, den Ablauf und den Fragenkatalog, den ein Schüler im TR schriftlich bearbeiten musste. Im vorliegenden Fall fühlt sich der Schüler ungerecht behandelt. Er hatte einen Schüler, der aus dem Trainingsraum zurück in die Klasse kam, „was gefragt“. Da „hatt sie mich angeschrien und ich habe in mein Buch geschaut dann hat sie mich rausgeschmissen weil eine gelacht hatt und sie hatt gedacht ich war dass“, berichtet er. Anschließend muss er sein Fehlverhalten benennen und die Frage beantworten „Bist du bereit, eine Lösung für das Problem zu finden?“ (Optionen „Ja“ oder „Nein“).

In dem moralischen Aufruf, nicht zu lügen und in der gezwungenermaßen schriftlichen Fixierung „des abverlangten Bekenntnisses“ sieht Sieglinde Jornitz „etwas von einer Nötigung des Schülers“. Auch die Bereitschaft zur Kooperation werde erzwungen, „die als solche nie auf der Seite der Lehrerin stattfinden muss. Die Bringschuld liegt in jedem Fall beim Schüler“, kritisiert Jornitz das Prozedere. In ihrer Falldarstellung stellt sie das Trainingsraumkonzept grundsätzlich infrage: „Für das ehemalige Vor-die-Tür- bzw. In-die-Ecke-Stellen wird nun — modern — extra ein Raum bereitgestellt. Die Frage ist: Kehrt die alte Methode in neuem Gewand wieder oder kann das Verfahren als eine Hilfestellung für den Störenfried interpretiert werden?“

Ist soziales Lernen im Trainingsraum möglich?

„Im Trainingsraum finden die eigentlichen Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler statt“, erläutern Heidrun Bründel und Erika Simon auf ihrer Website: Die in kooperativer Gesprächsführung geschulten Trainingsraumlehrkräfte reflektieren mit den Kindern oder Jugendlichen das Störungsverhalten und die Absicht, die eigentlich dahintersteht: Die TR-Lehrer „stellen die Frage, ob sie [die Schüler] sich ein zukünftiges störungsfreies Verhalten vorstellen könnten und lassen dieses konkret und positiv benennen. Sie besprechen auch die Widerstände, welche die Schüler davon abhalten könnten und versuchen, eine positive Konnotation zum neuen Verhalten herzustellen, damit es gut verankert werden kann.“ (ebd.) Leider bietet auch dieses Gespräch keinerlei Spielraum für Lehrer oder Schüler, sondern folgt strengen Vorgaben. Die Schüler werden eher dazu genötigt, das „Richtige“ zu sagen oder zu schreiben, um die Isolation vom Klassenverband zu beenden.

Soziales Lernen und eine damit verbundene nachhaltige Verhaltensänderung sollte besser mit Maßnahmen der konstruktiven Konfliktbewältigung und mit gewaltfreier Kommunikation verbunden werden. Ein alternatives Trainingsraumkonzept in diesem Sinne umreißt Reinhard Koch-Oehmen in seinem Beitrag „Das Trainingsraum‐Programm — Eine Aktualisierung des Konzepts von Edward E. Ford“.

Martina Niekrawietz

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